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Peschel, Oscar: Völkerkunde. Leipzig, 1874.

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IV.
UEBER DAS ALTER DES MENSCHENGESCHLECHTES.

Wer sich für die Entwicklung der verschiednen Racen aus
einer einzigen Menschenart erklärt, die zuerst innerhalb eines be-
schränkten Gebietes aufgetreten, allmählich sich über die ganze
Erde verbreitet habe, der muss sich eingestehen, dass solche Vor-
gänge ungemein lange Zeiträume erforderten und es fällt ihm die
Last des Beweises zu, dass auch wirklich bis in grosse vorhistori-
sche Fernen sich die Spuren unsres Geschlechtes verfolgen lassen.
Diese Bedenken würde die Entdeckung des Abbe Bourgeois er-
ledigen, der in der Nähe von Tenay (Loir et Cher) aus Schichten
von unzweifelhaftem miocänen Alter, Messer und Aexte aus Stein
sammelte, welche uns bezeugen würden, dass Frankreich bereits in
der Mitte der Tertiärzeit bewohnt gewesen wäre. Allein auf dem
Brüsseler Congress der Alterthumserforscher im Jahre 1872, ent-
schieden sich die besten Kenner solcher Fundstücke gegen den
künstlichen Ursprung der vorgelegten angeblich menschlichen Hinter-
lassenschaften aus miocäner Zeit. Die höchste Wahrscheinlichkeit
menschlichen Ursprungs muss dagegen den Kieselgeräthen beigemessen
werden, die zuerst von Boucher de Perthes 1847 im Thale der
Somme zwischen Abbeville und Amiens, namentlich bei Menche-
court in kalkhaltigem Lehm untermischt mit Resten des Mammuth,
des wollhaarigen Nashorn, einer ausgestorbnen Art des Pferdes,
des europäischen Hippopotamus und andrer Geschöpfe der Dilu-
vialzeit entdeckt wurden und deren Fundstätten von den besten
Geologen der Gegenwart besucht worden sind. Menschliche Ueber-
reste selbst sind bis jetzt vergeblich gesucht worden, denn der
Fund eines Unterkiefers unweit Moulin-Quignon hat den Verdacht
einer betrügerischen Einschaltung auf sich gezogen. Die Abwesen-
heit von Knochenresten des Menschen darf unsern Argwohn jedoch
nicht allzusehr erregen, denn auch nach Austrocknung des Har-

IV.
UEBER DAS ALTER DES MENSCHENGESCHLECHTES.

Wer sich für die Entwicklung der verschiednen Racen aus
einer einzigen Menschenart erklärt, die zuerst innerhalb eines be-
schränkten Gebietes aufgetreten, allmählich sich über die ganze
Erde verbreitet habe, der muss sich eingestehen, dass solche Vor-
gänge ungemein lange Zeiträume erforderten und es fällt ihm die
Last des Beweises zu, dass auch wirklich bis in grosse vorhistori-
sche Fernen sich die Spuren unsres Geschlechtes verfolgen lassen.
Diese Bedenken würde die Entdeckung des Abbé Bourgeois er-
ledigen, der in der Nähe von Tenay (Loir et Cher) aus Schichten
von unzweifelhaftem miocänen Alter, Messer und Aexte aus Stein
sammelte, welche uns bezeugen würden, dass Frankreich bereits in
der Mitte der Tertiärzeit bewohnt gewesen wäre. Allein auf dem
Brüsseler Congress der Alterthumserforscher im Jahre 1872, ent-
schieden sich die besten Kenner solcher Fundstücke gegen den
künstlichen Ursprung der vorgelegten angeblich menschlichen Hinter-
lassenschaften aus miocäner Zeit. Die höchste Wahrscheinlichkeit
menschlichen Ursprungs muss dagegen den Kieselgeräthen beigemessen
werden, die zuerst von Boucher de Perthes 1847 im Thale der
Somme zwischen Abbeville und Amiens, namentlich bei Menche-
court in kalkhaltigem Lehm untermischt mit Resten des Mammuth,
des wollhaarigen Nashorn, einer ausgestorbnen Art des Pferdes,
des europäischen Hippopotamus und andrer Geschöpfe der Dilu-
vialzeit entdeckt wurden und deren Fundstätten von den besten
Geologen der Gegenwart besucht worden sind. Menschliche Ueber-
reste selbst sind bis jetzt vergeblich gesucht worden, denn der
Fund eines Unterkiefers unweit Moulin-Quignon hat den Verdacht
einer betrügerischen Einschaltung auf sich gezogen. Die Abwesen-
heit von Knochenresten des Menschen darf unsern Argwohn jedoch
nicht allzusehr erregen, denn auch nach Austrocknung des Har-

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[[37]/0055] IV. UEBER DAS ALTER DES MENSCHENGESCHLECHTES. Wer sich für die Entwicklung der verschiednen Racen aus einer einzigen Menschenart erklärt, die zuerst innerhalb eines be- schränkten Gebietes aufgetreten, allmählich sich über die ganze Erde verbreitet habe, der muss sich eingestehen, dass solche Vor- gänge ungemein lange Zeiträume erforderten und es fällt ihm die Last des Beweises zu, dass auch wirklich bis in grosse vorhistori- sche Fernen sich die Spuren unsres Geschlechtes verfolgen lassen. Diese Bedenken würde die Entdeckung des Abbé Bourgeois er- ledigen, der in der Nähe von Tenay (Loir et Cher) aus Schichten von unzweifelhaftem miocänen Alter, Messer und Aexte aus Stein sammelte, welche uns bezeugen würden, dass Frankreich bereits in der Mitte der Tertiärzeit bewohnt gewesen wäre. Allein auf dem Brüsseler Congress der Alterthumserforscher im Jahre 1872, ent- schieden sich die besten Kenner solcher Fundstücke gegen den künstlichen Ursprung der vorgelegten angeblich menschlichen Hinter- lassenschaften aus miocäner Zeit. Die höchste Wahrscheinlichkeit menschlichen Ursprungs muss dagegen den Kieselgeräthen beigemessen werden, die zuerst von Boucher de Perthes 1847 im Thale der Somme zwischen Abbeville und Amiens, namentlich bei Menche- court in kalkhaltigem Lehm untermischt mit Resten des Mammuth, des wollhaarigen Nashorn, einer ausgestorbnen Art des Pferdes, des europäischen Hippopotamus und andrer Geschöpfe der Dilu- vialzeit entdeckt wurden und deren Fundstätten von den besten Geologen der Gegenwart besucht worden sind. Menschliche Ueber- reste selbst sind bis jetzt vergeblich gesucht worden, denn der Fund eines Unterkiefers unweit Moulin-Quignon hat den Verdacht einer betrügerischen Einschaltung auf sich gezogen. Die Abwesen- heit von Knochenresten des Menschen darf unsern Argwohn jedoch nicht allzusehr erregen, denn auch nach Austrocknung des Har-

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Zitationshilfe: Peschel, Oscar: Völkerkunde. Leipzig, 1874, S. [37]. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/peschel_voelkerkunde_1874/55>, abgerufen am 17.10.2019.