Brockes, Barthold Heinrich: Jrdisches Vergnügen in Gott. Bd. 5. Hamburg, 1736.Mancherley Vorwürffe der Sinnen. Mancherley Vorwürffe der Sinnen. Jm Garten hört ich jüngst den süß'- und scharffen Schall Der feurig schlagenden verliebten Nachtigall. Jch ward dadurch gerührt, gereitzt, ergetzet Und, durch den reinen Klang, fast aus mir selbst gesetzet. Jch horcht' aufmercksam zu, wie lieblich, süß und hell, Wie scharf, wie rein, wie rund, wie hohl, wie tief, wie schnell, Sie Stimm' und Ton formirt, verändert, theilet, fügt, Und, durch unzähliche Verändrung, uns vergnügt. Oft weiß sie Schnarren, Flöten, Zischen, Jn unbegreiflicher Geschwindigkeit, zu mischen. Oft fängt sie einen Ton mit hellem Flöten an, Fällt in ein Zwitschern, schlägt, lockt, winselt, jauch- zet, stöhnt, Und alles fast zugleich: oft bricht sie ihn, oft dehnt, Oft drehet sie den Ton, oft wirbelt sie den Klang, Und ändert tausendfach den frölichen Gesang. Jndem ich nun, bey einer dicken Hecken, Zu Ende der bewachsenen Allee, Jn dem Gehör allein fast lebend, stehe; Erblick ich ungefehr an einer Ecken Ein gleichsam buntes Licht. Es legte mir, Jn einer mehr als güldnen Zier, Ja, die sich von Smaragd, Sapphier Und anderm Edelstein kaum unterscheidet, Ein über-wunder-schöner Pfan, Jn prächtigen Talar von güldnem Stück gekleidet, Der Federn bunten Glantz und Herrlichkeit zur Schau. Jch C 4
Mancherley Vorwuͤrffe der Sinnen. Mancherley Vorwuͤrffe der Sinnen. Jm Garten hoͤrt ich juͤngſt den ſuͤß’- und ſcharffen Schall Der feurig ſchlagenden verliebten Nachtigall. Jch ward dadurch geruͤhrt, gereitzt, ergetzet Und, durch den reinen Klang, faſt aus mir ſelbſt geſetzet. Jch horcht’ aufmerckſam zu, wie lieblich, ſuͤß und hell, Wie ſcharf, wie rein, wie rund, wie hohl, wie tief, wie ſchnell, Sie Stimm’ und Ton formirt, veraͤndert, theilet, fuͤgt, Und, durch unzaͤhliche Veraͤndrung, uns vergnuͤgt. Oft weiß ſie Schnarren, Floͤten, Ziſchen, Jn unbegreiflicher Geſchwindigkeit, zu miſchen. Oft faͤngt ſie einen Ton mit hellem Floͤten an, Faͤllt in ein Zwitſchern, ſchlaͤgt, lockt, winſelt, jauch- zet, ſtoͤhnt, Und alles faſt zugleich: oft bricht ſie ihn, oft dehnt, Oft drehet ſie den Ton, oft wirbelt ſie den Klang, Und aͤndert tauſendfach den froͤlichen Geſang. Jndem ich nun, bey einer dicken Hecken, Zu Ende der bewachſenen Allee, Jn dem Gehoͤr allein faſt lebend, ſtehe; Erblick ich ungefehr an einer Ecken Ein gleichſam buntes Licht. Es legte mir, Jn einer mehr als guͤldnen Zier, Ja, die ſich von Smaragd, Sapphier Und anderm Edelſtein kaum unterſcheidet, Ein uͤber-wunder-ſchoͤner Pfan, Jn praͤchtigen Talar von guͤldnem Stuͤck gekleidet, Der Federn bunten Glantz und Herrlichkeit zur Schau. Jch C 4
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Mancherley Vorwuͤrffe der Sinnen.
Mancherley Vorwuͤrffe der Sinnen.
Jm Garten hoͤrt ich juͤngſt den ſuͤß’- und ſcharffen
Schall
Der feurig ſchlagenden verliebten Nachtigall.
Jch ward dadurch geruͤhrt, gereitzt, ergetzet
Und, durch den reinen Klang, faſt aus mir ſelbſt geſetzet.
Jch horcht’ aufmerckſam zu, wie lieblich, ſuͤß und hell,
Wie ſcharf, wie rein, wie rund, wie hohl, wie tief, wie
ſchnell,
Sie Stimm’ und Ton formirt, veraͤndert, theilet, fuͤgt,
Und, durch unzaͤhliche Veraͤndrung, uns vergnuͤgt.
Oft weiß ſie Schnarren, Floͤten, Ziſchen,
Jn unbegreiflicher Geſchwindigkeit, zu miſchen.
Oft faͤngt ſie einen Ton mit hellem Floͤten an,
Faͤllt in ein Zwitſchern, ſchlaͤgt, lockt, winſelt, jauch-
zet, ſtoͤhnt,
Und alles faſt zugleich: oft bricht ſie ihn, oft dehnt,
Oft drehet ſie den Ton, oft wirbelt ſie den Klang,
Und aͤndert tauſendfach den froͤlichen Geſang.
Jndem ich nun, bey einer dicken Hecken,
Zu Ende der bewachſenen Allee,
Jn dem Gehoͤr allein faſt lebend, ſtehe;
Erblick ich ungefehr an einer Ecken
Ein gleichſam buntes Licht. Es legte mir,
Jn einer mehr als guͤldnen Zier,
Ja, die ſich von Smaragd, Sapphier
Und anderm Edelſtein kaum unterſcheidet,
Ein uͤber-wunder-ſchoͤner Pfan,
Jn praͤchtigen Talar von guͤldnem Stuͤck gekleidet,
Der Federn bunten Glantz und Herrlichkeit zur Schau.
Jch
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