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Burckhardt, Jacob: Die Cultur der Renaissance in Italien. Ein Versuch. Basel, 1860.

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3. Abschnitt.dort lateinisch gedichtet wurde. Vielleicht gilt Aehnliches
auch von der Prosa; die Weltstellung und der Weltruhm
der italienischen Bildung hing davon ab, daß gewisse Gegen-
stände lateinisch -- Urbi et orbi -- behandelt wurden 1),
während die italienische Prosa gerade von denjenigen am
Besten gehandhabt worden ist, welchen es einen innern
Kampf kostete, nicht lateinisch zu schreiben.

Quellen des
Styles; Cicero.
Als reinste Quelle der Prosa galt seit dem XIV. Jahr-
hundert unbestritten Cicero. Dieß kam bei Weitem nicht
bloß von einer abstracten Ueberzeugung zu Gunsten seiner
Wörter, seiner Satzbildung und seiner literarischen Com-
positionsweise her, sondern im italienischen Geiste fand die
Liebenswürdigkeit des Briefschreibers, der Glanz des Red-
ners, die klare beschauliche Art des philosophischen Dar-
stellers einen vollen Wiederklang. Schon Petrarca erkannte
vollständig die Schwächen des Menschen und Staatsmannes
Cicero 2), er hatte nur zu viel Respect um sich darüber
zu freuen; seit ihm hat sich zunächst die Epistolographie
fast ausschließlich nach Cicero gebildet und die andern Gat-
tungen, mit Ausnahme der erzählenden, folgten nach. Doch
der wahre Ciceronianismus, der sich jeden Ausdruck ver-
sagte, wenn derselbe nicht aus der Quelle zu belegen war,
beginnt erst zu Ende des XV. Jahrhunderts, nachdem die
grammatischen Schriften des Lorenzo Valla ihre Wirkung
durch ganz Italien gethan, nachdem die Aussagen der rö-
mischen Literarhistoriker selbst gesichtet und verglichen waren3).
Jetzt erst unterscheidet man genauer und bis auf das Ge-

1) Freilich giebt es auch zugestandene Stylübungen, wie z. B. in den
Orationes etc. des ältern Beroaldus die zwei aus Boccaccio in's
Lateinische übersetzten Novellen, ja eine Canzone aus Petrarca.
2) Vgl. Petrarca's Briefe aus der Oberwelt an erlauchte Schatten.
Opera, p. 704, s. Außerdem p. 372 in der Schrift de rep. op-
time administranda: "sic esse doleo, sed sic est"
.
3) Ein burleskes Bild des fanatischen Purismus in Rom giebt Jovian.
Pontanus in seinem "Antonius".

3. Abſchnitt.dort lateiniſch gedichtet wurde. Vielleicht gilt Aehnliches
auch von der Proſa; die Weltſtellung und der Weltruhm
der italieniſchen Bildung hing davon ab, daß gewiſſe Gegen-
ſtände lateiniſch — Urbi et orbi — behandelt wurden 1),
während die italieniſche Proſa gerade von denjenigen am
Beſten gehandhabt worden iſt, welchen es einen innern
Kampf koſtete, nicht lateiniſch zu ſchreiben.

Quellen des
Styles; Cicero.
Als reinſte Quelle der Proſa galt ſeit dem XIV. Jahr-
hundert unbeſtritten Cicero. Dieß kam bei Weitem nicht
bloß von einer abſtracten Ueberzeugung zu Gunſten ſeiner
Wörter, ſeiner Satzbildung und ſeiner literariſchen Com-
poſitionsweiſe her, ſondern im italieniſchen Geiſte fand die
Liebenswürdigkeit des Briefſchreibers, der Glanz des Red-
ners, die klare beſchauliche Art des philoſophiſchen Dar-
ſtellers einen vollen Wiederklang. Schon Petrarca erkannte
vollſtändig die Schwächen des Menſchen und Staatsmannes
Cicero 2), er hatte nur zu viel Reſpect um ſich darüber
zu freuen; ſeit ihm hat ſich zunächſt die Epiſtolographie
faſt ausſchließlich nach Cicero gebildet und die andern Gat-
tungen, mit Ausnahme der erzählenden, folgten nach. Doch
der wahre Ciceronianismus, der ſich jeden Ausdruck ver-
ſagte, wenn derſelbe nicht aus der Quelle zu belegen war,
beginnt erſt zu Ende des XV. Jahrhunderts, nachdem die
grammatiſchen Schriften des Lorenzo Valla ihre Wirkung
durch ganz Italien gethan, nachdem die Ausſagen der rö-
miſchen Literarhiſtoriker ſelbſt geſichtet und verglichen waren3).
Jetzt erſt unterſcheidet man genauer und bis auf das Ge-

1) Freilich giebt es auch zugeſtandene Stylübungen, wie z. B. in den
Orationes etc. des ältern Beroaldus die zwei aus Boccaccio in's
Lateiniſche überſetzten Novellen, ja eine Canzone aus Petrarca.
2) Vgl. Petrarca's Briefe aus der Oberwelt an erlauchte Schatten.
Opera, p. 704, s. Außerdem p. 372 in der Schrift de rep. op-
time administranda: „sic esse doleo, sed sic est“
.
3) Ein burleskes Bild des fanatiſchen Purismus in Rom giebt Jovian.
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[248/0258] dort lateiniſch gedichtet wurde. Vielleicht gilt Aehnliches auch von der Proſa; die Weltſtellung und der Weltruhm der italieniſchen Bildung hing davon ab, daß gewiſſe Gegen- ſtände lateiniſch — Urbi et orbi — behandelt wurden 1), während die italieniſche Proſa gerade von denjenigen am Beſten gehandhabt worden iſt, welchen es einen innern Kampf koſtete, nicht lateiniſch zu ſchreiben. 3. Abſchnitt. Als reinſte Quelle der Proſa galt ſeit dem XIV. Jahr- hundert unbeſtritten Cicero. Dieß kam bei Weitem nicht bloß von einer abſtracten Ueberzeugung zu Gunſten ſeiner Wörter, ſeiner Satzbildung und ſeiner literariſchen Com- poſitionsweiſe her, ſondern im italieniſchen Geiſte fand die Liebenswürdigkeit des Briefſchreibers, der Glanz des Red- ners, die klare beſchauliche Art des philoſophiſchen Dar- ſtellers einen vollen Wiederklang. Schon Petrarca erkannte vollſtändig die Schwächen des Menſchen und Staatsmannes Cicero 2), er hatte nur zu viel Reſpect um ſich darüber zu freuen; ſeit ihm hat ſich zunächſt die Epiſtolographie faſt ausſchließlich nach Cicero gebildet und die andern Gat- tungen, mit Ausnahme der erzählenden, folgten nach. Doch der wahre Ciceronianismus, der ſich jeden Ausdruck ver- ſagte, wenn derſelbe nicht aus der Quelle zu belegen war, beginnt erſt zu Ende des XV. Jahrhunderts, nachdem die grammatiſchen Schriften des Lorenzo Valla ihre Wirkung durch ganz Italien gethan, nachdem die Ausſagen der rö- miſchen Literarhiſtoriker ſelbſt geſichtet und verglichen waren 3). Jetzt erſt unterſcheidet man genauer und bis auf das Ge- Quellen des Styles; Cicero. 1) Freilich giebt es auch zugeſtandene Stylübungen, wie z. B. in den Orationes etc. des ältern Beroaldus die zwei aus Boccaccio in's Lateiniſche überſetzten Novellen, ja eine Canzone aus Petrarca. 2) Vgl. Petrarca's Briefe aus der Oberwelt an erlauchte Schatten. Opera, p. 704, s. Außerdem p. 372 in der Schrift de rep. op- time administranda: „sic esse doleo, sed sic est“. 3) Ein burleskes Bild des fanatiſchen Purismus in Rom giebt Jovian. Pontanus in ſeinem „Antonius“.

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Zitationshilfe: Burckhardt, Jacob: Die Cultur der Renaissance in Italien. Ein Versuch. Basel, 1860, S. 248. In: Deutsches Textarchiv <https://www.deutschestextarchiv.de/burckhardt_renaissance_1860/258>, abgerufen am 11.05.2021.