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[Bodmer, Johann Jacob]: Sammlung Critischer, Poetischer, und anderer geistvollen Schriften. Bd. 6. Zürich, 1742.

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des deutschen Witzes.
Ehrfurcht, sondern einen Abscheu für dieselben
einzujagen. Wer demnach behaupten wollte,
daß alles, was in der Heil. Bibel erzehlet wird,
eine gleich nothwendige Verbindung mit der
Religion habe, und eben darum, weil es in
der Bibel stehet, für was heiliges und geweihe-
tes müsse geachtet werden; der würde sich auf
diesen Grund gemüssiget sehen, die boshaftesten
Lügen, die greulichsten Lästerungen, die schand-
barsten Unternehmungen, die grausamsten Tha-
ten der Feinde der Wahrheit niemahls anderst,
als mit der andächtigsten Ehrerbietung zu erwäh-
nen, und den Teufel selbst zu canonisieren. Pon-
tius Pilatus stehet auch in der Christen Credo,
aber als ein ungerechter Richter, und als ein
abgesagter Feind der Wahrheit; und man wür-
de sich lächerlich machen, wenn man denjenigen
für einen Religions-Spötter ausschreyen wollte,
der diesen ungerechten Richter neben der Canzel
ohne eine andächtige Mine etwann bey Anlasse
eines seiner Amtsnachfahren mit ins Spiel zie-
hen würde. Könnte man nicht in solchem Falle
mit eben so gutem Recht die scheinheilige Antung
thun, die der Leipzigische Kunstrichter in dem
Herbstmonat seiner Belustigungen in der 13ten
Anmerckung Bl. 267. mit einem rechten Amts-
eifer gethan hat, und sagen:

"Diese Gelehr-
"samkeit ist aus Matth. XXVII. - und aus den
"XII. Artickeln des Christl. Glaubens. Jch
"will mich mit demjenigen nicht aufhalten, was
"nicht allein von den so genannten theologischen
"Sauertöpfen, sondern auch von manchem
"ver-
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des deutſchen Witzes.
Ehrfurcht, ſondern einen Abſcheu fuͤr dieſelben
einzujagen. Wer demnach behaupten wollte,
daß alles, was in der Heil. Bibel erzehlet wird,
eine gleich nothwendige Verbindung mit der
Religion habe, und eben darum, weil es in
der Bibel ſtehet, fuͤr was heiliges und geweihe-
tes muͤſſe geachtet werden; der wuͤrde ſich auf
dieſen Grund gemuͤſſiget ſehen, die boshafteſten
Luͤgen, die greulichſten Laͤſterungen, die ſchand-
barſten Unternehmungen, die grauſamſten Tha-
ten der Feinde der Wahrheit niemahls anderſt,
als mit der andaͤchtigſten Ehrerbietung zu erwaͤh-
nen, und den Teufel ſelbſt zu canoniſieren. Pon-
tius Pilatus ſtehet auch in der Chriſten Credo,
aber als ein ungerechter Richter, und als ein
abgeſagter Feind der Wahrheit; und man wuͤr-
de ſich laͤcherlich machen, wenn man denjenigen
fuͤr einen Religions-Spoͤtter ausſchreyen wollte,
der dieſen ungerechten Richter neben der Canzel
ohne eine andaͤchtige Mine etwann bey Anlaſſe
eines ſeiner Amtsnachfahren mit ins Spiel zie-
hen wuͤrde. Koͤnnte man nicht in ſolchem Falle
mit eben ſo gutem Recht die ſcheinheilige Antung
thun, die der Leipzigiſche Kunſtrichter in dem
Herbſtmonat ſeiner Beluſtigungen in der 13ten
Anmerckung Bl. 267. mit einem rechten Amts-
eifer gethan hat, und ſagen:

„Dieſe Gelehr-
„ſamkeit iſt aus Matth. XXVII. ‒ und aus den
XII. Artickeln des Chriſtl. Glaubens. Jch
„will mich mit demjenigen nicht aufhalten, was
„nicht allein von den ſo genannten theologiſchen
„Sauertoͤpfen, ſondern auch von manchem
„ver-
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[9/0009] des deutſchen Witzes. Ehrfurcht, ſondern einen Abſcheu fuͤr dieſelben einzujagen. Wer demnach behaupten wollte, daß alles, was in der Heil. Bibel erzehlet wird, eine gleich nothwendige Verbindung mit der Religion habe, und eben darum, weil es in der Bibel ſtehet, fuͤr was heiliges und geweihe- tes muͤſſe geachtet werden; der wuͤrde ſich auf dieſen Grund gemuͤſſiget ſehen, die boshafteſten Luͤgen, die greulichſten Laͤſterungen, die ſchand- barſten Unternehmungen, die grauſamſten Tha- ten der Feinde der Wahrheit niemahls anderſt, als mit der andaͤchtigſten Ehrerbietung zu erwaͤh- nen, und den Teufel ſelbſt zu canoniſieren. Pon- tius Pilatus ſtehet auch in der Chriſten Credo, aber als ein ungerechter Richter, und als ein abgeſagter Feind der Wahrheit; und man wuͤr- de ſich laͤcherlich machen, wenn man denjenigen fuͤr einen Religions-Spoͤtter ausſchreyen wollte, der dieſen ungerechten Richter neben der Canzel ohne eine andaͤchtige Mine etwann bey Anlaſſe eines ſeiner Amtsnachfahren mit ins Spiel zie- hen wuͤrde. Koͤnnte man nicht in ſolchem Falle mit eben ſo gutem Recht die ſcheinheilige Antung thun, die der Leipzigiſche Kunſtrichter in dem Herbſtmonat ſeiner Beluſtigungen in der 13ten Anmerckung Bl. 267. mit einem rechten Amts- eifer gethan hat, und ſagen: „Dieſe Gelehr- „ſamkeit iſt aus Matth. XXVII. ‒ und aus den „XII. Artickeln des Chriſtl. Glaubens. Jch „will mich mit demjenigen nicht aufhalten, was „nicht allein von den ſo genannten theologiſchen „Sauertoͤpfen, ſondern auch von manchem „ver- A 5

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Zitationshilfe: [Bodmer, Johann Jacob]: Sammlung Critischer, Poetischer, und anderer geistvollen Schriften. Bd. 6. Zürich, 1742, S. 9. In: Deutsches Textarchiv <https://www.deutschestextarchiv.de/bodmer_sammlung06_1742/9>, abgerufen am 03.03.2024.