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Blumenbach, Johann Friedrich: Zwo Abhandlungen über die Nutritionskraft. St. Petersburg, 1789.

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Erstens nemlich, von Seiten der Gefäße, ein Vermögen die enthalt-
nen Safte im gesunden Zustande immer nach einer bestimmten Richtung fortzu-
treiben und zu ergießen.

Und zweytens, von Seiten der zu ernährenden Theile des Körpers,
eine gewisse Empfänglichkeit oder eine Art von Anziehungsvermögen, von den
ihm zugeführten Säften die ihm homogenen Theile aufzunehmen und sich anzu-
eignen.

Beyder ihr Daseyn und Würkungsart wird sich hoffentlich theils aus
dem vorgesagten nach gesunden Schlüßen aus Analogie, theils aus andern noch
anzuführenden datis folgern lassen.

§. 9. Von der ersten der beiden gedachten Kräfte giebt schon der so-
genante motus peristalticus des ganzen tubus alimentaris, vom Schlunde bis ans
Ende des Mastdarms, ein Bild, sich die Vorstellung davon zu erleichtern.

Aber auch im System der Blutgefäße ist ein solches Vermögen an
denjenigen Stellen unverkenbar, wo die Kraft des Herzens ohnmöglich in An-
schlag gebracht werden kan. Wie z. B. in der Bewegung des Blutes der
Pfortader durch die Leber -; oder des Venenblutes im Mutterkuchen.

§. 10. Eden so scheint dann auch von der Richtung der ernährenden
Gefäße, zumal ihrer äußersten Enden und Mündungen aus welchen sie ihren
Nahrungssaft ergießen, die Richtung der Fasern abzuhängen, welche aus die-
sem ergoßnen Stoffe solidesciren. Daß z. B. die Haare der Augenwim-
pern in der Bogenförmigen Richtung vorwärts ausgetrieben werden, die in
den Augenbraunen hingegen schräg seitwärts etc. - Daß die Gefäße die den
knöchernen Kern eines Zahns ernähren, diesen Stoff mehr nach der Länge ne-
beneinander in das zellichte Parenchyma was dieser pars ossea zur Grundlage
diene, absetzen: Da hingegen derjenige reine Knochensaft, der die Krone bildet,
und (wie die Auflösung derselben in mineralischen. Säuren lehrt) kein Zellgewe-
be in sich hat, in einer ganz andern Richtung, (nemlich vertical auf der Grund-
fläche des knöchernen Kerns aufstehend) ergoßen wird: Dieß zeigt bekantlich,
wie schon Gagliardi gewiesen, ein jeder Menschen-Zahn: nirgend aber habe
ichs doch anschauliger gesehn, als an einem Milch-Backenzahn eines jungen
Elephanten, da man aufs deutlichste erkennt, wie selbst die ersten verhärteten
Tröpfgen vom Knochensaft der das künftige Emaille bilden sollte, sich in der
angegebenen Richtung angelegt hatten.

Erstens nemlich, von Seiten der Gefäße, ein Vermögen die enthalt-
nen Safte im gesunden Zustande immer nach einer bestimmten Richtung fortzu-
treiben und zu ergießen.

Und zweytens, von Seiten der zu ernährenden Theile des Körpers,
eine gewisse Empfänglichkeit oder eine Art von Anziehungsvermögen, von den
ihm zugeführten Säften die ihm homogenen Theile aufzunehmen und sich anzu-
eignen.

Beyder ihr Daseyn und Würkungsart wird sich hoffentlich theils aus
dem vorgesagten nach gesunden Schlüßen aus Analogie, theils aus andern noch
anzuführenden datis folgern lassen.

§. 9. Von der ersten der beiden gedachten Kräfte giebt schon der so-
genante motus peristalticus des ganzen tubus alimentaris, vom Schlunde bis ans
Ende des Mastdarms, ein Bild, sich die Vorstellung davon zu erleichtern.

Aber auch im System der Blutgefäße ist ein solches Vermögen an
denjenigen Stellen unverkenbar, wo die Kraft des Herzens ohnmöglich in An-
schlag gebracht werden kan. Wie z. B. in der Bewegung des Blutes der
Pfortader durch die Leber –; oder des Venenblutes im Mutterkuchen.

§. 10. Eden so scheint dann auch von der Richtung der ernährenden
Gefäße, zumal ihrer äußersten Enden und Mündungen aus welchen sie ihren
Nahrungssaft ergießen, die Richtung der Fasern abzuhängen, welche aus die-
sem ergoßnen Stoffe solidesciren. Daß z. B. die Haare der Augenwim-
pern in der Bogenförmigen Richtung vorwärts ausgetrieben werden, die in
den Augenbraunen hingegen schräg seitwärts ꝛc. – Daß die Gefäße die den
knöchernen Kern eines Zahns ernähren, diesen Stoff mehr nach der Länge ne-
beneinander in das zellichte Parenchyma was dieser pars ossea zur Grundlage
diene, absetzen: Da hingegen derjenige reine Knochensaft, der die Krone bildet,
und (wie die Auflösung derselben in mineralischen. Säuren lehrt) kein Zellgewe-
be in sich hat, in einer ganz andern Richtung, (nemlich vertical auf der Grund-
fläche des knöchernen Kerns aufstehend) ergoßen wird: Dieß zeigt bekantlich,
wie schon Gagliardi gewiesen, ein jeder Menschen-Zahn: nirgend aber habe
ichs doch anschauliger gesehn, als an einem Milch-Backenzahn eines jungen
Elephanten, da man aufs deutlichste erkennt, wie selbst die ersten verhärteten
Tröpfgen vom Knochensaft der das künftige Emaille bilden sollte, sich in der
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[12/0016] Erstens nemlich, von Seiten der Gefäße, ein Vermögen die enthalt- nen Safte im gesunden Zustande immer nach einer bestimmten Richtung fortzu- treiben und zu ergießen. Und zweytens, von Seiten der zu ernährenden Theile des Körpers, eine gewisse Empfänglichkeit oder eine Art von Anziehungsvermögen, von den ihm zugeführten Säften die ihm homogenen Theile aufzunehmen und sich anzu- eignen. Beyder ihr Daseyn und Würkungsart wird sich hoffentlich theils aus dem vorgesagten nach gesunden Schlüßen aus Analogie, theils aus andern noch anzuführenden datis folgern lassen. §. 9. Von der ersten der beiden gedachten Kräfte giebt schon der so- genante motus peristalticus des ganzen tubus alimentaris, vom Schlunde bis ans Ende des Mastdarms, ein Bild, sich die Vorstellung davon zu erleichtern. Aber auch im System der Blutgefäße ist ein solches Vermögen an denjenigen Stellen unverkenbar, wo die Kraft des Herzens ohnmöglich in An- schlag gebracht werden kan. Wie z. B. in der Bewegung des Blutes der Pfortader durch die Leber –; oder des Venenblutes im Mutterkuchen. §. 10. Eden so scheint dann auch von der Richtung der ernährenden Gefäße, zumal ihrer äußersten Enden und Mündungen aus welchen sie ihren Nahrungssaft ergießen, die Richtung der Fasern abzuhängen, welche aus die- sem ergoßnen Stoffe solidesciren. Daß z. B. die Haare der Augenwim- pern in der Bogenförmigen Richtung vorwärts ausgetrieben werden, die in den Augenbraunen hingegen schräg seitwärts ꝛc. – Daß die Gefäße die den knöchernen Kern eines Zahns ernähren, diesen Stoff mehr nach der Länge ne- beneinander in das zellichte Parenchyma was dieser pars ossea zur Grundlage diene, absetzen: Da hingegen derjenige reine Knochensaft, der die Krone bildet, und (wie die Auflösung derselben in mineralischen. Säuren lehrt) kein Zellgewe- be in sich hat, in einer ganz andern Richtung, (nemlich vertical auf der Grund- fläche des knöchernen Kerns aufstehend) ergoßen wird: Dieß zeigt bekantlich, wie schon Gagliardi gewiesen, ein jeder Menschen-Zahn: nirgend aber habe ichs doch anschauliger gesehn, als an einem Milch-Backenzahn eines jungen Elephanten, da man aufs deutlichste erkennt, wie selbst die ersten verhärteten Tröpfgen vom Knochensaft der das künftige Emaille bilden sollte, sich in der angegebenen Richtung angelegt hatten.

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Zitationshilfe: Blumenbach, Johann Friedrich: Zwo Abhandlungen über die Nutritionskraft. St. Petersburg, 1789, S. 12. In: Deutsches Textarchiv <https://www.deutschestextarchiv.de/blumenbach_nutritionskraft_1789/16>, abgerufen am 24.04.2024.