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Allgemeine Zeitung. Nr. 21. Augsburg, 21. Januar 1840.

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beitrete, war ein Fehler. Man constituirte eine Art Autorität, ohne zu wissen, wer beitrete oder ob von den fünf Mächten sich wenigstens zwei so weit verständigen könnten, um die andern zu einer Art Einstimmigkeit zu bringen. Jener Fehler der Einmischung der europäischen Diplomatie in die orientalische Frage hatte drei Folgen. Die erste war, daß man in Konstantinopel Alles suspendirte und das türkische Reich der einzigen Gefahr aussetzte, welche es in dieser Beziehung laufen konnte. Ich werde über diese Gefahr sogleich mich näher erklären. Die zweite Folge war, daß die Cabinette von Frankreich und England, wenn sie sich auch, wie ich hoffe, nicht getrennt haben, doch wenigstens beide Nationen dieß befürchten ließen. Die dritte Folge endlich war, daß Rußland auf den Anschein einer Trennung zwischen Frankreich und England hin, sich England zu nähern versuchte. Mit Ausnahme des Kriegs konnte man aus dieser Frage nicht drei schlimmere Folgen herbeiführen. Ich habe gesagt, man habe das türkische Reich der einzigen Gefahr, die ihm drohen konnte, ausgesetzt. Mit dem Tode des Sultans war ein großes Hinderniß des Friedens beseitigt. Zugleich waren aber auch jene starken Hände gesunken, welche die Zügel des Reichs gehalten hatten - eine Frau, ein Kind und ein Greis machten die ganze Regierung von Konstantinopel aus. Hegte nun der Pascha, hegten die Russen die Entwürfe, die man ihnen zuschrieb, so fanden sie, jener geschwächten Staatsgewalt gegenüber, zur Ausführung ihrer Plane freies Feld. Mehemed Ali konnte alle Paschas des Reichs durch seine Intriguen zum Aufstand bewegen, und Rußland konnte nach Konstantinopel kommen, denn mit dem Tod des Sultans war das Reich von Auflösung bedroht und man machte diese möglich, dadurch daß man alle Angelegenheiten in Aufschub hielt. Wie konnte aber die zweite Folge jenes Fehlers, Frankreich von England zu trennen und England Rußland zu nähern, entstehen? Als man die Angelegenheiten des Orients sich auflud, war es natürlich, daß man von jener projectirten Conferenz eine Lösung erwartete. Aber Rußland wollte der Conferenz nicht beitreten. Man mußte daher auf eine Uebereinstimmung der fünf Mächte verzichten, und sich zu zwei oder drei zu verständigen suchen. Die Mächte, die sich verständigen konnten, waren Frankreich und England, aber kaum hatten die ersten Verhandlungen begonnen, als man gewahr wurde, daß man nicht einig war; man hatte sich zuvor nie darüber berathen. England wollte die türkische Flotte wieder nehmen und dem Pascha höchstens einen Theil von Syrien geben. Die französische Regierung widersetzte sich und that wohl daran. Sie mußte widerstehen. Ich mache ihr nur Einen Einwurf: schon der einfachste Tact mußte rathen, sich offen gegen England auszusprechen, ehe man ein solches Mißverständniß herbeiführte. Hätte man sich nicht vereinigen können, so hätte es wenigstens nicht den Anschein gehabt, als habe man einander täuschen wollen. Leute, die sich gegenseitig erklärt haben, werden, selbst wenn sie nicht zu einer Verständigung gekommen, nie Feinde. Frankreich und England sahen, eben weil sie sich nicht zur gehörigen Zeit besprochen, zu spät, daß sie in ihren Ansichten von einander abwichen. England wollte, wie gesagt, dem Pascha zuerst die Flotte, dann einen Theil von Syrien entreißen. Frankreich widerstand, und die Freunde des Cabinets lobten mit Uebertreibung seine Festigkeit. Dieser Zwist machte Lärm in der Welt. England beklagte sich, daß Frankreich seine Politik ändere. Ich sage nicht, daß dieser Vorwurf gegründet war, gewiß aber ist, daß Frankreich mit seiner Politik ein wenig spät hervortrat, und sich dadurch einen Schein von Zweideutigkeit gab. (Bewegung.) Welch sonderbares Schauspiel boten wir der Welt oder wenigstens Europa! Wir hatten erklärt, dem ausschließlichen Protectorat Rußlands ein Ende machen zu wollen, und doch verständigten sich die zwei Mächte nicht, welche allein dieß vermochten. So bereiteten wir selbst Rußland einen Triumph, einen leichten Triumph, den es mit Geschicklichkeit ergriff. Es wäre freilich auch gar zu ungeschickt gewesen, eine so gute Gelegenheit nicht zu benützen. Rußland dachte: die Ursache des Zwiespalts beider Mächte ist der Pascha; der Pascha aber kümmert mich wenig, ich will ihn England preisgeben; ich werde dafür einige Zugeständnisse erhalten, die unter anderer Form den famösen Tractat von Hunkiar-Skelessi wieder aufleben machen. Sie wissen, daß Rußland Hrn. v. Brunnow nach London schickte. Dieser Botschafter sagte zu dem englischen Cabinet: "der Pascha interessirt uns nicht; ihr könnt hinsichtlich seiner eure Vorschläge machen, wir werden sie annehmen. Ueberdieß machen wir euch eine große Concession; wir verzichten auf den Tractat von Hunkiar-Skelessi." Sie kennen die zwei Stipulationen dieses Vertrags. Die erste ist, daß bei der nächsten Gefahr, welche Konstantinopel bedroht, die Russen dort einrücken dürfen; die zweite, daß während die Russen in Konstantinopel sind, den Flotten Englands und Frankreichs nicht gestattet werde, die Dardanellen zu passiren. Hr. v. Brunnow machte das erstemal folgende Vorschläge: "Am Tage, wo der Pascha den Taurus überschreitet, ziehen die Russen nach Konstantinopel; ihr Seemächte agirt gegen Kleinasien, Syrien, aber in die Gewässer von Konstantinopel dürft ihr nicht einlaufen." Dieser Vorschlag, der im Grunde nur die Anerkennung des Vertrags von Hunkiar-Skelessi enthielt, konnte nicht angenommen werden. Hr. v. Brunnow kam nun zum zweitenmal mit neuen Anerbietungen nach London. Obwohl auch dießmal der Hauptvorschlag war, daß Rußland bei der ersten Gefahr nach Konstantinopel ziehen dürfe, fügte man doch die Concession bei, daß man England und Frankreich erlauben wolle, je vier Linienschiffe in das Marmorameer einlaufen zu lassen. Glücklicherweise ist in dieser Beziehung noch nichts definitiv abgeschlossen; man sagt, es werde noch darüber unterhandelt. Jene acht Linienschiffe sollen sich nicht einmal Konstantinopel nähern dürfen; sie könnten bloß zwischen Gallipoli und dem Golf von Mudia kreuzen. Mit diesem Vorschlag wird, streng genommen, abermals die Anerkennung des Vertrags von Hunkiar-Skelessi verlangt, denn die Hauptsache ist, daß die Russen nach Konstantinopel rücken. Die acht Kriegsschiffe Frankreichs und Englands wären überdieß compromittirt, denn die Russen könnten hinter ihnen die Dardanellen schließen. Ich hoffe, die Vorschläge des Hrn. v. Brunnow werden nicht angenommen, denn sie enthalten noch außerdem eine unermeßliche Gefahr. Von dem Tag an, wo man des Ausgangs, den ein kräftiges Verfahren gegen den Pascha haben würde, sicher ist, wird man nicht mehr fürchten, ihn anzugreifen, so schwer auch der Krieg gegen ihn zu führen ist. Man wird ihm vielleicht seine Flotte vor Alexandria verbrennen; ich weiß es nicht, aber das weiß ich, daß man sich eine schwierige, bedenkliche Lage bereiten wird. Was vermag nicht ein so kühner Geist, wie Mehemed Ali, wenn er aufs Aeußerste getrieben wird! Er kann den Orient in Flammen setzen. Die Folge der Annahme jener Vorschläge wäre daher die Anerkennung des Tractats von Hunkiar Skelessi durch ganz Europa und die Gefahr einer allgemeinen Conflagration im Orient. (Beifall.) Ich glaube England wird sich etwas bedenken, ehe es in solche Vorschläge willigt. Europa wird, nachdem anfangs fünf Mächte, später zwei Mächte sich zusammen nicht verständigen konnten, wohl am Ende genöthigt seyn, auf eine Lösung der orientalischen Frage zu verzichten, aller Einmischung sich zu enthalten und Sultan und Pascha die Sache unter einander ausmachen zu lassen. Um zu einem solchen


beitrete, war ein Fehler. Man constituirte eine Art Autorität, ohne zu wissen, wer beitrete oder ob von den fünf Mächten sich wenigstens zwei so weit verständigen könnten, um die andern zu einer Art Einstimmigkeit zu bringen. Jener Fehler der Einmischung der europäischen Diplomatie in die orientalische Frage hatte drei Folgen. Die erste war, daß man in Konstantinopel Alles suspendirte und das türkische Reich der einzigen Gefahr aussetzte, welche es in dieser Beziehung laufen konnte. Ich werde über diese Gefahr sogleich mich näher erklären. Die zweite Folge war, daß die Cabinette von Frankreich und England, wenn sie sich auch, wie ich hoffe, nicht getrennt haben, doch wenigstens beide Nationen dieß befürchten ließen. Die dritte Folge endlich war, daß Rußland auf den Anschein einer Trennung zwischen Frankreich und England hin, sich England zu nähern versuchte. Mit Ausnahme des Kriegs konnte man aus dieser Frage nicht drei schlimmere Folgen herbeiführen. Ich habe gesagt, man habe das türkische Reich der einzigen Gefahr, die ihm drohen konnte, ausgesetzt. Mit dem Tode des Sultans war ein großes Hinderniß des Friedens beseitigt. Zugleich waren aber auch jene starken Hände gesunken, welche die Zügel des Reichs gehalten hatten – eine Frau, ein Kind und ein Greis machten die ganze Regierung von Konstantinopel aus. Hegte nun der Pascha, hegten die Russen die Entwürfe, die man ihnen zuschrieb, so fanden sie, jener geschwächten Staatsgewalt gegenüber, zur Ausführung ihrer Plane freies Feld. Mehemed Ali konnte alle Paschas des Reichs durch seine Intriguen zum Aufstand bewegen, und Rußland konnte nach Konstantinopel kommen, denn mit dem Tod des Sultans war das Reich von Auflösung bedroht und man machte diese möglich, dadurch daß man alle Angelegenheiten in Aufschub hielt. Wie konnte aber die zweite Folge jenes Fehlers, Frankreich von England zu trennen und England Rußland zu nähern, entstehen? Als man die Angelegenheiten des Orients sich auflud, war es natürlich, daß man von jener projectirten Conferenz eine Lösung erwartete. Aber Rußland wollte der Conferenz nicht beitreten. Man mußte daher auf eine Uebereinstimmung der fünf Mächte verzichten, und sich zu zwei oder drei zu verständigen suchen. Die Mächte, die sich verständigen konnten, waren Frankreich und England, aber kaum hatten die ersten Verhandlungen begonnen, als man gewahr wurde, daß man nicht einig war; man hatte sich zuvor nie darüber berathen. England wollte die türkische Flotte wieder nehmen und dem Pascha höchstens einen Theil von Syrien geben. Die französische Regierung widersetzte sich und that wohl daran. Sie mußte widerstehen. Ich mache ihr nur Einen Einwurf: schon der einfachste Tact mußte rathen, sich offen gegen England auszusprechen, ehe man ein solches Mißverständniß herbeiführte. Hätte man sich nicht vereinigen können, so hätte es wenigstens nicht den Anschein gehabt, als habe man einander täuschen wollen. Leute, die sich gegenseitig erklärt haben, werden, selbst wenn sie nicht zu einer Verständigung gekommen, nie Feinde. Frankreich und England sahen, eben weil sie sich nicht zur gehörigen Zeit besprochen, zu spät, daß sie in ihren Ansichten von einander abwichen. England wollte, wie gesagt, dem Pascha zuerst die Flotte, dann einen Theil von Syrien entreißen. Frankreich widerstand, und die Freunde des Cabinets lobten mit Uebertreibung seine Festigkeit. Dieser Zwist machte Lärm in der Welt. England beklagte sich, daß Frankreich seine Politik ändere. Ich sage nicht, daß dieser Vorwurf gegründet war, gewiß aber ist, daß Frankreich mit seiner Politik ein wenig spät hervortrat, und sich dadurch einen Schein von Zweideutigkeit gab. (Bewegung.) Welch sonderbares Schauspiel boten wir der Welt oder wenigstens Europa! Wir hatten erklärt, dem ausschließlichen Protectorat Rußlands ein Ende machen zu wollen, und doch verständigten sich die zwei Mächte nicht, welche allein dieß vermochten. So bereiteten wir selbst Rußland einen Triumph, einen leichten Triumph, den es mit Geschicklichkeit ergriff. Es wäre freilich auch gar zu ungeschickt gewesen, eine so gute Gelegenheit nicht zu benützen. Rußland dachte: die Ursache des Zwiespalts beider Mächte ist der Pascha; der Pascha aber kümmert mich wenig, ich will ihn England preisgeben; ich werde dafür einige Zugeständnisse erhalten, die unter anderer Form den famösen Tractat von Hunkiar-Skelessi wieder aufleben machen. Sie wissen, daß Rußland Hrn. v. Brunnow nach London schickte. Dieser Botschafter sagte zu dem englischen Cabinet: „der Pascha interessirt uns nicht; ihr könnt hinsichtlich seiner eure Vorschläge machen, wir werden sie annehmen. Ueberdieß machen wir euch eine große Concession; wir verzichten auf den Tractat von Hunkiar-Skelessi.“ Sie kennen die zwei Stipulationen dieses Vertrags. Die erste ist, daß bei der nächsten Gefahr, welche Konstantinopel bedroht, die Russen dort einrücken dürfen; die zweite, daß während die Russen in Konstantinopel sind, den Flotten Englands und Frankreichs nicht gestattet werde, die Dardanellen zu passiren. Hr. v. Brunnow machte das erstemal folgende Vorschläge: „Am Tage, wo der Pascha den Taurus überschreitet, ziehen die Russen nach Konstantinopel; ihr Seemächte agirt gegen Kleinasien, Syrien, aber in die Gewässer von Konstantinopel dürft ihr nicht einlaufen.“ Dieser Vorschlag, der im Grunde nur die Anerkennung des Vertrags von Hunkiar-Skelessi enthielt, konnte nicht angenommen werden. Hr. v. Brunnow kam nun zum zweitenmal mit neuen Anerbietungen nach London. Obwohl auch dießmal der Hauptvorschlag war, daß Rußland bei der ersten Gefahr nach Konstantinopel ziehen dürfe, fügte man doch die Concession bei, daß man England und Frankreich erlauben wolle, je vier Linienschiffe in das Marmorameer einlaufen zu lassen. Glücklicherweise ist in dieser Beziehung noch nichts definitiv abgeschlossen; man sagt, es werde noch darüber unterhandelt. Jene acht Linienschiffe sollen sich nicht einmal Konstantinopel nähern dürfen; sie könnten bloß zwischen Gallipoli und dem Golf von Mudia kreuzen. Mit diesem Vorschlag wird, streng genommen, abermals die Anerkennung des Vertrags von Hunkiar-Skelessi verlangt, denn die Hauptsache ist, daß die Russen nach Konstantinopel rücken. Die acht Kriegsschiffe Frankreichs und Englands wären überdieß compromittirt, denn die Russen könnten hinter ihnen die Dardanellen schließen. Ich hoffe, die Vorschläge des Hrn. v. Brunnow werden nicht angenommen, denn sie enthalten noch außerdem eine unermeßliche Gefahr. Von dem Tag an, wo man des Ausgangs, den ein kräftiges Verfahren gegen den Pascha haben würde, sicher ist, wird man nicht mehr fürchten, ihn anzugreifen, so schwer auch der Krieg gegen ihn zu führen ist. Man wird ihm vielleicht seine Flotte vor Alexandria verbrennen; ich weiß es nicht, aber das weiß ich, daß man sich eine schwierige, bedenkliche Lage bereiten wird. Was vermag nicht ein so kühner Geist, wie Mehemed Ali, wenn er aufs Aeußerste getrieben wird! Er kann den Orient in Flammen setzen. Die Folge der Annahme jener Vorschläge wäre daher die Anerkennung des Tractats von Hunkiar Skelessi durch ganz Europa und die Gefahr einer allgemeinen Conflagration im Orient. (Beifall.) Ich glaube England wird sich etwas bedenken, ehe es in solche Vorschläge willigt. Europa wird, nachdem anfangs fünf Mächte, später zwei Mächte sich zusammen nicht verständigen konnten, wohl am Ende genöthigt seyn, auf eine Lösung der orientalischen Frage zu verzichten, aller Einmischung sich zu enthalten und Sultan und Pascha die Sache unter einander ausmachen zu lassen. Um zu einem solchen

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beitrete, war ein Fehler. Man constituirte eine Art Autorität, ohne zu wissen, wer beitrete oder ob von den fünf Mächten sich wenigstens zwei so weit verständigen könnten, um die andern zu einer Art Einstimmigkeit zu bringen. Jener Fehler der Einmischung der europäischen Diplomatie in die orientalische Frage hatte drei Folgen. Die erste war, daß man in Konstantinopel Alles suspendirte und das türkische Reich der einzigen Gefahr aussetzte, welche es in dieser Beziehung laufen konnte. Ich werde über diese Gefahr sogleich mich näher erklären. Die zweite Folge war, daß die Cabinette von Frankreich und England, wenn sie sich auch, wie ich hoffe, nicht getrennt haben, doch wenigstens beide Nationen dieß befürchten ließen. Die dritte Folge endlich war, daß Rußland auf den Anschein einer Trennung zwischen Frankreich und England hin, sich England zu nähern versuchte. Mit Ausnahme des Kriegs konnte man aus dieser Frage nicht drei schlimmere Folgen herbeiführen. Ich habe gesagt, man habe das türkische Reich der einzigen Gefahr, die ihm drohen konnte, ausgesetzt. Mit dem Tode des Sultans war ein großes Hinderniß des Friedens beseitigt. Zugleich waren aber auch jene starken Hände gesunken, welche die Zügel des Reichs gehalten hatten &#x2013; eine Frau, ein Kind und ein Greis machten die ganze Regierung von Konstantinopel aus. Hegte nun der Pascha, hegten die Russen die Entwürfe, die man ihnen zuschrieb, so fanden sie, jener geschwächten Staatsgewalt gegenüber, zur Ausführung ihrer Plane freies Feld. Mehemed Ali konnte alle Paschas des Reichs durch seine Intriguen zum Aufstand bewegen, und Rußland konnte nach Konstantinopel kommen, denn mit dem Tod des Sultans war das Reich von Auflösung bedroht und man machte diese möglich, dadurch daß man alle Angelegenheiten in Aufschub hielt. Wie konnte aber die zweite Folge jenes Fehlers, Frankreich von England zu trennen und England Rußland zu nähern, entstehen? Als man die Angelegenheiten des Orients sich auflud, war es natürlich, daß man von jener projectirten Conferenz eine Lösung erwartete. Aber Rußland wollte der Conferenz nicht beitreten. Man mußte daher auf eine Uebereinstimmung der fünf Mächte verzichten, und sich zu zwei oder drei zu verständigen suchen. Die Mächte, die sich verständigen konnten, waren Frankreich und England, aber kaum hatten die ersten Verhandlungen begonnen, als man gewahr wurde, daß man nicht einig war; man hatte sich zuvor nie darüber berathen. England wollte die türkische Flotte wieder nehmen und dem Pascha höchstens einen Theil von Syrien geben. Die französische Regierung widersetzte sich und that wohl daran. Sie <hi rendition="#g">mußte</hi> widerstehen. Ich mache ihr nur Einen Einwurf: schon der einfachste Tact mußte rathen, sich offen gegen England auszusprechen, ehe man ein solches Mißverständniß herbeiführte. Hätte man sich nicht vereinigen können, so hätte es wenigstens nicht den Anschein gehabt, als habe man einander täuschen wollen. Leute, die sich gegenseitig erklärt haben, werden, selbst wenn sie nicht zu einer Verständigung gekommen, nie Feinde. Frankreich und England sahen, eben weil sie sich nicht zur gehörigen Zeit besprochen, zu spät, daß sie in ihren Ansichten von einander abwichen. England wollte, wie gesagt, dem Pascha zuerst die Flotte, dann einen Theil von Syrien entreißen. Frankreich widerstand, und die Freunde des Cabinets lobten mit Uebertreibung seine Festigkeit. Dieser Zwist machte Lärm in der Welt. England beklagte sich, daß Frankreich seine Politik ändere. Ich sage nicht, daß dieser Vorwurf gegründet war, gewiß aber ist, daß Frankreich mit seiner Politik ein wenig spät hervortrat, und sich dadurch einen Schein von Zweideutigkeit gab. (Bewegung.) Welch sonderbares Schauspiel boten wir der Welt oder wenigstens Europa! Wir hatten erklärt, dem ausschließlichen Protectorat Rußlands ein Ende machen zu wollen, und doch verständigten sich die zwei Mächte nicht, welche allein dieß vermochten. So bereiteten wir selbst Rußland einen Triumph, einen leichten Triumph, den es mit Geschicklichkeit ergriff. Es wäre freilich auch gar zu ungeschickt gewesen, eine so gute Gelegenheit nicht zu benützen. Rußland dachte: die Ursache des Zwiespalts beider Mächte ist der Pascha; der Pascha aber kümmert mich wenig, ich will ihn England preisgeben; ich werde dafür einige Zugeständnisse erhalten, die unter anderer Form den famösen Tractat von Hunkiar-Skelessi wieder aufleben machen. Sie wissen, daß Rußland Hrn. v. Brunnow nach London schickte. Dieser Botschafter sagte zu dem englischen Cabinet: &#x201E;der Pascha interessirt uns nicht; ihr könnt hinsichtlich seiner eure Vorschläge machen, wir werden sie annehmen. 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Obwohl auch dießmal der Hauptvorschlag war, daß Rußland bei der ersten Gefahr nach Konstantinopel ziehen dürfe, fügte man doch die Concession bei, daß man England und Frankreich erlauben wolle, je vier Linienschiffe in das Marmorameer einlaufen zu lassen. Glücklicherweise ist in dieser Beziehung noch nichts definitiv abgeschlossen; man sagt, es werde noch darüber unterhandelt. Jene acht Linienschiffe sollen sich nicht einmal Konstantinopel nähern dürfen; sie könnten bloß zwischen Gallipoli und dem Golf von Mudia kreuzen. Mit diesem Vorschlag wird, streng genommen, abermals die Anerkennung des Vertrags von Hunkiar-Skelessi verlangt, denn die Hauptsache ist, daß die Russen nach Konstantinopel rücken. Die acht Kriegsschiffe Frankreichs und Englands wären überdieß compromittirt, denn die Russen könnten hinter ihnen die Dardanellen schließen. Ich hoffe, die Vorschläge des Hrn. v. Brunnow werden nicht angenommen, denn sie enthalten noch außerdem eine unermeßliche Gefahr. Von dem Tag an, wo man des Ausgangs, den ein kräftiges Verfahren gegen den Pascha haben würde, sicher ist, wird man nicht mehr fürchten, ihn anzugreifen, so schwer auch der Krieg gegen ihn zu führen ist. Man wird ihm vielleicht seine Flotte vor Alexandria verbrennen; ich weiß es nicht, aber das weiß ich, daß man sich eine schwierige, bedenkliche Lage bereiten wird. Was vermag nicht ein so kühner Geist, wie Mehemed Ali, wenn er aufs Aeußerste getrieben wird! Er kann den Orient in Flammen setzen. Die Folge der Annahme jener Vorschläge wäre daher die Anerkennung des Tractats von Hunkiar Skelessi durch ganz Europa und die Gefahr einer allgemeinen Conflagration im Orient. (Beifall.) Ich glaube England wird sich etwas bedenken, ehe es in solche Vorschläge willigt. Europa wird, nachdem anfangs fünf Mächte, später zwei Mächte sich zusammen nicht verständigen konnten, wohl am Ende genöthigt seyn, auf eine Lösung der orientalischen Frage zu verzichten, aller Einmischung sich zu enthalten und Sultan und Pascha die Sache unter einander ausmachen zu lassen. Um zu einem solchen<lb/></p>
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[0165/0005] beitrete, war ein Fehler. Man constituirte eine Art Autorität, ohne zu wissen, wer beitrete oder ob von den fünf Mächten sich wenigstens zwei so weit verständigen könnten, um die andern zu einer Art Einstimmigkeit zu bringen. Jener Fehler der Einmischung der europäischen Diplomatie in die orientalische Frage hatte drei Folgen. Die erste war, daß man in Konstantinopel Alles suspendirte und das türkische Reich der einzigen Gefahr aussetzte, welche es in dieser Beziehung laufen konnte. Ich werde über diese Gefahr sogleich mich näher erklären. Die zweite Folge war, daß die Cabinette von Frankreich und England, wenn sie sich auch, wie ich hoffe, nicht getrennt haben, doch wenigstens beide Nationen dieß befürchten ließen. Die dritte Folge endlich war, daß Rußland auf den Anschein einer Trennung zwischen Frankreich und England hin, sich England zu nähern versuchte. Mit Ausnahme des Kriegs konnte man aus dieser Frage nicht drei schlimmere Folgen herbeiführen. Ich habe gesagt, man habe das türkische Reich der einzigen Gefahr, die ihm drohen konnte, ausgesetzt. Mit dem Tode des Sultans war ein großes Hinderniß des Friedens beseitigt. Zugleich waren aber auch jene starken Hände gesunken, welche die Zügel des Reichs gehalten hatten – eine Frau, ein Kind und ein Greis machten die ganze Regierung von Konstantinopel aus. Hegte nun der Pascha, hegten die Russen die Entwürfe, die man ihnen zuschrieb, so fanden sie, jener geschwächten Staatsgewalt gegenüber, zur Ausführung ihrer Plane freies Feld. Mehemed Ali konnte alle Paschas des Reichs durch seine Intriguen zum Aufstand bewegen, und Rußland konnte nach Konstantinopel kommen, denn mit dem Tod des Sultans war das Reich von Auflösung bedroht und man machte diese möglich, dadurch daß man alle Angelegenheiten in Aufschub hielt. Wie konnte aber die zweite Folge jenes Fehlers, Frankreich von England zu trennen und England Rußland zu nähern, entstehen? Als man die Angelegenheiten des Orients sich auflud, war es natürlich, daß man von jener projectirten Conferenz eine Lösung erwartete. Aber Rußland wollte der Conferenz nicht beitreten. Man mußte daher auf eine Uebereinstimmung der fünf Mächte verzichten, und sich zu zwei oder drei zu verständigen suchen. Die Mächte, die sich verständigen konnten, waren Frankreich und England, aber kaum hatten die ersten Verhandlungen begonnen, als man gewahr wurde, daß man nicht einig war; man hatte sich zuvor nie darüber berathen. England wollte die türkische Flotte wieder nehmen und dem Pascha höchstens einen Theil von Syrien geben. Die französische Regierung widersetzte sich und that wohl daran. Sie mußte widerstehen. Ich mache ihr nur Einen Einwurf: schon der einfachste Tact mußte rathen, sich offen gegen England auszusprechen, ehe man ein solches Mißverständniß herbeiführte. Hätte man sich nicht vereinigen können, so hätte es wenigstens nicht den Anschein gehabt, als habe man einander täuschen wollen. Leute, die sich gegenseitig erklärt haben, werden, selbst wenn sie nicht zu einer Verständigung gekommen, nie Feinde. Frankreich und England sahen, eben weil sie sich nicht zur gehörigen Zeit besprochen, zu spät, daß sie in ihren Ansichten von einander abwichen. England wollte, wie gesagt, dem Pascha zuerst die Flotte, dann einen Theil von Syrien entreißen. Frankreich widerstand, und die Freunde des Cabinets lobten mit Uebertreibung seine Festigkeit. Dieser Zwist machte Lärm in der Welt. England beklagte sich, daß Frankreich seine Politik ändere. Ich sage nicht, daß dieser Vorwurf gegründet war, gewiß aber ist, daß Frankreich mit seiner Politik ein wenig spät hervortrat, und sich dadurch einen Schein von Zweideutigkeit gab. (Bewegung.) Welch sonderbares Schauspiel boten wir der Welt oder wenigstens Europa! Wir hatten erklärt, dem ausschließlichen Protectorat Rußlands ein Ende machen zu wollen, und doch verständigten sich die zwei Mächte nicht, welche allein dieß vermochten. So bereiteten wir selbst Rußland einen Triumph, einen leichten Triumph, den es mit Geschicklichkeit ergriff. Es wäre freilich auch gar zu ungeschickt gewesen, eine so gute Gelegenheit nicht zu benützen. Rußland dachte: die Ursache des Zwiespalts beider Mächte ist der Pascha; der Pascha aber kümmert mich wenig, ich will ihn England preisgeben; ich werde dafür einige Zugeständnisse erhalten, die unter anderer Form den famösen Tractat von Hunkiar-Skelessi wieder aufleben machen. Sie wissen, daß Rußland Hrn. v. Brunnow nach London schickte. Dieser Botschafter sagte zu dem englischen Cabinet: „der Pascha interessirt uns nicht; ihr könnt hinsichtlich seiner eure Vorschläge machen, wir werden sie annehmen. Ueberdieß machen wir euch eine große Concession; wir verzichten auf den Tractat von Hunkiar-Skelessi.“ Sie kennen die zwei Stipulationen dieses Vertrags. Die erste ist, daß bei der nächsten Gefahr, welche Konstantinopel bedroht, die Russen dort einrücken dürfen; die zweite, daß während die Russen in Konstantinopel sind, den Flotten Englands und Frankreichs nicht gestattet werde, die Dardanellen zu passiren. Hr. v. Brunnow machte das erstemal folgende Vorschläge: „Am Tage, wo der Pascha den Taurus überschreitet, ziehen die Russen nach Konstantinopel; ihr Seemächte agirt gegen Kleinasien, Syrien, aber in die Gewässer von Konstantinopel dürft ihr nicht einlaufen.“ Dieser Vorschlag, der im Grunde nur die Anerkennung des Vertrags von Hunkiar-Skelessi enthielt, konnte nicht angenommen werden. Hr. v. Brunnow kam nun zum zweitenmal mit neuen Anerbietungen nach London. Obwohl auch dießmal der Hauptvorschlag war, daß Rußland bei der ersten Gefahr nach Konstantinopel ziehen dürfe, fügte man doch die Concession bei, daß man England und Frankreich erlauben wolle, je vier Linienschiffe in das Marmorameer einlaufen zu lassen. Glücklicherweise ist in dieser Beziehung noch nichts definitiv abgeschlossen; man sagt, es werde noch darüber unterhandelt. Jene acht Linienschiffe sollen sich nicht einmal Konstantinopel nähern dürfen; sie könnten bloß zwischen Gallipoli und dem Golf von Mudia kreuzen. Mit diesem Vorschlag wird, streng genommen, abermals die Anerkennung des Vertrags von Hunkiar-Skelessi verlangt, denn die Hauptsache ist, daß die Russen nach Konstantinopel rücken. Die acht Kriegsschiffe Frankreichs und Englands wären überdieß compromittirt, denn die Russen könnten hinter ihnen die Dardanellen schließen. Ich hoffe, die Vorschläge des Hrn. v. Brunnow werden nicht angenommen, denn sie enthalten noch außerdem eine unermeßliche Gefahr. Von dem Tag an, wo man des Ausgangs, den ein kräftiges Verfahren gegen den Pascha haben würde, sicher ist, wird man nicht mehr fürchten, ihn anzugreifen, so schwer auch der Krieg gegen ihn zu führen ist. Man wird ihm vielleicht seine Flotte vor Alexandria verbrennen; ich weiß es nicht, aber das weiß ich, daß man sich eine schwierige, bedenkliche Lage bereiten wird. Was vermag nicht ein so kühner Geist, wie Mehemed Ali, wenn er aufs Aeußerste getrieben wird! Er kann den Orient in Flammen setzen. Die Folge der Annahme jener Vorschläge wäre daher die Anerkennung des Tractats von Hunkiar Skelessi durch ganz Europa und die Gefahr einer allgemeinen Conflagration im Orient. (Beifall.) Ich glaube England wird sich etwas bedenken, ehe es in solche Vorschläge willigt. Europa wird, nachdem anfangs fünf Mächte, später zwei Mächte sich zusammen nicht verständigen konnten, wohl am Ende genöthigt seyn, auf eine Lösung der orientalischen Frage zu verzichten, aller Einmischung sich zu enthalten und Sultan und Pascha die Sache unter einander ausmachen zu lassen. Um zu einem solchen

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Zitationshilfe: Allgemeine Zeitung. Nr. 21. Augsburg, 21. Januar 1840, S. 0165. In: Deutsches Textarchiv <https://www.deutschestextarchiv.de/augsburgerallgemeine_021_18400121/5>, abgerufen am 12.04.2024.