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Allgemeine Zeitung. Nr. 21. Augsburg, 21. Januar 1840.

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Resultat zu kommen, war es nicht der Mühe werth, so viel Lärmen zu machen. (Gelächter.) Nur Ein Umstand würde, wenn er wahr wäre, das Geschehene vollkommen rechtfertigen, und die zwischen Frankreich und England eingerissene Mißhelligkeit entschuldigen. Dieß wäre, wenn beide Mächte im Orient ein entschieden entgegengesetztes Interesse hätten. Aber dieß ist nicht der Fall; ich glaube sogar, daß es nicht unmöglich gewesen, sich mit England zu verständigen, ich glaube, daß zwischen ihm und uns seit zwei Jahren eigentlich mehr Mißverständnisse, als feindselige Gesinnungen herrschten. Ich gestehe es offen, daß ich ein Anhänger der englischen Allianz bin, aber ein Anhänger, wie es ein Mann seyn kann, der nie den Stolz seines Vaterlandes vergißt. Wäre schweres Unrecht, schlimme Behandlung oder sonst dergleichen zwischen beiden Nationen vorgekommen, so wäre ich nicht der Ansicht, daß diese Allianz bestehen müsse. Wir sind nicht so weit gebracht, um nur auf eine einzige Macht zählen zu dürfen, wir finden Verbündete auf mehr als einer Seite, und selbst wenn wir ganz allein blieben, wären wir immer noch stark genug. (Beifall.) Ich kann aber noch nicht auf die schöne, edle Allianz verzichten, die nicht bloß auf die materielle Macht, sondern auf die moralische Stärke der Principien gegründet ist. Wenn wir mit England sind, brauchen wir unsere Fahne nicht zu verstecken, andere Allianzen aber, die man uns rathet, würden uns hiezu nöthigen. (Bravo!) Mit England im Bunde können wir unsere beiden Fahnen entfalten; sie führen den Wahlspruch: Gemäßigte Freiheit und Friede der Welt. (Langer und stürmischer Beifall.)

(Beschluß folgt.)

Folgendes ist der vollständige Inhalt der Erklärung, welche der Ministerpräsident, Marschall Soult, in der Sitzung der Deputirtenkammer am 11 Jan. abgab. "Meine Herren! Als Sie in der vorigen Sitzung der Regierung des Königs fast einstimmig die Mittel bewilligten, um im Orient Frankreichs Ehre und Interessen Achtung zu verschaffen, durchdrungen von den Bedingungen und Principien der französischen Politik, und zum voraus den Gang genehmigend, den wir befolgen wollten, da schwebte Ihnen das doppelte Ziel vor, auf welches unser Wirken hinstreben mußte: das osmanische Reich als wesentliches Element des europäischen Gleichgewichts zu erhalten, und seine unabhängige Existenz nicht unter die Bürgschaft eines ausschließlichen, und eben dadurch gefährlichen Schutzes, sondern unter die gemeinsame Bürgschaft des ganzen Europa zu stellen. Dieß ist die Lösung, welche nach unserer Ansicht allein sämmtliche Interessen sichern, den Frieden im Orient erhalten, und große Weltkämpfe verhindern kann. In der That dachten wir gleich nach Eröffnung der Unterhandlung, und nachdem uns zuerst die Ansichten der Großmächte kund geworden, das erste politische Interesse gehe dahin, durch gegenseitig ausgetauschte Erklärungen das Versprechen zu erlangen, daß alle gemeinsam zur Erhaltung der Unabhängigkeit und Integrität des osmanischen Reichs unter der gegenwärtigen Dynastie zusammenwirken wollen, um den verderblichen Folgen zu begegnen, welche Sultan Mahmuds Tod nach sich ziehen könnte. Die durch Frankreichs und Englands Geschwader am Eingang der Dardanellen eigenommene Stellung zeigt hinlänglich, wie wir möglichen Fällen anderer Art zu begegnen, und die Bürgschaft des gemeinsamen Schutzes von Europa für Konstantinopel, welche in Anspruch zu nehmen wir nicht aufhören werden, aufrecht zu erhalten suchen. Und bereits ist es uns gelungen, die drohendste Gefahr zu beschwören, die der Fortdauer eines Kriegs, der, nach der Niederlage und Zerstreuung der türkischen Truppen in Syrien, im Orient einen allgemeinen Umsturz hätte herbeiführen können. Dem Erfolg der von Frankreich gemachten Vorstellungen verdankt es jetzt Europa, daß es die Grundsätze, welche hinfort die Grundlage seiner Verhältnisse zur osmanischen Pforte bilden werden, im Frieden erörtern kann. Glauben Sie aber nicht, daß wir, ausschließlich beschäftigt durch die Nothwendigkeit, das türkische Reich aufrecht zu erhalten, und der Frage wegen des Bosporus eine der Aufrechterhaltung des europäischen Gleichgewichts förderliche Lösung zu sichern, andere Nothwendigkeiten mißkannt oder eingewilligt hätten, andere, durch die Macht der Umstände geschaffene, mindestens durch den Rechtstitel gewaltiger, vollendeter Thatsachen Achtung gebietende Interessen zu opfern. Davon weit entfernt, erachteten wir die Integrität und Sicherheit des osmanischen Reichs nicht für unvereinbar mit gewissen Vorkehrungen zu Gunsten der Familie des Pascha's von Aegypten. Handelte es sich von einer Zerstückelung, so wäre unsere Ansicht verschieden; indem wir aber die Sicherheit des Sultans wahrten, schirmten wir auch den Orient vor einem allgemeinen Brande, dessen Folgen unberechenbar wären. Die Kammer wird mir erlauben, auf diese wenigen Worte die Erklärungen zu beschränken, die ich Ihnen über die Grundsätze des Cabinets in Betreff der orientalischen Frage geben zu müssen glaubte. Wir hegen das feste Vertrauen, nichts vernachlässigt zu haben, um diese Frage einer allen Theilen gerechten, Frankreichs würdigen und für Europa beruhigenden Lösung entgegen zu führen. Die Größe des Werks erklärt hinlänglich die Schwierigkeiten, welche seine Vollendung verzögerten. Wie es auch kommen möge, überzeugt, der Nationalansicht zu entsprechen, werden wir bei unsern Grundsätzen beharren, und Niemand unsere Rechte, unsere Interessen und unser Wohl opfern."

(Nachtrag aus der Deputirtensitzung vom 15 Jan.) General Bugeaud beklagte sich über die Leerheit der Bänke, während die Algierer Frage doch die wichtigste sey, mit der Frankreich sich gegenwärtig zu beschäftigen habe. Diese Frage habe auf alle übrigen Einfluß, sogar auf die Frage des Orients, denn so lange sie nicht gelöst sey, so lange man 60,000 Mann in Afrika unterhalten müsse, könne Frankreich nirgends so auftreten, wie es seine Interessen erheischten. Der Besitz Algiers, meint der Redner, sey eigentlich ein Fehler; da es aber unmöglich sey, diesen Fehler zu ändern, so müsse man ihn auf großartige Weise begehen, denn dieß sey das einzige Mittel, daraus einigen Nutzen zu ziehen. Das ganze Land müsse daher erobert, die Macht Abd-El-Kaders zerstört werden. General Bugeaud entwickelte sehr ausführlich sein Kriegssystem. Er will, daß 60,000 Mann nach den Provinzen Algier, Oran und Titeri gesandt werden. In der Provinz Constantine hält er den bisherigen Effectivstand für hinreichend, so daß also die ganze Occupationsarmee auf nahe an 80,000 Mann gebracht würde. Alle innern Städte, Medeah, Miliana, Maskara, Tlemsan sollten, nach Bugauds Plan, besetzt werden und drei mobile Kolonnen, jede 10,000 Mann stark, das Land rastlos durchziehen, um die Ernten aller widerspänstigen Stämme niederzubrennen. Andere, kleinere Colonnen müßten von den Seehäfen aus beständig die nöthigen Convois nach dem Innern geleiten. Der Redner erklärte, es sey dieß das einzige System, durch das, seiner Meinung nach, die Araber unterworfen werden könnten. Er habe lange über die Algierer Angelegenheiten nachgedacht und kein milderes System gefunden. Der Kriegsminister General Schneider erklärte, daß bis jetzt 15,000 Mann alter Truppen nach Afrika eingeschifft worden seyen, worunter 1500 Reiter mit ihren Pferden. Die Kammer nahm in derselben Sitzung alle übrigen Artikel unverändert an. Bei der Abstimmung über die ganze Adresse ergaben sich 212 weiße und 43 schwarze Kugeln.



Resultat zu kommen, war es nicht der Mühe werth, so viel Lärmen zu machen. (Gelächter.) Nur Ein Umstand würde, wenn er wahr wäre, das Geschehene vollkommen rechtfertigen, und die zwischen Frankreich und England eingerissene Mißhelligkeit entschuldigen. Dieß wäre, wenn beide Mächte im Orient ein entschieden entgegengesetztes Interesse hätten. Aber dieß ist nicht der Fall; ich glaube sogar, daß es nicht unmöglich gewesen, sich mit England zu verständigen, ich glaube, daß zwischen ihm und uns seit zwei Jahren eigentlich mehr Mißverständnisse, als feindselige Gesinnungen herrschten. Ich gestehe es offen, daß ich ein Anhänger der englischen Allianz bin, aber ein Anhänger, wie es ein Mann seyn kann, der nie den Stolz seines Vaterlandes vergißt. Wäre schweres Unrecht, schlimme Behandlung oder sonst dergleichen zwischen beiden Nationen vorgekommen, so wäre ich nicht der Ansicht, daß diese Allianz bestehen müsse. Wir sind nicht so weit gebracht, um nur auf eine einzige Macht zählen zu dürfen, wir finden Verbündete auf mehr als einer Seite, und selbst wenn wir ganz allein blieben, wären wir immer noch stark genug. (Beifall.) Ich kann aber noch nicht auf die schöne, edle Allianz verzichten, die nicht bloß auf die materielle Macht, sondern auf die moralische Stärke der Principien gegründet ist. Wenn wir mit England sind, brauchen wir unsere Fahne nicht zu verstecken, andere Allianzen aber, die man uns rathet, würden uns hiezu nöthigen. (Bravo!) Mit England im Bunde können wir unsere beiden Fahnen entfalten; sie führen den Wahlspruch: Gemäßigte Freiheit und Friede der Welt. (Langer und stürmischer Beifall.)

(Beschluß folgt.)

Folgendes ist der vollständige Inhalt der Erklärung, welche der Ministerpräsident, Marschall Soult, in der Sitzung der Deputirtenkammer am 11 Jan. abgab. „Meine Herren! Als Sie in der vorigen Sitzung der Regierung des Königs fast einstimmig die Mittel bewilligten, um im Orient Frankreichs Ehre und Interessen Achtung zu verschaffen, durchdrungen von den Bedingungen und Principien der französischen Politik, und zum voraus den Gang genehmigend, den wir befolgen wollten, da schwebte Ihnen das doppelte Ziel vor, auf welches unser Wirken hinstreben mußte: das osmanische Reich als wesentliches Element des europäischen Gleichgewichts zu erhalten, und seine unabhängige Existenz nicht unter die Bürgschaft eines ausschließlichen, und eben dadurch gefährlichen Schutzes, sondern unter die gemeinsame Bürgschaft des ganzen Europa zu stellen. Dieß ist die Lösung, welche nach unserer Ansicht allein sämmtliche Interessen sichern, den Frieden im Orient erhalten, und große Weltkämpfe verhindern kann. In der That dachten wir gleich nach Eröffnung der Unterhandlung, und nachdem uns zuerst die Ansichten der Großmächte kund geworden, das erste politische Interesse gehe dahin, durch gegenseitig ausgetauschte Erklärungen das Versprechen zu erlangen, daß alle gemeinsam zur Erhaltung der Unabhängigkeit und Integrität des osmanischen Reichs unter der gegenwärtigen Dynastie zusammenwirken wollen, um den verderblichen Folgen zu begegnen, welche Sultan Mahmuds Tod nach sich ziehen könnte. Die durch Frankreichs und Englands Geschwader am Eingang der Dardanellen eigenommene Stellung zeigt hinlänglich, wie wir möglichen Fällen anderer Art zu begegnen, und die Bürgschaft des gemeinsamen Schutzes von Europa für Konstantinopel, welche in Anspruch zu nehmen wir nicht aufhören werden, aufrecht zu erhalten suchen. Und bereits ist es uns gelungen, die drohendste Gefahr zu beschwören, die der Fortdauer eines Kriegs, der, nach der Niederlage und Zerstreuung der türkischen Truppen in Syrien, im Orient einen allgemeinen Umsturz hätte herbeiführen können. Dem Erfolg der von Frankreich gemachten Vorstellungen verdankt es jetzt Europa, daß es die Grundsätze, welche hinfort die Grundlage seiner Verhältnisse zur osmanischen Pforte bilden werden, im Frieden erörtern kann. Glauben Sie aber nicht, daß wir, ausschließlich beschäftigt durch die Nothwendigkeit, das türkische Reich aufrecht zu erhalten, und der Frage wegen des Bosporus eine der Aufrechterhaltung des europäischen Gleichgewichts förderliche Lösung zu sichern, andere Nothwendigkeiten mißkannt oder eingewilligt hätten, andere, durch die Macht der Umstände geschaffene, mindestens durch den Rechtstitel gewaltiger, vollendeter Thatsachen Achtung gebietende Interessen zu opfern. Davon weit entfernt, erachteten wir die Integrität und Sicherheit des osmanischen Reichs nicht für unvereinbar mit gewissen Vorkehrungen zu Gunsten der Familie des Pascha's von Aegypten. Handelte es sich von einer Zerstückelung, so wäre unsere Ansicht verschieden; indem wir aber die Sicherheit des Sultans wahrten, schirmten wir auch den Orient vor einem allgemeinen Brande, dessen Folgen unberechenbar wären. Die Kammer wird mir erlauben, auf diese wenigen Worte die Erklärungen zu beschränken, die ich Ihnen über die Grundsätze des Cabinets in Betreff der orientalischen Frage geben zu müssen glaubte. Wir hegen das feste Vertrauen, nichts vernachlässigt zu haben, um diese Frage einer allen Theilen gerechten, Frankreichs würdigen und für Europa beruhigenden Lösung entgegen zu führen. Die Größe des Werks erklärt hinlänglich die Schwierigkeiten, welche seine Vollendung verzögerten. Wie es auch kommen möge, überzeugt, der Nationalansicht zu entsprechen, werden wir bei unsern Grundsätzen beharren, und Niemand unsere Rechte, unsere Interessen und unser Wohl opfern.“

(Nachtrag aus der Deputirtensitzung vom 15 Jan.) General Bugeaud beklagte sich über die Leerheit der Bänke, während die Algierer Frage doch die wichtigste sey, mit der Frankreich sich gegenwärtig zu beschäftigen habe. Diese Frage habe auf alle übrigen Einfluß, sogar auf die Frage des Orients, denn so lange sie nicht gelöst sey, so lange man 60,000 Mann in Afrika unterhalten müsse, könne Frankreich nirgends so auftreten, wie es seine Interessen erheischten. Der Besitz Algiers, meint der Redner, sey eigentlich ein Fehler; da es aber unmöglich sey, diesen Fehler zu ändern, so müsse man ihn auf großartige Weise begehen, denn dieß sey das einzige Mittel, daraus einigen Nutzen zu ziehen. Das ganze Land müsse daher erobert, die Macht Abd-El-Kaders zerstört werden. General Bugeaud entwickelte sehr ausführlich sein Kriegssystem. Er will, daß 60,000 Mann nach den Provinzen Algier, Oran und Titeri gesandt werden. In der Provinz Constantine hält er den bisherigen Effectivstand für hinreichend, so daß also die ganze Occupationsarmee auf nahe an 80,000 Mann gebracht würde. Alle innern Städte, Medeah, Miliana, Maskara, Tlemsan sollten, nach Bugauds Plan, besetzt werden und drei mobile Kolonnen, jede 10,000 Mann stark, das Land rastlos durchziehen, um die Ernten aller widerspänstigen Stämme niederzubrennen. Andere, kleinere Colonnen müßten von den Seehäfen aus beständig die nöthigen Convois nach dem Innern geleiten. Der Redner erklärte, es sey dieß das einzige System, durch das, seiner Meinung nach, die Araber unterworfen werden könnten. Er habe lange über die Algierer Angelegenheiten nachgedacht und kein milderes System gefunden. Der Kriegsminister General Schneider erklärte, daß bis jetzt 15,000 Mann alter Truppen nach Afrika eingeschifft worden seyen, worunter 1500 Reiter mit ihren Pferden. Die Kammer nahm in derselben Sitzung alle übrigen Artikel unverändert an. Bei der Abstimmung über die ganze Adresse ergaben sich 212 weiße und 43 schwarze Kugeln.


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[0166/0006] Resultat zu kommen, war es nicht der Mühe werth, so viel Lärmen zu machen. (Gelächter.) Nur Ein Umstand würde, wenn er wahr wäre, das Geschehene vollkommen rechtfertigen, und die zwischen Frankreich und England eingerissene Mißhelligkeit entschuldigen. Dieß wäre, wenn beide Mächte im Orient ein entschieden entgegengesetztes Interesse hätten. Aber dieß ist nicht der Fall; ich glaube sogar, daß es nicht unmöglich gewesen, sich mit England zu verständigen, ich glaube, daß zwischen ihm und uns seit zwei Jahren eigentlich mehr Mißverständnisse, als feindselige Gesinnungen herrschten. Ich gestehe es offen, daß ich ein Anhänger der englischen Allianz bin, aber ein Anhänger, wie es ein Mann seyn kann, der nie den Stolz seines Vaterlandes vergißt. Wäre schweres Unrecht, schlimme Behandlung oder sonst dergleichen zwischen beiden Nationen vorgekommen, so wäre ich nicht der Ansicht, daß diese Allianz bestehen müsse. Wir sind nicht so weit gebracht, um nur auf eine einzige Macht zählen zu dürfen, wir finden Verbündete auf mehr als einer Seite, und selbst wenn wir ganz allein blieben, wären wir immer noch stark genug. (Beifall.) Ich kann aber noch nicht auf die schöne, edle Allianz verzichten, die nicht bloß auf die materielle Macht, sondern auf die moralische Stärke der Principien gegründet ist. Wenn wir mit England sind, brauchen wir unsere Fahne nicht zu verstecken, andere Allianzen aber, die man uns rathet, würden uns hiezu nöthigen. (Bravo!) Mit England im Bunde können wir unsere beiden Fahnen entfalten; sie führen den Wahlspruch: Gemäßigte Freiheit und Friede der Welt. (Langer und stürmischer Beifall.) (Beschluß folgt.) Folgendes ist der vollständige Inhalt der Erklärung, welche der Ministerpräsident, Marschall Soult, in der Sitzung der Deputirtenkammer am 11 Jan. abgab. „Meine Herren! Als Sie in der vorigen Sitzung der Regierung des Königs fast einstimmig die Mittel bewilligten, um im Orient Frankreichs Ehre und Interessen Achtung zu verschaffen, durchdrungen von den Bedingungen und Principien der französischen Politik, und zum voraus den Gang genehmigend, den wir befolgen wollten, da schwebte Ihnen das doppelte Ziel vor, auf welches unser Wirken hinstreben mußte: das osmanische Reich als wesentliches Element des europäischen Gleichgewichts zu erhalten, und seine unabhängige Existenz nicht unter die Bürgschaft eines ausschließlichen, und eben dadurch gefährlichen Schutzes, sondern unter die gemeinsame Bürgschaft des ganzen Europa zu stellen. Dieß ist die Lösung, welche nach unserer Ansicht allein sämmtliche Interessen sichern, den Frieden im Orient erhalten, und große Weltkämpfe verhindern kann. In der That dachten wir gleich nach Eröffnung der Unterhandlung, und nachdem uns zuerst die Ansichten der Großmächte kund geworden, das erste politische Interesse gehe dahin, durch gegenseitig ausgetauschte Erklärungen das Versprechen zu erlangen, daß alle gemeinsam zur Erhaltung der Unabhängigkeit und Integrität des osmanischen Reichs unter der gegenwärtigen Dynastie zusammenwirken wollen, um den verderblichen Folgen zu begegnen, welche Sultan Mahmuds Tod nach sich ziehen könnte. Die durch Frankreichs und Englands Geschwader am Eingang der Dardanellen eigenommene Stellung zeigt hinlänglich, wie wir möglichen Fällen anderer Art zu begegnen, und die Bürgschaft des gemeinsamen Schutzes von Europa für Konstantinopel, welche in Anspruch zu nehmen wir nicht aufhören werden, aufrecht zu erhalten suchen. Und bereits ist es uns gelungen, die drohendste Gefahr zu beschwören, die der Fortdauer eines Kriegs, der, nach der Niederlage und Zerstreuung der türkischen Truppen in Syrien, im Orient einen allgemeinen Umsturz hätte herbeiführen können. Dem Erfolg der von Frankreich gemachten Vorstellungen verdankt es jetzt Europa, daß es die Grundsätze, welche hinfort die Grundlage seiner Verhältnisse zur osmanischen Pforte bilden werden, im Frieden erörtern kann. Glauben Sie aber nicht, daß wir, ausschließlich beschäftigt durch die Nothwendigkeit, das türkische Reich aufrecht zu erhalten, und der Frage wegen des Bosporus eine der Aufrechterhaltung des europäischen Gleichgewichts förderliche Lösung zu sichern, andere Nothwendigkeiten mißkannt oder eingewilligt hätten, andere, durch die Macht der Umstände geschaffene, mindestens durch den Rechtstitel gewaltiger, vollendeter Thatsachen Achtung gebietende Interessen zu opfern. Davon weit entfernt, erachteten wir die Integrität und Sicherheit des osmanischen Reichs nicht für unvereinbar mit gewissen Vorkehrungen zu Gunsten der Familie des Pascha's von Aegypten. Handelte es sich von einer Zerstückelung, so wäre unsere Ansicht verschieden; indem wir aber die Sicherheit des Sultans wahrten, schirmten wir auch den Orient vor einem allgemeinen Brande, dessen Folgen unberechenbar wären. Die Kammer wird mir erlauben, auf diese wenigen Worte die Erklärungen zu beschränken, die ich Ihnen über die Grundsätze des Cabinets in Betreff der orientalischen Frage geben zu müssen glaubte. Wir hegen das feste Vertrauen, nichts vernachlässigt zu haben, um diese Frage einer allen Theilen gerechten, Frankreichs würdigen und für Europa beruhigenden Lösung entgegen zu führen. Die Größe des Werks erklärt hinlänglich die Schwierigkeiten, welche seine Vollendung verzögerten. Wie es auch kommen möge, überzeugt, der Nationalansicht zu entsprechen, werden wir bei unsern Grundsätzen beharren, und Niemand unsere Rechte, unsere Interessen und unser Wohl opfern.“ (Nachtrag aus der Deputirtensitzung vom 15 Jan.) General Bugeaud beklagte sich über die Leerheit der Bänke, während die Algierer Frage doch die wichtigste sey, mit der Frankreich sich gegenwärtig zu beschäftigen habe. Diese Frage habe auf alle übrigen Einfluß, sogar auf die Frage des Orients, denn so lange sie nicht gelöst sey, so lange man 60,000 Mann in Afrika unterhalten müsse, könne Frankreich nirgends so auftreten, wie es seine Interessen erheischten. Der Besitz Algiers, meint der Redner, sey eigentlich ein Fehler; da es aber unmöglich sey, diesen Fehler zu ändern, so müsse man ihn auf großartige Weise begehen, denn dieß sey das einzige Mittel, daraus einigen Nutzen zu ziehen. Das ganze Land müsse daher erobert, die Macht Abd-El-Kaders zerstört werden. General Bugeaud entwickelte sehr ausführlich sein Kriegssystem. Er will, daß 60,000 Mann nach den Provinzen Algier, Oran und Titeri gesandt werden. In der Provinz Constantine hält er den bisherigen Effectivstand für hinreichend, so daß also die ganze Occupationsarmee auf nahe an 80,000 Mann gebracht würde. Alle innern Städte, Medeah, Miliana, Maskara, Tlemsan sollten, nach Bugauds Plan, besetzt werden und drei mobile Kolonnen, jede 10,000 Mann stark, das Land rastlos durchziehen, um die Ernten aller widerspänstigen Stämme niederzubrennen. Andere, kleinere Colonnen müßten von den Seehäfen aus beständig die nöthigen Convois nach dem Innern geleiten. Der Redner erklärte, es sey dieß das einzige System, durch das, seiner Meinung nach, die Araber unterworfen werden könnten. Er habe lange über die Algierer Angelegenheiten nachgedacht und kein milderes System gefunden. Der Kriegsminister General Schneider erklärte, daß bis jetzt 15,000 Mann alter Truppen nach Afrika eingeschifft worden seyen, worunter 1500 Reiter mit ihren Pferden. Die Kammer nahm in derselben Sitzung alle übrigen Artikel unverändert an. Bei der Abstimmung über die ganze Adresse ergaben sich 212 weiße und 43 schwarze Kugeln.

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Zitationshilfe: Allgemeine Zeitung. Nr. 21. Augsburg, 21. Januar 1840, S. 0166. In: Deutsches Textarchiv <https://www.deutschestextarchiv.de/augsburgerallgemeine_021_18400121/6>, abgerufen am 12.04.2024.