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Beck, Ludwig: Die Geschichte des Eisens. Bd. 5: Das XIX. Jahrhundert von 1860 bis zum Schluss. Braunschweig, 1903.

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Einleitung.
Eine gewaltige Schiffsachse mit zwei Kurbeln für einen Dampfer des
Norddeutschen Lloyd in einem Stück geschmiedet wog 22000 Pfund
(11 Tonnen). Zu seinen tadellosen Eisenbahn-Radreifen, ohne
Schweissung aus Gussstahl gewalzt, konnte er bemerken, dass davon
über 40000 Stück von ihm geliefert worden seien, von denen viele
schon seit Jahren liefen. Von den Kanonenrohren wog eins mit
spiegelreiner Seele von 9 engl. Zoll Durchmesser 18000 Pfund und
eine gehärtete, polierte Walze von 10 Zoll Durchmesser und 16 Zoll
Länge glänzte heller als ein Spiegel.

Neben diesen Leistungen Krupps waren es zunächst die Panzer-
platten der Engländer, welche besonderes Interesse erregten. Davon
hatten die Mersey-Eisen- und Stahlwerke bei Liverpool geschmiedete
von 30 Fuss Länge, 6 Fuss Breite und 51/2 Zoll Dicke ausgestellt,
während die von John Brown in Sheffield ausgestellten gewalzt
waren. Die vorgenannten Mersey-Stahlwerke zeichneten sich überhaupt
durch riesige Schmiedestücke aus; eine von ihnen ausgestellte Kurbel-
welle wog 241/2 Tonnen.

Butterley & Comp.-Eisenwerke zu Alfreton, welche gleichfalls
Panzerplatten ausgestellt hatten, leisteten Bewunderungswürdiges in
gewalztem Formeisen. I-(= Doppel-T-Schiene) Schienen von 3 Fuss
Steghöhe, 12 Zoll breitem Fuss und 1/2 Zoll Stärke waren in Längen
von 30 bis 60 Fuss ausgestellt und eine Eisenbahnschiene von 51/4 Zoll
Höhe war auf 117 Fuss Länge ausgewalzt.

Einen merkwürdigen Kontrast gegen die mächtigen Panzerplatten
bildeten die papierdünn ausgewalzten belgischen und englischen
Schwarzbleche, wovon das Copper-mine-Werk Muster ausgestellt hatte,
von denen der Quadratfuss noch keine Unze wog.

Die grosse internationale Industrieausstellung vom Jahre 1867 in
Paris übertraf aber noch bei weitem alle vorhergegangenen an Umfang
und Pracht. Sie war bewunderungswürdig durch Mannigfaltigkeit und
Schönheit des Ausgestellten, wie durch Einheitlichkeit und Geschmack
der Anordnung. In ihr feierte der französische Geschmack einen
Triumph und sie diente dazu, die Herrschaft Napoleons noch einmal
in vollem Glanze erstrahlen zu lassen. Diese Nebenzwecke beein-
trächtigten aber den eigentlichen Grundgedanken, die sachliche Dar-
stellung des ernsten Wettkampfes der Industrieen der Kulturstaaten.
Es war zu viel Ausstattung und Schaugepränge, zu viel Unterhaltung
und Bewirtung, wodurch diese Ausstellung zum erstenmal mehr das
Bild eines grossen Völkerjahrmarktes darbot, ein Fehler, der von da

Einleitung.
Eine gewaltige Schiffsachse mit zwei Kurbeln für einen Dampfer des
Norddeutschen Lloyd in einem Stück geschmiedet wog 22000 Pfund
(11 Tonnen). Zu seinen tadellosen Eisenbahn-Radreifen, ohne
Schweiſsung aus Guſsstahl gewalzt, konnte er bemerken, daſs davon
über 40000 Stück von ihm geliefert worden seien, von denen viele
schon seit Jahren liefen. Von den Kanonenrohren wog eins mit
spiegelreiner Seele von 9 engl. Zoll Durchmesser 18000 Pfund und
eine gehärtete, polierte Walze von 10 Zoll Durchmesser und 16 Zoll
Länge glänzte heller als ein Spiegel.

Neben diesen Leistungen Krupps waren es zunächst die Panzer-
platten der Engländer, welche besonderes Interesse erregten. Davon
hatten die Mersey-Eisen- und Stahlwerke bei Liverpool geschmiedete
von 30 Fuſs Länge, 6 Fuſs Breite und 5½ Zoll Dicke ausgestellt,
während die von John Brown in Sheffield ausgestellten gewalzt
waren. Die vorgenannten Mersey-Stahlwerke zeichneten sich überhaupt
durch riesige Schmiedestücke aus; eine von ihnen ausgestellte Kurbel-
welle wog 24½ Tonnen.

Butterley & Comp.-Eisenwerke zu Alfreton, welche gleichfalls
Panzerplatten ausgestellt hatten, leisteten Bewunderungswürdiges in
gewalztem Formeisen. I-(= Doppel-T-Schiene) Schienen von 3 Fuſs
Steghöhe, 12 Zoll breitem Fuſs und ½ Zoll Stärke waren in Längen
von 30 bis 60 Fuſs ausgestellt und eine Eisenbahnschiene von 5¼ Zoll
Höhe war auf 117 Fuſs Länge ausgewalzt.

Einen merkwürdigen Kontrast gegen die mächtigen Panzerplatten
bildeten die papierdünn ausgewalzten belgischen und englischen
Schwarzbleche, wovon das Copper-mine-Werk Muster ausgestellt hatte,
von denen der Quadratfuſs noch keine Unze wog.

Die groſse internationale Industrieausstellung vom Jahre 1867 in
Paris übertraf aber noch bei weitem alle vorhergegangenen an Umfang
und Pracht. Sie war bewunderungswürdig durch Mannigfaltigkeit und
Schönheit des Ausgestellten, wie durch Einheitlichkeit und Geschmack
der Anordnung. In ihr feierte der französische Geschmack einen
Triumph und sie diente dazu, die Herrschaft Napoleons noch einmal
in vollem Glanze erstrahlen zu lassen. Diese Nebenzwecke beein-
trächtigten aber den eigentlichen Grundgedanken, die sachliche Dar-
stellung des ernsten Wettkampfes der Industrieen der Kulturstaaten.
Es war zu viel Ausstattung und Schaugepränge, zu viel Unterhaltung
und Bewirtung, wodurch diese Ausstellung zum erstenmal mehr das
Bild eines groſsen Völkerjahrmarktes darbot, ein Fehler, der von da

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[6/0020] Einleitung. Eine gewaltige Schiffsachse mit zwei Kurbeln für einen Dampfer des Norddeutschen Lloyd in einem Stück geschmiedet wog 22000 Pfund (11 Tonnen). Zu seinen tadellosen Eisenbahn-Radreifen, ohne Schweiſsung aus Guſsstahl gewalzt, konnte er bemerken, daſs davon über 40000 Stück von ihm geliefert worden seien, von denen viele schon seit Jahren liefen. Von den Kanonenrohren wog eins mit spiegelreiner Seele von 9 engl. Zoll Durchmesser 18000 Pfund und eine gehärtete, polierte Walze von 10 Zoll Durchmesser und 16 Zoll Länge glänzte heller als ein Spiegel. Neben diesen Leistungen Krupps waren es zunächst die Panzer- platten der Engländer, welche besonderes Interesse erregten. Davon hatten die Mersey-Eisen- und Stahlwerke bei Liverpool geschmiedete von 30 Fuſs Länge, 6 Fuſs Breite und 5½ Zoll Dicke ausgestellt, während die von John Brown in Sheffield ausgestellten gewalzt waren. Die vorgenannten Mersey-Stahlwerke zeichneten sich überhaupt durch riesige Schmiedestücke aus; eine von ihnen ausgestellte Kurbel- welle wog 24½ Tonnen. Butterley & Comp.-Eisenwerke zu Alfreton, welche gleichfalls Panzerplatten ausgestellt hatten, leisteten Bewunderungswürdiges in gewalztem Formeisen. I-(= Doppel-T-Schiene) Schienen von 3 Fuſs Steghöhe, 12 Zoll breitem Fuſs und ½ Zoll Stärke waren in Längen von 30 bis 60 Fuſs ausgestellt und eine Eisenbahnschiene von 5¼ Zoll Höhe war auf 117 Fuſs Länge ausgewalzt. Einen merkwürdigen Kontrast gegen die mächtigen Panzerplatten bildeten die papierdünn ausgewalzten belgischen und englischen Schwarzbleche, wovon das Copper-mine-Werk Muster ausgestellt hatte, von denen der Quadratfuſs noch keine Unze wog. Die groſse internationale Industrieausstellung vom Jahre 1867 in Paris übertraf aber noch bei weitem alle vorhergegangenen an Umfang und Pracht. Sie war bewunderungswürdig durch Mannigfaltigkeit und Schönheit des Ausgestellten, wie durch Einheitlichkeit und Geschmack der Anordnung. In ihr feierte der französische Geschmack einen Triumph und sie diente dazu, die Herrschaft Napoleons noch einmal in vollem Glanze erstrahlen zu lassen. Diese Nebenzwecke beein- trächtigten aber den eigentlichen Grundgedanken, die sachliche Dar- stellung des ernsten Wettkampfes der Industrieen der Kulturstaaten. Es war zu viel Ausstattung und Schaugepränge, zu viel Unterhaltung und Bewirtung, wodurch diese Ausstellung zum erstenmal mehr das Bild eines groſsen Völkerjahrmarktes darbot, ein Fehler, der von da

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Zitationshilfe: Beck, Ludwig: Die Geschichte des Eisens. Bd. 5: Das XIX. Jahrhundert von 1860 bis zum Schluss. Braunschweig, 1903, S. 6. In: Deutsches Textarchiv <https://www.deutschestextarchiv.de/beck_eisen05_1903/20>, abgerufen am 16.08.2022.