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Blumenbach, Johann Friedrich: Zwo Abhandlungen über die Nutritionskraft. St. Petersburg, 1789.

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§. 3. Alle diese Gefäße, im weitläufigen Sinn genommen, besitzen
indeß doch eben sowohl als die in der engern Bedeutung des Worts (die Adern)
ihre Lebenskraft womit sie gleichsam beseelt sind, und die sich vorzüglich da-
durch äußert, daß sie im gesunden Zustande erstens blos gewisse bestimmte Säfte
aufnehmen: dann aber auch dieselben sobald sie ihnen entweder durch Ueber-
maas der Quantität oder durch irgend eine unnatürliche Qualität (Schärfe etc.)
zur Last und mithin zum stimulus werden, behörig weitertreiben können.

§. 4. Die erstere Eigenschaft, daß die Gefäße in ihrem natürlichen
Zustande nur für die Ausnahme ihrer bestimmten Säfte empfänglich sind, und
hingegen andern den Eintritt versagen, ist durch hundertfache Erfahrung erwie-
sen. So nehmen zum Beweis die Milchgefäße bey Säugethieren die man zu
dieser Absicht mit färbenden Stoffen füttert, blos wenige derselben, wie z. B.
den Indig, das Lackmus etc. auf.

So ist das Parenchyma des Armpolypen blos für thierischen Nah-
rungssaft empfänglich, den er sich ans seinen verschluckten Wasserflöhen und der-
gleichen auspreßt: (im Nothfall läßt er sich sogar mit Fasern von gekochten Flei-
sche füttern) - hingegen giebt er vegetabilischen Stoff, wenn er ihn auch ein-
schluckt, doch immer wieder von sich ohne daß das mindste davon verdaut wor-
den und in seine eigne Substanz übergetreten wäre.

So ist selbst das Herz der rothblütigen Thiere eigentlich blos für ge-
sundes Blut recht empfänglich, und kämpft hingegen mit convulsiven Schlägen
sobald diesem Blute fremde reizende Schärfen und überhaupt das mindste hete-
rogene fluidum, wenn es auch noch so unschuldig scheint, beygemischt wird. So
z. B. nur die geringste Portion von Luft in der Luftförmigen elastischen Ge-
stalt -, ein paar Tropfen Fett die so eben von dem nemlichen Thiere ge-
nommen sind, die folglich aus demselbigen Blute vorher abgeschieden waren etc.

§. 5. Die andre Eigenschaft eines belebten organischen Gefäßes war
das Vermögen sich der aufgenommenen Säfte zu seiner Zeit auch wieder zu
entledigen, sie fortzutreiben. Dieß zeigt sich z. B. aufs sichtlichste selbst bey
den allereinfachsten Zellgen unsers Zellgewebes, die den aus dem Blute ge-
schiednen wäßrigen Duft unabläßig aufnehmen, aber auch eben so unabläßig
wieder ausleeren und in die benachbarten Anfange der lymphatischen Venen trei-
ben, wodurch er dann der Bruströhre zugeführt wird.

§. 6. Da die mit eigentlichen Blute versehenen Thiere eine so kräf-
tige Triebfeder als ihr Herz ist, zur Bewegung dieses rothen Lebenssaftes er-
halten haben, so ist man neuerlich geneigt gewesen, die Kraft jener wunderba-

§. 3. Alle diese Gefäße, im weitläufigen Sinn genommen, besitzen
indeß doch eben sowohl als die in der engern Bedeutung des Worts (die Adern)
ihre Lebenskraft womit sie gleichsam beseelt sind, und die sich vorzüglich da-
durch äußert, daß sie im gesunden Zustande erstens blos gewisse bestimmte Säfte
aufnehmen: dann aber auch dieselben sobald sie ihnen entweder durch Ueber-
maas der Quantität oder durch irgend eine unnatürliche Qualität (Schärfe ꝛc.)
zur Last und mithin zum stimulus werden, behörig weitertreiben können.

§. 4. Die erstere Eigenschaft, daß die Gefäße in ihrem natürlichen
Zustande nur für die Ausnahme ihrer bestimmten Säfte empfänglich sind, und
hingegen andern den Eintritt versagen, ist durch hundertfache Erfahrung erwie-
sen. So nehmen zum Beweis die Milchgefäße bey Säugethieren die man zu
dieser Absicht mit färbenden Stoffen füttert, blos wenige derselben, wie z. B.
den Indig, das Lackmus ꝛc. auf.

So ist das Parenchyma des Armpolypen blos für thierischen Nah-
rungssaft empfänglich, den er sich ans seinen verschluckten Wasserflöhen und der-
gleichen auspreßt: (im Nothfall läßt er sich sogar mit Fasern von gekochten Flei-
sche füttern) – hingegen giebt er vegetabilischen Stoff, wenn er ihn auch ein-
schluckt, doch immer wieder von sich ohne daß das mindste davon verdaut wor-
den und in seine eigne Substanz übergetreten wäre.

So ist selbst das Herz der rothblütigen Thiere eigentlich blos für ge-
sundes Blut recht empfänglich, und kämpft hingegen mit convulsiven Schlägen
sobald diesem Blute fremde reizende Schärfen und überhaupt das mindste hete-
rogene fluidum, wenn es auch noch so unschuldig scheint, beygemischt wird. So
z. B. nur die geringste Portion von Luft in der Luftförmigen elastischen Ge-
stalt –, ein paar Tropfen Fett die so eben von dem nemlichen Thiere ge-
nommen sind, die folglich aus demselbigen Blute vorher abgeschieden waren ꝛc.

§. 5. Die andre Eigenschaft eines belebten organischen Gefäßes war
das Vermögen sich der aufgenommenen Säfte zu seiner Zeit auch wieder zu
entledigen, sie fortzutreiben. Dieß zeigt sich z. B. aufs sichtlichste selbst bey
den allereinfachsten Zellgen unsers Zellgewebes, die den aus dem Blute ge-
schiednen wäßrigen Duft unabläßig aufnehmen, aber auch eben so unabläßig
wieder ausleeren und in die benachbarten Anfange der lymphatischen Venen trei-
ben, wodurch er dann der Bruströhre zugeführt wird.

§. 6. Da die mit eigentlichen Blute versehenen Thiere eine so kräf-
tige Triebfeder als ihr Herz ist, zur Bewegung dieses rothen Lebenssaftes er-
halten haben, so ist man neuerlich geneigt gewesen, die Kraft jener wunderba-

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[10/0014] §. 3. Alle diese Gefäße, im weitläufigen Sinn genommen, besitzen indeß doch eben sowohl als die in der engern Bedeutung des Worts (die Adern) ihre Lebenskraft womit sie gleichsam beseelt sind, und die sich vorzüglich da- durch äußert, daß sie im gesunden Zustande erstens blos gewisse bestimmte Säfte aufnehmen: dann aber auch dieselben sobald sie ihnen entweder durch Ueber- maas der Quantität oder durch irgend eine unnatürliche Qualität (Schärfe ꝛc.) zur Last und mithin zum stimulus werden, behörig weitertreiben können. §. 4. Die erstere Eigenschaft, daß die Gefäße in ihrem natürlichen Zustande nur für die Ausnahme ihrer bestimmten Säfte empfänglich sind, und hingegen andern den Eintritt versagen, ist durch hundertfache Erfahrung erwie- sen. So nehmen zum Beweis die Milchgefäße bey Säugethieren die man zu dieser Absicht mit färbenden Stoffen füttert, blos wenige derselben, wie z. B. den Indig, das Lackmus ꝛc. auf. So ist das Parenchyma des Armpolypen blos für thierischen Nah- rungssaft empfänglich, den er sich ans seinen verschluckten Wasserflöhen und der- gleichen auspreßt: (im Nothfall läßt er sich sogar mit Fasern von gekochten Flei- sche füttern) – hingegen giebt er vegetabilischen Stoff, wenn er ihn auch ein- schluckt, doch immer wieder von sich ohne daß das mindste davon verdaut wor- den und in seine eigne Substanz übergetreten wäre. So ist selbst das Herz der rothblütigen Thiere eigentlich blos für ge- sundes Blut recht empfänglich, und kämpft hingegen mit convulsiven Schlägen sobald diesem Blute fremde reizende Schärfen und überhaupt das mindste hete- rogene fluidum, wenn es auch noch so unschuldig scheint, beygemischt wird. So z. B. nur die geringste Portion von Luft in der Luftförmigen elastischen Ge- stalt –, ein paar Tropfen Fett die so eben von dem nemlichen Thiere ge- nommen sind, die folglich aus demselbigen Blute vorher abgeschieden waren ꝛc. §. 5. Die andre Eigenschaft eines belebten organischen Gefäßes war das Vermögen sich der aufgenommenen Säfte zu seiner Zeit auch wieder zu entledigen, sie fortzutreiben. Dieß zeigt sich z. B. aufs sichtlichste selbst bey den allereinfachsten Zellgen unsers Zellgewebes, die den aus dem Blute ge- schiednen wäßrigen Duft unabläßig aufnehmen, aber auch eben so unabläßig wieder ausleeren und in die benachbarten Anfange der lymphatischen Venen trei- ben, wodurch er dann der Bruströhre zugeführt wird. §. 6. Da die mit eigentlichen Blute versehenen Thiere eine so kräf- tige Triebfeder als ihr Herz ist, zur Bewegung dieses rothen Lebenssaftes er- halten haben, so ist man neuerlich geneigt gewesen, die Kraft jener wunderba-

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  • Keine Auszeichnung der Initialbuchstaben am Kapitelanfang.
  • Langes ſ: als s transkribiert.
  • Hochgestellte e über Vokalen: in moderner Schreibweise erfasst.



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Zitationshilfe: Blumenbach, Johann Friedrich: Zwo Abhandlungen über die Nutritionskraft. St. Petersburg, 1789, S. 10. In: Deutsches Textarchiv <https://www.deutschestextarchiv.de/blumenbach_nutritionskraft_1789/14>, abgerufen am 24.04.2024.