Mörike, Eduard: Gedichte. Stuttgart, 1838.Nächtliche Fahrt. Jüngst im Traum ward ich getragen Ueber fremdes Heideland; Vor den halbverschloss'nen Wagen Schien ein Trauerzug gespannt. Dann durch mondbeglänzte Wälder Ging die sonderbare Fahrt, Bis der Anblick offner Felder Endlich mir bekannter ward. Wie im lustigen Gewimmel Tanzt nun Busch und Baum vorbei! Und ein Dorf nun! Guter Himmel! O mir ahnet, was es sey. Sah ich doch vor Zeiten gerne Diese Häuser oft und viel, Die am Wagen die Laterne Streift im stummen Schattenspiel. Ja, dort unterm Giebeldache
Schlummerst du, vergeßlich Herz! Und daß dein Getreuer wache, Sagt dir kein geheimer Schmerz. Nächtliche Fahrt. Juͤngſt im Traum ward ich getragen Ueber fremdes Heideland; Vor den halbverſchloſſ'nen Wagen Schien ein Trauerzug geſpannt. Dann durch mondbeglaͤnzte Waͤlder Ging die ſonderbare Fahrt, Bis der Anblick offner Felder Endlich mir bekannter ward. Wie im luſtigen Gewimmel Tanzt nun Buſch und Baum vorbei! Und ein Dorf nun! Guter Himmel! O mir ahnet, was es ſey. Sah ich doch vor Zeiten gerne Dieſe Haͤuſer oft und viel, Die am Wagen die Laterne Streift im ſtummen Schattenſpiel. Ja, dort unterm Giebeldache
Schlummerſt du, vergeßlich Herz! Und daß dein Getreuer wache, Sagt dir kein geheimer Schmerz. <TEI> <text> <body> <div n="1"> <pb n="6" facs="#f0022"/> </div> <div n="1"> <head> <hi rendition="#b">Nächtliche Fahrt.</hi><lb/> </head> <lg type="poem"> <lg n="1"> <l><hi rendition="#in">J</hi>uͤngſt im Traum ward ich getragen</l><lb/> <l>Ueber fremdes Heideland;</l><lb/> <l>Vor den halbverſchloſſ'nen Wagen</l><lb/> <l>Schien ein Trauerzug geſpannt.</l><lb/> </lg> <lg n="2"> <l>Dann durch mondbeglaͤnzte Waͤlder</l><lb/> <l>Ging die ſonderbare Fahrt,</l><lb/> <l>Bis der Anblick offner Felder</l><lb/> <l>Endlich mir bekannter ward.</l><lb/> </lg> <lg n="3"> <l>Wie im luſtigen Gewimmel</l><lb/> <l>Tanzt nun Buſch und Baum vorbei!</l><lb/> <l>Und ein Dorf nun! Guter Himmel!</l><lb/> <l>O mir ahnet, was es ſey.</l><lb/> </lg> <lg n="4"> <l>Sah ich doch vor Zeiten gerne</l><lb/> <l>Dieſe Haͤuſer oft und viel,</l><lb/> <l>Die am Wagen die Laterne</l><lb/> <l>Streift im ſtummen Schattenſpiel.</l><lb/> </lg> <lg n="5"> <l>Ja, dort unterm Giebeldache</l><lb/> <l>Schlummerſt du, vergeßlich Herz!</l><lb/> <l>Und daß dein Getreuer wache,</l><lb/> <l>Sagt dir kein geheimer Schmerz.</l><lb/> </lg> </lg> </div> </body> </text> </TEI> [6/0022]
Nächtliche Fahrt.
Juͤngſt im Traum ward ich getragen
Ueber fremdes Heideland;
Vor den halbverſchloſſ'nen Wagen
Schien ein Trauerzug geſpannt.
Dann durch mondbeglaͤnzte Waͤlder
Ging die ſonderbare Fahrt,
Bis der Anblick offner Felder
Endlich mir bekannter ward.
Wie im luſtigen Gewimmel
Tanzt nun Buſch und Baum vorbei!
Und ein Dorf nun! Guter Himmel!
O mir ahnet, was es ſey.
Sah ich doch vor Zeiten gerne
Dieſe Haͤuſer oft und viel,
Die am Wagen die Laterne
Streift im ſtummen Schattenſpiel.
Ja, dort unterm Giebeldache
Schlummerſt du, vergeßlich Herz!
Und daß dein Getreuer wache,
Sagt dir kein geheimer Schmerz.
Suche im WerkInformationen zum Werk
Download dieses Werks
XML (TEI P5) ·
HTML ·
Text Metadaten zum WerkTEI-Header · CMDI · Dublin Core Ansichten dieser Seite
Voyant Tools
|
URL zu diesem Werk: | https://www.deutschestextarchiv.de/moerike_gedichte_1838 |
URL zu dieser Seite: | https://www.deutschestextarchiv.de/moerike_gedichte_1838/22 |
Zitationshilfe: | Mörike, Eduard: Gedichte. Stuttgart, 1838, S. 6. In: Deutsches Textarchiv <https://www.deutschestextarchiv.de/moerike_gedichte_1838/22>, abgerufen am 04.03.2025. |