Anmelden (DTAQ) DWDS     dlexDB     CLARIN-D

Allgemeine Zeitung. Nr. 180. Augsburg, 28. Juni 1840.

Bild:
<< vorherige Seite

Tod die Pforte aufrecht gehalten und die herbsten Schläge, mit denen die Vorsehung das osmanische Reich heimsuchte, zu neutralisiren verstanden habe. Die Andern meinen, die Sultana Valide sey noch immer von den besten Gesinnungen für den Vicekönig beherrscht, und nur dadurch für Chosrew gewonnen worden, weil sich dieser selbst in der letzten Zeit für Mehemed Ali gewinnen ließ. Dem sey nun wie ihm wolle, gewiß ist, daß die Vorgänge in Konstantinopel die Frucht einer Reaction entweder gegen die ungeheueren, bereits jeden Glauben übersteigenden Cabalen des Vicekönigs, oder geheimer, erst vor kurzem an das Tageslicht gediehener Plane irgend einer europäischen Macht geworden sind. Nichts wäre leichter, als sich der Meinung der ersten oder der andern anzuschließen, denn Belege für beide ließen sich in Hülle und Fülle aufbringen. Daß ich keines von beiden thue, möge Ihnen als Beweis meiner Unparteilichkeit dienen. Meine Berichte, meine Urtheile werden daher schwanken, so lange sich die Sachen nicht entschieden aufgeklärt haben. - Der russische Botschafter hat den ersehnten Urlaub erhalten; seine Gemahlin ist sehr leidend, und beide werden uns nächstens verlassen, um über Wien nach Rußland zurückzukehren.

Vor einigen Tagen weckten uns um die Mitternachtsstunde einige Flintenschüsse, und unsere durch die ewigen Besorgnisse erhitzte Phantasie sah den ganzen türkischen und christlichen Pöbel von Konstantinopel im Kampfe begriffen, die Verkündigungen von Volksbewegungen endlich in Erfüllung gegangen. Allein das Schießen hörte bald auf und den folgenden Tag zeigte sich, daß die allarmirende Scene von mehreren türkischen Wachen ausgegangen war, die sich um den Besitz einiger Lustdirnen stritten. Die vortreffliche Polizei dieser Hauptstadt dient bei solchen Gelegenheiten immer zum Trost, daß bevorstehende Unruhen schnell entdeckt und im Keime erstickt werden. Ich glaube, es hat noch Niemand öffentlich diese Seite der türkischen Verwaltung gehörig gewürdigt, daher halte ich es nicht für überflüssig, die Aufmerksamkeit der Europäer darauf zu richten, welche nicht wissen dürften, daß es in keiner europäischen Hauptstadt eine so gewandte, so thätige Polizei gibt wie in der türkischen. - Nachrichten aus Alexandrien besagen, daß der Prinz Heinrich der Niederlande vor jener Stadt mit seiner Fregatte erschienen war, jedoch bis zum 28 wegen widrigen Windes nicht einlaufen konnte. Der Vicekönig hatte mit der Million Colonati, die er aus der verkauften Baumwolle gelöst, einen sechsmonatlichen Rückstand bei verschiedenen Kaufleuten, zum Theil auch bei der Armee getilgt. Die Nachricht von der Absetzung Halil Pascha's hatte in Alexandrien keine besondere Wirkung gemacht. Aus Kahira waren die traurigsten Nachrichten über die dort stattgefundenen Feuersbrünste eingegangen.

Ostindien und China.

(Beschluß.) Daß bei diesen Umständen die Ausfuhr von Indien nicht zum zehnten Theil das ist, was sie seyn könnte, ist unvermeidlich. Indien braucht Capitalien und europäische Direction für die Cultur der Ausfuhrproducte, denn der indische Bauer ist zu arm, um auf Speculation zu bauen, und zu unwissend, um seinem Product die Qualitäten zu geben, welche ihm auf fremden Märkten seinen vollen Werth sichern. Wir sehen daher, daß nur Indigo und Opium seit der englischen Herrschaft zu großen Ausfuhrartikeln geworden sind, weil bei Indigo die Agentschaften und bei Opium die Compagnie Vorschuß geben, und bei beiden europäische Aufsicht die Qualität verbessert hat. Die Ausfuhr von Indigo, welche im Anfang des Jahrhunderts noch ganz unbedeutend war, beträgt 1,400,000 Pf. St. jährlich, und die von Opium 1,800,000. Sobald dieselbe Sorgfalt auf andere Artikel verwendet werden wird, ist gar nicht zweifelhaft, daß sie bei der großen Wohlfeilheit der Arbeit in Indien die Producte von Amerika auf den englischen und continentalen Märkten verdrängen würden. Aber dazu gehört, daß der Bauer durch Vorschüsse dem Wucher der einheimischen Wechsler entzogen wird, welche ihm selten unter 24 Proc. leihen, daß ihm die Art der Bereitung vorgeschrieben wird, und daß die Commissionskosten in Calcutta bei der Ausfuhr reducirt werden. Dazu gehören europäische Compagnien mit englischem Capital und ihren eigenen Agenten sowohl in den Provinzen als hier, so daß man alle Dazwischenkunft der hiesigen Häuser gänzlich vermeidet. Darum ist die Bildung der Thee- und der Kautschukcompagnien ein so gutes Beispiel, obgleich ihre Organisation noch nicht ganz gut ist, indem sie mit dem hiesigen Handel noch zu sehr in Verbindung stehen; aber darin werden sie bald die nöthigen Verbesserungen treffen, was leicht genug ist. Die englischen Philanthropen predigen über Abschaffung des Sklavenhandels, und haben den Staat vermocht unendliche Summen darauf ohne große Resultate zu verwenden. Das einzige Mittel ist Colonialproducte wohlfeiler zu liefern, als sie der Sklavenbesitzer in Brasilien und Louisiana liefern kann, und dieß kann hier geschehen. Die Abnahme der Production in Westindien und die Gleichstellung des Zolls auf ost- und westindischen Zucker hat die Ausfuhr von Zucker aus Indien seit 1832 von 88,000 Centnern im J. 1839 auf 460,000 gehoben. Wenn aber eine Zuckercompagnie existirte, welche durch ihre Agenten im Gangesthale Vorschüsse leistete, und Zuckermühlen nach den neuesten und besten Modellen einrichtete, so könnte sich die Ausfuhr in kurzer Zeit auf Millionen von Centnern erheben; so ist's mit Baumwolle, mit Kaffee und andern Artikeln. Die Holländer haben dieses System angewendet, daher die ungeheure Zunahme der Ausfuhr. Man findet in Geschäften hier Dinge, welche unglaublich scheinen würden, wenn sie nicht allzu gewiß wären: z. B. daß England den Kaffee von Mysore nicht als englischen Colonialkaffee anerkennt, während die Provinz in den Händen der Compagnie ist und ihr so gut gehört als Bengalen oder Penang. Wie groß die Einfuhr ostindischen Kaffee's in England seyn könnte, sieht man aus folgendem sonderbaren Beispiel, das die Monstrosität der Finanzreglements in ein helles Licht stellt. Der Kaffee von Java kann von Batavia nicht direct nach England ausgeführt werden, da die Handelsgesellschaft das Monopol der Ausfuhr hat, und ihn immer nach Rotterdam schickt. Wollte man ihn dort für den englischen Markt kaufen, so würde der Centner 6 Pf. 5 Sch. Zoll zahlen; man schickt ihn daher von Rotterdam aufs Cap, von wo er nach London mit einem Zoll von 4 Pf. 10 Sch. eingeführt wird. Würde der Kaffee von Mysore als englisches Colonialproduct behandelt, wie er auch nichts anders ist, so würde er anstatt 4 Pf. 10 Sch. nur 3 Pf. per Centner bezahlen, und die Cultur würde sich eben so schnell ausbreiten als sie in Westindien fällt. Ich habe gerade mit einem Beamten aus der Präsidentschaft Madras über diese Verhältnisse gesprochen, und er hat mir ein Factum erzählt, das ich hier noch beisetzen will. Er sagte mir, er habe seinen District sehr entvölkert gefunden, und um Bewohner anzuziehen einige Tage lang Vorschüsse aus der Casse gemacht. Die Folge sey gewesen, daß eine Menge von Arbeitern, welche bei den größern Gutsbesitzern der Provinz und der umliegenden Gegenden im Dienste gewesen, hergeströmt seyen und mit dem ihnen vorgeschossenen, sehr unbedeutenden Capital, auf eigene Rechnung Ländereien cultivirt hätten; wodurch die Masse des Getreides auf den Märkten plötzlich so vermehrt

Tod die Pforte aufrecht gehalten und die herbsten Schläge, mit denen die Vorsehung das osmanische Reich heimsuchte, zu neutralisiren verstanden habe. Die Andern meinen, die Sultana Valide sey noch immer von den besten Gesinnungen für den Vicekönig beherrscht, und nur dadurch für Chosrew gewonnen worden, weil sich dieser selbst in der letzten Zeit für Mehemed Ali gewinnen ließ. Dem sey nun wie ihm wolle, gewiß ist, daß die Vorgänge in Konstantinopel die Frucht einer Reaction entweder gegen die ungeheueren, bereits jeden Glauben übersteigenden Cabalen des Vicekönigs, oder geheimer, erst vor kurzem an das Tageslicht gediehener Plane irgend einer europäischen Macht geworden sind. Nichts wäre leichter, als sich der Meinung der ersten oder der andern anzuschließen, denn Belege für beide ließen sich in Hülle und Fülle aufbringen. Daß ich keines von beiden thue, möge Ihnen als Beweis meiner Unparteilichkeit dienen. Meine Berichte, meine Urtheile werden daher schwanken, so lange sich die Sachen nicht entschieden aufgeklärt haben. – Der russische Botschafter hat den ersehnten Urlaub erhalten; seine Gemahlin ist sehr leidend, und beide werden uns nächstens verlassen, um über Wien nach Rußland zurückzukehren.

Vor einigen Tagen weckten uns um die Mitternachtsstunde einige Flintenschüsse, und unsere durch die ewigen Besorgnisse erhitzte Phantasie sah den ganzen türkischen und christlichen Pöbel von Konstantinopel im Kampfe begriffen, die Verkündigungen von Volksbewegungen endlich in Erfüllung gegangen. Allein das Schießen hörte bald auf und den folgenden Tag zeigte sich, daß die allarmirende Scene von mehreren türkischen Wachen ausgegangen war, die sich um den Besitz einiger Lustdirnen stritten. Die vortreffliche Polizei dieser Hauptstadt dient bei solchen Gelegenheiten immer zum Trost, daß bevorstehende Unruhen schnell entdeckt und im Keime erstickt werden. Ich glaube, es hat noch Niemand öffentlich diese Seite der türkischen Verwaltung gehörig gewürdigt, daher halte ich es nicht für überflüssig, die Aufmerksamkeit der Europäer darauf zu richten, welche nicht wissen dürften, daß es in keiner europäischen Hauptstadt eine so gewandte, so thätige Polizei gibt wie in der türkischen. – Nachrichten aus Alexandrien besagen, daß der Prinz Heinrich der Niederlande vor jener Stadt mit seiner Fregatte erschienen war, jedoch bis zum 28 wegen widrigen Windes nicht einlaufen konnte. Der Vicekönig hatte mit der Million Colonati, die er aus der verkauften Baumwolle gelöst, einen sechsmonatlichen Rückstand bei verschiedenen Kaufleuten, zum Theil auch bei der Armee getilgt. Die Nachricht von der Absetzung Halil Pascha's hatte in Alexandrien keine besondere Wirkung gemacht. Aus Kahira waren die traurigsten Nachrichten über die dort stattgefundenen Feuersbrünste eingegangen.

Ostindien und China.

(Beschluß.) Daß bei diesen Umständen die Ausfuhr von Indien nicht zum zehnten Theil das ist, was sie seyn könnte, ist unvermeidlich. Indien braucht Capitalien und europäische Direction für die Cultur der Ausfuhrproducte, denn der indische Bauer ist zu arm, um auf Speculation zu bauen, und zu unwissend, um seinem Product die Qualitäten zu geben, welche ihm auf fremden Märkten seinen vollen Werth sichern. Wir sehen daher, daß nur Indigo und Opium seit der englischen Herrschaft zu großen Ausfuhrartikeln geworden sind, weil bei Indigo die Agentschaften und bei Opium die Compagnie Vorschuß geben, und bei beiden europäische Aufsicht die Qualität verbessert hat. Die Ausfuhr von Indigo, welche im Anfang des Jahrhunderts noch ganz unbedeutend war, beträgt 1,400,000 Pf. St. jährlich, und die von Opium 1,800,000. Sobald dieselbe Sorgfalt auf andere Artikel verwendet werden wird, ist gar nicht zweifelhaft, daß sie bei der großen Wohlfeilheit der Arbeit in Indien die Producte von Amerika auf den englischen und continentalen Märkten verdrängen würden. Aber dazu gehört, daß der Bauer durch Vorschüsse dem Wucher der einheimischen Wechsler entzogen wird, welche ihm selten unter 24 Proc. leihen, daß ihm die Art der Bereitung vorgeschrieben wird, und daß die Commissionskosten in Calcutta bei der Ausfuhr reducirt werden. Dazu gehören europäische Compagnien mit englischem Capital und ihren eigenen Agenten sowohl in den Provinzen als hier, so daß man alle Dazwischenkunft der hiesigen Häuser gänzlich vermeidet. Darum ist die Bildung der Thee- und der Kautschukcompagnien ein so gutes Beispiel, obgleich ihre Organisation noch nicht ganz gut ist, indem sie mit dem hiesigen Handel noch zu sehr in Verbindung stehen; aber darin werden sie bald die nöthigen Verbesserungen treffen, was leicht genug ist. Die englischen Philanthropen predigen über Abschaffung des Sklavenhandels, und haben den Staat vermocht unendliche Summen darauf ohne große Resultate zu verwenden. Das einzige Mittel ist Colonialproducte wohlfeiler zu liefern, als sie der Sklavenbesitzer in Brasilien und Louisiana liefern kann, und dieß kann hier geschehen. Die Abnahme der Production in Westindien und die Gleichstellung des Zolls auf ost- und westindischen Zucker hat die Ausfuhr von Zucker aus Indien seit 1832 von 88,000 Centnern im J. 1839 auf 460,000 gehoben. Wenn aber eine Zuckercompagnie existirte, welche durch ihre Agenten im Gangesthale Vorschüsse leistete, und Zuckermühlen nach den neuesten und besten Modellen einrichtete, so könnte sich die Ausfuhr in kurzer Zeit auf Millionen von Centnern erheben; so ist's mit Baumwolle, mit Kaffee und andern Artikeln. Die Holländer haben dieses System angewendet, daher die ungeheure Zunahme der Ausfuhr. Man findet in Geschäften hier Dinge, welche unglaublich scheinen würden, wenn sie nicht allzu gewiß wären: z. B. daß England den Kaffee von Mysore nicht als englischen Colonialkaffee anerkennt, während die Provinz in den Händen der Compagnie ist und ihr so gut gehört als Bengalen oder Penang. Wie groß die Einfuhr ostindischen Kaffee's in England seyn könnte, sieht man aus folgendem sonderbaren Beispiel, das die Monstrosität der Finanzreglements in ein helles Licht stellt. Der Kaffee von Java kann von Batavia nicht direct nach England ausgeführt werden, da die Handelsgesellschaft das Monopol der Ausfuhr hat, und ihn immer nach Rotterdam schickt. Wollte man ihn dort für den englischen Markt kaufen, so würde der Centner 6 Pf. 5 Sch. Zoll zahlen; man schickt ihn daher von Rotterdam aufs Cap, von wo er nach London mit einem Zoll von 4 Pf. 10 Sch. eingeführt wird. Würde der Kaffee von Mysore als englisches Colonialproduct behandelt, wie er auch nichts anders ist, so würde er anstatt 4 Pf. 10 Sch. nur 3 Pf. per Centner bezahlen, und die Cultur würde sich eben so schnell ausbreiten als sie in Westindien fällt. Ich habe gerade mit einem Beamten aus der Präsidentschaft Madras über diese Verhältnisse gesprochen, und er hat mir ein Factum erzählt, das ich hier noch beisetzen will. Er sagte mir, er habe seinen District sehr entvölkert gefunden, und um Bewohner anzuziehen einige Tage lang Vorschüsse aus der Casse gemacht. Die Folge sey gewesen, daß eine Menge von Arbeitern, welche bei den größern Gutsbesitzern der Provinz und der umliegenden Gegenden im Dienste gewesen, hergeströmt seyen und mit dem ihnen vorgeschossenen, sehr unbedeutenden Capital, auf eigene Rechnung Ländereien cultivirt hätten; wodurch die Masse des Getreides auf den Märkten plötzlich so vermehrt

<TEI>
  <text>
    <body>
      <div type="jArticle" n="1">
        <div n="2">
          <p><pb facs="#f0013" n="1429"/>
Tod die Pforte aufrecht gehalten und die herbsten Schläge, mit denen die Vorsehung das osmanische Reich heimsuchte, zu neutralisiren verstanden habe. Die Andern meinen, die Sultana Valide sey noch immer von den besten Gesinnungen für den Vicekönig beherrscht, und nur dadurch für Chosrew gewonnen worden, weil sich <hi rendition="#g">dieser</hi> selbst in der letzten Zeit für Mehemed Ali gewinnen ließ. Dem sey nun wie ihm wolle, gewiß ist, daß die Vorgänge in Konstantinopel die Frucht einer Reaction entweder gegen die ungeheueren, bereits jeden Glauben übersteigenden Cabalen des Vicekönigs, oder geheimer, erst vor kurzem an das Tageslicht gediehener Plane irgend einer europäischen Macht geworden sind. Nichts wäre leichter, als sich der Meinung der ersten oder der andern anzuschließen, denn Belege für beide ließen sich in Hülle und Fülle aufbringen. Daß ich keines von beiden thue, möge Ihnen als Beweis meiner Unparteilichkeit dienen. Meine Berichte, meine Urtheile werden daher schwanken, so lange sich die Sachen nicht entschieden aufgeklärt haben. &#x2013; Der russische Botschafter hat den ersehnten Urlaub erhalten; seine Gemahlin ist sehr leidend, und beide werden uns nächstens verlassen, um über Wien nach Rußland zurückzukehren.</p>
        </div><lb/>
        <div n="2">
          <byline>
            <gap reason="insignificant" unit="chars" quantity="1"/>
          </byline>
          <dateline><hi rendition="#b">Pera,</hi> 10 Jun.</dateline>
          <p> Vor einigen Tagen weckten uns um die Mitternachtsstunde einige Flintenschüsse, und unsere durch die ewigen Besorgnisse erhitzte Phantasie sah den ganzen türkischen und christlichen Pöbel von Konstantinopel im Kampfe begriffen, die Verkündigungen von Volksbewegungen endlich in Erfüllung gegangen. Allein das Schießen hörte bald auf und den folgenden Tag zeigte sich, daß die allarmirende Scene von mehreren türkischen Wachen ausgegangen war, die sich um den Besitz einiger Lustdirnen stritten. Die vortreffliche Polizei dieser Hauptstadt dient bei solchen Gelegenheiten immer zum Trost, daß bevorstehende Unruhen schnell entdeckt und im Keime erstickt werden. Ich glaube, es hat noch Niemand öffentlich diese Seite der türkischen Verwaltung <hi rendition="#g">gehörig</hi> gewürdigt, daher halte ich es nicht für überflüssig, die Aufmerksamkeit der Europäer darauf zu richten, welche nicht wissen dürften, daß es in keiner europäischen Hauptstadt eine so gewandte, so thätige Polizei gibt wie in der türkischen. &#x2013; Nachrichten aus Alexandrien besagen, daß der Prinz Heinrich der Niederlande vor jener Stadt mit seiner Fregatte erschienen war, jedoch bis zum 28 wegen widrigen Windes nicht einlaufen konnte. Der Vicekönig hatte mit der Million Colonati, die er aus der verkauften Baumwolle gelöst, einen sechsmonatlichen Rückstand bei verschiedenen Kaufleuten, zum Theil auch bei der Armee getilgt. Die Nachricht von der Absetzung Halil Pascha's hatte in Alexandrien keine besondere Wirkung gemacht. Aus Kahira waren die traurigsten Nachrichten über die dort stattgefundenen Feuersbrünste eingegangen.</p><lb/>
        </div>
      </div>
      <div type="jArticle" n="1">
        <head> <hi rendition="#b">Ostindien und China.</hi> </head><lb/>
        <div n="2">
          <byline>
            <docAuthor>
              <gap reason="insignificant"/>
            </docAuthor>
          </byline>
          <dateline><hi rendition="#b">Calcutta,</hi> 15 April.</dateline>
          <p> (Beschluß.) Daß bei diesen Umständen die Ausfuhr von Indien nicht zum zehnten Theil das ist, was sie seyn könnte, ist unvermeidlich. Indien braucht Capitalien und europäische Direction für die Cultur der Ausfuhrproducte, denn der indische Bauer ist zu arm, um auf Speculation zu bauen, und zu unwissend, um seinem Product die Qualitäten zu geben, welche ihm auf fremden Märkten seinen vollen Werth sichern. Wir sehen daher, daß nur Indigo und Opium seit der englischen Herrschaft zu großen Ausfuhrartikeln geworden sind, weil bei Indigo die Agentschaften und bei Opium die Compagnie Vorschuß geben, und bei beiden europäische Aufsicht die Qualität verbessert hat. Die Ausfuhr von Indigo, welche im Anfang des Jahrhunderts noch ganz unbedeutend war, beträgt 1,400,000 Pf. St. jährlich, und die von Opium 1,800,000. Sobald dieselbe Sorgfalt auf andere Artikel verwendet werden wird, ist gar nicht zweifelhaft, daß sie bei der großen Wohlfeilheit der Arbeit in Indien die Producte von Amerika auf den englischen und continentalen Märkten verdrängen würden. Aber dazu gehört, daß der Bauer durch Vorschüsse dem Wucher der einheimischen Wechsler entzogen wird, welche ihm selten unter 24 Proc. leihen, daß ihm die Art der Bereitung vorgeschrieben wird, und daß die Commissionskosten in Calcutta bei der Ausfuhr reducirt werden. Dazu gehören europäische Compagnien mit englischem Capital und ihren eigenen Agenten sowohl in den Provinzen als hier, so daß man alle Dazwischenkunft der hiesigen Häuser gänzlich vermeidet. Darum ist die Bildung der Thee- und der Kautschukcompagnien ein so gutes Beispiel, obgleich ihre Organisation noch nicht ganz gut ist, indem sie mit dem hiesigen Handel noch zu sehr in Verbindung stehen; aber darin werden sie bald die nöthigen Verbesserungen treffen, was leicht genug ist. Die englischen Philanthropen predigen über Abschaffung des Sklavenhandels, und haben den Staat vermocht unendliche Summen darauf ohne große Resultate zu verwenden. Das einzige Mittel ist Colonialproducte wohlfeiler zu liefern, als sie der Sklavenbesitzer in Brasilien und Louisiana liefern kann, und dieß kann hier geschehen. Die Abnahme der Production in Westindien und die Gleichstellung des Zolls auf ost- und westindischen Zucker hat die Ausfuhr von Zucker aus Indien seit 1832 von 88,000 Centnern im J. 1839 auf 460,000 gehoben. Wenn aber eine Zuckercompagnie existirte, welche durch ihre Agenten im Gangesthale Vorschüsse leistete, und Zuckermühlen nach den neuesten und besten Modellen einrichtete, so könnte sich die Ausfuhr in kurzer Zeit auf Millionen von Centnern erheben; so ist's mit Baumwolle, mit Kaffee und andern Artikeln. Die Holländer haben dieses System angewendet, daher die ungeheure Zunahme der Ausfuhr. Man findet in Geschäften hier Dinge, welche unglaublich scheinen würden, wenn sie nicht allzu gewiß wären: z. B. daß England den Kaffee von Mysore nicht als englischen Colonialkaffee anerkennt, während die Provinz in den Händen der Compagnie ist und ihr so gut gehört als Bengalen oder Penang. Wie groß die Einfuhr ostindischen Kaffee's in England seyn könnte, sieht man aus folgendem sonderbaren Beispiel, das die Monstrosität der Finanzreglements in ein helles Licht stellt. Der Kaffee von Java kann von Batavia nicht direct nach England ausgeführt werden, da die Handelsgesellschaft das Monopol der Ausfuhr hat, und ihn immer nach Rotterdam schickt. Wollte man ihn dort für den englischen Markt kaufen, so würde der Centner 6 Pf. 5 Sch. Zoll zahlen; man schickt ihn daher von Rotterdam aufs Cap, von wo er nach London mit einem Zoll von 4 Pf. 10 Sch. eingeführt wird. Würde der Kaffee von Mysore als englisches Colonialproduct behandelt, wie er auch nichts anders ist, so würde er anstatt 4 Pf. 10 Sch. nur 3 Pf. per Centner bezahlen, und die Cultur würde sich eben so schnell ausbreiten als sie in Westindien fällt. Ich habe gerade mit einem Beamten aus der Präsidentschaft Madras über diese Verhältnisse gesprochen, und er hat mir ein Factum erzählt, das ich hier noch beisetzen will. Er sagte mir, er habe seinen District sehr entvölkert gefunden, und um Bewohner anzuziehen einige Tage lang Vorschüsse aus der Casse gemacht. Die Folge sey gewesen, daß eine Menge von Arbeitern, welche bei den größern Gutsbesitzern der Provinz und der umliegenden Gegenden im Dienste gewesen, hergeströmt seyen und mit dem ihnen vorgeschossenen, sehr unbedeutenden Capital, auf eigene Rechnung Ländereien cultivirt hätten; wodurch die Masse des Getreides auf den Märkten plötzlich so vermehrt<lb/></p>
        </div>
      </div>
    </body>
  </text>
</TEI>
[1429/0013] Tod die Pforte aufrecht gehalten und die herbsten Schläge, mit denen die Vorsehung das osmanische Reich heimsuchte, zu neutralisiren verstanden habe. Die Andern meinen, die Sultana Valide sey noch immer von den besten Gesinnungen für den Vicekönig beherrscht, und nur dadurch für Chosrew gewonnen worden, weil sich dieser selbst in der letzten Zeit für Mehemed Ali gewinnen ließ. Dem sey nun wie ihm wolle, gewiß ist, daß die Vorgänge in Konstantinopel die Frucht einer Reaction entweder gegen die ungeheueren, bereits jeden Glauben übersteigenden Cabalen des Vicekönigs, oder geheimer, erst vor kurzem an das Tageslicht gediehener Plane irgend einer europäischen Macht geworden sind. Nichts wäre leichter, als sich der Meinung der ersten oder der andern anzuschließen, denn Belege für beide ließen sich in Hülle und Fülle aufbringen. Daß ich keines von beiden thue, möge Ihnen als Beweis meiner Unparteilichkeit dienen. Meine Berichte, meine Urtheile werden daher schwanken, so lange sich die Sachen nicht entschieden aufgeklärt haben. – Der russische Botschafter hat den ersehnten Urlaub erhalten; seine Gemahlin ist sehr leidend, und beide werden uns nächstens verlassen, um über Wien nach Rußland zurückzukehren. _ Pera, 10 Jun. Vor einigen Tagen weckten uns um die Mitternachtsstunde einige Flintenschüsse, und unsere durch die ewigen Besorgnisse erhitzte Phantasie sah den ganzen türkischen und christlichen Pöbel von Konstantinopel im Kampfe begriffen, die Verkündigungen von Volksbewegungen endlich in Erfüllung gegangen. Allein das Schießen hörte bald auf und den folgenden Tag zeigte sich, daß die allarmirende Scene von mehreren türkischen Wachen ausgegangen war, die sich um den Besitz einiger Lustdirnen stritten. Die vortreffliche Polizei dieser Hauptstadt dient bei solchen Gelegenheiten immer zum Trost, daß bevorstehende Unruhen schnell entdeckt und im Keime erstickt werden. Ich glaube, es hat noch Niemand öffentlich diese Seite der türkischen Verwaltung gehörig gewürdigt, daher halte ich es nicht für überflüssig, die Aufmerksamkeit der Europäer darauf zu richten, welche nicht wissen dürften, daß es in keiner europäischen Hauptstadt eine so gewandte, so thätige Polizei gibt wie in der türkischen. – Nachrichten aus Alexandrien besagen, daß der Prinz Heinrich der Niederlande vor jener Stadt mit seiner Fregatte erschienen war, jedoch bis zum 28 wegen widrigen Windes nicht einlaufen konnte. Der Vicekönig hatte mit der Million Colonati, die er aus der verkauften Baumwolle gelöst, einen sechsmonatlichen Rückstand bei verschiedenen Kaufleuten, zum Theil auch bei der Armee getilgt. Die Nachricht von der Absetzung Halil Pascha's hatte in Alexandrien keine besondere Wirkung gemacht. Aus Kahira waren die traurigsten Nachrichten über die dort stattgefundenen Feuersbrünste eingegangen. Ostindien und China. _ Calcutta, 15 April. (Beschluß.) Daß bei diesen Umständen die Ausfuhr von Indien nicht zum zehnten Theil das ist, was sie seyn könnte, ist unvermeidlich. Indien braucht Capitalien und europäische Direction für die Cultur der Ausfuhrproducte, denn der indische Bauer ist zu arm, um auf Speculation zu bauen, und zu unwissend, um seinem Product die Qualitäten zu geben, welche ihm auf fremden Märkten seinen vollen Werth sichern. Wir sehen daher, daß nur Indigo und Opium seit der englischen Herrschaft zu großen Ausfuhrartikeln geworden sind, weil bei Indigo die Agentschaften und bei Opium die Compagnie Vorschuß geben, und bei beiden europäische Aufsicht die Qualität verbessert hat. Die Ausfuhr von Indigo, welche im Anfang des Jahrhunderts noch ganz unbedeutend war, beträgt 1,400,000 Pf. St. jährlich, und die von Opium 1,800,000. Sobald dieselbe Sorgfalt auf andere Artikel verwendet werden wird, ist gar nicht zweifelhaft, daß sie bei der großen Wohlfeilheit der Arbeit in Indien die Producte von Amerika auf den englischen und continentalen Märkten verdrängen würden. Aber dazu gehört, daß der Bauer durch Vorschüsse dem Wucher der einheimischen Wechsler entzogen wird, welche ihm selten unter 24 Proc. leihen, daß ihm die Art der Bereitung vorgeschrieben wird, und daß die Commissionskosten in Calcutta bei der Ausfuhr reducirt werden. Dazu gehören europäische Compagnien mit englischem Capital und ihren eigenen Agenten sowohl in den Provinzen als hier, so daß man alle Dazwischenkunft der hiesigen Häuser gänzlich vermeidet. Darum ist die Bildung der Thee- und der Kautschukcompagnien ein so gutes Beispiel, obgleich ihre Organisation noch nicht ganz gut ist, indem sie mit dem hiesigen Handel noch zu sehr in Verbindung stehen; aber darin werden sie bald die nöthigen Verbesserungen treffen, was leicht genug ist. Die englischen Philanthropen predigen über Abschaffung des Sklavenhandels, und haben den Staat vermocht unendliche Summen darauf ohne große Resultate zu verwenden. Das einzige Mittel ist Colonialproducte wohlfeiler zu liefern, als sie der Sklavenbesitzer in Brasilien und Louisiana liefern kann, und dieß kann hier geschehen. Die Abnahme der Production in Westindien und die Gleichstellung des Zolls auf ost- und westindischen Zucker hat die Ausfuhr von Zucker aus Indien seit 1832 von 88,000 Centnern im J. 1839 auf 460,000 gehoben. Wenn aber eine Zuckercompagnie existirte, welche durch ihre Agenten im Gangesthale Vorschüsse leistete, und Zuckermühlen nach den neuesten und besten Modellen einrichtete, so könnte sich die Ausfuhr in kurzer Zeit auf Millionen von Centnern erheben; so ist's mit Baumwolle, mit Kaffee und andern Artikeln. Die Holländer haben dieses System angewendet, daher die ungeheure Zunahme der Ausfuhr. Man findet in Geschäften hier Dinge, welche unglaublich scheinen würden, wenn sie nicht allzu gewiß wären: z. B. daß England den Kaffee von Mysore nicht als englischen Colonialkaffee anerkennt, während die Provinz in den Händen der Compagnie ist und ihr so gut gehört als Bengalen oder Penang. Wie groß die Einfuhr ostindischen Kaffee's in England seyn könnte, sieht man aus folgendem sonderbaren Beispiel, das die Monstrosität der Finanzreglements in ein helles Licht stellt. Der Kaffee von Java kann von Batavia nicht direct nach England ausgeführt werden, da die Handelsgesellschaft das Monopol der Ausfuhr hat, und ihn immer nach Rotterdam schickt. Wollte man ihn dort für den englischen Markt kaufen, so würde der Centner 6 Pf. 5 Sch. Zoll zahlen; man schickt ihn daher von Rotterdam aufs Cap, von wo er nach London mit einem Zoll von 4 Pf. 10 Sch. eingeführt wird. Würde der Kaffee von Mysore als englisches Colonialproduct behandelt, wie er auch nichts anders ist, so würde er anstatt 4 Pf. 10 Sch. nur 3 Pf. per Centner bezahlen, und die Cultur würde sich eben so schnell ausbreiten als sie in Westindien fällt. Ich habe gerade mit einem Beamten aus der Präsidentschaft Madras über diese Verhältnisse gesprochen, und er hat mir ein Factum erzählt, das ich hier noch beisetzen will. Er sagte mir, er habe seinen District sehr entvölkert gefunden, und um Bewohner anzuziehen einige Tage lang Vorschüsse aus der Casse gemacht. Die Folge sey gewesen, daß eine Menge von Arbeitern, welche bei den größern Gutsbesitzern der Provinz und der umliegenden Gegenden im Dienste gewesen, hergeströmt seyen und mit dem ihnen vorgeschossenen, sehr unbedeutenden Capital, auf eigene Rechnung Ländereien cultivirt hätten; wodurch die Masse des Getreides auf den Märkten plötzlich so vermehrt

Suche im Werk

Hilfe

Informationen zum Werk

Download dieses Werks

XML (TEI P5) · HTML · Text
TCF (text annotation layer)
TCF (tokenisiert, serialisiert, lemmatisiert, normalisiert)
XML (TEI P5 inkl. att.linguistic)

Metadaten zum Werk

TEI-Header · CMDI · Dublin Core

Ansichten dieser Seite

Voyant Tools ?

Language Resource Switchboard?

Feedback

Sie haben einen Fehler gefunden? Dann können Sie diesen über unsere Qualitätssicherungsplattform DTAQ melden.

Kommentar zur DTA-Ausgabe

Dieses Werk wurde im Rahmen des Moduls DTA-Erweiterungen (DTAE) digitalisiert. Weitere Informationen …

Deutsches Textarchiv: Bereitstellung der Texttranskription. (2016-06-28T11:37:15Z) Bitte beachten Sie, dass die aktuelle Transkription (und Textauszeichnung) mittlerweile nicht mehr dem Stand zum Zeitpunkt der Übernahme des Werkes in das DTA entsprechen muss.
Matthias Boenig: Bearbeitung der digitalen Edition. (2016-06-28T11:37:15Z)

Weitere Informationen:

Bogensignaturen: gekennzeichnet; Druckfehler: keine Angabe; fremdsprachliches Material: gekennzeichnet; Geminations-/Abkürzungsstriche: keine Angabe; Hervorhebungen (Antiqua, Sperrschrift, Kursive etc.): wie Vorlage; i/j in Fraktur: Lautwert transkribiert; I/J in Fraktur: Lautwert transkribiert; Kolumnentitel: gekennzeichnet; Kustoden: gekennzeichnet; langes s (?): als s transkribiert; Normalisierungen: keine Angabe; rundes r (&#xa75b;): als r/et transkribiert; Seitenumbrüche markiert: ja; Silbentrennung: aufgelöst; u/v bzw. U/V: Lautwert transkribiert; Vokale mit übergest. e: als ä/ö/ü transkribiert; Vollständigkeit: teilweise erfasst; Zeichensetzung: wie Vorlage; Zeilenumbrüche markiert: nein;




Ansicht auf Standard zurückstellen

URL zu diesem Werk: https://www.deutschestextarchiv.de/augsburgerallgemeine_180_18400628
URL zu dieser Seite: https://www.deutschestextarchiv.de/augsburgerallgemeine_180_18400628/13
Zitationshilfe: Allgemeine Zeitung. Nr. 180. Augsburg, 28. Juni 1840, S. 1429. In: Deutsches Textarchiv <https://www.deutschestextarchiv.de/augsburgerallgemeine_180_18400628/13>, abgerufen am 21.02.2024.