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Humboldt, Alexander von: Reise in die Aequinoktial-Gegenden des neuen Kontinents. Bd. 3. Übers. v. Hermann Hauff. Stuttgart, 1860.

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und die Nacht ganz finster. Wälder, die man bis da für
undurchdringlich gehalten, liegen 112 km in gerader Linie
breit, zwischen Javita und San Fernando. Man kennt keinen
anderen Weg als die Flüsse. Niemals hat ein Mensch ver-
sucht zu Lande von einem Dorfe zum anderen zu gehen,
und lägen sie auch nur ein paar Meilen auseinander. Aber
solche Schwierigkeiten halten eine Mutter, die man von ihren
Kindern getrennt, nicht auf. Ihre Kinder sind in San Fer-
nando am Atabapo; sie muß zu ihnen, sie muß sie aus den
Händen der Christen befreien, sie muß sie dem Vater am
Guaviare wiederbringen. Die Guahiba ist im Karawanserai
nachlässig bewacht, und da ihre Arme ganz blutig waren,
hatten ihr die Indianer von Javita ohne Vorwissen des Mis-
sionärs und des Alkaden die Bande gelockert. Es gelingt
ihr, sie mit den Zähnen vollends loszumachen, und sie ver-
schwindet in der Nacht. Und als die Sonne zum viertenmal
aufgeht, sieht man sie in der Mission San Fernando um die
Hütte schleichen, wo ihre Kinder eingesperrt sind. "Was dieses
Weib ausgeführt," sagte der Missionär, der uns diese traurige
Geschichte erzählte, "der kräftigste Indianer hätte es sich nicht
getraut, es zu unternehmen." Sie ging durch die Wälder in
einer Jahreszeit, wo der Himmel immer mit Wolken bedeckt
ist und die Sonne tagelang nur auf wenige Minuten zum
Vorschein kommt. Hatte sie sich nach dem Laufe der Wasser
gerichtet? Aber da alles überschwemmt war, mußte sie sich weit
von den Flußufern, mitten in den Wäldern halten, wo man
das Wasser fast gar nicht laufen sieht. Wie oft mochte sie
von den stachligen Lianen aufgehalten worden sein, welche um
die von ihnen umschlungenen Stämme ein Gitterwerk bilden!
Wie oft mußte sie über die Bäche schwimmen, die sich in den
Atabapo ergießen! Man fragte das unglückliche Weib, von
was sie sich vier Tage lang genährt; sie sagte, völlig erschöpft
habe sie sich keine andere Nahrung verschaffen können als die
großen schwarzen Ameisen, Vachacos genannt, die in langen
Zügen an den Bäumen hinaufkriechen, um ihre harzigen
Nester daran zu hängen. Wir wollten durchaus vom Mis-
sionär wissen, ob jetzt die Guahiba in Ruhe des Glückes habe
genießen können, um ihre Kinder zu sein, ob man doch end-
lich bereut habe, daß man sich so maßlos vergangen? Er fand
nicht für gut, unsere Neugierde zu befriedigen; aber auf der
Rückreise vom Rio Negro hörten wir, man habe der India-
nerin nicht Zeit gelassen, von ihren Wunden zu genesen, sondern

und die Nacht ganz finſter. Wälder, die man bis da für
undurchdringlich gehalten, liegen 112 km in gerader Linie
breit, zwiſchen Javita und San Fernando. Man kennt keinen
anderen Weg als die Flüſſe. Niemals hat ein Menſch ver-
ſucht zu Lande von einem Dorfe zum anderen zu gehen,
und lägen ſie auch nur ein paar Meilen auseinander. Aber
ſolche Schwierigkeiten halten eine Mutter, die man von ihren
Kindern getrennt, nicht auf. Ihre Kinder ſind in San Fer-
nando am Atabapo; ſie muß zu ihnen, ſie muß ſie aus den
Händen der Chriſten befreien, ſie muß ſie dem Vater am
Guaviare wiederbringen. Die Guahiba iſt im Karawanſerai
nachläſſig bewacht, und da ihre Arme ganz blutig waren,
hatten ihr die Indianer von Javita ohne Vorwiſſen des Miſ-
ſionärs und des Alkaden die Bande gelockert. Es gelingt
ihr, ſie mit den Zähnen vollends loszumachen, und ſie ver-
ſchwindet in der Nacht. Und als die Sonne zum viertenmal
aufgeht, ſieht man ſie in der Miſſion San Fernando um die
Hütte ſchleichen, wo ihre Kinder eingeſperrt ſind. „Was dieſes
Weib ausgeführt,“ ſagte der Miſſionär, der uns dieſe traurige
Geſchichte erzählte, „der kräftigſte Indianer hätte es ſich nicht
getraut, es zu unternehmen.“ Sie ging durch die Wälder in
einer Jahreszeit, wo der Himmel immer mit Wolken bedeckt
iſt und die Sonne tagelang nur auf wenige Minuten zum
Vorſchein kommt. Hatte ſie ſich nach dem Laufe der Waſſer
gerichtet? Aber da alles überſchwemmt war, mußte ſie ſich weit
von den Flußufern, mitten in den Wäldern halten, wo man
das Waſſer faſt gar nicht laufen ſieht. Wie oft mochte ſie
von den ſtachligen Lianen aufgehalten worden ſein, welche um
die von ihnen umſchlungenen Stämme ein Gitterwerk bilden!
Wie oft mußte ſie über die Bäche ſchwimmen, die ſich in den
Atabapo ergießen! Man fragte das unglückliche Weib, von
was ſie ſich vier Tage lang genährt; ſie ſagte, völlig erſchöpft
habe ſie ſich keine andere Nahrung verſchaffen können als die
großen ſchwarzen Ameiſen, Vachacos genannt, die in langen
Zügen an den Bäumen hinaufkriechen, um ihre harzigen
Neſter daran zu hängen. Wir wollten durchaus vom Miſ-
ſionär wiſſen, ob jetzt die Guahiba in Ruhe des Glückes habe
genießen können, um ihre Kinder zu ſein, ob man doch end-
lich bereut habe, daß man ſich ſo maßlos vergangen? Er fand
nicht für gut, unſere Neugierde zu befriedigen; aber auf der
Rückreiſe vom Rio Negro hörten wir, man habe der India-
nerin nicht Zeit gelaſſen, von ihren Wunden zu geneſen, ſondern

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[218/0226] und die Nacht ganz finſter. Wälder, die man bis da für undurchdringlich gehalten, liegen 112 km in gerader Linie breit, zwiſchen Javita und San Fernando. Man kennt keinen anderen Weg als die Flüſſe. Niemals hat ein Menſch ver- ſucht zu Lande von einem Dorfe zum anderen zu gehen, und lägen ſie auch nur ein paar Meilen auseinander. Aber ſolche Schwierigkeiten halten eine Mutter, die man von ihren Kindern getrennt, nicht auf. Ihre Kinder ſind in San Fer- nando am Atabapo; ſie muß zu ihnen, ſie muß ſie aus den Händen der Chriſten befreien, ſie muß ſie dem Vater am Guaviare wiederbringen. Die Guahiba iſt im Karawanſerai nachläſſig bewacht, und da ihre Arme ganz blutig waren, hatten ihr die Indianer von Javita ohne Vorwiſſen des Miſ- ſionärs und des Alkaden die Bande gelockert. Es gelingt ihr, ſie mit den Zähnen vollends loszumachen, und ſie ver- ſchwindet in der Nacht. Und als die Sonne zum viertenmal aufgeht, ſieht man ſie in der Miſſion San Fernando um die Hütte ſchleichen, wo ihre Kinder eingeſperrt ſind. „Was dieſes Weib ausgeführt,“ ſagte der Miſſionär, der uns dieſe traurige Geſchichte erzählte, „der kräftigſte Indianer hätte es ſich nicht getraut, es zu unternehmen.“ Sie ging durch die Wälder in einer Jahreszeit, wo der Himmel immer mit Wolken bedeckt iſt und die Sonne tagelang nur auf wenige Minuten zum Vorſchein kommt. Hatte ſie ſich nach dem Laufe der Waſſer gerichtet? Aber da alles überſchwemmt war, mußte ſie ſich weit von den Flußufern, mitten in den Wäldern halten, wo man das Waſſer faſt gar nicht laufen ſieht. Wie oft mochte ſie von den ſtachligen Lianen aufgehalten worden ſein, welche um die von ihnen umſchlungenen Stämme ein Gitterwerk bilden! Wie oft mußte ſie über die Bäche ſchwimmen, die ſich in den Atabapo ergießen! Man fragte das unglückliche Weib, von was ſie ſich vier Tage lang genährt; ſie ſagte, völlig erſchöpft habe ſie ſich keine andere Nahrung verſchaffen können als die großen ſchwarzen Ameiſen, Vachacos genannt, die in langen Zügen an den Bäumen hinaufkriechen, um ihre harzigen Neſter daran zu hängen. Wir wollten durchaus vom Miſ- ſionär wiſſen, ob jetzt die Guahiba in Ruhe des Glückes habe genießen können, um ihre Kinder zu ſein, ob man doch end- lich bereut habe, daß man ſich ſo maßlos vergangen? Er fand nicht für gut, unſere Neugierde zu befriedigen; aber auf der Rückreiſe vom Rio Negro hörten wir, man habe der India- nerin nicht Zeit gelaſſen, von ihren Wunden zu geneſen, ſondern

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Zitationshilfe: Humboldt, Alexander von: Reise in die Aequinoktial-Gegenden des neuen Kontinents. Bd. 3. Übers. v. Hermann Hauff. Stuttgart, 1860, S. 218. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/humboldt_aequinoktial03_1859/226>, abgerufen am 17.09.2019.