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Raabe, Wilhelm: Das Odfeld. Leipzig, 1889.

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denn genug hin und her geflüchtet durch das Land vor
dieser Kriegesnoth. Da, Kind, nimm Dein theures
Pfand in der Hoffnung, daß wir noch einmal andere
Zeiten sehen werden, zurück, und bewahre es wohl.
Er aber, Schelze, was dreht Er die Pudelmütze in den
Fäusten, gehe Er doch, hole Er sich doch bei den nächst¬
besten Vorposten die nächstbeste Kokarde dran. Mit
dem offenen Licht im Stall war Er noch obendrein im
Unrecht; aber das ist einerlei, marschire Er, mache Er
die Thüre hinter sich zu. Ueber das Odfeld am
Quadhagen her, gehet Sein Weg. Der da hat in
Westfalen mitgefressen an Seinesgleichen und ist auf
neuen Fraß ausgezogen jetzt zwischen der Weser und
dem Harz. Nicht wahr, Alter?"

"Krah!" sagte der Kämpfer aus der Rabenschlacht
über dem Wodansfelde unter dem Tische des Magisters
hervor.

"Wenn sein Flügel heil ist, schicke ich ihn wieder
zum Fenster hinaus, Schelze," rief der Magister
Buchius. "Wer weiß, ob ihr Zwei nicht noch einmal
Eure Bekanntschaft von heute Abend erneuert? Ja,
schlage nur mit dem heilen Fittich, schwarzer Vielfraß.
Es ist eine nahrhafte Zeit für Dich und Deine Kame¬
raden von beiden Parteien, und frisches Futter wird
jeden Tag zugeschnitten."

"O du barmherziger Herr und Heiland, Heinrich?!"
jammerte die junge Magd, mit beiden Händen den
Schatz am Arme packend. "Hörst Du denn dieses,

denn genug hin und her geflüchtet durch das Land vor
dieſer Kriegesnoth. Da, Kind, nimm Dein theures
Pfand in der Hoffnung, daß wir noch einmal andere
Zeiten ſehen werden, zurück, und bewahre es wohl.
Er aber, Schelze, was dreht Er die Pudelmütze in den
Fäuſten, gehe Er doch, hole Er ſich doch bei den nächſt¬
beſten Vorpoſten die nächſtbeſte Kokarde dran. Mit
dem offenen Licht im Stall war Er noch obendrein im
Unrecht; aber das iſt einerlei, marſchire Er, mache Er
die Thüre hinter ſich zu. Ueber das Odfeld am
Quadhagen her, gehet Sein Weg. Der da hat in
Weſtfalen mitgefreſſen an Seinesgleichen und iſt auf
neuen Fraß ausgezogen jetzt zwiſchen der Weſer und
dem Harz. Nicht wahr, Alter?“

„Krah!“ ſagte der Kämpfer aus der Rabenſchlacht
über dem Wodansfelde unter dem Tiſche des Magiſters
hervor.

„Wenn ſein Flügel heil iſt, ſchicke ich ihn wieder
zum Fenſter hinaus, Schelze,“ rief der Magiſter
Buchius. „Wer weiß, ob ihr Zwei nicht noch einmal
Eure Bekanntſchaft von heute Abend erneuert? Ja,
ſchlage nur mit dem heilen Fittich, ſchwarzer Vielfraß.
Es iſt eine nahrhafte Zeit für Dich und Deine Kame¬
raden von beiden Parteien, und friſches Futter wird
jeden Tag zugeſchnitten.“

„O du barmherziger Herr und Heiland, Heinrich?!“
jammerte die junge Magd, mit beiden Händen den
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[72/0080] denn genug hin und her geflüchtet durch das Land vor dieſer Kriegesnoth. Da, Kind, nimm Dein theures Pfand in der Hoffnung, daß wir noch einmal andere Zeiten ſehen werden, zurück, und bewahre es wohl. Er aber, Schelze, was dreht Er die Pudelmütze in den Fäuſten, gehe Er doch, hole Er ſich doch bei den nächſt¬ beſten Vorpoſten die nächſtbeſte Kokarde dran. Mit dem offenen Licht im Stall war Er noch obendrein im Unrecht; aber das iſt einerlei, marſchire Er, mache Er die Thüre hinter ſich zu. Ueber das Odfeld am Quadhagen her, gehet Sein Weg. Der da hat in Weſtfalen mitgefreſſen an Seinesgleichen und iſt auf neuen Fraß ausgezogen jetzt zwiſchen der Weſer und dem Harz. Nicht wahr, Alter?“ „Krah!“ ſagte der Kämpfer aus der Rabenſchlacht über dem Wodansfelde unter dem Tiſche des Magiſters hervor. „Wenn ſein Flügel heil iſt, ſchicke ich ihn wieder zum Fenſter hinaus, Schelze,“ rief der Magiſter Buchius. „Wer weiß, ob ihr Zwei nicht noch einmal Eure Bekanntſchaft von heute Abend erneuert? Ja, ſchlage nur mit dem heilen Fittich, ſchwarzer Vielfraß. Es iſt eine nahrhafte Zeit für Dich und Deine Kame¬ raden von beiden Parteien, und friſches Futter wird jeden Tag zugeſchnitten.“ „O du barmherziger Herr und Heiland, Heinrich?!“ jammerte die junge Magd, mit beiden Händen den Schatz am Arme packend. „Hörſt Du denn dieſes,

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Zitationshilfe: Raabe, Wilhelm: Das Odfeld. Leipzig, 1889, S. 72. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/raabe_odfeld_1889/80>, abgerufen am 29.11.2020.