Laßt uns also nicht weiter zurückgehen, als auf die Empfindungen, wie sie da sind; wie die äußern durch die Einwirkung der Objekte auf unsere Sinnglieder, und die innern durch innere Ursachen bewirket sind. Was ist nun in diesen Modifikationen enthalten, wodurch sie vorzügliche Reizungen für die unterschiedene Vermögen werden?
Es ist ein Erfahrungssatz: "Jede gegenwärtige "Empfindung wirket auf das Gemüth und auf den "Willen, wenn sie vielbefassend und unauseinan- "dergesetzt, lebhaft und stark ist, bis auf einen gewis- "sen Grad hin."
Und umgekehrt. "Um eine afficirende Empfin- "dung zu seyn, und um zu neuen Bestrebungen zu be- "wegen, muß sie einen gewissen Grad von Stärke und "Lebhaftigkeit besitzen, den man nur dadurch bestimmen "kann, daß man ihn vergleichungsweise mit andern ei- "nen größern Grad nennet; das ist, sie muß vielbe- "fassend und unauseinandergesetzt seyn, und zu den ei- "gentlichen Gefühlen*) gehören."
Jch berufe mich auf alle Untersuchungen, die von den Philosophen über den Ursprung des Gefallens und des Mißfallens, und über die Entstehung der Neigun- gen angestellt sind. Etwas davon habe ich oben in dem zweyten Versuch über die Empfindungen schon gebraucht. Alle Beobachtungen haben diese Sätze bestätiget, und wenn etwan einige darinn eine Ausnahme anzutreffen ge- glaubet, daß doch auch ein einfacher Sonnenstral uns afficire, so deucht mich, man müsse sich nur aus der Optik erinnern, was ein sogenannter einfacher Lichtstral sey, und dann seine innere Menge und Mannigfaltig- keit mit der Größe seiner Wirkung, und mit den Um-
ständen,
*) Zweeter Versuch.V. 2.
X. Verſuch. Ueber die Beziehung
3.
Laßt uns alſo nicht weiter zuruͤckgehen, als auf die Empfindungen, wie ſie da ſind; wie die aͤußern durch die Einwirkung der Objekte auf unſere Sinnglieder, und die innern durch innere Urſachen bewirket ſind. Was iſt nun in dieſen Modifikationen enthalten, wodurch ſie vorzuͤgliche Reizungen fuͤr die unterſchiedene Vermoͤgen werden?
Es iſt ein Erfahrungsſatz: „Jede gegenwaͤrtige „Empfindung wirket auf das Gemuͤth und auf den „Willen, wenn ſie vielbefaſſend und unauseinan- „dergeſetzt, lebhaft und ſtark iſt, bis auf einen gewiſ- „ſen Grad hin.‟
Und umgekehrt. „Um eine afficirende Empfin- „dung zu ſeyn, und um zu neuen Beſtrebungen zu be- „wegen, muß ſie einen gewiſſen Grad von Staͤrke und „Lebhaftigkeit beſitzen, den man nur dadurch beſtimmen „kann, daß man ihn vergleichungsweiſe mit andern ei- „nen groͤßern Grad nennet; das iſt, ſie muß vielbe- „faſſend und unauseinandergeſetzt ſeyn, und zu den ei- „gentlichen Gefuͤhlen*) gehoͤren.‟
Jch berufe mich auf alle Unterſuchungen, die von den Philoſophen uͤber den Urſprung des Gefallens und des Mißfallens, und uͤber die Entſtehung der Neigun- gen angeſtellt ſind. Etwas davon habe ich oben in dem zweyten Verſuch uͤber die Empfindungen ſchon gebraucht. Alle Beobachtungen haben dieſe Saͤtze beſtaͤtiget, und wenn etwan einige darinn eine Ausnahme anzutreffen ge- glaubet, daß doch auch ein einfacher Sonnenſtral uns afficire, ſo deucht mich, man muͤſſe ſich nur aus der Optik erinnern, was ein ſogenannter einfacher Lichtſtral ſey, und dann ſeine innere Menge und Mannigfaltig- keit mit der Groͤße ſeiner Wirkung, und mit den Um-
ſtaͤnden,
*) Zweeter Verſuch.V. 2.
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X. Verſuch. Ueber die Beziehung
3.
Laßt uns alſo nicht weiter zuruͤckgehen, als auf die
Empfindungen, wie ſie da ſind; wie die aͤußern durch
die Einwirkung der Objekte auf unſere Sinnglieder, und
die innern durch innere Urſachen bewirket ſind. Was
iſt nun in dieſen Modifikationen enthalten, wodurch ſie
vorzuͤgliche Reizungen fuͤr die unterſchiedene Vermoͤgen
werden?
Es iſt ein Erfahrungsſatz: „Jede gegenwaͤrtige
„Empfindung wirket auf das Gemuͤth und auf den
„Willen, wenn ſie vielbefaſſend und unauseinan-
„dergeſetzt, lebhaft und ſtark iſt, bis auf einen gewiſ-
„ſen Grad hin.‟
Und umgekehrt. „Um eine afficirende Empfin-
„dung zu ſeyn, und um zu neuen Beſtrebungen zu be-
„wegen, muß ſie einen gewiſſen Grad von Staͤrke und
„Lebhaftigkeit beſitzen, den man nur dadurch beſtimmen
„kann, daß man ihn vergleichungsweiſe mit andern ei-
„nen groͤßern Grad nennet; das iſt, ſie muß vielbe-
„faſſend und unauseinandergeſetzt ſeyn, und zu den ei-
„gentlichen Gefuͤhlen *) gehoͤren.‟
Jch berufe mich auf alle Unterſuchungen, die von
den Philoſophen uͤber den Urſprung des Gefallens und
des Mißfallens, und uͤber die Entſtehung der Neigun-
gen angeſtellt ſind. Etwas davon habe ich oben in dem
zweyten Verſuch uͤber die Empfindungen ſchon gebraucht.
Alle Beobachtungen haben dieſe Saͤtze beſtaͤtiget, und
wenn etwan einige darinn eine Ausnahme anzutreffen ge-
glaubet, daß doch auch ein einfacher Sonnenſtral uns
afficire, ſo deucht mich, man muͤſſe ſich nur aus der
Optik erinnern, was ein ſogenannter einfacher Lichtſtral
ſey, und dann ſeine innere Menge und Mannigfaltig-
keit mit der Groͤße ſeiner Wirkung, und mit den Um-
ſtaͤnden,
*) Zweeter Verſuch. V. 2.
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Tetens, Johann Nicolas: Philosophische Versuche über die menschliche Natur und ihre Entwickelung. Bd. 1. Leipzig, 1777, S. 710. In: Deutsches Textarchiv <https://www.deutschestextarchiv.de/tetens_versuche01_1777/770>, abgerufen am 21.11.2024.
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