Brockes, Barthold Heinrich: Herrn B. H. Brockes, [...] verdeutschte Grund-Sätze der Welt-Weisheit, des Herrn Abts Genest. Bd. 3. 2. Aufl. Hamburg, 1730.Vom Geist und Cörper. Jn allen, was man spürt, im Frost und in der Hitze, Jm Schmecken, im Geruch, im Stich von einer Spitze, Jm Ton und in der Farb', erkennt er blos allein Ein Fühlen, anders nichts. Daß wir empfindlich seyn, Macht ein geheimer Grund. Will man nun weiter gehen Und, wie ein Cörper uns den Eindruck macht, verstehen; So ist solch eine Wissenschafft Allein der Geister Werck und des Verstandes Krafft. So lass't uns denn von cörperlichen Sachen, Und was den Geist angeht, nie eine Mischung machen. Man muß der Cörper Eigenschafft Absonderlich erwegen und betrachten. Wer wird sich doch dazu vermögend achten Zu messen eine Seel, zu theilen ihre Krafft? Wie will man, daß, von der Materie, Man mag sie, wie man will, verändern und versetzen: Man mag sie noch so viel Bewegungs-fähig schätzen; Ein Geist, der dencken kan, entsteh'? Wie könnten diese Theil' und wenn sie noch so klein, Getheilet und geordnet seyn, Doch der Gedancken Wesen kriegen? Wollt unser Geist sich selbst wol so betrügen? Jn so weit ich ein Geist; versteh'-bejah-verneine, Lieb', haß', und zweifel' ich: Es reuet mich, Jch fürcht', ich hoff', und meine. Hier ist nichts cörperlichs: auch nicht einmahl die Spur. Der Geist ist weder spitz, noch warm, noch bunt, Er ist nicht länglich, und nicht rund; Doch ist mit ihm vereint, ein' andere Natur: Ein Cörper, so sich theilen kan und regen, Und dessen sich verändernde Figur Wir mercken können und erwegen. Der C 5
Vom Geiſt und Coͤrper. Jn allen, was man ſpuͤrt, im Froſt und in der Hitze, Jm Schmecken, im Geruch, im Stich von einer Spitze, Jm Ton und in der Farb’, erkennt er blos allein Ein Fuͤhlen, anders nichts. Daß wir empfindlich ſeyn, Macht ein geheimer Grund. Will man nun weiter gehen Und, wie ein Coͤrper uns den Eindruck macht, verſtehen; So iſt ſolch eine Wiſſenſchafft Allein der Geiſter Werck und des Verſtandes Krafft. So laſſ’t uns denn von coͤrperlichen Sachen, Und was den Geiſt angeht, nie eine Miſchung machen. Man muß der Coͤrper Eigenſchafft Abſonderlich erwegen und betrachten. Wer wird ſich doch dazu vermoͤgend achten Zu meſſen eine Seel, zu theilen ihre Krafft? Wie will man, daß, von der Materie, Man mag ſie, wie man will, veraͤndern und verſetzen: Man mag ſie noch ſo viel Bewegungs-faͤhig ſchaͤtzen; Ein Geiſt, der dencken kan, entſteh’? Wie koͤnnten dieſe Theil’ und wenn ſie noch ſo klein, Getheilet und geordnet ſeyn, Doch der Gedancken Weſen kriegen? Wollt unſer Geiſt ſich ſelbſt wol ſo betruͤgen? Jn ſo weit ich ein Geiſt; verſteh’-bejah-verneine, Lieb’, haß’, und zweifel’ ich: Es reuet mich, Jch fuͤrcht’, ich hoff’, und meine. Hier iſt nichts coͤrperlichs: auch nicht einmahl die Spur. Der Geiſt iſt weder ſpitz, noch warm, noch bunt, Er iſt nicht laͤnglich, und nicht rund; Doch iſt mit ihm vereint, ein’ andere Natur: Ein Coͤrper, ſo ſich theilen kan und regen, Und deſſen ſich veraͤndernde Figur Wir mercken koͤnnen und erwegen. Der C 5
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Vom Geiſt und Coͤrper.
Jn allen, was man ſpuͤrt, im Froſt und in der Hitze,
Jm Schmecken, im Geruch, im Stich von einer Spitze,
Jm Ton und in der Farb’, erkennt er blos allein
Ein Fuͤhlen, anders nichts. Daß wir empfindlich ſeyn,
Macht ein geheimer Grund. Will man nun weiter gehen
Und, wie ein Coͤrper uns den Eindruck macht, verſtehen;
So iſt ſolch eine Wiſſenſchafft
Allein der Geiſter Werck und des Verſtandes Krafft.
So laſſ’t uns denn von coͤrperlichen Sachen,
Und was den Geiſt angeht, nie eine Miſchung machen.
Man muß der Coͤrper Eigenſchafft
Abſonderlich erwegen und betrachten.
Wer wird ſich doch dazu vermoͤgend achten
Zu meſſen eine Seel, zu theilen ihre Krafft?
Wie will man, daß, von der Materie,
Man mag ſie, wie man will, veraͤndern und verſetzen:
Man mag ſie noch ſo viel Bewegungs-faͤhig ſchaͤtzen;
Ein Geiſt, der dencken kan, entſteh’?
Wie koͤnnten dieſe Theil’ und wenn ſie noch ſo klein,
Getheilet und geordnet ſeyn,
Doch der Gedancken Weſen kriegen?
Wollt unſer Geiſt ſich ſelbſt wol ſo betruͤgen?
Jn ſo weit ich ein Geiſt; verſteh’-bejah-verneine,
Lieb’, haß’, und zweifel’ ich:
Es reuet mich,
Jch fuͤrcht’, ich hoff’, und meine.
Hier iſt nichts coͤrperlichs: auch nicht einmahl die Spur.
Der Geiſt iſt weder ſpitz, noch warm, noch bunt,
Er iſt nicht laͤnglich, und nicht rund;
Doch iſt mit ihm vereint, ein’ andere Natur:
Ein Coͤrper, ſo ſich theilen kan und regen,
Und deſſen ſich veraͤndernde Figur
Wir mercken koͤnnen und erwegen.
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