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Andolt, Ernst [d. i. Bernhard Abeken]: Eine Nacht. In: Deutscher Novellenschatz. Hrsg. von Paul Heyse und Hermann Kurz. Bd. 22. 2. Aufl. Berlin, [1910], S. 211–287. In: Weitin, Thomas (Hrsg.): Volldigitalisiertes Korpus. Der Deutsche Novellenschatz. Darmstadt/Konstanz, 2016.

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Daher sein Abscheu gegen die patriotischen Bestrebungen, das französische Joch abzuschütteln. Er fühlte sich darunter ganz zufrieden und wünschte der schlesischen Armee von ganzem Herzen ein neues Jena. Dabei hatte er es gern, wenn ich meine Ansichten lebhaft gegen ihn vertheidigte; mein warmes Interesse für eine Sache, bei deren Sieg ich für mich selbst materiell nichts zu gewinnen hatte, erschien ihm als eine psychologische Curiosität. Er betrachtete mich in dieser Hinsicht mit einem behaglichen Gefühl geistiger Ueberlegenheit als einen unpraktischen Schwärmer, der wohl nie im Leben etwas erreichen werde. Besonders als nach der Schlacht bei Bauzen der Waffenstillstand geschlossen und die Prager Conferenzen eröffnet wurden, triumphirte er und prophezeite, Alles werde beim Alten bleiben, Kaiser Alexander werde sich glücklich schätzen, einen leidlichen Frieden zu erhalten; Preußen bereue längst, sich an einem so ungleichen Kampfe betheiligt zu haben, und Oesterreich werde schon im Interesse der Ordnung die Partei des Weltherrschers ergreifen. Die Schwärmer und Phantasten, fügte er mit einem mitleidigen Blick auf mich hinzu, werden freilich ihre Rechnung nicht dabei finden, aber die ruhigen Bürger desto mehr; die lieben gar nicht, ihre Haut zu Märkte zu tragen für zukünftige Dinge, die nicht von ihnen abhängen. Was hilft mir auch der beste Staat von der Welt, wenn ich vorher todt oder zum Krüppel geschossen bin! Ich glaube nicht, daß der glänzendste Sieg uns für einen dabei verlorenen Arm entschädigen kann, den wir alle Tage unsers Lebens vermissen werden. Da ist mein Schwager, der arme Major von Halden -- was hätte er nun davon, wenn auch Deutschland das größte und glücklichste Reich der Welt würde -- er wäre nicht mit dabei!

Mein Vertrauen auf die Sache der Verbündeten war auch einigermaßen gesunken; Napoleon an der Spitze einer zahlreichen Armee, die bereits glänzende

Daher sein Abscheu gegen die patriotischen Bestrebungen, das französische Joch abzuschütteln. Er fühlte sich darunter ganz zufrieden und wünschte der schlesischen Armee von ganzem Herzen ein neues Jena. Dabei hatte er es gern, wenn ich meine Ansichten lebhaft gegen ihn vertheidigte; mein warmes Interesse für eine Sache, bei deren Sieg ich für mich selbst materiell nichts zu gewinnen hatte, erschien ihm als eine psychologische Curiosität. Er betrachtete mich in dieser Hinsicht mit einem behaglichen Gefühl geistiger Ueberlegenheit als einen unpraktischen Schwärmer, der wohl nie im Leben etwas erreichen werde. Besonders als nach der Schlacht bei Bauzen der Waffenstillstand geschlossen und die Prager Conferenzen eröffnet wurden, triumphirte er und prophezeite, Alles werde beim Alten bleiben, Kaiser Alexander werde sich glücklich schätzen, einen leidlichen Frieden zu erhalten; Preußen bereue längst, sich an einem so ungleichen Kampfe betheiligt zu haben, und Oesterreich werde schon im Interesse der Ordnung die Partei des Weltherrschers ergreifen. Die Schwärmer und Phantasten, fügte er mit einem mitleidigen Blick auf mich hinzu, werden freilich ihre Rechnung nicht dabei finden, aber die ruhigen Bürger desto mehr; die lieben gar nicht, ihre Haut zu Märkte zu tragen für zukünftige Dinge, die nicht von ihnen abhängen. Was hilft mir auch der beste Staat von der Welt, wenn ich vorher todt oder zum Krüppel geschossen bin! Ich glaube nicht, daß der glänzendste Sieg uns für einen dabei verlorenen Arm entschädigen kann, den wir alle Tage unsers Lebens vermissen werden. Da ist mein Schwager, der arme Major von Halden — was hätte er nun davon, wenn auch Deutschland das größte und glücklichste Reich der Welt würde — er wäre nicht mit dabei!

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Zitationshilfe: Andolt, Ernst [d. i. Bernhard Abeken]: Eine Nacht. In: Deutscher Novellenschatz. Hrsg. von Paul Heyse und Hermann Kurz. Bd. 22. 2. Aufl. Berlin, [1910], S. 211–287. In: Weitin, Thomas (Hrsg.): Volldigitalisiertes Korpus. Der Deutsche Novellenschatz. Darmstadt/Konstanz, 2016, S. . In: Deutsches Textarchiv <https://www.deutschestextarchiv.de/andolt_nacht_1910/50>, abgerufen am 14.04.2021.