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Arnim, Bettina von: Goethe's Briefwechsel mit einem Kinde. Bd. 2. Berlin, 1835.

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gegen mich selber, ihr klares feuriges Aug' sah mich
durch und durch, ich brauchte ihr nichts zu gestehen, sie
wußte alles, ihr feines Ohr hörte bei dem leisesten Klang
meiner Stimme wie es um mich stehe; o sie hat mir
manche Gegengeschichte zu meiner Empfindung erzählt,
ohne daß ich sie ihr wörtlich mittheilte, wie oft hat ein
freudiges Zurufen von ihr alle Wolken in mir zertheilt,
welche freundliche Briefe hat sie mir in's Rheingau ge-
schrieben; Tapfer! -- rief sie mir zu; sei Tapfer, da sie
Dich doch nicht für ein echtes Mädchen wollen gelten
lassen, und sagen man könne sich nicht in Dich verlie-
ben, so bist Du die eine Plage loß, sie höflich abzuwei-
sen, so sei denn ein tapferer Soldat, wehr Dich dage-
gen, daß Du meinst Du müßtest immer bei ihm sein
und ihn bei der Hand halten, wehr Dich gegen deine
eigne Melancholie, so ist er immer ganz und innigst
Dein und kein Mensch kann Dir ihn rauben.

Solche Zeilen machten mich unendlich glücklich, wahr-
haftig ich fand Dich in ihr wieder, wenn ich nach Frank-
furt kam so flog ich zu ihr hin; wenn ich die Thür auf-
machte, wir grüßten uns nicht, es war als ob wir schon
mitten im Gespräch seien. Wir zwei waren wohl die
zwei einzig lebendige Menschen, in ganz Frankfurt, und
überall, manchmal küßte sie mich und sprach davon, daß

gegen mich ſelber, ihr klares feuriges Aug' ſah mich
durch und durch, ich brauchte ihr nichts zu geſtehen, ſie
wußte alles, ihr feines Ohr hörte bei dem leiſeſten Klang
meiner Stimme wie es um mich ſtehe; o ſie hat mir
manche Gegengeſchichte zu meiner Empfindung erzählt,
ohne daß ich ſie ihr wörtlich mittheilte, wie oft hat ein
freudiges Zurufen von ihr alle Wolken in mir zertheilt,
welche freundliche Briefe hat ſie mir in's Rheingau ge-
ſchrieben; Tapfer! — rief ſie mir zu; ſei Tapfer, da ſie
Dich doch nicht für ein echtes Mädchen wollen gelten
laſſen, und ſagen man könne ſich nicht in Dich verlie-
ben, ſo biſt Du die eine Plage loß, ſie höflich abzuwei-
ſen, ſo ſei denn ein tapferer Soldat, wehr Dich dage-
gen, daß Du meinſt Du müßteſt immer bei ihm ſein
und ihn bei der Hand halten, wehr Dich gegen deine
eigne Melancholie, ſo iſt er immer ganz und innigſt
Dein und kein Menſch kann Dir ihn rauben.

Solche Zeilen machten mich unendlich glücklich, wahr-
haftig ich fand Dich in ihr wieder, wenn ich nach Frank-
furt kam ſo flog ich zu ihr hin; wenn ich die Thür auf-
machte, wir grüßten uns nicht, es war als ob wir ſchon
mitten im Geſpräch ſeien. Wir zwei waren wohl die
zwei einzig lebendige Menſchen, in ganz Frankfurt, und
überall, manchmal küßte ſie mich und ſprach davon, daß

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[15/0025] gegen mich ſelber, ihr klares feuriges Aug' ſah mich durch und durch, ich brauchte ihr nichts zu geſtehen, ſie wußte alles, ihr feines Ohr hörte bei dem leiſeſten Klang meiner Stimme wie es um mich ſtehe; o ſie hat mir manche Gegengeſchichte zu meiner Empfindung erzählt, ohne daß ich ſie ihr wörtlich mittheilte, wie oft hat ein freudiges Zurufen von ihr alle Wolken in mir zertheilt, welche freundliche Briefe hat ſie mir in's Rheingau ge- ſchrieben; Tapfer! — rief ſie mir zu; ſei Tapfer, da ſie Dich doch nicht für ein echtes Mädchen wollen gelten laſſen, und ſagen man könne ſich nicht in Dich verlie- ben, ſo biſt Du die eine Plage loß, ſie höflich abzuwei- ſen, ſo ſei denn ein tapferer Soldat, wehr Dich dage- gen, daß Du meinſt Du müßteſt immer bei ihm ſein und ihn bei der Hand halten, wehr Dich gegen deine eigne Melancholie, ſo iſt er immer ganz und innigſt Dein und kein Menſch kann Dir ihn rauben. Solche Zeilen machten mich unendlich glücklich, wahr- haftig ich fand Dich in ihr wieder, wenn ich nach Frank- furt kam ſo flog ich zu ihr hin; wenn ich die Thür auf- machte, wir grüßten uns nicht, es war als ob wir ſchon mitten im Geſpräch ſeien. Wir zwei waren wohl die zwei einzig lebendige Menſchen, in ganz Frankfurt, und überall, manchmal küßte ſie mich und ſprach davon, daß

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Zitationshilfe: Arnim, Bettina von: Goethe's Briefwechsel mit einem Kinde. Bd. 2. Berlin, 1835, S. 15. In: Deutsches Textarchiv <https://www.deutschestextarchiv.de/arnimb_goethe02_1835/25>, abgerufen am 17.04.2024.