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Blumenbach, Johann Friedrich: Zwo Abhandlungen über die Nutritionskraft. St. Petersburg, 1789.

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Gleichheit desselben mit dem natürlichen gesunden Bau eines solchen Nagels
seyn mag. Auf allen Fall aber geben dergleichen Beyspiele doch ebenfalls Be-
weise von der Lebenskraft der ernährenden Gefäße ihren Saft nach einer be-
stimmten Richtung fortzutreiben und abzusetzen. Hier nemlich den hornichten
Stoff nach den Fingerspitzen.

§. 12. Die zweyte Kraft die das Ernährungsgeschäfte zu unterstützen
scheint, dünkt mich wie obgedacht eine gewisse Empfänglichkeit jeder pars simila-
ris
des Körpers zu seyn, aus den ihr zugeführten Säften vorzüglich die ihr am
meisten homogenen Elemente aufzunehmen. Nenne man das ein Anziehungs-
vermögen, eine Art Affinität, oder wie man sonst will, genug die Sache scheint
unleugbar.

Zeigen doch selbst die Bestandtheile des nun gerinnenden Bluts aus
einer Aderlaße beym erkalten solche Anziehungskräfte, da z. B. die lymphatischen
Theile sich zusammen zum Kuchen verbinden, das Serum hingegen immer mehr
und mehr von sich ausdrucken.

Und gerade das gleiche zeigen die gemeinen, aber immer äußerst merk-
würdigen pathologischen Phänomene von Ergießungen der plastischen Lymphe des
Bluts bey Entzündungen der Eingeweide und dergleichen. Da diese Lymphe an-
fangs zu Gallerte gerinnt, in kurzen aber diese Gallerte zu wahrem Zellgewebe
geformt, mit neuerzeugten Blutgefäßen aus den benachbarten Theilen versehen
wird: und so aus dem einströmenden Blut immer mehr lymphatischen Stoff
an sich zieht, und bekanntlich in manchen seltenen Fällen, wie z. B. bey soge-
nannten conceptibus abdominalibus binntn wenigen Jahren, auf diese weise zu
Fingersdicken lederartigen Crusten verdicken kan.

Noch ein Beyspiel dieser anziehenden Kraft oder specifiken Affinität ge-
ben auch Säfte des lebendigen Körpers selbst nachdem sie schon solidescirt sind,
indem sie sich blos gegen gewisse heterogene Substanzen die ihnen aus der Blut-
masse zugeführt werden, empfänglich zeigen, wie der Knochensaft gegen die Fär-
berröthe.

§. 13. Ob diese verschiednen Kräfte deren ich bisher gedacht habe, für
eben so viele besondere eigne Gattungen - oder aber blos für Modificationen
einer und eben derselben Lebenskraft genommen werden müssen, will ich zwar
nicht zuentscheiden mir anmaßen. Doch wär ich sehr geneigt mich lieber für die
erstere Meinung zu erklären. Und irre ich nicht, so gilt von der gegenseitigen Be-
hauptung auch das was ich irgendwo bey einem berühmten neuern englischen
Schriftsteller (ich entsinne mich nur nicht sicher bey welchen -?) gelesen habe,

Gleichheit desselben mit dem natürlichen gesunden Bau eines solchen Nagels
seyn mag. Auf allen Fall aber geben dergleichen Beyspiele doch ebenfalls Be-
weise von der Lebenskraft der ernährenden Gefäße ihren Saft nach einer be-
stimmten Richtung fortzutreiben und abzusetzen. Hier nemlich den hornichten
Stoff nach den Fingerspitzen.

§. 12. Die zweyte Kraft die das Ernährungsgeschäfte zu unterstützen
scheint, dünkt mich wie obgedacht eine gewisse Empfänglichkeit jeder pars simila-
ris
des Körpers zu seyn, aus den ihr zugeführten Säften vorzüglich die ihr am
meisten homogenen Elemente aufzunehmen. Nenne man das ein Anziehungs-
vermögen, eine Art Affinität, oder wie man sonst will, genug die Sache scheint
unleugbar.

Zeigen doch selbst die Bestandtheile des nun gerinnenden Bluts aus
einer Aderlaße beym erkalten solche Anziehungskräfte, da z. B. die lymphatischen
Theile sich zusammen zum Kuchen verbinden, das Serum hingegen immer mehr
und mehr von sich ausdrucken.

Und gerade das gleiche zeigen die gemeinen, aber immer äußerst merk-
würdigen pathologischen Phänomene von Ergießungen der plastischen Lymphe des
Bluts bey Entzündungen der Eingeweide und dergleichen. Da diese Lymphe an-
fangs zu Gallerte gerinnt, in kurzen aber diese Gallerte zu wahrem Zellgewebe
geformt, mit neuerzeugten Blutgefäßen aus den benachbarten Theilen versehen
wird: und so aus dem einströmenden Blut immer mehr lymphatischen Stoff
an sich zieht, und bekanntlich in manchen seltenen Fällen, wie z. B. bey soge-
nannten conceptibus abdominalibus binntn wenigen Jahren, auf diese weise zu
Fingersdicken lederartigen Crusten verdicken kan.

Noch ein Beyspiel dieser anziehenden Kraft oder specifiken Affinität ge-
ben auch Säfte des lebendigen Körpers selbst nachdem sie schon solidescirt sind,
indem sie sich blos gegen gewisse heterogene Substanzen die ihnen aus der Blut-
masse zugeführt werden, empfänglich zeigen, wie der Knochensaft gegen die Fär-
berröthe.

§. 13. Ob diese verschiednen Kräfte deren ich bisher gedacht habe, für
eben so viele besondere eigne Gattungen – oder aber blos für Modificationen
einer und eben derselben Lebenskraft genommen werden müssen, will ich zwar
nicht zuentscheiden mir anmaßen. Doch wär ich sehr geneigt mich lieber für die
erstere Meinung zu erklären. Und irre ich nicht, so gilt von der gegenseitigen Be-
hauptung auch das was ich irgendwo bey einem berühmten neuern englischen
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[14/0018] Gleichheit desselben mit dem natürlichen gesunden Bau eines solchen Nagels seyn mag. Auf allen Fall aber geben dergleichen Beyspiele doch ebenfalls Be- weise von der Lebenskraft der ernährenden Gefäße ihren Saft nach einer be- stimmten Richtung fortzutreiben und abzusetzen. Hier nemlich den hornichten Stoff nach den Fingerspitzen. §. 12. Die zweyte Kraft die das Ernährungsgeschäfte zu unterstützen scheint, dünkt mich wie obgedacht eine gewisse Empfänglichkeit jeder pars simila- ris des Körpers zu seyn, aus den ihr zugeführten Säften vorzüglich die ihr am meisten homogenen Elemente aufzunehmen. Nenne man das ein Anziehungs- vermögen, eine Art Affinität, oder wie man sonst will, genug die Sache scheint unleugbar. Zeigen doch selbst die Bestandtheile des nun gerinnenden Bluts aus einer Aderlaße beym erkalten solche Anziehungskräfte, da z. B. die lymphatischen Theile sich zusammen zum Kuchen verbinden, das Serum hingegen immer mehr und mehr von sich ausdrucken. Und gerade das gleiche zeigen die gemeinen, aber immer äußerst merk- würdigen pathologischen Phänomene von Ergießungen der plastischen Lymphe des Bluts bey Entzündungen der Eingeweide und dergleichen. Da diese Lymphe an- fangs zu Gallerte gerinnt, in kurzen aber diese Gallerte zu wahrem Zellgewebe geformt, mit neuerzeugten Blutgefäßen aus den benachbarten Theilen versehen wird: und so aus dem einströmenden Blut immer mehr lymphatischen Stoff an sich zieht, und bekanntlich in manchen seltenen Fällen, wie z. B. bey soge- nannten conceptibus abdominalibus binntn wenigen Jahren, auf diese weise zu Fingersdicken lederartigen Crusten verdicken kan. Noch ein Beyspiel dieser anziehenden Kraft oder specifiken Affinität ge- ben auch Säfte des lebendigen Körpers selbst nachdem sie schon solidescirt sind, indem sie sich blos gegen gewisse heterogene Substanzen die ihnen aus der Blut- masse zugeführt werden, empfänglich zeigen, wie der Knochensaft gegen die Fär- berröthe. §. 13. Ob diese verschiednen Kräfte deren ich bisher gedacht habe, für eben so viele besondere eigne Gattungen – oder aber blos für Modificationen einer und eben derselben Lebenskraft genommen werden müssen, will ich zwar nicht zuentscheiden mir anmaßen. Doch wär ich sehr geneigt mich lieber für die erstere Meinung zu erklären. Und irre ich nicht, so gilt von der gegenseitigen Be- hauptung auch das was ich irgendwo bey einem berühmten neuern englischen Schriftsteller (ich entsinne mich nur nicht sicher bey welchen –?) gelesen habe,

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Zitationshilfe: Blumenbach, Johann Friedrich: Zwo Abhandlungen über die Nutritionskraft. St. Petersburg, 1789, S. 14. In: Deutsches Textarchiv <https://www.deutschestextarchiv.de/blumenbach_nutritionskraft_1789/18>, abgerufen am 24.04.2024.