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Burckhardt, Jacob: Die Cultur der Renaissance in Italien. Ein Versuch. Basel, 1860.

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3. Abschnitt."sich des italischen Namens erbarmt, seit ich sehe, daß seine
"reiche Güte in die Brust der Italiener wieder Seelen
"senkt, die denen der Alten gleichen, insofern sie den Ruhm
"auf andern Wegen suchen als durch Raub und Gewalt,
"nämlich auf dem Pfade der unvergänglich machenden
"Poesie". Aber diese einseitige und unbillige Gesinnung
Anfänge der
Kritik.
schloß doch die Forschung bei den Höherbegabten nicht aus,
zu einer Zeit da im übrigen Europa noch nicht davon die
Rede war; es bildete sich für das Mittelalter eine geschicht-
liche Kritik schon weil die rationelle Behandlung aller Stoffe
bei den Humanisten auch diesem historischen Stoffe zu Gute
kommen mußte. Im XV. Jahrhundert durchdringt dieselbe
bereits die einzelnen Städtegeschichten insoweit, daß das
späte wüste Fabelwerk aus der Urgeschichte von Florenz,
Venedig, Mailand etc. verschwindet, während die Chroniken
des Nordens sich noch lange mit jenen poetisch meist werth-
losen, seit dem XIII. Jahrhundert ersonnenen Phantasie-
gespinnsten schleppen müssen.

Den engen Zusammenhang der örtlichen Geschichte mit
dem Ruhm haben wir schon oben bei Anlaß von Florenz
(S. 75) berührt. Venedig durfte nicht zurückbleiben; so
wie etwa eine venezianische Gesandtschaft nach einem großen
florentinischen Rednertriumph 1) eilends nach Hause schreibt,
man möchte ebenfalls einen Redner schicken, so bedürfen die
Venezianer auch einer Geschichte, welche mit den Werken
des Lionardo Aretino und Poggio die Vergleichung aus-
halten soll. Unter solchen Vorausfetzungen entstanden im
XV. Jahrhundert die Decaden des Sabellico, im XVI.
die Historia rerum venetarum des Pietro Bembo, beide
Arbeiten in ausdrücklichem Auftrag der Republik, letztere
als Fortsetzung der erstern.

1) Wie der des Giannozzo Mannetti in Gegenwart Nicolaus V[.], der
ganzen Curie und zahlreicher, weit her gekommener Fremden; vgl.
Vespas. Fior. p. 592 und die vita Jan. Man.

3. Abſchnitt.„ſich des italiſchen Namens erbarmt, ſeit ich ſehe, daß ſeine
„reiche Güte in die Bruſt der Italiener wieder Seelen
„ſenkt, die denen der Alten gleichen, inſofern ſie den Ruhm
„auf andern Wegen ſuchen als durch Raub und Gewalt,
„nämlich auf dem Pfade der unvergänglich machenden
„Poeſie“. Aber dieſe einſeitige und unbillige Geſinnung
Anfänge der
Kritik.
ſchloß doch die Forſchung bei den Höherbegabten nicht aus,
zu einer Zeit da im übrigen Europa noch nicht davon die
Rede war; es bildete ſich für das Mittelalter eine geſchicht-
liche Kritik ſchon weil die rationelle Behandlung aller Stoffe
bei den Humaniſten auch dieſem hiſtoriſchen Stoffe zu Gute
kommen mußte. Im XV. Jahrhundert durchdringt dieſelbe
bereits die einzelnen Städtegeſchichten inſoweit, daß das
ſpäte wüſte Fabelwerk aus der Urgeſchichte von Florenz,
Venedig, Mailand ꝛc. verſchwindet, während die Chroniken
des Nordens ſich noch lange mit jenen poetiſch meiſt werth-
loſen, ſeit dem XIII. Jahrhundert erſonnenen Phantaſie-
geſpinnſten ſchleppen müſſen.

Den engen Zuſammenhang der örtlichen Geſchichte mit
dem Ruhm haben wir ſchon oben bei Anlaß von Florenz
(S. 75) berührt. Venedig durfte nicht zurückbleiben; ſo
wie etwa eine venezianiſche Geſandtſchaft nach einem großen
florentiniſchen Rednertriumph 1) eilends nach Hauſe ſchreibt,
man möchte ebenfalls einen Redner ſchicken, ſo bedürfen die
Venezianer auch einer Geſchichte, welche mit den Werken
des Lionardo Aretino und Poggio die Vergleichung aus-
halten ſoll. Unter ſolchen Vorausfetzungen entſtanden im
XV. Jahrhundert die Decaden des Sabellico, im XVI.
die Hiſtoria rerum venetarum des Pietro Bembo, beide
Arbeiten in ausdrücklichem Auftrag der Republik, letztere
als Fortſetzung der erſtern.

1) Wie der des Giannozzo Mannetti in Gegenwart Nicolaus V[.], der
ganzen Curie und zahlreicher, weit her gekommener Fremden; vgl.
Vespas. Fior. p. 592 und die vita Jan. Man.
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[242/0252] „ſich des italiſchen Namens erbarmt, ſeit ich ſehe, daß ſeine „reiche Güte in die Bruſt der Italiener wieder Seelen „ſenkt, die denen der Alten gleichen, inſofern ſie den Ruhm „auf andern Wegen ſuchen als durch Raub und Gewalt, „nämlich auf dem Pfade der unvergänglich machenden „Poeſie“. Aber dieſe einſeitige und unbillige Geſinnung ſchloß doch die Forſchung bei den Höherbegabten nicht aus, zu einer Zeit da im übrigen Europa noch nicht davon die Rede war; es bildete ſich für das Mittelalter eine geſchicht- liche Kritik ſchon weil die rationelle Behandlung aller Stoffe bei den Humaniſten auch dieſem hiſtoriſchen Stoffe zu Gute kommen mußte. Im XV. Jahrhundert durchdringt dieſelbe bereits die einzelnen Städtegeſchichten inſoweit, daß das ſpäte wüſte Fabelwerk aus der Urgeſchichte von Florenz, Venedig, Mailand ꝛc. verſchwindet, während die Chroniken des Nordens ſich noch lange mit jenen poetiſch meiſt werth- loſen, ſeit dem XIII. Jahrhundert erſonnenen Phantaſie- geſpinnſten ſchleppen müſſen. 3. Abſchnitt. Anfänge der Kritik. Den engen Zuſammenhang der örtlichen Geſchichte mit dem Ruhm haben wir ſchon oben bei Anlaß von Florenz (S. 75) berührt. Venedig durfte nicht zurückbleiben; ſo wie etwa eine venezianiſche Geſandtſchaft nach einem großen florentiniſchen Rednertriumph 1) eilends nach Hauſe ſchreibt, man möchte ebenfalls einen Redner ſchicken, ſo bedürfen die Venezianer auch einer Geſchichte, welche mit den Werken des Lionardo Aretino und Poggio die Vergleichung aus- halten ſoll. Unter ſolchen Vorausfetzungen entſtanden im XV. Jahrhundert die Decaden des Sabellico, im XVI. die Hiſtoria rerum venetarum des Pietro Bembo, beide Arbeiten in ausdrücklichem Auftrag der Republik, letztere als Fortſetzung der erſtern. 1) Wie der des Giannozzo Mannetti in Gegenwart Nicolaus V., der ganzen Curie und zahlreicher, weit her gekommener Fremden; vgl. Vespas. Fior. p. 592 und die vita Jan. Man.

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Zitationshilfe: Burckhardt, Jacob: Die Cultur der Renaissance in Italien. Ein Versuch. Basel, 1860, S. 242. In: Deutsches Textarchiv <https://www.deutschestextarchiv.de/burckhardt_renaissance_1860/252>, abgerufen am 12.05.2021.