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Burckhardt, Jacob: Die Cultur der Renaissance in Italien. Ein Versuch. Basel, 1860.

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4. Abschnitt.über Priorität gewisser einzelner Entdeckungen berührt uns
um so weniger da wir der Ansicht sind, daß in jeder Zeit
und in jedem Culturvolke möglicherweise ein Mensch auf-
stehen kann, der sich, von sehr mäßiger Vorbildung aus-
gehend, aus unwiderstehlichem Drange der Empirie in die
Arme wirft und vermöge angeborner Begabung die erstaun-
lichsten Fortschritte macht. Solche Männer waren Gerbert
von Rheims und Roger Bacon; daß sie sich überdieß des
ganzen Wissens ihrer Zeit in ihren Fächern bemächtigten,
war dann bloße nothwendige Consequenz ihres Strebens.
Sobald einmal die allgemeine Hülle des Wahns durchge-
rissen, die Knechtschaft unter der Tradition und den Büchern,
die Scheu vor der Natur überwunden war, lagen die Pro-
Richtung auf
die Empirie.
bleme massenweise vor ihren Augen. Ein Anderes ist es
aber wenn einem ganzen Volke das Betrachten und Er-
forschen der Natur vorzugsweise und früher als andern
Völkern eigen ist, wenn also der Entdecker nicht bedroht
und todtgeschwiegen wird, sondern auf das Entgegenkommen
verwandter Geister rechnen kann. Daß dieß sich in Italien
so verhalten habe, wird versichert 1). Nicht ohne Stolz
verfolgen die italienischen Naturforscher in der Divina Co-
media die Beweise und Anklänge von Dante's empirischer
Naturforschung 2). Ueber die einzelnen Entdeckungen oder
Prioritäten der Erwähnung, die sie ihm beilegen, haben
wir kein Urtheil, aber jedem Laien muß die Fülle der Be-
trachtung der äußern Welt auffallen, welche schon aus
Dante's Bildern und Vergleichungen spricht. Mehr als
wohl irgend ein neuerer Dichter entnimmt er sie der Wirk-
lichkeit, sei es Natur oder Menschenleben, braucht sie auch
nie als bloßen Schmuck, sondern um die möglichst adäquate

1) Um hier zu einem bündigen Urtheil zu gelangen, müßte das Zu-
nehmen des Sammelns von Beobachtungen, getrennt von den wesent-
lich mathematischen Wissenschaften, constatirt werden, was unsere
Sache nicht ist.
2) Libri, a. a. O. II, p. 174, s.

4. Abſchnitt.über Priorität gewiſſer einzelner Entdeckungen berührt uns
um ſo weniger da wir der Anſicht ſind, daß in jeder Zeit
und in jedem Culturvolke möglicherweiſe ein Menſch auf-
ſtehen kann, der ſich, von ſehr mäßiger Vorbildung aus-
gehend, aus unwiderſtehlichem Drange der Empirie in die
Arme wirft und vermöge angeborner Begabung die erſtaun-
lichſten Fortſchritte macht. Solche Männer waren Gerbert
von Rheims und Roger Bacon; daß ſie ſich überdieß des
ganzen Wiſſens ihrer Zeit in ihren Fächern bemächtigten,
war dann bloße nothwendige Conſequenz ihres Strebens.
Sobald einmal die allgemeine Hülle des Wahns durchge-
riſſen, die Knechtſchaft unter der Tradition und den Büchern,
die Scheu vor der Natur überwunden war, lagen die Pro-
Richtung auf
die Empirie.
bleme maſſenweiſe vor ihren Augen. Ein Anderes iſt es
aber wenn einem ganzen Volke das Betrachten und Er-
forſchen der Natur vorzugsweiſe und früher als andern
Völkern eigen iſt, wenn alſo der Entdecker nicht bedroht
und todtgeſchwiegen wird, ſondern auf das Entgegenkommen
verwandter Geiſter rechnen kann. Daß dieß ſich in Italien
ſo verhalten habe, wird verſichert 1). Nicht ohne Stolz
verfolgen die italieniſchen Naturforſcher in der Divina Co-
media die Beweiſe und Anklänge von Dante's empiriſcher
Naturforſchung 2). Ueber die einzelnen Entdeckungen oder
Prioritäten der Erwähnung, die ſie ihm beilegen, haben
wir kein Urtheil, aber jedem Laien muß die Fülle der Be-
trachtung der äußern Welt auffallen, welche ſchon aus
Dante's Bildern und Vergleichungen ſpricht. Mehr als
wohl irgend ein neuerer Dichter entnimmt er ſie der Wirk-
lichkeit, ſei es Natur oder Menſchenleben, braucht ſie auch
nie als bloßen Schmuck, ſondern um die möglichſt adäquate

1) Um hier zu einem bündigen Urtheil zu gelangen, müßte das Zu-
nehmen des Sammelns von Beobachtungen, getrennt von den weſent-
lich mathematiſchen Wiſſenſchaften, conſtatirt werden, was unſere
Sache nicht iſt.
2) Libri, a. a. O. II, p. 174, s.
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[284/0294] über Priorität gewiſſer einzelner Entdeckungen berührt uns um ſo weniger da wir der Anſicht ſind, daß in jeder Zeit und in jedem Culturvolke möglicherweiſe ein Menſch auf- ſtehen kann, der ſich, von ſehr mäßiger Vorbildung aus- gehend, aus unwiderſtehlichem Drange der Empirie in die Arme wirft und vermöge angeborner Begabung die erſtaun- lichſten Fortſchritte macht. Solche Männer waren Gerbert von Rheims und Roger Bacon; daß ſie ſich überdieß des ganzen Wiſſens ihrer Zeit in ihren Fächern bemächtigten, war dann bloße nothwendige Conſequenz ihres Strebens. Sobald einmal die allgemeine Hülle des Wahns durchge- riſſen, die Knechtſchaft unter der Tradition und den Büchern, die Scheu vor der Natur überwunden war, lagen die Pro- bleme maſſenweiſe vor ihren Augen. Ein Anderes iſt es aber wenn einem ganzen Volke das Betrachten und Er- forſchen der Natur vorzugsweiſe und früher als andern Völkern eigen iſt, wenn alſo der Entdecker nicht bedroht und todtgeſchwiegen wird, ſondern auf das Entgegenkommen verwandter Geiſter rechnen kann. Daß dieß ſich in Italien ſo verhalten habe, wird verſichert 1). Nicht ohne Stolz verfolgen die italieniſchen Naturforſcher in der Divina Co- media die Beweiſe und Anklänge von Dante's empiriſcher Naturforſchung 2). Ueber die einzelnen Entdeckungen oder Prioritäten der Erwähnung, die ſie ihm beilegen, haben wir kein Urtheil, aber jedem Laien muß die Fülle der Be- trachtung der äußern Welt auffallen, welche ſchon aus Dante's Bildern und Vergleichungen ſpricht. Mehr als wohl irgend ein neuerer Dichter entnimmt er ſie der Wirk- lichkeit, ſei es Natur oder Menſchenleben, braucht ſie auch nie als bloßen Schmuck, ſondern um die möglichſt adäquate 4. Abſchnitt. Richtung auf die Empirie. 1) Um hier zu einem bündigen Urtheil zu gelangen, müßte das Zu- nehmen des Sammelns von Beobachtungen, getrennt von den weſent- lich mathematiſchen Wiſſenſchaften, conſtatirt werden, was unſere Sache nicht iſt. 2) Libri, a. a. O. II, p. 174, s.

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Zitationshilfe: Burckhardt, Jacob: Die Cultur der Renaissance in Italien. Ein Versuch. Basel, 1860, S. 284. In: Deutsches Textarchiv <https://www.deutschestextarchiv.de/burckhardt_renaissance_1860/294>, abgerufen am 11.05.2021.