Anmelden (DTAQ) DWDS     dlexDB     CLARIN-D

Arnim, Bettina von: Goethe's Briefwechsel mit einem Kinde. Bd. 2. Berlin, 1835.

Bild:
<< vorherige Seite

O, es ist eine himmlische Wohlthat Gottes, an der
wir alle gesunden könnten, eine solche Revolution: er
läßt abermals und abermals die Seele der Freiheit wie-
der neugeboren werden.

Siehst Du, Meister, wenn Du heute in der stern-
hellen kalten Nacht deine Mignon aus ihrem Bettchen
holst, in dem sie gestern mit Thränen um Dich einge-
schlafen war; Du sagst ihr: sei hurtig und gehe mit,
ich will allein mit Dir in die Fremde ziehen; O, sie
wird's verstehen, es wird ihr nicht unglaublich vorkom-
men, Du thuft was sie längst von Dir verlangte und
was Du unbegreiflich unterlassen hast. Du wirst ihr
ein Glück schenken, daß sie deine harten Mühen theilen
darf, bei Nacht auf gefahrvollen Wegen, wo jeder
Schritt täuscht, da wird ihr Scharfblick, ihre kühne Zu-
versicht Dich sicher leiten hinüber zum kriegbedrängten
Volk; und wenn sie sieht, daß Du deine Brust den
Pfeilen bietest, wird sie nicht zagen, es wird sie nicht
kränken wie die Pfeile des schmeichelnden Syrenenvolks,
sie wird rasch heranreifen zu dem kühnen Vertrauen,
mit einzuklingen in die Harmonie der Freiheitsbegeiste-
rung. Und wenn Du auch im Vordertreffen stürzen
mußt, was hat sie verloren? -- was könnte ihr diesen
schönen Tod ersetzen, an deiner Seite vielleicht? -- beide

O, es iſt eine himmliſche Wohlthat Gottes, an der
wir alle geſunden könnten, eine ſolche Revolution: er
läßt abermals und abermals die Seele der Freiheit wie-
der neugeboren werden.

Siehſt Du, Meiſter, wenn Du heute in der ſtern-
hellen kalten Nacht deine Mignon aus ihrem Bettchen
holſt, in dem ſie geſtern mit Thränen um Dich einge-
ſchlafen war; Du ſagſt ihr: ſei hurtig und gehe mit,
ich will allein mit Dir in die Fremde ziehen; O, ſie
wird's verſtehen, es wird ihr nicht unglaublich vorkom-
men, Du thuft was ſie längſt von Dir verlangte und
was Du unbegreiflich unterlaſſen haſt. Du wirſt ihr
ein Glück ſchenken, daß ſie deine harten Mühen theilen
darf, bei Nacht auf gefahrvollen Wegen, wo jeder
Schritt täuſcht, da wird ihr Scharfblick, ihre kühne Zu-
verſicht Dich ſicher leiten hinüber zum kriegbedrängten
Volk; und wenn ſie ſieht, daß Du deine Bruſt den
Pfeilen bieteſt, wird ſie nicht zagen, es wird ſie nicht
kränken wie die Pfeile des ſchmeichelnden Syrenenvolks,
ſie wird raſch heranreifen zu dem kühnen Vertrauen,
mit einzuklingen in die Harmonie der Freiheitsbegeiſte-
rung. Und wenn Du auch im Vordertreffen ſtürzen
mußt, was hat ſie verloren? — was könnte ihr dieſen
ſchönen Tod erſetzen, an deiner Seite vielleicht? — beide

<TEI>
  <text>
    <body>
      <div n="1">
        <div n="2">
          <pb facs="#f0046" n="36"/>
          <p>O, es i&#x017F;t eine himmli&#x017F;che Wohlthat Gottes, an der<lb/>
wir alle ge&#x017F;unden könnten, eine &#x017F;olche Revolution: er<lb/>
läßt abermals und abermals die Seele der Freiheit wie-<lb/>
der neugeboren werden.</p><lb/>
          <p>Sieh&#x017F;t Du, Mei&#x017F;ter, wenn Du heute in der &#x017F;tern-<lb/>
hellen kalten Nacht deine Mignon aus ihrem Bettchen<lb/>
hol&#x017F;t, in dem &#x017F;ie ge&#x017F;tern mit Thränen um Dich einge-<lb/>
&#x017F;chlafen war; Du &#x017F;ag&#x017F;t ihr: &#x017F;ei hurtig und gehe mit,<lb/>
ich will allein mit Dir in die Fremde ziehen; O, &#x017F;ie<lb/>
wird's ver&#x017F;tehen, es wird ihr nicht unglaublich vorkom-<lb/>
men, Du thuft was &#x017F;ie läng&#x017F;t von Dir verlangte und<lb/>
was Du unbegreiflich unterla&#x017F;&#x017F;en ha&#x017F;t. Du wir&#x017F;t ihr<lb/>
ein Glück &#x017F;chenken, daß &#x017F;ie deine harten Mühen theilen<lb/>
darf, bei Nacht auf gefahrvollen Wegen, wo jeder<lb/>
Schritt täu&#x017F;cht, da wird ihr Scharfblick, ihre kühne Zu-<lb/>
ver&#x017F;icht Dich &#x017F;icher leiten hinüber zum kriegbedrängten<lb/>
Volk; und wenn &#x017F;ie &#x017F;ieht, daß Du deine Bru&#x017F;t den<lb/>
Pfeilen biete&#x017F;t, wird &#x017F;ie nicht zagen, es wird &#x017F;ie nicht<lb/>
kränken wie die Pfeile des &#x017F;chmeichelnden Syrenenvolks,<lb/>
&#x017F;ie wird ra&#x017F;ch heranreifen zu dem kühnen Vertrauen,<lb/>
mit einzuklingen in die Harmonie der Freiheitsbegei&#x017F;te-<lb/>
rung. Und wenn Du auch im Vordertreffen &#x017F;türzen<lb/>
mußt, was hat &#x017F;ie verloren? &#x2014; was könnte ihr die&#x017F;en<lb/>
&#x017F;chönen Tod er&#x017F;etzen, an deiner Seite vielleicht? &#x2014; beide<lb/></p>
        </div>
      </div>
    </body>
  </text>
</TEI>
[36/0046] O, es iſt eine himmliſche Wohlthat Gottes, an der wir alle geſunden könnten, eine ſolche Revolution: er läßt abermals und abermals die Seele der Freiheit wie- der neugeboren werden. Siehſt Du, Meiſter, wenn Du heute in der ſtern- hellen kalten Nacht deine Mignon aus ihrem Bettchen holſt, in dem ſie geſtern mit Thränen um Dich einge- ſchlafen war; Du ſagſt ihr: ſei hurtig und gehe mit, ich will allein mit Dir in die Fremde ziehen; O, ſie wird's verſtehen, es wird ihr nicht unglaublich vorkom- men, Du thuft was ſie längſt von Dir verlangte und was Du unbegreiflich unterlaſſen haſt. Du wirſt ihr ein Glück ſchenken, daß ſie deine harten Mühen theilen darf, bei Nacht auf gefahrvollen Wegen, wo jeder Schritt täuſcht, da wird ihr Scharfblick, ihre kühne Zu- verſicht Dich ſicher leiten hinüber zum kriegbedrängten Volk; und wenn ſie ſieht, daß Du deine Bruſt den Pfeilen bieteſt, wird ſie nicht zagen, es wird ſie nicht kränken wie die Pfeile des ſchmeichelnden Syrenenvolks, ſie wird raſch heranreifen zu dem kühnen Vertrauen, mit einzuklingen in die Harmonie der Freiheitsbegeiſte- rung. Und wenn Du auch im Vordertreffen ſtürzen mußt, was hat ſie verloren? — was könnte ihr dieſen ſchönen Tod erſetzen, an deiner Seite vielleicht? — beide

Suche im Werk

Hilfe

Informationen zum Werk

Download dieses Werks

XML (TEI P5) · HTML · Text
TCF (text annotation layer)
TCF (tokenisiert, serialisiert, lemmatisiert, normalisiert)
XML (TEI P5 inkl. att.linguistic)

Metadaten zum Werk

TEI-Header · CMDI · Dublin Core

Ansichten dieser Seite

Voyant Tools ?

Language Resource Switchboard?

Feedback

Sie haben einen Fehler gefunden? Dann können Sie diesen über unsere Qualitätssicherungsplattform DTAQ melden.

Kommentar zur DTA-Ausgabe

Dieses Werk wurde gemäß den DTA-Transkriptionsrichtlinien im Double-Keying-Verfahren von Nicht-Muttersprachlern erfasst und in XML/TEI P5 nach DTA-Basisformat kodiert.




Ansicht auf Standard zurückstellen

URL zu diesem Werk: https://www.deutschestextarchiv.de/arnimb_goethe02_1835
URL zu dieser Seite: https://www.deutschestextarchiv.de/arnimb_goethe02_1835/46
Zitationshilfe: Arnim, Bettina von: Goethe's Briefwechsel mit einem Kinde. Bd. 2. Berlin, 1835, S. 36. In: Deutsches Textarchiv <https://www.deutschestextarchiv.de/arnimb_goethe02_1835/46>, abgerufen am 17.04.2024.