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Arnim, Bettina von: Goethe's Briefwechsel mit einem Kinde. Bd. 2. Berlin, 1835.

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überwinden, versteh ich nicht, bei mir ist sie Willen,
mächtiger, unüberwindlicher.

Der Unterschied zwischen göttlichem und menschli-
chem Willen ist nur, daß jener nicht nachgiebt und ewig
dasselbe will; unser Wille aber jeden Augenblick fragt:
darf oder soll ich? -- Der Unterschied ist, daß der gött-
liche Wille alles verewigt, und der menschliche am irdi-
schen scheitert; das ist aber das große Geheimniß, daß
die Liebe himmlischer Wille ist, Allmacht der nichts ver-
sagt ist.

Ach Menschenwitz hat keinen Klang, aber himmli-
scher Witz der ist Musik, lustige Energie, dem ist das ir-
dische zum Spott; er ist das glänzende Gefieder mit
dem die Seele sich aufschwingt, hoch über die Ansiede-
lungen irdischer Vorurtheile, von da oben herab ist ihr
alles Geschick gleich. Wir sagen, das Schicksal walte
über uns? -- Wir sind unser eigen Schicksal, wir zer-
reißen die Fäden die uns dem Glück verbinden, und
knüpfen jene an die uns unseelige Last auf's Herz le-
gen; eine innere geistige Gestalt will sich durch die äu-
ßere weltliche bilden, dieser innere Geist regiert selbst
sein eigen Schicksal wie es zu seiner höheren Organisa-
tion erforderlich ist.

Du mußt mir's nicht verargen wenn ich's nicht

überwinden, verſteh ich nicht, bei mir iſt ſie Willen,
mächtiger, unüberwindlicher.

Der Unterſchied zwiſchen göttlichem und menſchli-
chem Willen iſt nur, daß jener nicht nachgiebt und ewig
daſſelbe will; unſer Wille aber jeden Augenblick fragt:
darf oder ſoll ich? — Der Unterſchied iſt, daß der gött-
liche Wille alles verewigt, und der menſchliche am irdi-
ſchen ſcheitert; das iſt aber das große Geheimniß, daß
die Liebe himmliſcher Wille iſt, Allmacht der nichts ver-
ſagt iſt.

Ach Menſchenwitz hat keinen Klang, aber himmli-
ſcher Witz der iſt Muſik, luſtige Energie, dem iſt das ir-
diſche zum Spott; er iſt das glänzende Gefieder mit
dem die Seele ſich aufſchwingt, hoch über die Anſiede-
lungen irdiſcher Vorurtheile, von da oben herab iſt ihr
alles Geſchick gleich. Wir ſagen, das Schickſal walte
über uns? — Wir ſind unſer eigen Schickſal, wir zer-
reißen die Fäden die uns dem Glück verbinden, und
knüpfen jene an die uns unſeelige Laſt auf's Herz le-
gen; eine innere geiſtige Geſtalt will ſich durch die äu-
ßere weltliche bilden, dieſer innere Geiſt regiert ſelbſt
ſein eigen Schickſal wie es zu ſeiner höheren Organiſa-
tion erforderlich iſt.

Du mußt mir's nicht verargen wenn ich's nicht

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[28/0038] überwinden, verſteh ich nicht, bei mir iſt ſie Willen, mächtiger, unüberwindlicher. Der Unterſchied zwiſchen göttlichem und menſchli- chem Willen iſt nur, daß jener nicht nachgiebt und ewig daſſelbe will; unſer Wille aber jeden Augenblick fragt: darf oder ſoll ich? — Der Unterſchied iſt, daß der gött- liche Wille alles verewigt, und der menſchliche am irdi- ſchen ſcheitert; das iſt aber das große Geheimniß, daß die Liebe himmliſcher Wille iſt, Allmacht der nichts ver- ſagt iſt. Ach Menſchenwitz hat keinen Klang, aber himmli- ſcher Witz der iſt Muſik, luſtige Energie, dem iſt das ir- diſche zum Spott; er iſt das glänzende Gefieder mit dem die Seele ſich aufſchwingt, hoch über die Anſiede- lungen irdiſcher Vorurtheile, von da oben herab iſt ihr alles Geſchick gleich. Wir ſagen, das Schickſal walte über uns? — Wir ſind unſer eigen Schickſal, wir zer- reißen die Fäden die uns dem Glück verbinden, und knüpfen jene an die uns unſeelige Laſt auf's Herz le- gen; eine innere geiſtige Geſtalt will ſich durch die äu- ßere weltliche bilden, dieſer innere Geiſt regiert ſelbſt ſein eigen Schickſal wie es zu ſeiner höheren Organiſa- tion erforderlich iſt. Du mußt mir's nicht verargen wenn ich's nicht

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Zitationshilfe: Arnim, Bettina von: Goethe's Briefwechsel mit einem Kinde. Bd. 2. Berlin, 1835, S. 28. In: Deutsches Textarchiv <https://www.deutschestextarchiv.de/arnimb_goethe02_1835/38>, abgerufen am 23.04.2024.