Anmelden (DTAQ) DWDS     dlexDB     CLARIN-D

Burckhardt, Jacob: Die Cultur der Renaissance in Italien. Ein Versuch. Basel, 1860.

Bild:
<< vorherige Seite

3. Abschnitt.ihn der alte Geograph Solinus begleitet wie Virgil den
Dante. So wie sie Bari zu Ehren des S. Nicolaus,
Monte Gargano aus Andacht zum Erzengel Michael be-
suchen, so wird auch in Rom die Legende von Araceli und
die von S. Maria in Trastevere erwähnt, doch hat die
profane Herrlichkeit des alten Rom schon merklich das
Uebergewicht; eine hehre Greisinn in zerrissenem Gewand --
es ist Roma selber -- erzählt ihnen die glorreiche Geschichte
und schildert umständlich die alten Triumphe 1); dann führt
sie die Fremdlinge in der Stadt herum und erklärt ihnen
die sieben Hügel und eine Menge Ruinen -- che com-
prender potrai, quanto fui bella!
--

Letzte große
Zerstörungen.
Leider war dieses Rom der avignonesischen und schis-
matischen Päpste in Bezug auf die Reste des Alterthums
schon bei Weitem nicht mehr was es einige Menschenalter
vorher gewesen war. Eine tödtliche Verwüstung, welche
den wichtigsten noch vorhandenen Gebäuden ihren Character
genommen haben muß, war die Schleifung von 140 festen
Wohnungen römischer Großen, durch den Senator Bran-
caleone um 1258; der Adel hatte sich ohne Zweifel in den
besterhaltenen und höchsten Ruinen eingenistet gehabt 2).

1) Dittamondo, II, cap. 3. Der Zug erinnert noch theilweise an
die naiven Bilder der heil. drei Könige und ihres Gefolges. -- Die
Schilderung der Stadt, II, cap. 31, ist archäologisch nicht ganz
ohne Werth. -- Laut dem Polistore (Murat. XXIV, Col. 845)
reisten 1366 Nicolo und Ugo von Este nach Rom: per vedere
quelle magnificenze antiche, che al presente si possono ve-
dere in Roma.
2) Beiläufig hier ein Beleg, wie auch das Ausland Rom im Mittel-
alter als einen Steinbruch betrachtete: Der berühmte Abt Sugerius,
der sich (um 1140) für seinen Neubau von St. Denis um gewal-
tige Säulenschäfte umsah, dachte an nichts geringeres als an die
Granitmonolithen der Diocletiansthermen, besann sich aber doch eines
Andern. Sugerii libellus alter, bei Duchesne, scriptores, IV,
p. 352.
-- Carl d. Gr. war ohne Zweifel bescheidener verfahren.

3. Abſchnitt.ihn der alte Geograph Solinus begleitet wie Virgil den
Dante. So wie ſie Bari zu Ehren des S. Nicolaus,
Monte Gargano aus Andacht zum Erzengel Michael be-
ſuchen, ſo wird auch in Rom die Legende von Araceli und
die von S. Maria in Traſtevere erwähnt, doch hat die
profane Herrlichkeit des alten Rom ſchon merklich das
Uebergewicht; eine hehre Greiſinn in zerriſſenem Gewand —
es iſt Roma ſelber — erzählt ihnen die glorreiche Geſchichte
und ſchildert umſtändlich die alten Triumphe 1); dann führt
ſie die Fremdlinge in der Stadt herum und erklärt ihnen
die ſieben Hügel und eine Menge Ruinen — che com-
prender potrai, quanto fui bella!

Letzte große
Zerſtörungen.
Leider war dieſes Rom der avignoneſiſchen und ſchis-
matiſchen Päpſte in Bezug auf die Reſte des Alterthums
ſchon bei Weitem nicht mehr was es einige Menſchenalter
vorher geweſen war. Eine tödtliche Verwüſtung, welche
den wichtigſten noch vorhandenen Gebäuden ihren Character
genommen haben muß, war die Schleifung von 140 feſten
Wohnungen römiſcher Großen, durch den Senator Bran-
caleone um 1258; der Adel hatte ſich ohne Zweifel in den
beſterhaltenen und höchſten Ruinen eingeniſtet gehabt 2).

1) Dittamondo, II, cap. 3. Der Zug erinnert noch theilweiſe an
die naiven Bilder der heil. drei Könige und ihres Gefolges. — Die
Schilderung der Stadt, II, cap. 31, iſt archäologiſch nicht ganz
ohne Werth. — Laut dem Polistore (Murat. XXIV, Col. 845)
reisten 1366 Nicolò und Ugo von Eſte nach Rom: per vedere
quelle magnificenze antiche, che al presente si possono ve-
dere in Roma.
2) Beiläufig hier ein Beleg, wie auch das Ausland Rom im Mittel-
alter als einen Steinbruch betrachtete: Der berühmte Abt Sugerius,
der ſich (um 1140) für ſeinen Neubau von St. Denis um gewal-
tige Säulenſchäfte umſah, dachte an nichts geringeres als an die
Granitmonolithen der Diocletiansthermen, beſann ſich aber doch eines
Andern. Sugerii libellus alter, bei Duchesne, scriptores, IV,
p. 352.
— Carl d. Gr. war ohne Zweifel beſcheidener verfahren.
<TEI>
  <text>
    <body>
      <div n="1">
        <p><pb facs="#f0188" n="178"/><note place="left"><hi rendition="#b"><hi rendition="#u">3. Ab&#x017F;chnitt.</hi></hi></note>ihn der alte Geograph Solinus begleitet wie Virgil den<lb/>
Dante. So wie &#x017F;ie Bari zu Ehren des S. Nicolaus,<lb/>
Monte Gargano aus Andacht zum Erzengel Michael be-<lb/>
&#x017F;uchen, &#x017F;o wird auch in Rom die Legende von Araceli und<lb/>
die von S. Maria in Tra&#x017F;tevere erwähnt, doch hat die<lb/>
profane Herrlichkeit des alten Rom &#x017F;chon merklich das<lb/>
Uebergewicht; eine hehre Grei&#x017F;inn in zerri&#x017F;&#x017F;enem Gewand &#x2014;<lb/>
es i&#x017F;t Roma &#x017F;elber &#x2014; erzählt ihnen die glorreiche Ge&#x017F;chichte<lb/>
und &#x017F;childert um&#x017F;tändlich die alten Triumphe <note place="foot" n="1)"><hi rendition="#aq">Dittamondo, II, cap. 3.</hi> Der Zug erinnert noch theilwei&#x017F;e an<lb/>
die naiven Bilder der heil. drei Könige und ihres Gefolges. &#x2014; Die<lb/>
Schilderung der Stadt, <hi rendition="#aq">II, cap. 31,</hi> i&#x017F;t archäologi&#x017F;ch nicht ganz<lb/>
ohne Werth. &#x2014; Laut dem <hi rendition="#aq">Polistore (Murat. XXIV, Col. 845)</hi><lb/>
reisten 1366 Nicol<hi rendition="#aq">ò</hi> und Ugo von E&#x017F;te nach Rom: <hi rendition="#aq">per vedere<lb/>
quelle magnificenze antiche, che al presente si possono ve-<lb/>
dere in Roma.</hi></note>; dann führt<lb/>
&#x017F;ie die Fremdlinge in der Stadt herum und erklärt ihnen<lb/>
die &#x017F;ieben Hügel und eine Menge Ruinen &#x2014; <hi rendition="#aq">che com-<lb/>
prender potrai, quanto fui bella!</hi> &#x2014;</p><lb/>
        <p><note place="left">Letzte große<lb/>
Zer&#x017F;törungen.</note>Leider war die&#x017F;es Rom der avignone&#x017F;i&#x017F;chen und &#x017F;chis-<lb/>
mati&#x017F;chen Päp&#x017F;te in Bezug auf die Re&#x017F;te des Alterthums<lb/>
&#x017F;chon bei Weitem nicht mehr was es einige Men&#x017F;chenalter<lb/>
vorher gewe&#x017F;en war. Eine tödtliche Verwü&#x017F;tung, welche<lb/>
den wichtig&#x017F;ten noch vorhandenen Gebäuden ihren Character<lb/>
genommen haben muß, war die Schleifung von 140 fe&#x017F;ten<lb/>
Wohnungen römi&#x017F;cher Großen, durch den Senator Bran-<lb/>
caleone um 1258; der Adel hatte &#x017F;ich ohne Zweifel in den<lb/>
be&#x017F;terhaltenen und höch&#x017F;ten Ruinen eingeni&#x017F;tet gehabt <note place="foot" n="2)">Beiläufig hier ein Beleg, wie auch das Ausland Rom im Mittel-<lb/>
alter als einen Steinbruch betrachtete: Der berühmte Abt Sugerius,<lb/>
der &#x017F;ich (um 1140) für &#x017F;einen Neubau von St. Denis um gewal-<lb/>
tige Säulen&#x017F;chäfte um&#x017F;ah, dachte an nichts geringeres als an die<lb/>
Granitmonolithen der Diocletiansthermen, be&#x017F;ann &#x017F;ich aber doch eines<lb/>
Andern. <hi rendition="#aq">Sugerii libellus alter,</hi> bei <hi rendition="#aq">Duchesne, scriptores, IV,<lb/>
p. 352.</hi> &#x2014; Carl d. Gr. war ohne Zweifel be&#x017F;cheidener verfahren.</note>.<lb/></p>
      </div>
    </body>
  </text>
</TEI>
[178/0188] ihn der alte Geograph Solinus begleitet wie Virgil den Dante. So wie ſie Bari zu Ehren des S. Nicolaus, Monte Gargano aus Andacht zum Erzengel Michael be- ſuchen, ſo wird auch in Rom die Legende von Araceli und die von S. Maria in Traſtevere erwähnt, doch hat die profane Herrlichkeit des alten Rom ſchon merklich das Uebergewicht; eine hehre Greiſinn in zerriſſenem Gewand — es iſt Roma ſelber — erzählt ihnen die glorreiche Geſchichte und ſchildert umſtändlich die alten Triumphe 1); dann führt ſie die Fremdlinge in der Stadt herum und erklärt ihnen die ſieben Hügel und eine Menge Ruinen — che com- prender potrai, quanto fui bella! — 3. Abſchnitt. Leider war dieſes Rom der avignoneſiſchen und ſchis- matiſchen Päpſte in Bezug auf die Reſte des Alterthums ſchon bei Weitem nicht mehr was es einige Menſchenalter vorher geweſen war. Eine tödtliche Verwüſtung, welche den wichtigſten noch vorhandenen Gebäuden ihren Character genommen haben muß, war die Schleifung von 140 feſten Wohnungen römiſcher Großen, durch den Senator Bran- caleone um 1258; der Adel hatte ſich ohne Zweifel in den beſterhaltenen und höchſten Ruinen eingeniſtet gehabt 2). Letzte große Zerſtörungen. 1) Dittamondo, II, cap. 3. Der Zug erinnert noch theilweiſe an die naiven Bilder der heil. drei Könige und ihres Gefolges. — Die Schilderung der Stadt, II, cap. 31, iſt archäologiſch nicht ganz ohne Werth. — Laut dem Polistore (Murat. XXIV, Col. 845) reisten 1366 Nicolò und Ugo von Eſte nach Rom: per vedere quelle magnificenze antiche, che al presente si possono ve- dere in Roma. 2) Beiläufig hier ein Beleg, wie auch das Ausland Rom im Mittel- alter als einen Steinbruch betrachtete: Der berühmte Abt Sugerius, der ſich (um 1140) für ſeinen Neubau von St. Denis um gewal- tige Säulenſchäfte umſah, dachte an nichts geringeres als an die Granitmonolithen der Diocletiansthermen, beſann ſich aber doch eines Andern. Sugerii libellus alter, bei Duchesne, scriptores, IV, p. 352. — Carl d. Gr. war ohne Zweifel beſcheidener verfahren.

Suche im Werk

Hilfe

Informationen zum Werk

Download dieses Werks

XML (TEI P5) · HTML · Text
TCF (text annotation layer)
TCF (tokenisiert, serialisiert, lemmatisiert, normalisiert)
XML (TEI P5 inkl. att.linguistic)

Metadaten zum Werk

TEI-Header · CMDI · Dublin Core

Ansichten dieser Seite

Voyant Tools ?

Language Resource Switchboard?

Feedback

Sie haben einen Fehler gefunden? Dann können Sie diesen über unsere Qualitätssicherungsplattform DTAQ melden.

Kommentar zur DTA-Ausgabe

Dieses Werk wurde gemäß den DTA-Transkriptionsrichtlinien im Double-Keying-Verfahren von Nicht-Muttersprachlern erfasst und in XML/TEI P5 nach DTA-Basisformat kodiert.




Ansicht auf Standard zurückstellen

URL zu diesem Werk: https://www.deutschestextarchiv.de/burckhardt_renaissance_1860
URL zu dieser Seite: https://www.deutschestextarchiv.de/burckhardt_renaissance_1860/188
Zitationshilfe: Burckhardt, Jacob: Die Cultur der Renaissance in Italien. Ein Versuch. Basel, 1860, S. 178. In: Deutsches Textarchiv <https://www.deutschestextarchiv.de/burckhardt_renaissance_1860/188>, abgerufen am 17.04.2021.