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Miller, Johann Martin: Siegwart. Bd. 2. Leipzig, 1776.

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ne liebe, so ward ihm doch die ewige Entfernung,
und die, doch immer nur halbe Gewißheit, täglich
unerträglicher. Er schmachtete darnach, sie einmal
allein zu sprechen, ihr Herz noch genauer auszufor-
schen, und ihr das seinige mehr zu entdecken. Die
grössere Freymüthigkeit, die sie jetzt gegen ihn, und
er zum Theil auch gegen sie beobachtete, erregte die-
sen Wunsch in ihm noch mehr. Nun, dachte er,
würde er ihr alles sagen, was ihm auf dem Herzen
liege. Daher sann er Tag und Nacht auf Gelegen-
heit, sie allein zu sprechen. Seine Einbildungs-
kraft kam ihm zu Hülfe. Er stellte sich schon in
Gedanken den künftigen Frühling vor, wie er sie
auf einem Spatzierwege allein antreffe, sich anbiete,
sie zu begleiten, ihr die Hand reiche, und im Schat-
ten eines Wäldchens ihr sein ganzes Herz auf-
schliesse. Er hielt in Gedanken lange zärtliche
Gespräche, führte sie und sich redend ein, sank ihr
endlich in den Arm, und empfieng mit dem ersten
heiligen Kuß die Versiegelung einer ewigen Liebe.
Aber dieß waren alles nur Träume, und wenn sie
verflogen waren, sehnte sich sein Herz desto mehr
nach der Wirklichkeit. Oft wollte er sie besuchen,
wenn sie allein zu Hause war, aber er fürchtete,
der Bruder möchte kommen, oder sie möcht es



ne liebe, ſo ward ihm doch die ewige Entfernung,
und die, doch immer nur halbe Gewißheit, taͤglich
unertraͤglicher. Er ſchmachtete darnach, ſie einmal
allein zu ſprechen, ihr Herz noch genauer auszufor-
ſchen, und ihr das ſeinige mehr zu entdecken. Die
groͤſſere Freymuͤthigkeit, die ſie jetzt gegen ihn, und
er zum Theil auch gegen ſie beobachtete, erregte die-
ſen Wunſch in ihm noch mehr. Nun, dachte er,
wuͤrde er ihr alles ſagen, was ihm auf dem Herzen
liege. Daher ſann er Tag und Nacht auf Gelegen-
heit, ſie allein zu ſprechen. Seine Einbildungs-
kraft kam ihm zu Huͤlfe. Er ſtellte ſich ſchon in
Gedanken den kuͤnftigen Fruͤhling vor, wie er ſie
auf einem Spatzierwege allein antreffe, ſich anbiete,
ſie zu begleiten, ihr die Hand reiche, und im Schat-
ten eines Waͤldchens ihr ſein ganzes Herz auf-
ſchlieſſe. Er hielt in Gedanken lange zaͤrtliche
Geſpraͤche, fuͤhrte ſie und ſich redend ein, ſank ihr
endlich in den Arm, und empfieng mit dem erſten
heiligen Kuß die Verſiegelung einer ewigen Liebe.
Aber dieß waren alles nur Traͤume, und wenn ſie
verflogen waren, ſehnte ſich ſein Herz deſto mehr
nach der Wirklichkeit. Oft wollte er ſie beſuchen,
wenn ſie allein zu Hauſe war, aber er fuͤrchtete,
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[689/0269] ne liebe, ſo ward ihm doch die ewige Entfernung, und die, doch immer nur halbe Gewißheit, taͤglich unertraͤglicher. Er ſchmachtete darnach, ſie einmal allein zu ſprechen, ihr Herz noch genauer auszufor- ſchen, und ihr das ſeinige mehr zu entdecken. Die groͤſſere Freymuͤthigkeit, die ſie jetzt gegen ihn, und er zum Theil auch gegen ſie beobachtete, erregte die- ſen Wunſch in ihm noch mehr. Nun, dachte er, wuͤrde er ihr alles ſagen, was ihm auf dem Herzen liege. Daher ſann er Tag und Nacht auf Gelegen- heit, ſie allein zu ſprechen. Seine Einbildungs- kraft kam ihm zu Huͤlfe. Er ſtellte ſich ſchon in Gedanken den kuͤnftigen Fruͤhling vor, wie er ſie auf einem Spatzierwege allein antreffe, ſich anbiete, ſie zu begleiten, ihr die Hand reiche, und im Schat- ten eines Waͤldchens ihr ſein ganzes Herz auf- ſchlieſſe. Er hielt in Gedanken lange zaͤrtliche Geſpraͤche, fuͤhrte ſie und ſich redend ein, ſank ihr endlich in den Arm, und empfieng mit dem erſten heiligen Kuß die Verſiegelung einer ewigen Liebe. Aber dieß waren alles nur Traͤume, und wenn ſie verflogen waren, ſehnte ſich ſein Herz deſto mehr nach der Wirklichkeit. Oft wollte er ſie beſuchen, wenn ſie allein zu Hauſe war, aber er fuͤrchtete, der Bruder moͤchte kommen, oder ſie moͤcht es

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Zitationshilfe: Miller, Johann Martin: Siegwart. Bd. 2. Leipzig, 1776, S. 689. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/miller_siegwart02_1776/269>, abgerufen am 18.10.2019.