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Allgemeine Zeitung. Nr. 5. Augsburg, 5. Januar 1840.

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ich muß, da um diese Stunde (3 Uhr Nachmittags) die Post abgeht, das Weitere bis morgen verschieben.

Man erfährt jetzt, daß die Minister, nachdem die Königin ein Schreiben an Espartero abgeschickt hatte, ebenfalls und zwar einen Tag später, einen Courier an ihn abfertigten, und daß der gestern eingetroffene Courier die an die Minister gerichtete Antwort Espartero's überbrachte. Ueber den Inhalt der letzteren verlautet bis jetzt durchaus nichts, und die ministeriellen Blätter, die gewiß triumphiren würden, wenn er für ihre Partei günstig ausgefallen wäre, beobachten ein strenges Stillschweigen. Espartero soll in seinem Schreiben an die Königin verschiedene Bemerkungen gemacht haben, die zur Berichtigung des viel besprochenen Artikels dienen. Er habe nicht seine Mißbilligung der Auflösung der Cortes ausdrücken, sondern nur der Behauptung widersprechen wollen, als ob er dieselbe ausdrücklich gebilligt, oder gar angerathen habe; und da sich von allen Seiten abgesetzte Beamte mit ihren Klagen an ihn gewandt hätten, so habe er öffentlich darthun wollen, daß er mit diesen Verwaltungsmaaßregeln der Regierung nichts zu thun habe. Er und die Armee seyen stets bereit, sich allen Versuchen zu widersetzen, welche gegen den Thron, die Regentschaft der Königin-Mutter und die Verfassung von 1837 gerichtet werden könnten. Was aber dem Verstande des Herzogs die größte Ehre macht, ist die an seine Gemahlin gerichtete Aufforderung, Madrid sogleich zu verlassen, und in Logronno oder in Valencia ihren Aufenthalt zu nehmen. Die Blätter der exaltirten Partei geben sich das Ansehen, als ob die jetzige Wendung der Sache zu ihren Gunsten ausgefallen sey, und vergessen, indem sie den Inhalt des von Espartero an die Königin gerichteten Schreibens vortrefflich und ganz in der Ordnung finden, daß sie noch vor wenigen Tagen den bloßen Glauben an das Vorhandenseyn eines solchen zwischen dem Staatsoberhaupt und dem Oberfeldherrn geführten Briefwechsels für hochverrätherisch erklärten. Espartero hat also den Mittelweg zu finden gewußt; indem er aber beide Parteien zurückweist, werden auch beide ihm ihren aufrichtigen Haß widmen. - Unter diesen Umständen glauben die Minister ihre Plätze behalten zu dürfen.

Großbritannien.

In Dublin hat sich das Gerücht erneuert, die Königin werde im nächsten Sommer Irland besuchen. Gewiß ist, daß im Dubliner Schloß große Aenderungen und Verschönerungen vorgenommen werden.

Ein kleines Blatt erwähnt folgende Gerüchte von bevorstehenden politischen Veränderungen: "Der Herzog v. Devonshire geht als Lordstatthalter nach Irland, Lord Ebrington ersetzt den Marquis v. Normanby im Ministerium des Innern, und dieser erhält den Gesandtschaftsposten in Paris. Die Generalstatthalterschaft von Indien war dem edlen Marquis angeboten, aber er hat sie aus Familienrücksichten abgelehnt (d. h. Lady Normanby, nicht ihr Gemahl, hat sie abgelehnt, und zwar darum, weil die Königin ihrer Gesellschaft nicht entrathen könne). Lord Granville oder Lord Durham werden dann vermuthlich den Lord Auckland in Indien ablösen."

Kürzlich fand hier eine Versammlung der "Evangelischgesinnten Freunde des freiwilligen Kirchenthums" statt, und zwar unter dem Vorsitze des Sir C. E. Smith. "Wenn ich, sagte dieser in seiner Eröffnungsrede unter Anderm, "die Welt, welche sich christlich nennt, mit den Vorschriften des Evangeliums zusammenhalte, so dringt sich mir die Ueberzeugung auf, daß das Christenthum irgendwo seinen Zweck verfehlt haben muß. Bei weiterem Nachdenken finde ich den Irrthum in den Anlagen des Kirchenwesens. Der erste Zweck des Christenthums ist die Belehrung des Menschen, der nächste, daß die Bekehrten sich in eine Gemeinde bilden. Hier ist keine Spur von äußern Mitteln, am wenigsten von Zwang. Wo Menschen vom Staate begünstigt werden, wenn sie sich zu einer gewissen Form bequemen, andere aber zurückgesetzt, welche sich einer solchen nicht unterwerfen wollen, da muß es an Aufrichtigkeit und Innerlichkeit fehlen." Nach ihm sprachen mehrere Andere, sämmtlich Prediger dissentirender Gemeinden, und man stiftete einen Verein unter obigem Namen, und mit ungefähr folgenden Bestimmungen: Der Zweck ist die Abschaffung jeder Staatsreligion, jedes Vorzugs und jeder Zurücksetzung wegen äußerlichen Glaubens, so wie aller Besteuerung zum Vortheil einer begünstigten Glaubenspartei. Die Mittel hierzu sollen durchaus nicht politisch seyn; weder Parlament noch Regierung sollen von der Gesellschaft angegangen werden; man will bloß durch Rede und Schrift der Nation die Grundsätze des Vereins nahe liegen, und allmählich Einzelne dahin zu bringen suchen, daß sie sich denen anschließen, welche in freiwilligen Vereinen Gott in christlichem Sinn verehren. Es bedarf nichts weiter als einer evangelischen Gesinnung, um Mitglied dieser Gesellschaft werden zu können, deren Versammlungen jedesmal durch Gebet eröffnet und geschlossen werden sollen. Vor Allem aber will man sich der Milde, der Liebe befleißen, und sich nicht durch die zu erwartenden Schmähungen ebenfalls zu Schmähungen hinreißen lassen. - Diese Entschließung ist erfreulich, und wenn die Mitglieder der Gesellschaft dabei beharren, werden sie ein erhebendes Beispiel von christlicher Geduld und Langmuth aufzustellen haben, da sich gar nicht zweifeln läßt, daß die Geistlichkeit der anglicanischen Kirche und deren Organe bald aufs unbarmherzigste über sie herfallen werden. Sind doch die Hauptpersonen darunter Leute, die sich längst mit Eifer die Abschaffung der Kirchensteuer angelegen seyn lassen. Auffallend ist inzwischen auch, daß, wie Sir C. E. Smith bemerkt, die Gesellschaft die Ermäßigung des Briefporto's als ein Mittel betrachtet, welches die Vorsehung ihr darreicht, um ihre Gesinnungen desto schneller zu verbreiten. Rechtfertigt dieß nicht die instinctmäßige Abneigung so vieler Tories gegen diese Neuerung? Indessen ist auch nicht zu läugnen, daß es heut zu Tage viele anglicanische Geistliche gibt, welche der Trennung der Kirche vom Staat als einer Erlösung aus der babylonischen Gefangenschaft entgegenschauen. Aber die meisten erwarten alsdann die Kirche über den Staat gesetzt zu sehen. Die Güter, welche sie großentheils vom Staat erlangt, sollen ihr verbleiben, und mit diesen und der Bearbeitung der Nation zu ihren Zwecken hoffen sie die Parlamentswahlen zu lenken, und somit sich zu Herren des Parlaments zu machen. Dieß sind freilich nicht die Puseyisten, wenigstens nicht die, welche die Idee des Meisters von einer Kirche mit Wahrheit und Liebe aufgegriffen haben; denn diese, so sonderbar auch ihre Begriffe von apostolischer Folge für den unbefangenen Protestanten klingen mögen, meinen es redlich, und suchen in der Unabhängigkeit der Kirche wenigstens keine weltliche Herrschaft. Doch weder diese, noch jene werden mit Nonconformisten selbst zu diesem Zwecke irgend eine Gemeinschaft machen, da jene sie als Feinde und diese sie kaum für Mitchristen halten. Aber die auf so vielerlei Weisen verbreitete Ueberzeugung, daß die Kirche ihre Sendung nicht erfüllt habe und einer Umgestaltung bedürfe, ist eine wichtige Erscheinung, von der man früher oder später bedeutende Folgen erwarten muß. Wenn man dabei von andern Seiten den Protestantismus im Allgemeinen und die Staatskirche insbesondere vergötternd erhebt, und das Bild nur um so mehr verherrlicht, weil man es zugleich als gefährdet

ich muß, da um diese Stunde (3 Uhr Nachmittags) die Post abgeht, das Weitere bis morgen verschieben.

Man erfährt jetzt, daß die Minister, nachdem die Königin ein Schreiben an Espartero abgeschickt hatte, ebenfalls und zwar einen Tag später, einen Courier an ihn abfertigten, und daß der gestern eingetroffene Courier die an die Minister gerichtete Antwort Espartero's überbrachte. Ueber den Inhalt der letzteren verlautet bis jetzt durchaus nichts, und die ministeriellen Blätter, die gewiß triumphiren würden, wenn er für ihre Partei günstig ausgefallen wäre, beobachten ein strenges Stillschweigen. Espartero soll in seinem Schreiben an die Königin verschiedene Bemerkungen gemacht haben, die zur Berichtigung des viel besprochenen Artikels dienen. Er habe nicht seine Mißbilligung der Auflösung der Cortes ausdrücken, sondern nur der Behauptung widersprechen wollen, als ob er dieselbe ausdrücklich gebilligt, oder gar angerathen habe; und da sich von allen Seiten abgesetzte Beamte mit ihren Klagen an ihn gewandt hätten, so habe er öffentlich darthun wollen, daß er mit diesen Verwaltungsmaaßregeln der Regierung nichts zu thun habe. Er und die Armee seyen stets bereit, sich allen Versuchen zu widersetzen, welche gegen den Thron, die Regentschaft der Königin-Mutter und die Verfassung von 1837 gerichtet werden könnten. Was aber dem Verstande des Herzogs die größte Ehre macht, ist die an seine Gemahlin gerichtete Aufforderung, Madrid sogleich zu verlassen, und in Logroño oder in Valencia ihren Aufenthalt zu nehmen. Die Blätter der exaltirten Partei geben sich das Ansehen, als ob die jetzige Wendung der Sache zu ihren Gunsten ausgefallen sey, und vergessen, indem sie den Inhalt des von Espartero an die Königin gerichteten Schreibens vortrefflich und ganz in der Ordnung finden, daß sie noch vor wenigen Tagen den bloßen Glauben an das Vorhandenseyn eines solchen zwischen dem Staatsoberhaupt und dem Oberfeldherrn geführten Briefwechsels für hochverrätherisch erklärten. Espartero hat also den Mittelweg zu finden gewußt; indem er aber beide Parteien zurückweist, werden auch beide ihm ihren aufrichtigen Haß widmen. – Unter diesen Umständen glauben die Minister ihre Plätze behalten zu dürfen.

Großbritannien.

In Dublin hat sich das Gerücht erneuert, die Königin werde im nächsten Sommer Irland besuchen. Gewiß ist, daß im Dubliner Schloß große Aenderungen und Verschönerungen vorgenommen werden.

Ein kleines Blatt erwähnt folgende Gerüchte von bevorstehenden politischen Veränderungen: „Der Herzog v. Devonshire geht als Lordstatthalter nach Irland, Lord Ebrington ersetzt den Marquis v. Normanby im Ministerium des Innern, und dieser erhält den Gesandtschaftsposten in Paris. Die Generalstatthalterschaft von Indien war dem edlen Marquis angeboten, aber er hat sie aus Familienrücksichten abgelehnt (d. h. Lady Normanby, nicht ihr Gemahl, hat sie abgelehnt, und zwar darum, weil die Königin ihrer Gesellschaft nicht entrathen könne). Lord Granville oder Lord Durham werden dann vermuthlich den Lord Auckland in Indien ablösen.“

Kürzlich fand hier eine Versammlung der „Evangelischgesinnten Freunde des freiwilligen Kirchenthums“ statt, und zwar unter dem Vorsitze des Sir C. E. Smith. „Wenn ich, sagte dieser in seiner Eröffnungsrede unter Anderm, „die Welt, welche sich christlich nennt, mit den Vorschriften des Evangeliums zusammenhalte, so dringt sich mir die Ueberzeugung auf, daß das Christenthum irgendwo seinen Zweck verfehlt haben muß. Bei weiterem Nachdenken finde ich den Irrthum in den Anlagen des Kirchenwesens. Der erste Zweck des Christenthums ist die Belehrung des Menschen, der nächste, daß die Bekehrten sich in eine Gemeinde bilden. Hier ist keine Spur von äußern Mitteln, am wenigsten von Zwang. Wo Menschen vom Staate begünstigt werden, wenn sie sich zu einer gewissen Form bequemen, andere aber zurückgesetzt, welche sich einer solchen nicht unterwerfen wollen, da muß es an Aufrichtigkeit und Innerlichkeit fehlen.“ Nach ihm sprachen mehrere Andere, sämmtlich Prediger dissentirender Gemeinden, und man stiftete einen Verein unter obigem Namen, und mit ungefähr folgenden Bestimmungen: Der Zweck ist die Abschaffung jeder Staatsreligion, jedes Vorzugs und jeder Zurücksetzung wegen äußerlichen Glaubens, so wie aller Besteuerung zum Vortheil einer begünstigten Glaubenspartei. Die Mittel hierzu sollen durchaus nicht politisch seyn; weder Parlament noch Regierung sollen von der Gesellschaft angegangen werden; man will bloß durch Rede und Schrift der Nation die Grundsätze des Vereins nahe liegen, und allmählich Einzelne dahin zu bringen suchen, daß sie sich denen anschließen, welche in freiwilligen Vereinen Gott in christlichem Sinn verehren. Es bedarf nichts weiter als einer evangelischen Gesinnung, um Mitglied dieser Gesellschaft werden zu können, deren Versammlungen jedesmal durch Gebet eröffnet und geschlossen werden sollen. Vor Allem aber will man sich der Milde, der Liebe befleißen, und sich nicht durch die zu erwartenden Schmähungen ebenfalls zu Schmähungen hinreißen lassen. – Diese Entschließung ist erfreulich, und wenn die Mitglieder der Gesellschaft dabei beharren, werden sie ein erhebendes Beispiel von christlicher Geduld und Langmuth aufzustellen haben, da sich gar nicht zweifeln läßt, daß die Geistlichkeit der anglicanischen Kirche und deren Organe bald aufs unbarmherzigste über sie herfallen werden. Sind doch die Hauptpersonen darunter Leute, die sich längst mit Eifer die Abschaffung der Kirchensteuer angelegen seyn lassen. Auffallend ist inzwischen auch, daß, wie Sir C. E. Smith bemerkt, die Gesellschaft die Ermäßigung des Briefporto's als ein Mittel betrachtet, welches die Vorsehung ihr darreicht, um ihre Gesinnungen desto schneller zu verbreiten. Rechtfertigt dieß nicht die instinctmäßige Abneigung so vieler Tories gegen diese Neuerung? Indessen ist auch nicht zu läugnen, daß es heut zu Tage viele anglicanische Geistliche gibt, welche der Trennung der Kirche vom Staat als einer Erlösung aus der babylonischen Gefangenschaft entgegenschauen. Aber die meisten erwarten alsdann die Kirche über den Staat gesetzt zu sehen. Die Güter, welche sie großentheils vom Staat erlangt, sollen ihr verbleiben, und mit diesen und der Bearbeitung der Nation zu ihren Zwecken hoffen sie die Parlamentswahlen zu lenken, und somit sich zu Herren des Parlaments zu machen. Dieß sind freilich nicht die Puseyisten, wenigstens nicht die, welche die Idee des Meisters von einer Kirche mit Wahrheit und Liebe aufgegriffen haben; denn diese, so sonderbar auch ihre Begriffe von apostolischer Folge für den unbefangenen Protestanten klingen mögen, meinen es redlich, und suchen in der Unabhängigkeit der Kirche wenigstens keine weltliche Herrschaft. Doch weder diese, noch jene werden mit Nonconformisten selbst zu diesem Zwecke irgend eine Gemeinschaft machen, da jene sie als Feinde und diese sie kaum für Mitchristen halten. Aber die auf so vielerlei Weisen verbreitete Ueberzeugung, daß die Kirche ihre Sendung nicht erfüllt habe und einer Umgestaltung bedürfe, ist eine wichtige Erscheinung, von der man früher oder später bedeutende Folgen erwarten muß. Wenn man dabei von andern Seiten den Protestantismus im Allgemeinen und die Staatskirche insbesondere vergötternd erhebt, und das Bild nur um so mehr verherrlicht, weil man es zugleich als gefährdet

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[0034/0002] ich muß, da um diese Stunde (3 Uhr Nachmittags) die Post abgeht, das Weitere bis morgen verschieben. _ Madrid, 24 Dec. Man erfährt jetzt, daß die Minister, nachdem die Königin ein Schreiben an Espartero abgeschickt hatte, ebenfalls und zwar einen Tag später, einen Courier an ihn abfertigten, und daß der gestern eingetroffene Courier die an die Minister gerichtete Antwort Espartero's überbrachte. Ueber den Inhalt der letzteren verlautet bis jetzt durchaus nichts, und die ministeriellen Blätter, die gewiß triumphiren würden, wenn er für ihre Partei günstig ausgefallen wäre, beobachten ein strenges Stillschweigen. Espartero soll in seinem Schreiben an die Königin verschiedene Bemerkungen gemacht haben, die zur Berichtigung des viel besprochenen Artikels dienen. Er habe nicht seine Mißbilligung der Auflösung der Cortes ausdrücken, sondern nur der Behauptung widersprechen wollen, als ob er dieselbe ausdrücklich gebilligt, oder gar angerathen habe; und da sich von allen Seiten abgesetzte Beamte mit ihren Klagen an ihn gewandt hätten, so habe er öffentlich darthun wollen, daß er mit diesen Verwaltungsmaaßregeln der Regierung nichts zu thun habe. Er und die Armee seyen stets bereit, sich allen Versuchen zu widersetzen, welche gegen den Thron, die Regentschaft der Königin-Mutter und die Verfassung von 1837 gerichtet werden könnten. Was aber dem Verstande des Herzogs die größte Ehre macht, ist die an seine Gemahlin gerichtete Aufforderung, Madrid sogleich zu verlassen, und in Logroño oder in Valencia ihren Aufenthalt zu nehmen. Die Blätter der exaltirten Partei geben sich das Ansehen, als ob die jetzige Wendung der Sache zu ihren Gunsten ausgefallen sey, und vergessen, indem sie den Inhalt des von Espartero an die Königin gerichteten Schreibens vortrefflich und ganz in der Ordnung finden, daß sie noch vor wenigen Tagen den bloßen Glauben an das Vorhandenseyn eines solchen zwischen dem Staatsoberhaupt und dem Oberfeldherrn geführten Briefwechsels für hochverrätherisch erklärten. Espartero hat also den Mittelweg zu finden gewußt; indem er aber beide Parteien zurückweist, werden auch beide ihm ihren aufrichtigen Haß widmen. – Unter diesen Umständen glauben die Minister ihre Plätze behalten zu dürfen. Großbritannien. In Dublin hat sich das Gerücht erneuert, die Königin werde im nächsten Sommer Irland besuchen. Gewiß ist, daß im Dubliner Schloß große Aenderungen und Verschönerungen vorgenommen werden. Ein kleines Blatt erwähnt folgende Gerüchte von bevorstehenden politischen Veränderungen: „Der Herzog v. Devonshire geht als Lordstatthalter nach Irland, Lord Ebrington ersetzt den Marquis v. Normanby im Ministerium des Innern, und dieser erhält den Gesandtschaftsposten in Paris. Die Generalstatthalterschaft von Indien war dem edlen Marquis angeboten, aber er hat sie aus Familienrücksichten abgelehnt (d. h. Lady Normanby, nicht ihr Gemahl, hat sie abgelehnt, und zwar darum, weil die Königin ihrer Gesellschaft nicht entrathen könne). Lord Granville oder Lord Durham werden dann vermuthlich den Lord Auckland in Indien ablösen.“ _ London im December. Kürzlich fand hier eine Versammlung der „Evangelischgesinnten Freunde des freiwilligen Kirchenthums“ statt, und zwar unter dem Vorsitze des Sir C. E. Smith. „Wenn ich, sagte dieser in seiner Eröffnungsrede unter Anderm, „die Welt, welche sich christlich nennt, mit den Vorschriften des Evangeliums zusammenhalte, so dringt sich mir die Ueberzeugung auf, daß das Christenthum irgendwo seinen Zweck verfehlt haben muß. Bei weiterem Nachdenken finde ich den Irrthum in den Anlagen des Kirchenwesens. Der erste Zweck des Christenthums ist die Belehrung des Menschen, der nächste, daß die Bekehrten sich in eine Gemeinde bilden. Hier ist keine Spur von äußern Mitteln, am wenigsten von Zwang. Wo Menschen vom Staate begünstigt werden, wenn sie sich zu einer gewissen Form bequemen, andere aber zurückgesetzt, welche sich einer solchen nicht unterwerfen wollen, da muß es an Aufrichtigkeit und Innerlichkeit fehlen.“ Nach ihm sprachen mehrere Andere, sämmtlich Prediger dissentirender Gemeinden, und man stiftete einen Verein unter obigem Namen, und mit ungefähr folgenden Bestimmungen: Der Zweck ist die Abschaffung jeder Staatsreligion, jedes Vorzugs und jeder Zurücksetzung wegen äußerlichen Glaubens, so wie aller Besteuerung zum Vortheil einer begünstigten Glaubenspartei. Die Mittel hierzu sollen durchaus nicht politisch seyn; weder Parlament noch Regierung sollen von der Gesellschaft angegangen werden; man will bloß durch Rede und Schrift der Nation die Grundsätze des Vereins nahe liegen, und allmählich Einzelne dahin zu bringen suchen, daß sie sich denen anschließen, welche in freiwilligen Vereinen Gott in christlichem Sinn verehren. Es bedarf nichts weiter als einer evangelischen Gesinnung, um Mitglied dieser Gesellschaft werden zu können, deren Versammlungen jedesmal durch Gebet eröffnet und geschlossen werden sollen. Vor Allem aber will man sich der Milde, der Liebe befleißen, und sich nicht durch die zu erwartenden Schmähungen ebenfalls zu Schmähungen hinreißen lassen. – Diese Entschließung ist erfreulich, und wenn die Mitglieder der Gesellschaft dabei beharren, werden sie ein erhebendes Beispiel von christlicher Geduld und Langmuth aufzustellen haben, da sich gar nicht zweifeln läßt, daß die Geistlichkeit der anglicanischen Kirche und deren Organe bald aufs unbarmherzigste über sie herfallen werden. Sind doch die Hauptpersonen darunter Leute, die sich längst mit Eifer die Abschaffung der Kirchensteuer angelegen seyn lassen. Auffallend ist inzwischen auch, daß, wie Sir C. E. Smith bemerkt, die Gesellschaft die Ermäßigung des Briefporto's als ein Mittel betrachtet, welches die Vorsehung ihr darreicht, um ihre Gesinnungen desto schneller zu verbreiten. Rechtfertigt dieß nicht die instinctmäßige Abneigung so vieler Tories gegen diese Neuerung? Indessen ist auch nicht zu läugnen, daß es heut zu Tage viele anglicanische Geistliche gibt, welche der Trennung der Kirche vom Staat als einer Erlösung aus der babylonischen Gefangenschaft entgegenschauen. Aber die meisten erwarten alsdann die Kirche über den Staat gesetzt zu sehen. Die Güter, welche sie großentheils vom Staat erlangt, sollen ihr verbleiben, und mit diesen und der Bearbeitung der Nation zu ihren Zwecken hoffen sie die Parlamentswahlen zu lenken, und somit sich zu Herren des Parlaments zu machen. Dieß sind freilich nicht die Puseyisten, wenigstens nicht die, welche die Idee des Meisters von einer Kirche mit Wahrheit und Liebe aufgegriffen haben; denn diese, so sonderbar auch ihre Begriffe von apostolischer Folge für den unbefangenen Protestanten klingen mögen, meinen es redlich, und suchen in der Unabhängigkeit der Kirche wenigstens keine weltliche Herrschaft. Doch weder diese, noch jene werden mit Nonconformisten selbst zu diesem Zwecke irgend eine Gemeinschaft machen, da jene sie als Feinde und diese sie kaum für Mitchristen halten. Aber die auf so vielerlei Weisen verbreitete Ueberzeugung, daß die Kirche ihre Sendung nicht erfüllt habe und einer Umgestaltung bedürfe, ist eine wichtige Erscheinung, von der man früher oder später bedeutende Folgen erwarten muß. Wenn man dabei von andern Seiten den Protestantismus im Allgemeinen und die Staatskirche insbesondere vergötternd erhebt, und das Bild nur um so mehr verherrlicht, weil man es zugleich als gefährdet

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Zitationshilfe: Allgemeine Zeitung. Nr. 5. Augsburg, 5. Januar 1840, S. 0034. In: Deutsches Textarchiv <https://www.deutschestextarchiv.de/augsburgerallgemeine_005_18400105/2>, abgerufen am 25.04.2024.