und ihres Betragens stimmen, wie die neueren Beobachtungen dargethan haben, alle Geieradler überein, und deshalb ist es vollkommen zulässig, wenn man aus den in Europa, Asien und Afrika gesammelten Beobachtungen ein Gesammtbild des Lebens und Treibens dieser merkwürdigen Vögel zusammenstellt. Jch muß dabei im Voraus bemerken, daß nicht verbürgte Angaben von mir uner- bittlich in die Rumpelkammer der Sage geworfen und nur insofern beachtet werden sollen, als es sich darum handelt, sie zu widerlegen. Nur von dem Kondor noch sind so viele Fabeln erzählt und geglaubt worden, wie von dem Bartgeier. Man hat ihn als den furchtbarsten aller Raubvögel hinzustellen versucht und ihm unzweifelhaft eine Menge von Unthaten aufgebürdet, welche ihm schwerlich zur Last gelegt werden dürfen.
Der Bartgeier, Bartadler oder Bartfalk, der Geieradler, der Lämmer-, Gemsen-, Gold-, Greif- und Jochgeier, der Weißkopf oder Grimmer, wie unser Raubvogel von den deutschen Schweizern genannt wird, erreicht nach eigenen Messungen (welche jedoch nur für den in Spanien lebenden Geieradler Giltigkeit haben sollen) eine Länge von 38 bis 44 Zoll und eine Breite von 92 bis 102 Zoll; die Fittiglänge beträgt 30 bis 31, die Schwanzlänge 181/2 bis 21 Zoll. Ein von Heuglin gemessenes Männchen war 38 Zoll lang und 84 Zoll breit, der Fittig maß 33 Zoll, der Schwanz 18 1/6 Zoll. Die Länge des südasiatischen Geieradlers beträgt nach Jerdon beim Männchen 46 Zoll, die Breite 108 Zoll, beim Weibchen die Länge 48 Zoll, die Breite 114 Zoll, die Fittiglänge 34 Zoll, die Schwanzlänge 19 Zoll (jedenfalls englisches Maß, während die übrigen Angaben, wie üblich, sich auf pariser Maß beziehen). Der auf den Alpen lebende Bartgeier scheint etwas größer zu sein. Nach Schinz beträgt die Länge 4 Fuß, nach Tschudi 4 -- 41/2 Fuß, die Breite 91/2 Fuß, die Schwanzlänge 21 Zoll. Bei dem afrikanischen Bartgeier sind nach Heuglin's Angabe Männchen und Weibchen kaum in der Größe verschieden; bei den asiatischen, süd- und mitteleuropäischen ist das Weibchen größer. Das Gefieder der alten Vögel ist auf Stirn, Scheitel und an den Kopfseiten gelblichweiß, durch die borstenartigen Federn dunkler gezeichnet, auf Hinterkopf und Hinterhals schön rostgelb, auf dem Rücken, dem Bürzel, den Oberflügel- und Oberschwanzdeck- federn dunkelschwarz mit weißlichen Schäften und hellerer Schafteinfassung, vorn mit gelblichen Spitzenflecken. Die Schwingen und Steuerfedern sind schwarz, auf der Jnnenfahne aschgrau, die Schäfte weißlich. Der ganze Unterkörper ist hoch rostgelb, an den Vorderhalsfedern am dunkelsten, an den Seiten der Oberbrust und an den Hosen mit einzelnen braunen Seitenflecken gezeichnet. Ueber die Brust verläuft ein Kranz von weißgelben, schwarz gefleckten Federn; von der Schnabelwurzel an zieht sich durch die Augen ein schwarzer Zügelstreifen, welcher am Hinterhaupte sich umbiegt, sich aber nicht ganz mit dem der andern Seite vereinigt, also nur einen unvollständigen Kranz bildet. Das Auge ist silberweiß, die äußere Augenhaut mennigroth, die Wachshaut bläulichschwarz, der Schnabel horngrau, an der Spitze schwarz, der Fuß bleigrau. Beim jungen Vogel ist das Auge aschgrau, der Schnabel hornblau, auf der Firste und an der Spitze des Unterschnabels dunkler, der Fuß schmuzig hellgrün, bläulich schimmernd, die Wachshaut bläulichschwarz. Sehr junge Vögel sind auf der ganzen Oberseite schwarzbraun; nur am Oberrücken stehen einige weiß gefleckte Federn. Hals und Kopf sind fast schwarz, die Unterseite ist hellrostbraun. Erst nach wiederholtem Federwechsel, also sehr allmählich, geht das Jugendkleid in das der alten Vögel über.
Nun hat man gefunden, daß die südspanischen und südafrikanischen Geieradler dunkler, die auf den Pyrenäen und Himalaya lebenden aber lichter gefärbt sind, als der, welcher die schweizer Alpen bewohnt; man hat ferner entdeckt, daß sich die Rostfarbe der alten Vögel durch Waschen ausreiben und durch chemische Mittel ausbleichen läßt. Deshalb ist man geneigt gewesen, anzunehmen, daß sie dem Vogel ursprünglich nicht eigen, sondern nur eine Folge sei von wiederholtem Baden in eisen- haltigen Gewässern. Es ist möglich, daß diese Annahme begründet ist; einstweilen aber haben wir kein Gewicht auf sie zu legen, weil bekanntermaßen auf allen Hochgebirgen eisenhaltiges Gewässer so häufig ist, daß es keinem Geieradler an der Gelegenheit mangeln dürfte, für sein reiches Gefieder die
Die Fänger. Raubvögel. Geier.
und ihres Betragens ſtimmen, wie die neueren Beobachtungen dargethan haben, alle Geieradler überein, und deshalb iſt es vollkommen zuläſſig, wenn man aus den in Europa, Aſien und Afrika geſammelten Beobachtungen ein Geſammtbild des Lebens und Treibens dieſer merkwürdigen Vögel zuſammenſtellt. Jch muß dabei im Voraus bemerken, daß nicht verbürgte Angaben von mir uner- bittlich in die Rumpelkammer der Sage geworfen und nur inſofern beachtet werden ſollen, als es ſich darum handelt, ſie zu widerlegen. Nur von dem Kondor noch ſind ſo viele Fabeln erzählt und geglaubt worden, wie von dem Bartgeier. Man hat ihn als den furchtbarſten aller Raubvögel hinzuſtellen verſucht und ihm unzweifelhaft eine Menge von Unthaten aufgebürdet, welche ihm ſchwerlich zur Laſt gelegt werden dürfen.
Der Bartgeier, Bartadler oder Bartfalk, der Geieradler, der Lämmer-, Gemſen-, Gold-, Greif- und Jochgeier, der Weißkopf oder Grimmer, wie unſer Raubvogel von den deutſchen Schweizern genannt wird, erreicht nach eigenen Meſſungen (welche jedoch nur für den in Spanien lebenden Geieradler Giltigkeit haben ſollen) eine Länge von 38 bis 44 Zoll und eine Breite von 92 bis 102 Zoll; die Fittiglänge beträgt 30 bis 31, die Schwanzlänge 18½ bis 21 Zoll. Ein von Heuglin gemeſſenes Männchen war 38 Zoll lang und 84 Zoll breit, der Fittig maß 33 Zoll, der Schwanz 18⅙ Zoll. Die Länge des ſüdaſiatiſchen Geieradlers beträgt nach Jerdon beim Männchen 46 Zoll, die Breite 108 Zoll, beim Weibchen die Länge 48 Zoll, die Breite 114 Zoll, die Fittiglänge 34 Zoll, die Schwanzlänge 19 Zoll (jedenfalls engliſches Maß, während die übrigen Angaben, wie üblich, ſich auf pariſer Maß beziehen). Der auf den Alpen lebende Bartgeier ſcheint etwas größer zu ſein. Nach Schinz beträgt die Länge 4 Fuß, nach Tſchudi 4 — 4½ Fuß, die Breite 9½ Fuß, die Schwanzlänge 21 Zoll. Bei dem afrikaniſchen Bartgeier ſind nach Heuglin’s Angabe Männchen und Weibchen kaum in der Größe verſchieden; bei den aſiatiſchen, ſüd- und mitteleuropäiſchen iſt das Weibchen größer. Das Gefieder der alten Vögel iſt auf Stirn, Scheitel und an den Kopfſeiten gelblichweiß, durch die borſtenartigen Federn dunkler gezeichnet, auf Hinterkopf und Hinterhals ſchön roſtgelb, auf dem Rücken, dem Bürzel, den Oberflügel- und Oberſchwanzdeck- federn dunkelſchwarz mit weißlichen Schäften und hellerer Schafteinfaſſung, vorn mit gelblichen Spitzenflecken. Die Schwingen und Steuerfedern ſind ſchwarz, auf der Jnnenfahne aſchgrau, die Schäfte weißlich. Der ganze Unterkörper iſt hoch roſtgelb, an den Vorderhalsfedern am dunkelſten, an den Seiten der Oberbruſt und an den Hoſen mit einzelnen braunen Seitenflecken gezeichnet. Ueber die Bruſt verläuft ein Kranz von weißgelben, ſchwarz gefleckten Federn; von der Schnabelwurzel an zieht ſich durch die Augen ein ſchwarzer Zügelſtreifen, welcher am Hinterhaupte ſich umbiegt, ſich aber nicht ganz mit dem der andern Seite vereinigt, alſo nur einen unvollſtändigen Kranz bildet. Das Auge iſt ſilberweiß, die äußere Augenhaut mennigroth, die Wachshaut bläulichſchwarz, der Schnabel horngrau, an der Spitze ſchwarz, der Fuß bleigrau. Beim jungen Vogel iſt das Auge aſchgrau, der Schnabel hornblau, auf der Firſte und an der Spitze des Unterſchnabels dunkler, der Fuß ſchmuzig hellgrün, bläulich ſchimmernd, die Wachshaut bläulichſchwarz. Sehr junge Vögel ſind auf der ganzen Oberſeite ſchwarzbraun; nur am Oberrücken ſtehen einige weiß gefleckte Federn. Hals und Kopf ſind faſt ſchwarz, die Unterſeite iſt hellroſtbraun. Erſt nach wiederholtem Federwechſel, alſo ſehr allmählich, geht das Jugendkleid in das der alten Vögel über.
Nun hat man gefunden, daß die ſüdſpaniſchen und ſüdafrikaniſchen Geieradler dunkler, die auf den Pyrenäen und Himalaya lebenden aber lichter gefärbt ſind, als der, welcher die ſchweizer Alpen bewohnt; man hat ferner entdeckt, daß ſich die Roſtfarbe der alten Vögel durch Waſchen ausreiben und durch chemiſche Mittel ausbleichen läßt. Deshalb iſt man geneigt geweſen, anzunehmen, daß ſie dem Vogel urſprünglich nicht eigen, ſondern nur eine Folge ſei von wiederholtem Baden in eiſen- haltigen Gewäſſern. Es iſt möglich, daß dieſe Annahme begründet iſt; einſtweilen aber haben wir kein Gewicht auf ſie zu legen, weil bekanntermaßen auf allen Hochgebirgen eiſenhaltiges Gewäſſer ſo häufig iſt, daß es keinem Geieradler an der Gelegenheit mangeln dürfte, für ſein reiches Gefieder die
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[544/0576]
Die Fänger. Raubvögel. Geier.
und ihres Betragens ſtimmen, wie die neueren Beobachtungen dargethan haben, alle Geieradler
überein, und deshalb iſt es vollkommen zuläſſig, wenn man aus den in Europa, Aſien und Afrika
geſammelten Beobachtungen ein Geſammtbild des Lebens und Treibens dieſer merkwürdigen Vögel
zuſammenſtellt. Jch muß dabei im Voraus bemerken, daß nicht verbürgte Angaben von mir uner-
bittlich in die Rumpelkammer der Sage geworfen und nur inſofern beachtet werden ſollen, als es ſich
darum handelt, ſie zu widerlegen. Nur von dem Kondor noch ſind ſo viele Fabeln erzählt und
geglaubt worden, wie von dem Bartgeier. Man hat ihn als den furchtbarſten aller Raubvögel
hinzuſtellen verſucht und ihm unzweifelhaft eine Menge von Unthaten aufgebürdet, welche ihm
ſchwerlich zur Laſt gelegt werden dürfen.
Der Bartgeier, Bartadler oder Bartfalk, der Geieradler, der Lämmer-, Gemſen-,
Gold-, Greif- und Jochgeier, der Weißkopf oder Grimmer, wie unſer Raubvogel von den
deutſchen Schweizern genannt wird, erreicht nach eigenen Meſſungen (welche jedoch nur für den in
Spanien lebenden Geieradler Giltigkeit haben ſollen) eine Länge von 38 bis 44 Zoll und eine Breite
von 92 bis 102 Zoll; die Fittiglänge beträgt 30 bis 31, die Schwanzlänge 18½ bis 21 Zoll. Ein
von Heuglin gemeſſenes Männchen war 38 Zoll lang und 84 Zoll breit, der Fittig maß 33 Zoll,
der Schwanz 18⅙ Zoll. Die Länge des ſüdaſiatiſchen Geieradlers beträgt nach Jerdon beim
Männchen 46 Zoll, die Breite 108 Zoll, beim Weibchen die Länge 48 Zoll, die Breite 114 Zoll, die
Fittiglänge 34 Zoll, die Schwanzlänge 19 Zoll (jedenfalls engliſches Maß, während die übrigen
Angaben, wie üblich, ſich auf pariſer Maß beziehen). Der auf den Alpen lebende Bartgeier ſcheint
etwas größer zu ſein. Nach Schinz beträgt die Länge 4 Fuß, nach Tſchudi 4 — 4½ Fuß, die
Breite 9½ Fuß, die Schwanzlänge 21 Zoll. Bei dem afrikaniſchen Bartgeier ſind nach Heuglin’s
Angabe Männchen und Weibchen kaum in der Größe verſchieden; bei den aſiatiſchen, ſüd- und
mitteleuropäiſchen iſt das Weibchen größer. Das Gefieder der alten Vögel iſt auf Stirn, Scheitel
und an den Kopfſeiten gelblichweiß, durch die borſtenartigen Federn dunkler gezeichnet, auf Hinterkopf
und Hinterhals ſchön roſtgelb, auf dem Rücken, dem Bürzel, den Oberflügel- und Oberſchwanzdeck-
federn dunkelſchwarz mit weißlichen Schäften und hellerer Schafteinfaſſung, vorn mit gelblichen
Spitzenflecken. Die Schwingen und Steuerfedern ſind ſchwarz, auf der Jnnenfahne aſchgrau, die
Schäfte weißlich. Der ganze Unterkörper iſt hoch roſtgelb, an den Vorderhalsfedern am dunkelſten, an
den Seiten der Oberbruſt und an den Hoſen mit einzelnen braunen Seitenflecken gezeichnet. Ueber
die Bruſt verläuft ein Kranz von weißgelben, ſchwarz gefleckten Federn; von der Schnabelwurzel an
zieht ſich durch die Augen ein ſchwarzer Zügelſtreifen, welcher am Hinterhaupte ſich umbiegt, ſich aber
nicht ganz mit dem der andern Seite vereinigt, alſo nur einen unvollſtändigen Kranz bildet. Das
Auge iſt ſilberweiß, die äußere Augenhaut mennigroth, die Wachshaut bläulichſchwarz, der Schnabel
horngrau, an der Spitze ſchwarz, der Fuß bleigrau. Beim jungen Vogel iſt das Auge aſchgrau, der
Schnabel hornblau, auf der Firſte und an der Spitze des Unterſchnabels dunkler, der Fuß ſchmuzig
hellgrün, bläulich ſchimmernd, die Wachshaut bläulichſchwarz. Sehr junge Vögel ſind auf der ganzen
Oberſeite ſchwarzbraun; nur am Oberrücken ſtehen einige weiß gefleckte Federn. Hals und Kopf
ſind faſt ſchwarz, die Unterſeite iſt hellroſtbraun. Erſt nach wiederholtem Federwechſel, alſo ſehr
allmählich, geht das Jugendkleid in das der alten Vögel über.
Nun hat man gefunden, daß die ſüdſpaniſchen und ſüdafrikaniſchen Geieradler dunkler, die auf
den Pyrenäen und Himalaya lebenden aber lichter gefärbt ſind, als der, welcher die ſchweizer Alpen
bewohnt; man hat ferner entdeckt, daß ſich die Roſtfarbe der alten Vögel durch Waſchen ausreiben
und durch chemiſche Mittel ausbleichen läßt. Deshalb iſt man geneigt geweſen, anzunehmen, daß ſie
dem Vogel urſprünglich nicht eigen, ſondern nur eine Folge ſei von wiederholtem Baden in eiſen-
haltigen Gewäſſern. Es iſt möglich, daß dieſe Annahme begründet iſt; einſtweilen aber haben wir
kein Gewicht auf ſie zu legen, weil bekanntermaßen auf allen Hochgebirgen eiſenhaltiges Gewäſſer ſo
häufig iſt, daß es keinem Geieradler an der Gelegenheit mangeln dürfte, für ſein reiches Gefieder die
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Brehm, Alfred Edmund: Illustrirtes Thierleben. Bd. 3. Hildburghausen, 1866, S. 544. In: Deutsches Textarchiv <https://www.deutschestextarchiv.de/brehm_thierleben03_1866/576>, abgerufen am 22.11.2024.
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