Anmelden (DTAQ) DWDS     dlexDB     CLARIN-D

Peschel, Oscar: Völkerkunde. Leipzig, 1874.

Bild:
<< vorherige Seite

Schöpfungsherd des Menschengeschlechtes.
in Südamerika vorgezogen haben das Evangelium theils in der
peruanischen Quichuasprache, theils in der brasilianischen Tupi-
sprache oder dem Guarani zu verkündigen, weil die dortigen In-
dianer mit Leichtigkeit in den Geist dieser Sprachen eindringen,
während das Spanische oder Portugiesische ihrem Verständniss
widerstrebt.

Freilich ist eine Familienähnlichkeit, ja selbst eine nähere
Uebereinstimmung in der Sprache kein untrüglicher Beweis eines
gemeinsamen leiblichen Stammbaumes, denn sonst müssten die
vormals slavisch, jetzt deutsch redenden Völkerschaften östlich der
Elbe von jeher Germanen, es müssten die englisch sprechenden
Neger der Vereinigten Staaten Angelsachsen, die spanisch redenden
Indianer Mittel- und Südamerika's Blutsverwandte Calderons sein.
Die Einheit oder Familienähnlichkeit der Sprache beweist aber
streng, dass vormals alle Völkerschaften, die sie umfasst, ein ge-
sellschaftliches Band vereinigt haben musste. Wir dürfen also
schliessen, dass die sämmtlichen Australier, dass die Südafrikaner,
dass die arischen Völker, dass die Amerikaner vor der Trennung
ihrer Sprachen eine Heimath, einen Ursitz inne hatten, von dem
aus sie durch Wanderung sich verbreiteten. Konnte aber die neue
Welt von irgend einem Ausgangspunkt nach und nach bevölkert
werden, so ist es nur eine Frage der Zeit, dass alle Festlande
ebenfalls von einem Punkte aus bevölkert wurden.

Wir haben aber bisher nur gezeigt, dass unser Geschlecht
von einem irdischen Revier ausgehend allmählich alle Festlande
durchwandert und bevölkert haben kann. Das Mögliche ist noch
nicht das Wahrscheinliche, geschweige etwas nothwendiges. Glück-
licherweise bietet uns die Geologie und die Thiergeographie die
Mittel den Raum sehr eng einzuschränken, wo allein der Ursitz des
Menschengeschlechts gesucht werden darf. Die Geologie lehrt uns,
dass die Stockwerke der Erdrinde in chronologischer Reihenfolge ge-
schichtet liegen, und zwar da, wo nicht absonderliche Störungen
eintraten, das jüngste zu oberst, das älteste zu unterst. Wenn wir
nun vom obersten Stockwerk abwärts steigen, ändern sich die
Trachten der Schöpfung, sie werden in unmerklichen Uebergängen
den jetzigen fremder und fremder. Das moderne finden wir oben,
das alterthümliche unten, denn die Geschichte der Schöpfungen
gleicht der Geschichte der Moden. Zugleich bemerken wir, dass
nicht immer aber im grossen Durchschnitte die höher gegliederten

Schöpfungsherd des Menschengeschlechtes.
in Südamerika vorgezogen haben das Evangelium theils in der
peruanischen Quichuasprache, theils in der brasilianischen Tupi-
sprache oder dem Guarani zu verkündigen, weil die dortigen In-
dianer mit Leichtigkeit in den Geist dieser Sprachen eindringen,
während das Spanische oder Portugiesische ihrem Verständniss
widerstrebt.

Freilich ist eine Familienähnlichkeit, ja selbst eine nähere
Uebereinstimmung in der Sprache kein untrüglicher Beweis eines
gemeinsamen leiblichen Stammbaumes, denn sonst müssten die
vormals slavisch, jetzt deutsch redenden Völkerschaften östlich der
Elbe von jeher Germanen, es müssten die englisch sprechenden
Neger der Vereinigten Staaten Angelsachsen, die spanisch redenden
Indianer Mittel- und Südamerika’s Blutsverwandte Calderons sein.
Die Einheit oder Familienähnlichkeit der Sprache beweist aber
streng, dass vormals alle Völkerschaften, die sie umfasst, ein ge-
sellschaftliches Band vereinigt haben musste. Wir dürfen also
schliessen, dass die sämmtlichen Australier, dass die Südafrikaner,
dass die arischen Völker, dass die Amerikaner vor der Trennung
ihrer Sprachen eine Heimath, einen Ursitz inne hatten, von dem
aus sie durch Wanderung sich verbreiteten. Konnte aber die neue
Welt von irgend einem Ausgangspunkt nach und nach bevölkert
werden, so ist es nur eine Frage der Zeit, dass alle Festlande
ebenfalls von einem Punkte aus bevölkert wurden.

Wir haben aber bisher nur gezeigt, dass unser Geschlecht
von einem irdischen Revier ausgehend allmählich alle Festlande
durchwandert und bevölkert haben kann. Das Mögliche ist noch
nicht das Wahrscheinliche, geschweige etwas nothwendiges. Glück-
licherweise bietet uns die Geologie und die Thiergeographie die
Mittel den Raum sehr eng einzuschränken, wo allein der Ursitz des
Menschengeschlechts gesucht werden darf. Die Geologie lehrt uns,
dass die Stockwerke der Erdrinde in chronologischer Reihenfolge ge-
schichtet liegen, und zwar da, wo nicht absonderliche Störungen
eintraten, das jüngste zu oberst, das älteste zu unterst. Wenn wir
nun vom obersten Stockwerk abwärts steigen, ändern sich die
Trachten der Schöpfung, sie werden in unmerklichen Uebergängen
den jetzigen fremder und fremder. Das moderne finden wir oben,
das alterthümliche unten, denn die Geschichte der Schöpfungen
gleicht der Geschichte der Moden. Zugleich bemerken wir, dass
nicht immer aber im grossen Durchschnitte die höher gegliederten

<TEI>
  <text>
    <body>
      <div n="1">
        <div n="2">
          <p><pb facs="#f0049" n="31"/><fw place="top" type="header">Schöpfungsherd des Menschengeschlechtes.</fw><lb/>
in Südamerika vorgezogen haben das Evangelium theils in der<lb/>
peruanischen Quichuasprache, theils in der brasilianischen Tupi-<lb/>
sprache oder dem Guarani zu verkündigen, weil die dortigen In-<lb/>
dianer mit Leichtigkeit in den Geist dieser Sprachen eindringen,<lb/>
während das Spanische oder Portugiesische ihrem Verständniss<lb/>
widerstrebt.</p><lb/>
          <p>Freilich ist eine Familienähnlichkeit, ja selbst eine nähere<lb/>
Uebereinstimmung in der Sprache kein untrüglicher Beweis eines<lb/>
gemeinsamen leiblichen Stammbaumes, denn sonst müssten die<lb/>
vormals slavisch, jetzt deutsch redenden Völkerschaften östlich der<lb/>
Elbe von jeher Germanen, es müssten die englisch sprechenden<lb/>
Neger der Vereinigten Staaten Angelsachsen, die spanisch redenden<lb/>
Indianer Mittel- und Südamerika&#x2019;s Blutsverwandte Calderons sein.<lb/>
Die Einheit oder Familienähnlichkeit der Sprache beweist aber<lb/>
streng, dass vormals alle Völkerschaften, die sie umfasst, ein ge-<lb/>
sellschaftliches Band vereinigt haben musste. Wir dürfen also<lb/>
schliessen, dass die sämmtlichen Australier, dass die Südafrikaner,<lb/>
dass die arischen Völker, dass die Amerikaner vor der Trennung<lb/>
ihrer Sprachen eine Heimath, einen Ursitz inne hatten, von dem<lb/>
aus sie durch Wanderung sich verbreiteten. Konnte aber die neue<lb/>
Welt von irgend einem Ausgangspunkt nach und nach bevölkert<lb/>
werden, so ist es nur eine Frage der Zeit, dass alle Festlande<lb/>
ebenfalls von einem Punkte aus bevölkert wurden.</p><lb/>
          <p>Wir haben aber bisher nur gezeigt, dass unser Geschlecht<lb/>
von einem irdischen Revier ausgehend allmählich alle Festlande<lb/>
durchwandert und bevölkert haben kann. Das Mögliche ist noch<lb/>
nicht das Wahrscheinliche, geschweige etwas nothwendiges. Glück-<lb/>
licherweise bietet uns die Geologie und die Thiergeographie die<lb/>
Mittel den Raum sehr eng einzuschränken, wo allein der Ursitz des<lb/>
Menschengeschlechts gesucht werden darf. Die Geologie lehrt uns,<lb/>
dass die Stockwerke der Erdrinde in chronologischer Reihenfolge ge-<lb/>
schichtet liegen, und zwar da, wo nicht absonderliche Störungen<lb/>
eintraten, das jüngste zu oberst, das älteste zu unterst. Wenn wir<lb/>
nun vom obersten Stockwerk abwärts steigen, ändern sich die<lb/>
Trachten der Schöpfung, sie werden in unmerklichen Uebergängen<lb/>
den jetzigen fremder und fremder. Das moderne finden wir oben,<lb/>
das alterthümliche unten, denn die Geschichte der Schöpfungen<lb/>
gleicht der Geschichte der Moden. Zugleich bemerken wir, dass<lb/>
nicht immer aber im grossen Durchschnitte die höher gegliederten<lb/></p>
        </div>
      </div>
    </body>
  </text>
</TEI>
[31/0049] Schöpfungsherd des Menschengeschlechtes. in Südamerika vorgezogen haben das Evangelium theils in der peruanischen Quichuasprache, theils in der brasilianischen Tupi- sprache oder dem Guarani zu verkündigen, weil die dortigen In- dianer mit Leichtigkeit in den Geist dieser Sprachen eindringen, während das Spanische oder Portugiesische ihrem Verständniss widerstrebt. Freilich ist eine Familienähnlichkeit, ja selbst eine nähere Uebereinstimmung in der Sprache kein untrüglicher Beweis eines gemeinsamen leiblichen Stammbaumes, denn sonst müssten die vormals slavisch, jetzt deutsch redenden Völkerschaften östlich der Elbe von jeher Germanen, es müssten die englisch sprechenden Neger der Vereinigten Staaten Angelsachsen, die spanisch redenden Indianer Mittel- und Südamerika’s Blutsverwandte Calderons sein. Die Einheit oder Familienähnlichkeit der Sprache beweist aber streng, dass vormals alle Völkerschaften, die sie umfasst, ein ge- sellschaftliches Band vereinigt haben musste. Wir dürfen also schliessen, dass die sämmtlichen Australier, dass die Südafrikaner, dass die arischen Völker, dass die Amerikaner vor der Trennung ihrer Sprachen eine Heimath, einen Ursitz inne hatten, von dem aus sie durch Wanderung sich verbreiteten. Konnte aber die neue Welt von irgend einem Ausgangspunkt nach und nach bevölkert werden, so ist es nur eine Frage der Zeit, dass alle Festlande ebenfalls von einem Punkte aus bevölkert wurden. Wir haben aber bisher nur gezeigt, dass unser Geschlecht von einem irdischen Revier ausgehend allmählich alle Festlande durchwandert und bevölkert haben kann. Das Mögliche ist noch nicht das Wahrscheinliche, geschweige etwas nothwendiges. Glück- licherweise bietet uns die Geologie und die Thiergeographie die Mittel den Raum sehr eng einzuschränken, wo allein der Ursitz des Menschengeschlechts gesucht werden darf. Die Geologie lehrt uns, dass die Stockwerke der Erdrinde in chronologischer Reihenfolge ge- schichtet liegen, und zwar da, wo nicht absonderliche Störungen eintraten, das jüngste zu oberst, das älteste zu unterst. Wenn wir nun vom obersten Stockwerk abwärts steigen, ändern sich die Trachten der Schöpfung, sie werden in unmerklichen Uebergängen den jetzigen fremder und fremder. Das moderne finden wir oben, das alterthümliche unten, denn die Geschichte der Schöpfungen gleicht der Geschichte der Moden. Zugleich bemerken wir, dass nicht immer aber im grossen Durchschnitte die höher gegliederten

Suche im Werk

Hilfe

Informationen zum Werk

Download dieses Werks

XML (TEI P5) · HTML · Text
TCF (text annotation layer)
TCF (tokenisiert, serialisiert, lemmatisiert, normalisiert)
XML (TEI P5 inkl. att.linguistic)

Metadaten zum Werk

TEI-Header · CMDI · Dublin Core

Ansichten dieser Seite

Voyant Tools ?

Feedback

Sie haben einen Fehler gefunden? Dann können Sie diesen über unsere Qualitätssicherungsplattform DTAQ melden.

Kommentar zur DTA-Ausgabe

Dieses Werk wurde gemäß den DTA-Transkriptionsrichtlinien im Double-Keying-Verfahren von Nicht-Muttersprachlern erfasst und in XML/TEI P5 nach DTA-Basisformat kodiert.




Ansicht auf Standard zurückstellen

URL zu diesem Werk: http://www.deutschestextarchiv.de/peschel_voelkerkunde_1874
URL zu dieser Seite: http://www.deutschestextarchiv.de/peschel_voelkerkunde_1874/49
Zitationshilfe: Peschel, Oscar: Völkerkunde. Leipzig, 1874, S. 31. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/peschel_voelkerkunde_1874/49>, abgerufen am 16.06.2019.