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Allgemeine Zeitung. Nr. 15. Augsburg, 15. Januar 1840.

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ganzen Zeit ist ihm nie ein Wort des gerechten Unmuthes oder der Erbitterung gegen seine schonungslosen Feinde entschlüpft; nie hat er sie in späteren Jahren, wo es in seiner Macht gelegen wäre, ihr Benehmen entgelten lassen, und in vertrauter Stunde zeigte er später seinem Freunde die Stelle, wo er oft unter Gebet und Thränen nach der Kraft gerungen hatte, ihnen von Grund des Herzens zu vergeben.

Speransky war nur einmal vermählt: er wählte in seinem 28sten Jahre seine Lebensgefährtin, eine Engländerin, aus Neigung, und verlor sie schon nach einem Jahre an den Folgen eines Unglücksfalles, deren Tödlichkeit sich nach ihrer Entbindung schnell offenbarte. Seine ganze Zärtlichkeit wandte sich nun seinem einzigen Kinde, seiner Tochter zu (später vermählt an den kaiserl. Senator, H. v. Bagreeff). Denn obgleich er seinen Eltern stets ein liebevoller Sohn war und sie selbst in Zeiten eigener Bedrängniß unterstützte, so hatten ihn doch seine Bildung und Bestrebungen weit über ihre Sphäre erhoben. Er hatte einen Bruder, gleichfalls ein begabter Mann, der aber nach einer kurzen ehrenvollen Laufbahn im Staatsdienste, ohne Nachkommen zu hinterlassen, starb. Es erlosch demnach der von ihm gegründete Name wieder mit ihm, da seine Enkel einen andern führen; denn obgleich einige, von dessen Glanze gelockt und von der Landessitte begünstigt, denselben angenommen haben, so hat doch gegenwärtig Niemand das Recht, ihn von Graf Speransky abzuleiten.

Verschiedenheit innerer Zustände in den zu Rußland und zu deutschen Staaten gehörigen polnischen Landestheilen.

(Beschluß.) Ich komme auf Russisch-Polen. Hier waltet offen und frei die Tendenz vor, Polen zu russificiren. Der Zweck wird eingestanden, nur bleiben die angewendeten Mittel zum großen Theil verborgen. Rußland steuert, was man von der Sache selber auch denken mag, mit Energie, mit großer Klugheit und Umsicht auf sein großes Ziel los. Offenkundig und - wenn man ihm glauben darf - aus liebevoller Rücksicht für das Wohl und das Glück seiner verschiedenen Völker, stellt es an die Spitze seiner innern Politik das Princip innerer Einheit des Reichs, die es vorerst als Einheit in Verwaltung, in Sprache und in Kirche versteht. Dieß weiß Jedermann. Auch die Maaßregeln, welche in Folge davon in dichter Reihe gegen die lateinische Kirche und die polnische, wie andere Sprachen, zu Gunsten der großrussischen Kirche und Sprache, getroffen wurden, sind mehr oder minder bekannt, und ich will hier nicht darauf zurückkommen. Aber ich will hier etwas anführen, was noch weniger bekannt ist. Rußland sucht sich aus allen Kräften zu beeilen; es möchte sein Ziel: die Umwandlung der polnischen Nationalität in eine russische, eher erreicht haben, als etwa europäische Verwicklungen einträten, die ihm dabei Schwierigkeiten und Hindernisse bereiten dürften; es will in diesem Punkte möglichen Weltereignissen zuvorkommen, um sich ungehinderter mit denselben befassen zu können. Daher erscheinen ihm alle jene offenkundigen Maaßregeln noch ungenügend, wenigstens zu langsam. Den gemischten Ehen, und also der russischen Erziehung ihrer Kinder können sich die Polen noch entziehen, auch geht es nicht wohl an, jedem Einzelnen die russische Sprache beibringen zu lassen - wie viel Zeit könnte darüber vergehen! Der Verwaltung, den Beamten und Colonisten aus dem Innern Rußlands, der Staatskirche, der Staatssprache und der Zeit allein will es deßhalb nicht überlassen, die gewünschten Veränderungen zu bewirken: so dehnt es denn consequenterweise das Princip der innern Reichseinheit noch weiter auf alle Zustände Polens aus, und will diese in jedem Betracht den moskowitischen uniform machen. ... Die Schulen sind theils ganz aufgehoben, theils in gänzlichem Verfall. Dieß gilt von den höchsten Lehranstalten aufwärts bis zu den Dorfelementarschulen hinunter. Wie die Schulen des Landes vor 1830 immer mehr aufblühten, so sind sie nach 1830 immer tiefer herabgesunken. Dabei fast keine Bücher, keine Schriften, selbst die wenigen erlaubten Journale beschnitten. Das früher erwähnte in Lissa erscheinende Pfennigblatt, das den Titel "der Volksfreund" führt und lauter höchst unschuldige Dinge enthält, fand die Censurbehörde in Warschau zwar dem Inhalte nach ganz geeignet, auch im Königreich Polen verbreitet zu werden, aber ein Hinderniß stellte sich dem doch entgegen - der revolutionäre Titel "Volksfreund!" Wirklich ward der Schwierigkeit abgeholfen, und es gehen jetzt viele Exemplare des Blattes ins Königreich ein, nur erhalten dieselben einen besondern, loyalern Titel als den Przyjaciel ludu! Worauf man noch allein hält, ist die Anlernung fremder Sprachen, freilich nicht zu historischer Forschung. Die meisten russischen Erziehungsanstalten, selbst die für Frauen, sind darauf berechnet, Polyglotten, Vielzüngler zu bilden; in Rußland geht Alles auf das Aeußere, und die Erziehung und Bildung machen keine Ausnahme davon; was äußern Glanz verleiht, das sucht das Reich, das sucht der Einzelne, das treibt Alle miteinander. Empfänglichkeit für Größe und Glanz einerseits, Abstumpfung für Volk und Vaterland andrerseits. In demselben Maaße, als man seit 1830 die Schulen im Lande verfallen ließ, sperrte man das Königreich Polen mehr und mehr von Deutschland ab. Man verhinderte gleichermaßen den Verkehr mit Waaren wie den mit Ideen. Man schnitt die Wege ab, auf welchen vormals die Civilisation und der Geist der Zeit hinüberwanderten, man verdämmte den großen Culturstrom, der seit Jahrhunderten aus dem Süden und Westen nach dem Norden und Osten ungehindert floß. Die Polen sollen mit dem Westen nichts mehr gemein haben, ihr Gesicht nur nach dem Osten gewandt halten. Der Absatz der Landesproducte liegt darnieder, der Wohlstand nimmt ab; aber man erleichtert das Auswandern der brodlosen oder unternehmenden Einwohner tiefer in das Innere des Reichs hinein. Auch baut man für den Abzug der Landesproducte, gegen den natürlichen Lauf der Ströme, Canäle und Eisenbahnen, damit die Eingebornen nur nicht mit dem Ausland in Berührung kommen.

Der russisch-polnische Bauer wird wieder unter die alte Leibeigenschaft gebracht. Man sollte glauben, Rußland erkenne im freien polnischen Bauer seinen Feind, so eifrig ist es bemüht, ihn auf das Loos des russischen Leibeigenen herabzubringen. Mehrere Edelleute im Großherzogthum Posen haben Grundbesitz im Königreich Polen; geleitet durch die preußische Agrargesetzgebung wünschten sie auch die Bauern auf ihren russisch-polnischen Gütern zu freien Grundeigenthümern zu machen, sie wollten ihnen doch nur von ihrem Eigenthum abtreten; aber bis auf diesen Augenblick ist ihnen ihr edelmüthiges Vorhaben auszuführen nicht gestattet worden. Für den russischen Bauer ist der Soldatenstand noch ein Gewinn; aber für den polnischen? Er muß in ein russisches Heer treten, da es kein polnisches mehr gibt, und mit dem Herde und der Familie zugleich Vaterland, Sprache und Kirche aufgeben. Auch der zahlreiche niedere Adel, so wie die Städter, sind jetzt der Conscription und demselben Schicksal unterworfen - wie die leibeigenen Russen werden sie im Heere gehalten. Daheim in den Dörfern

ganzen Zeit ist ihm nie ein Wort des gerechten Unmuthes oder der Erbitterung gegen seine schonungslosen Feinde entschlüpft; nie hat er sie in späteren Jahren, wo es in seiner Macht gelegen wäre, ihr Benehmen entgelten lassen, und in vertrauter Stunde zeigte er später seinem Freunde die Stelle, wo er oft unter Gebet und Thränen nach der Kraft gerungen hatte, ihnen von Grund des Herzens zu vergeben.

Speransky war nur einmal vermählt: er wählte in seinem 28sten Jahre seine Lebensgefährtin, eine Engländerin, aus Neigung, und verlor sie schon nach einem Jahre an den Folgen eines Unglücksfalles, deren Tödlichkeit sich nach ihrer Entbindung schnell offenbarte. Seine ganze Zärtlichkeit wandte sich nun seinem einzigen Kinde, seiner Tochter zu (später vermählt an den kaiserl. Senator, H. v. Bagreeff). Denn obgleich er seinen Eltern stets ein liebevoller Sohn war und sie selbst in Zeiten eigener Bedrängniß unterstützte, so hatten ihn doch seine Bildung und Bestrebungen weit über ihre Sphäre erhoben. Er hatte einen Bruder, gleichfalls ein begabter Mann, der aber nach einer kurzen ehrenvollen Laufbahn im Staatsdienste, ohne Nachkommen zu hinterlassen, starb. Es erlosch demnach der von ihm gegründete Name wieder mit ihm, da seine Enkel einen andern führen; denn obgleich einige, von dessen Glanze gelockt und von der Landessitte begünstigt, denselben angenommen haben, so hat doch gegenwärtig Niemand das Recht, ihn von Graf Speransky abzuleiten.

Verschiedenheit innerer Zustände in den zu Rußland und zu deutschen Staaten gehörigen polnischen Landestheilen.

(Beschluß.) Ich komme auf Russisch-Polen. Hier waltet offen und frei die Tendenz vor, Polen zu russificiren. Der Zweck wird eingestanden, nur bleiben die angewendeten Mittel zum großen Theil verborgen. Rußland steuert, was man von der Sache selber auch denken mag, mit Energie, mit großer Klugheit und Umsicht auf sein großes Ziel los. Offenkundig und – wenn man ihm glauben darf – aus liebevoller Rücksicht für das Wohl und das Glück seiner verschiedenen Völker, stellt es an die Spitze seiner innern Politik das Princip innerer Einheit des Reichs, die es vorerst als Einheit in Verwaltung, in Sprache und in Kirche versteht. Dieß weiß Jedermann. Auch die Maaßregeln, welche in Folge davon in dichter Reihe gegen die lateinische Kirche und die polnische, wie andere Sprachen, zu Gunsten der großrussischen Kirche und Sprache, getroffen wurden, sind mehr oder minder bekannt, und ich will hier nicht darauf zurückkommen. Aber ich will hier etwas anführen, was noch weniger bekannt ist. Rußland sucht sich aus allen Kräften zu beeilen; es möchte sein Ziel: die Umwandlung der polnischen Nationalität in eine russische, eher erreicht haben, als etwa europäische Verwicklungen einträten, die ihm dabei Schwierigkeiten und Hindernisse bereiten dürften; es will in diesem Punkte möglichen Weltereignissen zuvorkommen, um sich ungehinderter mit denselben befassen zu können. Daher erscheinen ihm alle jene offenkundigen Maaßregeln noch ungenügend, wenigstens zu langsam. Den gemischten Ehen, und also der russischen Erziehung ihrer Kinder können sich die Polen noch entziehen, auch geht es nicht wohl an, jedem Einzelnen die russische Sprache beibringen zu lassen – wie viel Zeit könnte darüber vergehen! Der Verwaltung, den Beamten und Colonisten aus dem Innern Rußlands, der Staatskirche, der Staatssprache und der Zeit allein will es deßhalb nicht überlassen, die gewünschten Veränderungen zu bewirken: so dehnt es denn consequenterweise das Princip der innern Reichseinheit noch weiter auf alle Zustände Polens aus, und will diese in jedem Betracht den moskowitischen uniform machen. ... Die Schulen sind theils ganz aufgehoben, theils in gänzlichem Verfall. Dieß gilt von den höchsten Lehranstalten aufwärts bis zu den Dorfelementarschulen hinunter. Wie die Schulen des Landes vor 1830 immer mehr aufblühten, so sind sie nach 1830 immer tiefer herabgesunken. Dabei fast keine Bücher, keine Schriften, selbst die wenigen erlaubten Journale beschnitten. Das früher erwähnte in Lissa erscheinende Pfennigblatt, das den Titel „der Volksfreund“ führt und lauter höchst unschuldige Dinge enthält, fand die Censurbehörde in Warschau zwar dem Inhalte nach ganz geeignet, auch im Königreich Polen verbreitet zu werden, aber ein Hinderniß stellte sich dem doch entgegen – der revolutionäre Titel „Volksfreund!“ Wirklich ward der Schwierigkeit abgeholfen, und es gehen jetzt viele Exemplare des Blattes ins Königreich ein, nur erhalten dieselben einen besondern, loyalern Titel als den Przyjaciel ludu! Worauf man noch allein hält, ist die Anlernung fremder Sprachen, freilich nicht zu historischer Forschung. Die meisten russischen Erziehungsanstalten, selbst die für Frauen, sind darauf berechnet, Polyglotten, Vielzüngler zu bilden; in Rußland geht Alles auf das Aeußere, und die Erziehung und Bildung machen keine Ausnahme davon; was äußern Glanz verleiht, das sucht das Reich, das sucht der Einzelne, das treibt Alle miteinander. Empfänglichkeit für Größe und Glanz einerseits, Abstumpfung für Volk und Vaterland andrerseits. In demselben Maaße, als man seit 1830 die Schulen im Lande verfallen ließ, sperrte man das Königreich Polen mehr und mehr von Deutschland ab. Man verhinderte gleichermaßen den Verkehr mit Waaren wie den mit Ideen. Man schnitt die Wege ab, auf welchen vormals die Civilisation und der Geist der Zeit hinüberwanderten, man verdämmte den großen Culturstrom, der seit Jahrhunderten aus dem Süden und Westen nach dem Norden und Osten ungehindert floß. Die Polen sollen mit dem Westen nichts mehr gemein haben, ihr Gesicht nur nach dem Osten gewandt halten. Der Absatz der Landesproducte liegt darnieder, der Wohlstand nimmt ab; aber man erleichtert das Auswandern der brodlosen oder unternehmenden Einwohner tiefer in das Innere des Reichs hinein. Auch baut man für den Abzug der Landesproducte, gegen den natürlichen Lauf der Ströme, Canäle und Eisenbahnen, damit die Eingebornen nur nicht mit dem Ausland in Berührung kommen.

Der russisch-polnische Bauer wird wieder unter die alte Leibeigenschaft gebracht. Man sollte glauben, Rußland erkenne im freien polnischen Bauer seinen Feind, so eifrig ist es bemüht, ihn auf das Loos des russischen Leibeigenen herabzubringen. Mehrere Edelleute im Großherzogthum Posen haben Grundbesitz im Königreich Polen; geleitet durch die preußische Agrargesetzgebung wünschten sie auch die Bauern auf ihren russisch-polnischen Gütern zu freien Grundeigenthümern zu machen, sie wollten ihnen doch nur von ihrem Eigenthum abtreten; aber bis auf diesen Augenblick ist ihnen ihr edelmüthiges Vorhaben auszuführen nicht gestattet worden. Für den russischen Bauer ist der Soldatenstand noch ein Gewinn; aber für den polnischen? Er muß in ein russisches Heer treten, da es kein polnisches mehr gibt, und mit dem Herde und der Familie zugleich Vaterland, Sprache und Kirche aufgeben. Auch der zahlreiche niedere Adel, so wie die Städter, sind jetzt der Conscription und demselben Schicksal unterworfen – wie die leibeigenen Russen werden sie im Heere gehalten. Daheim in den Dörfern

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[0114/0010] ganzen Zeit ist ihm nie ein Wort des gerechten Unmuthes oder der Erbitterung gegen seine schonungslosen Feinde entschlüpft; nie hat er sie in späteren Jahren, wo es in seiner Macht gelegen wäre, ihr Benehmen entgelten lassen, und in vertrauter Stunde zeigte er später seinem Freunde die Stelle, wo er oft unter Gebet und Thränen nach der Kraft gerungen hatte, ihnen von Grund des Herzens zu vergeben. Speransky war nur einmal vermählt: er wählte in seinem 28sten Jahre seine Lebensgefährtin, eine Engländerin, aus Neigung, und verlor sie schon nach einem Jahre an den Folgen eines Unglücksfalles, deren Tödlichkeit sich nach ihrer Entbindung schnell offenbarte. Seine ganze Zärtlichkeit wandte sich nun seinem einzigen Kinde, seiner Tochter zu (später vermählt an den kaiserl. Senator, H. v. Bagreeff). Denn obgleich er seinen Eltern stets ein liebevoller Sohn war und sie selbst in Zeiten eigener Bedrängniß unterstützte, so hatten ihn doch seine Bildung und Bestrebungen weit über ihre Sphäre erhoben. Er hatte einen Bruder, gleichfalls ein begabter Mann, der aber nach einer kurzen ehrenvollen Laufbahn im Staatsdienste, ohne Nachkommen zu hinterlassen, starb. Es erlosch demnach der von ihm gegründete Name wieder mit ihm, da seine Enkel einen andern führen; denn obgleich einige, von dessen Glanze gelockt und von der Landessitte begünstigt, denselben angenommen haben, so hat doch gegenwärtig Niemand das Recht, ihn von Graf Speransky abzuleiten. Verschiedenheit innerer Zustände in den zu Rußland und zu deutschen Staaten gehörigen polnischen Landestheilen. Berlin, 1 Jan. (Beschluß.) Ich komme auf Russisch-Polen. Hier waltet offen und frei die Tendenz vor, Polen zu russificiren. Der Zweck wird eingestanden, nur bleiben die angewendeten Mittel zum großen Theil verborgen. Rußland steuert, was man von der Sache selber auch denken mag, mit Energie, mit großer Klugheit und Umsicht auf sein großes Ziel los. Offenkundig und – wenn man ihm glauben darf – aus liebevoller Rücksicht für das Wohl und das Glück seiner verschiedenen Völker, stellt es an die Spitze seiner innern Politik das Princip innerer Einheit des Reichs, die es vorerst als Einheit in Verwaltung, in Sprache und in Kirche versteht. Dieß weiß Jedermann. Auch die Maaßregeln, welche in Folge davon in dichter Reihe gegen die lateinische Kirche und die polnische, wie andere Sprachen, zu Gunsten der großrussischen Kirche und Sprache, getroffen wurden, sind mehr oder minder bekannt, und ich will hier nicht darauf zurückkommen. Aber ich will hier etwas anführen, was noch weniger bekannt ist. Rußland sucht sich aus allen Kräften zu beeilen; es möchte sein Ziel: die Umwandlung der polnischen Nationalität in eine russische, eher erreicht haben, als etwa europäische Verwicklungen einträten, die ihm dabei Schwierigkeiten und Hindernisse bereiten dürften; es will in diesem Punkte möglichen Weltereignissen zuvorkommen, um sich ungehinderter mit denselben befassen zu können. Daher erscheinen ihm alle jene offenkundigen Maaßregeln noch ungenügend, wenigstens zu langsam. Den gemischten Ehen, und also der russischen Erziehung ihrer Kinder können sich die Polen noch entziehen, auch geht es nicht wohl an, jedem Einzelnen die russische Sprache beibringen zu lassen – wie viel Zeit könnte darüber vergehen! Der Verwaltung, den Beamten und Colonisten aus dem Innern Rußlands, der Staatskirche, der Staatssprache und der Zeit allein will es deßhalb nicht überlassen, die gewünschten Veränderungen zu bewirken: so dehnt es denn consequenterweise das Princip der innern Reichseinheit noch weiter auf alle Zustände Polens aus, und will diese in jedem Betracht den moskowitischen uniform machen. ... Die Schulen sind theils ganz aufgehoben, theils in gänzlichem Verfall. Dieß gilt von den höchsten Lehranstalten aufwärts bis zu den Dorfelementarschulen hinunter. Wie die Schulen des Landes vor 1830 immer mehr aufblühten, so sind sie nach 1830 immer tiefer herabgesunken. Dabei fast keine Bücher, keine Schriften, selbst die wenigen erlaubten Journale beschnitten. Das früher erwähnte in Lissa erscheinende Pfennigblatt, das den Titel „der Volksfreund“ führt und lauter höchst unschuldige Dinge enthält, fand die Censurbehörde in Warschau zwar dem Inhalte nach ganz geeignet, auch im Königreich Polen verbreitet zu werden, aber ein Hinderniß stellte sich dem doch entgegen – der revolutionäre Titel „Volksfreund!“ Wirklich ward der Schwierigkeit abgeholfen, und es gehen jetzt viele Exemplare des Blattes ins Königreich ein, nur erhalten dieselben einen besondern, loyalern Titel als den Przyjaciel ludu! Worauf man noch allein hält, ist die Anlernung fremder Sprachen, freilich nicht zu historischer Forschung. Die meisten russischen Erziehungsanstalten, selbst die für Frauen, sind darauf berechnet, Polyglotten, Vielzüngler zu bilden; in Rußland geht Alles auf das Aeußere, und die Erziehung und Bildung machen keine Ausnahme davon; was äußern Glanz verleiht, das sucht das Reich, das sucht der Einzelne, das treibt Alle miteinander. Empfänglichkeit für Größe und Glanz einerseits, Abstumpfung für Volk und Vaterland andrerseits. In demselben Maaße, als man seit 1830 die Schulen im Lande verfallen ließ, sperrte man das Königreich Polen mehr und mehr von Deutschland ab. Man verhinderte gleichermaßen den Verkehr mit Waaren wie den mit Ideen. Man schnitt die Wege ab, auf welchen vormals die Civilisation und der Geist der Zeit hinüberwanderten, man verdämmte den großen Culturstrom, der seit Jahrhunderten aus dem Süden und Westen nach dem Norden und Osten ungehindert floß. Die Polen sollen mit dem Westen nichts mehr gemein haben, ihr Gesicht nur nach dem Osten gewandt halten. Der Absatz der Landesproducte liegt darnieder, der Wohlstand nimmt ab; aber man erleichtert das Auswandern der brodlosen oder unternehmenden Einwohner tiefer in das Innere des Reichs hinein. Auch baut man für den Abzug der Landesproducte, gegen den natürlichen Lauf der Ströme, Canäle und Eisenbahnen, damit die Eingebornen nur nicht mit dem Ausland in Berührung kommen. Der russisch-polnische Bauer wird wieder unter die alte Leibeigenschaft gebracht. Man sollte glauben, Rußland erkenne im freien polnischen Bauer seinen Feind, so eifrig ist es bemüht, ihn auf das Loos des russischen Leibeigenen herabzubringen. Mehrere Edelleute im Großherzogthum Posen haben Grundbesitz im Königreich Polen; geleitet durch die preußische Agrargesetzgebung wünschten sie auch die Bauern auf ihren russisch-polnischen Gütern zu freien Grundeigenthümern zu machen, sie wollten ihnen doch nur von ihrem Eigenthum abtreten; aber bis auf diesen Augenblick ist ihnen ihr edelmüthiges Vorhaben auszuführen nicht gestattet worden. Für den russischen Bauer ist der Soldatenstand noch ein Gewinn; aber für den polnischen? Er muß in ein russisches Heer treten, da es kein polnisches mehr gibt, und mit dem Herde und der Familie zugleich Vaterland, Sprache und Kirche aufgeben. Auch der zahlreiche niedere Adel, so wie die Städter, sind jetzt der Conscription und demselben Schicksal unterworfen – wie die leibeigenen Russen werden sie im Heere gehalten. Daheim in den Dörfern

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Dieses Werk wurde im Rahmen des Moduls DTA-Erweiterungen (DTAE) digitalisiert. Weitere Informationen …

Deutsches Textarchiv: Bereitstellung der Texttranskription. (2016-06-28T11:37:15Z) Bitte beachten Sie, dass die aktuelle Transkription (und Textauszeichnung) mittlerweile nicht mehr dem Stand zum Zeitpunkt der Übernahme des Werkes in das DTA entsprechen muss.
Matthias Boenig: Bearbeitung der digitalen Edition. (2016-06-28T11:37:15Z)

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Zitationshilfe: Allgemeine Zeitung. Nr. 15. Augsburg, 15. Januar 1840, S. 0114. In: Deutsches Textarchiv <https://www.deutschestextarchiv.de/augsburgerallgemeine_015_18400115/10>, abgerufen am 19.07.2024.