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Allgemeine Zeitung. Nr. 90. Augsburg, 30. März 1840.

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A. v. Lamartine.

Wenn ausgezeichnete Menschen unserer Beobachtung, welche Flecken an jeder Sonne zu entdecken sich beeilt, im Verlauf ihres Wirkens, ihre Schwächen und Schattenseiten, wie es einmal Menschen schwer anders vermögen, zur Schau gestellt, so sind wir gern und vorschnell geneigt, ihnen Rang und Größe abzusprechen, indem wir die Eigenschaften, die an ihnen des Tadels werth sind, für den Hauptcharakter ihrer Natur ausgeben. Wo nun gar Leidenschaft der Meinungen sich in das Urtheil mischt, da wird die Sache mit noch weniger Billigkeit betrieben, das natürliche Gute, so weit es möglich ist, in Unrecht verkehrt, und, was wirklich Rüge verdient, über alle Gebühr hoch angeschlagen. Dieß Schicksal widerfuhr einem Geiste, der in dem heutigen Geschlechte Frankreichs keinen über sich, nur wenige zur Seite hat, aber durch namhafte Fehler einen Schatten auf ungewöhnliche Vorzüge wirft. Alphonse v. Lamartine ist ohne Zweifel ein Mann, dessen Genius und Stellung es der Mühe verlohnt zu untersuchen, wie weit der Enthusiasmus seiner Freunde, oder die geringschätzende Sprache seiner Gegner Recht habe. Als Dichter hat er Frankreich mit einer in seinem Vaterlande fast nirgendwo geahnten Poesie beschenkt; als Redner, in gleichem Grade Neuling, die Tribune mit einem Adel der Gedanken wie mit einer Schönheit der Form bekannt gemacht, von der sie wenig nur zuvor gewußt, und als Staatsmann zwar nicht durch immer glückliche, doch stets eigenthümliche Ideen den trägen, störrischen Geist der gleichgültigen Menge gefesselt. In keiner von diesen Sphären ist er ein Bild vollkommener Tüchtigkeit, allein er sündigt, wo er immer eine Blöße gibt, nicht durch Leere und Alltäglichkeit, sondern durch schlecht verwaltete Fülle angeborner Schätze.

Der Sänger des Königthums und der Religion kam im Jahr 1791, also mitten im Wirbel der entstehenden Revolution, zu St. Point bei Macon, in Burgund, der Heimath Bossuets und Diderots, zur Welt, ist so fast ihr Altersgenosse, kann in Thun und Dichten auch trotz des ganz verschiedenen Weges, den sein Leben einschlug, dieß Datum nicht verheimlichen, und seine Werke tragen fast sämmtlich das Muttermal jener bewegten Zeit. Von ihr scheint er den Ungestüm und die schnell fertige Energie, die, so häufig zum Nachtheil seiner Arbeiten, der Charakter und die Geschichte seines Schaffens ist, von ihr die oratorische Entfaltung und den Pomp der Worte, worin namentlich die Gironde sich hervorthat, doch auch die innere Stärke der Gefühle und die Großartigkeit der Vorstellungen zu haben. Fast für alle Menschen besteht dieser geheime Zusammenhang des Charakters und der ersten Kindheit, und es ist, als ob eine aufmerksame Fee, deren geschäftige Fürsorge an das Daseyn irgend eines Sterblichen geknüpft ist, zu den Träumen des Säuglings und den Liedern, die seinen Schlummer umgaukeln, die lebhaftesten Eindrücke des Moments in Bild und Melodie geselle. Die ursprüngliche Schrift bleibt unzerstört, welch andere Linien auch eine spätere Entwicklung über sie hinwegziehe. Der Macht revolutionärer Einflüsterungen und dem zauberischen Schauspiel eines der furchtbarsten Orkane, deren die Geschichte politischer Umwälzungen gedenkt, wirkte in der Seele des jungen Lamartine jedoch eine stille und fromme Erziehung durch eine eben so religiöse als weltgebildete Mutter unablässig und darum wohl auch siegend entgegen. Während die Almanache der Republik die Evangelien der Epoche wurden, und die oft mährchenhaften Berichte von gewonnenen Schlachten an die Stelle der Erzählungen von Wunder und Geheimniß traten; während Kunst und Mode in der heidnischen Freiheit des Alterthums Eingebungen und Vorbilder suchten, und die Leiter des öffentlichen Unterrichts keine dringendere Aufgabe kannten, als, was die christliche Vorzeit Anziehendes und Herrliches aufweist, aus dem Gedächtnisse des Menschen zu vertilgen, so viel als möglich allen Sinn für die Beschäftigung mit dem Reiche, das jenseits des Verstandes liegt, zu ächten, und die genaue Kenntniß von Zahlen und Linien als die erhabenste Gränze geistiger Entfaltung anzugeben - während dieß vorging, ward Lamartine von seiner Mutter mit der Huld und Hoheit der heiligen Schriften vertraut gemacht, an den Verkehr mit dem Unbegreiflichen gewöhnt und zu strenger Achtung des Ueberlieferten angeleitet. Unglücklicherweise waren so heilsame Bemühungen nicht von gründlich und vielseitig bildendem Unterricht begleitet. Die Pflege der Religion mußte ohne den Halt und die Aufsicht der Wissenschaft bei einem so lebhaften und selbstständigen Geiste den Hang zu regellosem Denken und süßem Umherdämmern der Seele nicht bloß erzeugen, sondern auch zu unmäßigem Wachsthum ausbreiten. Diese Lücke in seiner Erziehung, die auch später durch ernste Studien der Schule nicht ausgefüllt wurde, hat dem Dichter sehr geschadet, und ist in allen seinen Werken mehr oder minder sichtbar. Nicht als ob ihm Armuth der Gedanken und Mangel an Stoff zu ihrer Einkleidung daraus entstanden wäre: Niemand findet die zahllosen Bruchtheile menschlicher Erkenntniß leichter, Niemand ist um ihre treffende Versinnlichung weniger verlegen, als der Sänger der Harmonien. Wenn auch seine Poesie, wo sie immer verweile, auf diesem oder jenem Wege der geistlichen Hymne nahe kommt, oder in sie übergeht, und in allen Falten der Natur wie des Lebens den unvermeidlichen Jehovah erspäht, so muß er bei diesem Suchen Gottes in der ganzen Schöpfung doch so viele Dinge und Verhältnisse berühren, daß seine Dichtungen, trotz der häufigen Wiederkehr desselben Thema's, eine große Mannichfaltigkeit der Anschauungen enthalten. Gilt es nun zu wissen, in wie fern jene Unzulänglichkeit der Erziehung auf sein Talent wirkte, so sehen wir, daß sie es ist, die den meisten seiner Erzeugnisse die Herrschaft eines ordnenden Geistes und das Kennzeichen classischer Meisterschaft, die abrundende Begränzung, entzog. Die Kunst ist die einzige Sphäre, in der ein geschaffenes Wesen das Vollkommene erschaffen kann, und hier hat das Wort der Schlange: "ihr werdet Gott gleich seyn", gewissermaßen sich bewährt. Doch, um das zu erreichen, genügen ausgezeichnete Anlagen dem Künstler nicht; er hat ein tiefes, fortwährendes Erforschen seiner Aufgabe und hiedurch die genaueste Bekanntschaft mit allen ihren Hülfsquellen und Gefahren nöthig. Sophokles, Dante, Goethe hatten die Theorie der vollendeten Gebilde, die sie schufen, durchaus inne, und auch einem Shakspeare fehlte sicher ein ähnliches Bewußtseyn nicht. Lamartine dagegen ist ein reiner Naturdichter, freilich vom ersten Range; die Ungewohntheit gründlichen Studiums überhaupt konnte ihn nicht auf das Studium seiner Kunst bringen, und was er schreibt, ist, nach eigenem Eingeständniß, alles improvisirt. Vorsicht aber und Maaß vertragen sich nicht wohl mit dem Stegreif, und wie der allzu eifrige, allzu eitle Freund pikanter Rede häufig durch allzu wilde Jagd nach Witz eine Reihe von matten und weit geholten Scherzen der Gesellschaft vorsetzt, eh' seine Laune zu rascher und glücklicher Entladung kommt, so kann selbst der genialste Improvisator oft nur durch einen Umweg von leeren und mißrathnen

A. v. Lamartine.

Wenn ausgezeichnete Menschen unserer Beobachtung, welche Flecken an jeder Sonne zu entdecken sich beeilt, im Verlauf ihres Wirkens, ihre Schwächen und Schattenseiten, wie es einmal Menschen schwer anders vermögen, zur Schau gestellt, so sind wir gern und vorschnell geneigt, ihnen Rang und Größe abzusprechen, indem wir die Eigenschaften, die an ihnen des Tadels werth sind, für den Hauptcharakter ihrer Natur ausgeben. Wo nun gar Leidenschaft der Meinungen sich in das Urtheil mischt, da wird die Sache mit noch weniger Billigkeit betrieben, das natürliche Gute, so weit es möglich ist, in Unrecht verkehrt, und, was wirklich Rüge verdient, über alle Gebühr hoch angeschlagen. Dieß Schicksal widerfuhr einem Geiste, der in dem heutigen Geschlechte Frankreichs keinen über sich, nur wenige zur Seite hat, aber durch namhafte Fehler einen Schatten auf ungewöhnliche Vorzüge wirft. Alphonse v. Lamartine ist ohne Zweifel ein Mann, dessen Genius und Stellung es der Mühe verlohnt zu untersuchen, wie weit der Enthusiasmus seiner Freunde, oder die geringschätzende Sprache seiner Gegner Recht habe. Als Dichter hat er Frankreich mit einer in seinem Vaterlande fast nirgendwo geahnten Poesie beschenkt; als Redner, in gleichem Grade Neuling, die Tribune mit einem Adel der Gedanken wie mit einer Schönheit der Form bekannt gemacht, von der sie wenig nur zuvor gewußt, und als Staatsmann zwar nicht durch immer glückliche, doch stets eigenthümliche Ideen den trägen, störrischen Geist der gleichgültigen Menge gefesselt. In keiner von diesen Sphären ist er ein Bild vollkommener Tüchtigkeit, allein er sündigt, wo er immer eine Blöße gibt, nicht durch Leere und Alltäglichkeit, sondern durch schlecht verwaltete Fülle angeborner Schätze.

Der Sänger des Königthums und der Religion kam im Jahr 1791, also mitten im Wirbel der entstehenden Revolution, zu St. Point bei Macon, in Burgund, der Heimath Bossuets und Diderots, zur Welt, ist so fast ihr Altersgenosse, kann in Thun und Dichten auch trotz des ganz verschiedenen Weges, den sein Leben einschlug, dieß Datum nicht verheimlichen, und seine Werke tragen fast sämmtlich das Muttermal jener bewegten Zeit. Von ihr scheint er den Ungestüm und die schnell fertige Energie, die, so häufig zum Nachtheil seiner Arbeiten, der Charakter und die Geschichte seines Schaffens ist, von ihr die oratorische Entfaltung und den Pomp der Worte, worin namentlich die Gironde sich hervorthat, doch auch die innere Stärke der Gefühle und die Großartigkeit der Vorstellungen zu haben. Fast für alle Menschen besteht dieser geheime Zusammenhang des Charakters und der ersten Kindheit, und es ist, als ob eine aufmerksame Fee, deren geschäftige Fürsorge an das Daseyn irgend eines Sterblichen geknüpft ist, zu den Träumen des Säuglings und den Liedern, die seinen Schlummer umgaukeln, die lebhaftesten Eindrücke des Moments in Bild und Melodie geselle. Die ursprüngliche Schrift bleibt unzerstört, welch andere Linien auch eine spätere Entwicklung über sie hinwegziehe. Der Macht revolutionärer Einflüsterungen und dem zauberischen Schauspiel eines der furchtbarsten Orkane, deren die Geschichte politischer Umwälzungen gedenkt, wirkte in der Seele des jungen Lamartine jedoch eine stille und fromme Erziehung durch eine eben so religiöse als weltgebildete Mutter unablässig und darum wohl auch siegend entgegen. Während die Almanache der Republik die Evangelien der Epoche wurden, und die oft mährchenhaften Berichte von gewonnenen Schlachten an die Stelle der Erzählungen von Wunder und Geheimniß traten; während Kunst und Mode in der heidnischen Freiheit des Alterthums Eingebungen und Vorbilder suchten, und die Leiter des öffentlichen Unterrichts keine dringendere Aufgabe kannten, als, was die christliche Vorzeit Anziehendes und Herrliches aufweist, aus dem Gedächtnisse des Menschen zu vertilgen, so viel als möglich allen Sinn für die Beschäftigung mit dem Reiche, das jenseits des Verstandes liegt, zu ächten, und die genaue Kenntniß von Zahlen und Linien als die erhabenste Gränze geistiger Entfaltung anzugeben – während dieß vorging, ward Lamartine von seiner Mutter mit der Huld und Hoheit der heiligen Schriften vertraut gemacht, an den Verkehr mit dem Unbegreiflichen gewöhnt und zu strenger Achtung des Ueberlieferten angeleitet. Unglücklicherweise waren so heilsame Bemühungen nicht von gründlich und vielseitig bildendem Unterricht begleitet. Die Pflege der Religion mußte ohne den Halt und die Aufsicht der Wissenschaft bei einem so lebhaften und selbstständigen Geiste den Hang zu regellosem Denken und süßem Umherdämmern der Seele nicht bloß erzeugen, sondern auch zu unmäßigem Wachsthum ausbreiten. Diese Lücke in seiner Erziehung, die auch später durch ernste Studien der Schule nicht ausgefüllt wurde, hat dem Dichter sehr geschadet, und ist in allen seinen Werken mehr oder minder sichtbar. Nicht als ob ihm Armuth der Gedanken und Mangel an Stoff zu ihrer Einkleidung daraus entstanden wäre: Niemand findet die zahllosen Bruchtheile menschlicher Erkenntniß leichter, Niemand ist um ihre treffende Versinnlichung weniger verlegen, als der Sänger der Harmonien. Wenn auch seine Poesie, wo sie immer verweile, auf diesem oder jenem Wege der geistlichen Hymne nahe kommt, oder in sie übergeht, und in allen Falten der Natur wie des Lebens den unvermeidlichen Jehovah erspäht, so muß er bei diesem Suchen Gottes in der ganzen Schöpfung doch so viele Dinge und Verhältnisse berühren, daß seine Dichtungen, trotz der häufigen Wiederkehr desselben Thema's, eine große Mannichfaltigkeit der Anschauungen enthalten. Gilt es nun zu wissen, in wie fern jene Unzulänglichkeit der Erziehung auf sein Talent wirkte, so sehen wir, daß sie es ist, die den meisten seiner Erzeugnisse die Herrschaft eines ordnenden Geistes und das Kennzeichen classischer Meisterschaft, die abrundende Begränzung, entzog. Die Kunst ist die einzige Sphäre, in der ein geschaffenes Wesen das Vollkommene erschaffen kann, und hier hat das Wort der Schlange: „ihr werdet Gott gleich seyn“, gewissermaßen sich bewährt. Doch, um das zu erreichen, genügen ausgezeichnete Anlagen dem Künstler nicht; er hat ein tiefes, fortwährendes Erforschen seiner Aufgabe und hiedurch die genaueste Bekanntschaft mit allen ihren Hülfsquellen und Gefahren nöthig. Sophokles, Dante, Goethe hatten die Theorie der vollendeten Gebilde, die sie schufen, durchaus inne, und auch einem Shakspeare fehlte sicher ein ähnliches Bewußtseyn nicht. Lamartine dagegen ist ein reiner Naturdichter, freilich vom ersten Range; die Ungewohntheit gründlichen Studiums überhaupt konnte ihn nicht auf das Studium seiner Kunst bringen, und was er schreibt, ist, nach eigenem Eingeständniß, alles improvisirt. Vorsicht aber und Maaß vertragen sich nicht wohl mit dem Stegreif, und wie der allzu eifrige, allzu eitle Freund pikanter Rede häufig durch allzu wilde Jagd nach Witz eine Reihe von matten und weit geholten Scherzen der Gesellschaft vorsetzt, eh' seine Laune zu rascher und glücklicher Entladung kommt, so kann selbst der genialste Improvisator oft nur durch einen Umweg von leeren und mißrathnen

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Fast für alle Menschen besteht dieser geheime Zusammenhang des Charakters und der ersten Kindheit, und es ist, als ob eine aufmerksame Fee, deren geschäftige Fürsorge an das Daseyn irgend eines Sterblichen geknüpft ist, zu den Träumen des Säuglings und den Liedern, die seinen Schlummer umgaukeln, die lebhaftesten Eindrücke des Moments in Bild und Melodie geselle. Die ursprüngliche Schrift bleibt unzerstört, welch andere Linien auch eine spätere Entwicklung über sie hinwegziehe. Der Macht revolutionärer Einflüsterungen und dem zauberischen Schauspiel eines der furchtbarsten Orkane, deren die Geschichte politischer Umwälzungen gedenkt, wirkte in der Seele des jungen Lamartine jedoch eine stille und fromme Erziehung durch eine eben so religiöse als weltgebildete Mutter unablässig und darum wohl auch siegend entgegen. Während die Almanache der Republik die Evangelien der Epoche wurden, und die oft mährchenhaften Berichte von gewonnenen Schlachten an die Stelle der Erzählungen von Wunder und Geheimniß traten; während Kunst und Mode in der heidnischen Freiheit des Alterthums Eingebungen und Vorbilder suchten, und die Leiter des öffentlichen Unterrichts keine dringendere Aufgabe kannten, als, was die christliche Vorzeit Anziehendes und Herrliches aufweist, aus dem Gedächtnisse des Menschen zu vertilgen, so viel als möglich allen Sinn für die Beschäftigung mit dem Reiche, das jenseits des Verstandes liegt, zu ächten, und die genaue Kenntniß von Zahlen und Linien als die erhabenste Gränze geistiger Entfaltung anzugeben &#x2013; während dieß vorging, ward Lamartine von seiner Mutter mit der Huld und Hoheit der heiligen Schriften vertraut gemacht, an den Verkehr mit dem Unbegreiflichen gewöhnt und zu strenger Achtung des Ueberlieferten angeleitet. Unglücklicherweise waren so heilsame Bemühungen nicht von gründlich und vielseitig bildendem Unterricht begleitet. Die Pflege der Religion mußte ohne den Halt und die Aufsicht der Wissenschaft bei einem so lebhaften und selbstständigen Geiste den Hang zu regellosem Denken und süßem Umherdämmern der Seele nicht bloß erzeugen, sondern auch zu unmäßigem Wachsthum ausbreiten. Diese Lücke in seiner Erziehung, die auch später durch ernste Studien der Schule nicht ausgefüllt wurde, hat dem Dichter sehr geschadet, und ist in allen seinen Werken mehr oder minder sichtbar. Nicht als ob ihm Armuth der Gedanken und Mangel an Stoff zu ihrer Einkleidung daraus entstanden wäre: Niemand findet die zahllosen Bruchtheile menschlicher Erkenntniß leichter, Niemand ist um ihre treffende Versinnlichung weniger verlegen, als der Sänger der Harmonien. Wenn auch seine Poesie, wo sie immer verweile, auf diesem oder jenem Wege der geistlichen Hymne nahe kommt, oder in sie übergeht, und in allen Falten der Natur wie des Lebens den unvermeidlichen Jehovah erspäht, so muß er bei diesem Suchen Gottes in der ganzen Schöpfung doch so viele Dinge und Verhältnisse berühren, daß seine Dichtungen, trotz der häufigen Wiederkehr desselben Thema's, eine große Mannichfaltigkeit der Anschauungen enthalten. Gilt es nun zu wissen, in wie fern jene Unzulänglichkeit der Erziehung auf sein Talent wirkte, so sehen wir, daß sie es ist, die den meisten seiner Erzeugnisse die Herrschaft eines ordnenden Geistes und das Kennzeichen classischer Meisterschaft, die abrundende Begränzung, entzog. Die Kunst ist die einzige Sphäre, in der ein geschaffenes Wesen das Vollkommene erschaffen kann, und hier hat das Wort der Schlange: &#x201E;ihr werdet Gott gleich seyn&#x201C;, gewissermaßen sich bewährt. Doch, um das zu erreichen, genügen ausgezeichnete Anlagen dem Künstler nicht; er hat ein tiefes, fortwährendes Erforschen seiner Aufgabe und hiedurch die genaueste Bekanntschaft mit allen ihren Hülfsquellen und Gefahren nöthig. Sophokles, Dante, Goethe hatten die Theorie der vollendeten Gebilde, die sie schufen, durchaus inne, und auch einem Shakspeare fehlte sicher ein ähnliches Bewußtseyn nicht. Lamartine dagegen ist ein reiner Naturdichter, freilich vom ersten Range; die Ungewohntheit gründlichen Studiums überhaupt konnte ihn nicht auf das Studium seiner Kunst bringen, und was er schreibt, ist, nach eigenem Eingeständniß, alles improvisirt. Vorsicht aber und Maaß vertragen sich nicht wohl mit dem Stegreif, und wie der allzu eifrige, allzu eitle Freund pikanter Rede häufig durch allzu wilde Jagd nach Witz eine Reihe von matten und weit geholten Scherzen der Gesellschaft vorsetzt, eh' seine Laune zu rascher und glücklicher Entladung kommt, so kann selbst der genialste Improvisator oft nur durch einen Umweg von leeren und mißrathnen<lb/></p>
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[0713/0009] A. v. Lamartine. _ Paris. Wenn ausgezeichnete Menschen unserer Beobachtung, welche Flecken an jeder Sonne zu entdecken sich beeilt, im Verlauf ihres Wirkens, ihre Schwächen und Schattenseiten, wie es einmal Menschen schwer anders vermögen, zur Schau gestellt, so sind wir gern und vorschnell geneigt, ihnen Rang und Größe abzusprechen, indem wir die Eigenschaften, die an ihnen des Tadels werth sind, für den Hauptcharakter ihrer Natur ausgeben. Wo nun gar Leidenschaft der Meinungen sich in das Urtheil mischt, da wird die Sache mit noch weniger Billigkeit betrieben, das natürliche Gute, so weit es möglich ist, in Unrecht verkehrt, und, was wirklich Rüge verdient, über alle Gebühr hoch angeschlagen. Dieß Schicksal widerfuhr einem Geiste, der in dem heutigen Geschlechte Frankreichs keinen über sich, nur wenige zur Seite hat, aber durch namhafte Fehler einen Schatten auf ungewöhnliche Vorzüge wirft. Alphonse v. Lamartine ist ohne Zweifel ein Mann, dessen Genius und Stellung es der Mühe verlohnt zu untersuchen, wie weit der Enthusiasmus seiner Freunde, oder die geringschätzende Sprache seiner Gegner Recht habe. Als Dichter hat er Frankreich mit einer in seinem Vaterlande fast nirgendwo geahnten Poesie beschenkt; als Redner, in gleichem Grade Neuling, die Tribune mit einem Adel der Gedanken wie mit einer Schönheit der Form bekannt gemacht, von der sie wenig nur zuvor gewußt, und als Staatsmann zwar nicht durch immer glückliche, doch stets eigenthümliche Ideen den trägen, störrischen Geist der gleichgültigen Menge gefesselt. In keiner von diesen Sphären ist er ein Bild vollkommener Tüchtigkeit, allein er sündigt, wo er immer eine Blöße gibt, nicht durch Leere und Alltäglichkeit, sondern durch schlecht verwaltete Fülle angeborner Schätze. Der Sänger des Königthums und der Religion kam im Jahr 1791, also mitten im Wirbel der entstehenden Revolution, zu St. Point bei Macon, in Burgund, der Heimath Bossuets und Diderots, zur Welt, ist so fast ihr Altersgenosse, kann in Thun und Dichten auch trotz des ganz verschiedenen Weges, den sein Leben einschlug, dieß Datum nicht verheimlichen, und seine Werke tragen fast sämmtlich das Muttermal jener bewegten Zeit. Von ihr scheint er den Ungestüm und die schnell fertige Energie, die, so häufig zum Nachtheil seiner Arbeiten, der Charakter und die Geschichte seines Schaffens ist, von ihr die oratorische Entfaltung und den Pomp der Worte, worin namentlich die Gironde sich hervorthat, doch auch die innere Stärke der Gefühle und die Großartigkeit der Vorstellungen zu haben. Fast für alle Menschen besteht dieser geheime Zusammenhang des Charakters und der ersten Kindheit, und es ist, als ob eine aufmerksame Fee, deren geschäftige Fürsorge an das Daseyn irgend eines Sterblichen geknüpft ist, zu den Träumen des Säuglings und den Liedern, die seinen Schlummer umgaukeln, die lebhaftesten Eindrücke des Moments in Bild und Melodie geselle. Die ursprüngliche Schrift bleibt unzerstört, welch andere Linien auch eine spätere Entwicklung über sie hinwegziehe. Der Macht revolutionärer Einflüsterungen und dem zauberischen Schauspiel eines der furchtbarsten Orkane, deren die Geschichte politischer Umwälzungen gedenkt, wirkte in der Seele des jungen Lamartine jedoch eine stille und fromme Erziehung durch eine eben so religiöse als weltgebildete Mutter unablässig und darum wohl auch siegend entgegen. Während die Almanache der Republik die Evangelien der Epoche wurden, und die oft mährchenhaften Berichte von gewonnenen Schlachten an die Stelle der Erzählungen von Wunder und Geheimniß traten; während Kunst und Mode in der heidnischen Freiheit des Alterthums Eingebungen und Vorbilder suchten, und die Leiter des öffentlichen Unterrichts keine dringendere Aufgabe kannten, als, was die christliche Vorzeit Anziehendes und Herrliches aufweist, aus dem Gedächtnisse des Menschen zu vertilgen, so viel als möglich allen Sinn für die Beschäftigung mit dem Reiche, das jenseits des Verstandes liegt, zu ächten, und die genaue Kenntniß von Zahlen und Linien als die erhabenste Gränze geistiger Entfaltung anzugeben – während dieß vorging, ward Lamartine von seiner Mutter mit der Huld und Hoheit der heiligen Schriften vertraut gemacht, an den Verkehr mit dem Unbegreiflichen gewöhnt und zu strenger Achtung des Ueberlieferten angeleitet. Unglücklicherweise waren so heilsame Bemühungen nicht von gründlich und vielseitig bildendem Unterricht begleitet. Die Pflege der Religion mußte ohne den Halt und die Aufsicht der Wissenschaft bei einem so lebhaften und selbstständigen Geiste den Hang zu regellosem Denken und süßem Umherdämmern der Seele nicht bloß erzeugen, sondern auch zu unmäßigem Wachsthum ausbreiten. Diese Lücke in seiner Erziehung, die auch später durch ernste Studien der Schule nicht ausgefüllt wurde, hat dem Dichter sehr geschadet, und ist in allen seinen Werken mehr oder minder sichtbar. Nicht als ob ihm Armuth der Gedanken und Mangel an Stoff zu ihrer Einkleidung daraus entstanden wäre: Niemand findet die zahllosen Bruchtheile menschlicher Erkenntniß leichter, Niemand ist um ihre treffende Versinnlichung weniger verlegen, als der Sänger der Harmonien. Wenn auch seine Poesie, wo sie immer verweile, auf diesem oder jenem Wege der geistlichen Hymne nahe kommt, oder in sie übergeht, und in allen Falten der Natur wie des Lebens den unvermeidlichen Jehovah erspäht, so muß er bei diesem Suchen Gottes in der ganzen Schöpfung doch so viele Dinge und Verhältnisse berühren, daß seine Dichtungen, trotz der häufigen Wiederkehr desselben Thema's, eine große Mannichfaltigkeit der Anschauungen enthalten. Gilt es nun zu wissen, in wie fern jene Unzulänglichkeit der Erziehung auf sein Talent wirkte, so sehen wir, daß sie es ist, die den meisten seiner Erzeugnisse die Herrschaft eines ordnenden Geistes und das Kennzeichen classischer Meisterschaft, die abrundende Begränzung, entzog. Die Kunst ist die einzige Sphäre, in der ein geschaffenes Wesen das Vollkommene erschaffen kann, und hier hat das Wort der Schlange: „ihr werdet Gott gleich seyn“, gewissermaßen sich bewährt. Doch, um das zu erreichen, genügen ausgezeichnete Anlagen dem Künstler nicht; er hat ein tiefes, fortwährendes Erforschen seiner Aufgabe und hiedurch die genaueste Bekanntschaft mit allen ihren Hülfsquellen und Gefahren nöthig. Sophokles, Dante, Goethe hatten die Theorie der vollendeten Gebilde, die sie schufen, durchaus inne, und auch einem Shakspeare fehlte sicher ein ähnliches Bewußtseyn nicht. Lamartine dagegen ist ein reiner Naturdichter, freilich vom ersten Range; die Ungewohntheit gründlichen Studiums überhaupt konnte ihn nicht auf das Studium seiner Kunst bringen, und was er schreibt, ist, nach eigenem Eingeständniß, alles improvisirt. Vorsicht aber und Maaß vertragen sich nicht wohl mit dem Stegreif, und wie der allzu eifrige, allzu eitle Freund pikanter Rede häufig durch allzu wilde Jagd nach Witz eine Reihe von matten und weit geholten Scherzen der Gesellschaft vorsetzt, eh' seine Laune zu rascher und glücklicher Entladung kommt, so kann selbst der genialste Improvisator oft nur durch einen Umweg von leeren und mißrathnen

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Matthias Boenig: Bearbeitung der digitalen Edition. (2016-06-28T11:37:15Z)

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Zitationshilfe: Allgemeine Zeitung. Nr. 90. Augsburg, 30. März 1840, S. 0713. In: Deutsches Textarchiv <https://www.deutschestextarchiv.de/augsburgerallgemeine_090_18400330/9>, abgerufen am 12.04.2024.