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François, Louise von: Die letzte Reckenburgerin. Bd. 2. Berlin, 1871.

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"Retten Sie mich, retten Sie mich, Fräulein Har¬
dine!" wimmerte eine Kinderstimme in mein Ohr.

Und die ermatteten Lider fielen zu; die Brust hob
sich in gleichmäßigen Athemzügen; sie schlummerte ein.
Auch ich wollte Ruhe suchen. Da bemerkte ich den
Brief, den ich vorhin ihrer Hand entwunden und den
zu lesen ich wohl ein Recht hatte. Mein erster Blick
fiel auf die folgende Nachschrift:

"Gestern hatte ich ein Erlebniß, das mich seltsam
bewegte und das den Antheil Ihrer verehrten Haus¬
genossen erwecken wird. Seien Sie mit der Kundmachung
vorsichtig, liebe Dorothee. Ich befand mich bei den
Vorposten unseres Regiments, als ich im Namen
meines durchlauchtigen Chefs zu schleuniger Hülfleistung
entboten ward. Ein hoher Anverwandter Seines
Hauses, als Volontair erst vor einer Viertelstunde bei
der Truppe eingetroffen, war während eines kühnen
Erkundungsrittes schwer verwundet und in ein unfernes
Vorwerk gerettet worden. Ich hatte den unglücklichen
Vorgang mit angesehen und war bereits auf dem Wege
zu helfen. "Gottlob, da ist Faber!" riefen der Herr
Herzog mir entgegen. Bei dem Namen Faber schlug
der Verwundete das schon brechende Auge in die Höhe.
Eine Lebenshoffnung mochte in ihm erwachen. "Faber,"

Louise v. Francois, Die letzte Reckenburgerin. II. 2

„Retten Sie mich, retten Sie mich, Fräulein Har¬
dine!“ wimmerte eine Kinderſtimme in mein Ohr.

Und die ermatteten Lider fielen zu; die Bruſt hob
ſich in gleichmäßigen Athemzügen; ſie ſchlummerte ein.
Auch ich wollte Ruhe ſuchen. Da bemerkte ich den
Brief, den ich vorhin ihrer Hand entwunden und den
zu leſen ich wohl ein Recht hatte. Mein erſter Blick
fiel auf die folgende Nachſchrift:

„Geſtern hatte ich ein Erlebniß, das mich ſeltſam
bewegte und das den Antheil Ihrer verehrten Haus¬
genoſſen erwecken wird. Seien Sie mit der Kundmachung
vorſichtig, liebe Dorothee. Ich befand mich bei den
Vorpoſten unſeres Regiments, als ich im Namen
meines durchlauchtigen Chefs zu ſchleuniger Hülfleiſtung
entboten ward. Ein hoher Anverwandter Seines
Hauſes, als Volontair erſt vor einer Viertelſtunde bei
der Truppe eingetroffen, war während eines kühnen
Erkundungsrittes ſchwer verwundet und in ein unfernes
Vorwerk gerettet worden. Ich hatte den unglücklichen
Vorgang mit angeſehen und war bereits auf dem Wege
zu helfen. „Gottlob, da iſt Faber!“ riefen der Herr
Herzog mir entgegen. Bei dem Namen Faber ſchlug
der Verwundete das ſchon brechende Auge in die Höhe.
Eine Lebenshoffnung mochte in ihm erwachen. „Faber,“

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[17/0021] „Retten Sie mich, retten Sie mich, Fräulein Har¬ dine!“ wimmerte eine Kinderſtimme in mein Ohr. Und die ermatteten Lider fielen zu; die Bruſt hob ſich in gleichmäßigen Athemzügen; ſie ſchlummerte ein. Auch ich wollte Ruhe ſuchen. Da bemerkte ich den Brief, den ich vorhin ihrer Hand entwunden und den zu leſen ich wohl ein Recht hatte. Mein erſter Blick fiel auf die folgende Nachſchrift: „Geſtern hatte ich ein Erlebniß, das mich ſeltſam bewegte und das den Antheil Ihrer verehrten Haus¬ genoſſen erwecken wird. Seien Sie mit der Kundmachung vorſichtig, liebe Dorothee. Ich befand mich bei den Vorpoſten unſeres Regiments, als ich im Namen meines durchlauchtigen Chefs zu ſchleuniger Hülfleiſtung entboten ward. Ein hoher Anverwandter Seines Hauſes, als Volontair erſt vor einer Viertelſtunde bei der Truppe eingetroffen, war während eines kühnen Erkundungsrittes ſchwer verwundet und in ein unfernes Vorwerk gerettet worden. Ich hatte den unglücklichen Vorgang mit angeſehen und war bereits auf dem Wege zu helfen. „Gottlob, da iſt Faber!“ riefen der Herr Herzog mir entgegen. Bei dem Namen Faber ſchlug der Verwundete das ſchon brechende Auge in die Höhe. Eine Lebenshoffnung mochte in ihm erwachen. „Faber,“ Louiſe v. François, Die letzte Reckenburgerin. II. 2

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Zitationshilfe: François, Louise von: Die letzte Reckenburgerin. Bd. 2. Berlin, 1871, S. 17. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/francois_reckenburgerin02_1871/21>, abgerufen am 15.06.2019.