Anmelden (DTAQ) DWDS     dlexDB     CLARIN-D

Schaumann, Johann Christian Gottlieb: Psyche oder Unterhaltungen über die Seele. Bd. 2. Halle, 1791.

Bild:
<< vorherige Seite

kannten Manne sieht oder hört; schwört auf des-
sen Autorität, und vertheidigt selbst die Ungereimt-
heiten desselben. Er kann es nicht ertragen, daß
Andre, besonders die, mit denen er in einiger
Verbindung steht oder gestanden hat, gelobt wer-
den; wenigstens darf das Lob ihre Talente nicht
betreffen. Gelehrsamkeit und ein gutes Gedächt-
niß läßt er ihnen zur Noth beylegen, aber man
schweige ja von Genie und Kopf; sonst wird man
seinen Neid und seine Tadelsucht reizen. Wird
jemand seiner Geschicklichkeit wegen belohnt und
erhoben, so wundert er sich über die Laune des
Glücks, den Dummen am besten fortzuheifen, und
ärgert sich bis zum Bemerken stark über seine
Dunkelheit und seiner Vorzüge Verkennung.
Was Er nicht weiß, ist nichts werth, und ge-
hört nur für gemeine Köpfe. Strengere und
mühsamen Fleiß erfodernde Wissenschaften sind
ihm Gedächtnißwerk, und gehören nur für me-
chanische und sclavische Geister. Er sieht sich
nur auf der Oberfläche der Erkenntnisse um, das
heißt, er hat den allgemeinen Ueberblick: er
schwatzt über Alles, das heißt ihm, er hat von
Allem eine philosophische Uebersicht. Er will al-
lein ein freyer Geist seyn, und ist gegen Andre in
Sachen des Verstandes der ärgste Despot. Man
gebe ja seine Behauptungen zu, sonst wird er --
nicht widerlegen -- sondern empfindlich und böse

werden.

kannten Manne ſieht oder hoͤrt; ſchwoͤrt auf deſ-
ſen Autoritaͤt, und vertheidigt ſelbſt die Ungereimt-
heiten deſſelben. Er kann es nicht ertragen, daß
Andre, beſonders die, mit denen er in einiger
Verbindung ſteht oder geſtanden hat, gelobt wer-
den; wenigſtens darf das Lob ihre Talente nicht
betreffen. Gelehrſamkeit und ein gutes Gedaͤcht-
niß laͤßt er ihnen zur Noth beylegen, aber man
ſchweige ja von Genie und Kopf; ſonſt wird man
ſeinen Neid und ſeine Tadelſucht reizen. Wird
jemand ſeiner Geſchicklichkeit wegen belohnt und
erhoben, ſo wundert er ſich uͤber die Laune des
Gluͤcks, den Dummen am beſten fortzuheifen, und
aͤrgert ſich bis zum Bemerken ſtark uͤber ſeine
Dunkelheit und ſeiner Vorzuͤge Verkennung.
Was Er nicht weiß, iſt nichts werth, und ge-
hoͤrt nur fuͤr gemeine Koͤpfe. Strengere und
muͤhſamen Fleiß erfodernde Wiſſenſchaften ſind
ihm Gedaͤchtnißwerk, und gehoͤren nur fuͤr me-
chaniſche und ſclaviſche Geiſter. Er ſieht ſich
nur auf der Oberflaͤche der Erkenntniſſe um, das
heißt, er hat den allgemeinen Ueberblick: er
ſchwatzt uͤber Alles, das heißt ihm, er hat von
Allem eine philoſophiſche Ueberſicht. Er will al-
lein ein freyer Geiſt ſeyn, und iſt gegen Andre in
Sachen des Verſtandes der aͤrgſte Deſpot. Man
gebe ja ſeine Behauptungen zu, ſonſt wird er —
nicht widerlegen — ſondern empfindlich und boͤſe

werden.
<TEI>
  <text>
    <body>
      <div n="1">
        <p><pb facs="#f0150" n="434"/>
kannten Manne &#x017F;ieht oder ho&#x0364;rt; &#x017F;chwo&#x0364;rt auf de&#x017F;-<lb/>
&#x017F;en Autorita&#x0364;t, und vertheidigt &#x017F;elb&#x017F;t die Ungereimt-<lb/>
heiten de&#x017F;&#x017F;elben. Er kann es nicht ertragen, daß<lb/>
Andre, be&#x017F;onders die, mit denen er in einiger<lb/>
Verbindung &#x017F;teht oder ge&#x017F;tanden hat, gelobt wer-<lb/>
den; wenig&#x017F;tens darf das Lob ihre Talente nicht<lb/>
betreffen. Gelehr&#x017F;amkeit und ein gutes Geda&#x0364;cht-<lb/>
niß la&#x0364;ßt er ihnen zur Noth beylegen, aber man<lb/>
&#x017F;chweige ja von Genie und Kopf; &#x017F;on&#x017F;t wird man<lb/>
&#x017F;einen Neid und &#x017F;eine Tadel&#x017F;ucht reizen. Wird<lb/>
jemand &#x017F;einer Ge&#x017F;chicklichkeit wegen belohnt und<lb/>
erhoben, &#x017F;o wundert er &#x017F;ich u&#x0364;ber die Laune des<lb/>
Glu&#x0364;cks, den Dummen am be&#x017F;ten fortzuheifen, und<lb/>
a&#x0364;rgert &#x017F;ich bis zum Bemerken &#x017F;tark u&#x0364;ber &#x017F;eine<lb/>
Dunkelheit und &#x017F;einer Vorzu&#x0364;ge Verkennung.<lb/>
Was <hi rendition="#b">Er</hi> nicht weiß, i&#x017F;t nichts werth, und ge-<lb/>
ho&#x0364;rt nur fu&#x0364;r gemeine Ko&#x0364;pfe. Strengere und<lb/>
mu&#x0364;h&#x017F;amen Fleiß erfodernde Wi&#x017F;&#x017F;en&#x017F;chaften &#x017F;ind<lb/>
ihm Geda&#x0364;chtnißwerk, und geho&#x0364;ren nur fu&#x0364;r me-<lb/>
chani&#x017F;che und &#x017F;clavi&#x017F;che Gei&#x017F;ter. Er &#x017F;ieht &#x017F;ich<lb/>
nur auf der Oberfla&#x0364;che der Erkenntni&#x017F;&#x017F;e um, das<lb/>
heißt, er hat den allgemeinen Ueberblick: er<lb/><hi rendition="#b">&#x017F;chwatzt</hi> u&#x0364;ber Alles, das heißt ihm, er hat von<lb/>
Allem eine philo&#x017F;ophi&#x017F;che Ueber&#x017F;icht. Er will al-<lb/>
lein ein freyer Gei&#x017F;t &#x017F;eyn, und i&#x017F;t gegen Andre in<lb/>
Sachen des Ver&#x017F;tandes der a&#x0364;rg&#x017F;te De&#x017F;pot. Man<lb/>
gebe ja &#x017F;eine Behauptungen zu, &#x017F;on&#x017F;t wird er &#x2014;<lb/>
nicht widerlegen &#x2014; &#x017F;ondern empfindlich und bo&#x0364;&#x017F;e<lb/>
<fw place="bottom" type="catch">werden.</fw><lb/></p>
      </div>
    </body>
  </text>
</TEI>
[434/0150] kannten Manne ſieht oder hoͤrt; ſchwoͤrt auf deſ- ſen Autoritaͤt, und vertheidigt ſelbſt die Ungereimt- heiten deſſelben. Er kann es nicht ertragen, daß Andre, beſonders die, mit denen er in einiger Verbindung ſteht oder geſtanden hat, gelobt wer- den; wenigſtens darf das Lob ihre Talente nicht betreffen. Gelehrſamkeit und ein gutes Gedaͤcht- niß laͤßt er ihnen zur Noth beylegen, aber man ſchweige ja von Genie und Kopf; ſonſt wird man ſeinen Neid und ſeine Tadelſucht reizen. Wird jemand ſeiner Geſchicklichkeit wegen belohnt und erhoben, ſo wundert er ſich uͤber die Laune des Gluͤcks, den Dummen am beſten fortzuheifen, und aͤrgert ſich bis zum Bemerken ſtark uͤber ſeine Dunkelheit und ſeiner Vorzuͤge Verkennung. Was Er nicht weiß, iſt nichts werth, und ge- hoͤrt nur fuͤr gemeine Koͤpfe. Strengere und muͤhſamen Fleiß erfodernde Wiſſenſchaften ſind ihm Gedaͤchtnißwerk, und gehoͤren nur fuͤr me- chaniſche und ſclaviſche Geiſter. Er ſieht ſich nur auf der Oberflaͤche der Erkenntniſſe um, das heißt, er hat den allgemeinen Ueberblick: er ſchwatzt uͤber Alles, das heißt ihm, er hat von Allem eine philoſophiſche Ueberſicht. Er will al- lein ein freyer Geiſt ſeyn, und iſt gegen Andre in Sachen des Verſtandes der aͤrgſte Deſpot. Man gebe ja ſeine Behauptungen zu, ſonſt wird er — nicht widerlegen — ſondern empfindlich und boͤſe werden.

Suche im Werk

Hilfe

Informationen zum Werk

Download dieses Werks

XML (TEI P5) · HTML · Text
TCF (text annotation layer)
TCF (tokenisiert, serialisiert, lemmatisiert, normalisiert)
XML (TEI P5 inkl. att.linguistic)

Metadaten zum Werk

TEI-Header · CMDI · Dublin Core

Ansichten dieser Seite

Voyant Tools ?

Language Resource Switchboard?

Feedback

Sie haben einen Fehler gefunden? Dann können Sie diesen über unsere Qualitätssicherungsplattform DTAQ melden.

Kommentar zur DTA-Ausgabe

Dieses Werk wurde gemäß den DTA-Transkriptionsrichtlinien im Double-Keying-Verfahren von Muttersprachlern erfasst und in XML/TEI P5 nach DTA-Basisformat kodiert.




Ansicht auf Standard zurückstellen

URL zu diesem Werk: http://www.deutschestextarchiv.de/schaumann_psyche02_1791
URL zu dieser Seite: http://www.deutschestextarchiv.de/schaumann_psyche02_1791/150
Zitationshilfe: Schaumann, Johann Christian Gottlieb: Psyche oder Unterhaltungen über die Seele. Bd. 2. Halle, 1791, S. 434. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/schaumann_psyche02_1791/150>, abgerufen am 20.10.2019.