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Andolt, Ernst [d. i. Bernhard Abeken]: Eine Nacht. In: Deutscher Novellenschatz. Hrsg. von Paul Heyse und Hermann Kurz. Bd. 22. 2. Aufl. Berlin, [1910], S. 211–287. In: Weitin, Thomas (Hrsg.): Volldigitalisiertes Korpus. Der Deutsche Novellenschatz. Darmstadt/Konstanz, 2016.

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Verschönerungen, die nichts nützen. Aber auf einen Wink des gnädigen Fräuleins da läßt der gutmüthige Onkel sofort Tischler und Glaser kommen und aus der Ruine, welche kein Mensch betreten mochte, dieses allerdings etwas sonderbare Boudoir machen. Aber sie hat mir schlecht dafür gelohnt; versteckt sich hier den ganzen Tag und entzieht mir ihre anmuthige Gesellschaft.

Der Mann war wie umgewandelt; er sprach munter und belebt, und mit den kleinen grauen Augen blinzelte er das Fräulein freundlich an. Doch ein guter alter Herr! dachte ich; auf den ersten Eindruck etwas menschenfeindlich, aber im Grunde nicht ohne Gemüth.

Ich bin Ihnen gewiß von Herzen dankbar, Herr Onkel, erwiderte Fräulein von Halden, und ich glaubte das gerade dadurch zu beweisen, daß ich diese liebe Stätte, die mir Ihre Güte bereitet, so gern bewohne.

Wenn du mir wenigstens endlich das trauliche "Du" geben wolltest, wie es sich unter Verwandten schickt!

Ja, Onkel! sehen Sie, das verträgt sich nicht mit der Ehrfurcht, mit der ich zu Ihnen, meinem Wohlthäter und Beschützer, emporblicke.

Sie sprach diese Worte zögernd und mit einiger Verlegenheit.

Was soll mir die Ehrfurcht! versetzte Herr O., in seinen grämlichen Ton fallend. Du sollst mich lieb haben. Doch da kommt die Mamsell -- das Essen wird fertig sein. Gehen wir!

Eine wohlgenährte weibliche Gestalt, in der sommerlichen Blüte des Lebens prangend, mit vollem, rothbäckigem Gesicht präsentirte sich und machte die vom Amtmann vorausgesehene Meldung.

Wir begaben uns nach dem Wohnhause, wo in einem höchst einfach möblirten Zimmer das Mittagsmahl genommen wurde; ich machte hier auch die Bekanntschaft meiner Zöglinge, welche mich scheu begafften. Am Nachmittag mußte ich dieselben in Gegenwart des Amtmanns examiniren, und diese Prüfung überzeugte mich

Verschönerungen, die nichts nützen. Aber auf einen Wink des gnädigen Fräuleins da läßt der gutmüthige Onkel sofort Tischler und Glaser kommen und aus der Ruine, welche kein Mensch betreten mochte, dieses allerdings etwas sonderbare Boudoir machen. Aber sie hat mir schlecht dafür gelohnt; versteckt sich hier den ganzen Tag und entzieht mir ihre anmuthige Gesellschaft.

Der Mann war wie umgewandelt; er sprach munter und belebt, und mit den kleinen grauen Augen blinzelte er das Fräulein freundlich an. Doch ein guter alter Herr! dachte ich; auf den ersten Eindruck etwas menschenfeindlich, aber im Grunde nicht ohne Gemüth.

Ich bin Ihnen gewiß von Herzen dankbar, Herr Onkel, erwiderte Fräulein von Halden, und ich glaubte das gerade dadurch zu beweisen, daß ich diese liebe Stätte, die mir Ihre Güte bereitet, so gern bewohne.

Wenn du mir wenigstens endlich das trauliche „Du“ geben wolltest, wie es sich unter Verwandten schickt!

Ja, Onkel! sehen Sie, das verträgt sich nicht mit der Ehrfurcht, mit der ich zu Ihnen, meinem Wohlthäter und Beschützer, emporblicke.

Sie sprach diese Worte zögernd und mit einiger Verlegenheit.

Was soll mir die Ehrfurcht! versetzte Herr O., in seinen grämlichen Ton fallend. Du sollst mich lieb haben. Doch da kommt die Mamsell — das Essen wird fertig sein. Gehen wir!

Eine wohlgenährte weibliche Gestalt, in der sommerlichen Blüte des Lebens prangend, mit vollem, rothbäckigem Gesicht präsentirte sich und machte die vom Amtmann vorausgesehene Meldung.

Wir begaben uns nach dem Wohnhause, wo in einem höchst einfach möblirten Zimmer das Mittagsmahl genommen wurde; ich machte hier auch die Bekanntschaft meiner Zöglinge, welche mich scheu begafften. Am Nachmittag mußte ich dieselben in Gegenwart des Amtmanns examiniren, und diese Prüfung überzeugte mich

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[0046] Verschönerungen, die nichts nützen. Aber auf einen Wink des gnädigen Fräuleins da läßt der gutmüthige Onkel sofort Tischler und Glaser kommen und aus der Ruine, welche kein Mensch betreten mochte, dieses allerdings etwas sonderbare Boudoir machen. Aber sie hat mir schlecht dafür gelohnt; versteckt sich hier den ganzen Tag und entzieht mir ihre anmuthige Gesellschaft. Der Mann war wie umgewandelt; er sprach munter und belebt, und mit den kleinen grauen Augen blinzelte er das Fräulein freundlich an. Doch ein guter alter Herr! dachte ich; auf den ersten Eindruck etwas menschenfeindlich, aber im Grunde nicht ohne Gemüth. Ich bin Ihnen gewiß von Herzen dankbar, Herr Onkel, erwiderte Fräulein von Halden, und ich glaubte das gerade dadurch zu beweisen, daß ich diese liebe Stätte, die mir Ihre Güte bereitet, so gern bewohne. Wenn du mir wenigstens endlich das trauliche „Du“ geben wolltest, wie es sich unter Verwandten schickt! Ja, Onkel! sehen Sie, das verträgt sich nicht mit der Ehrfurcht, mit der ich zu Ihnen, meinem Wohlthäter und Beschützer, emporblicke. Sie sprach diese Worte zögernd und mit einiger Verlegenheit. Was soll mir die Ehrfurcht! versetzte Herr O., in seinen grämlichen Ton fallend. Du sollst mich lieb haben. Doch da kommt die Mamsell — das Essen wird fertig sein. Gehen wir! Eine wohlgenährte weibliche Gestalt, in der sommerlichen Blüte des Lebens prangend, mit vollem, rothbäckigem Gesicht präsentirte sich und machte die vom Amtmann vorausgesehene Meldung. Wir begaben uns nach dem Wohnhause, wo in einem höchst einfach möblirten Zimmer das Mittagsmahl genommen wurde; ich machte hier auch die Bekanntschaft meiner Zöglinge, welche mich scheu begafften. Am Nachmittag mußte ich dieselben in Gegenwart des Amtmanns examiniren, und diese Prüfung überzeugte mich

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Zitationshilfe: Andolt, Ernst [d. i. Bernhard Abeken]: Eine Nacht. In: Deutscher Novellenschatz. Hrsg. von Paul Heyse und Hermann Kurz. Bd. 22. 2. Aufl. Berlin, [1910], S. 211–287. In: Weitin, Thomas (Hrsg.): Volldigitalisiertes Korpus. Der Deutsche Novellenschatz. Darmstadt/Konstanz, 2016, S. . In: Deutsches Textarchiv <https://www.deutschestextarchiv.de/andolt_nacht_1910/46>, abgerufen am 14.04.2021.