Anmelden (DTAQ) DWDS     dlexDB     CLARIN-D

Droysen, Johann Gustav: Geschichte Alexanders des Großen. Hamburg, [1833].

Bild:
<< vorherige Seite

wolken, die bald, ein Geschenk der Jahreszeit, wiederholentlich Er-
quickung gaben, galten für eine Wundergabe des Gottes in der
Wüste. So zog man weiter; keine Spur bezeichnete den Weg,
und die niedrigen Dünen in diesem Sandmeer, die mit jedem
Winde Ort und Form wechseln, vermehrten nur die Verwirrung
der Führer, die schon die Richtung zur Oase nicht mehr zu finden
wußten; -- da zeigten sich an der Spitze des Zuges ein Paar Ra-
ben 10), sie erschienen wie Boten des Gottes, und Alexander be-
fahl, im Vertrauen auf den Gott, ihnen zu folgen. Mit lautem
Krähen flogen sie vorauf, sie rasteten mit dem Zuge, sie flatterten
weiter, wenn das Heer weiter zog. Endlich zeigten sich die Wipfel
der Palmen und die schöne Oase des Ammon Zeus empfing den
Zug des Königs.

Alexander war überrascht von der Heiterkeit dieses heiligen
Bezirkes, der, reich an Oliven und Datteln, an krystallischem
Salz und heilsamen Quellen, von der Natur zu dem frommen
Dienste des Gottes und dem stillen Leben seiner Priester bestimmt
schien. Als der König darauf das Orakel zu hören verlangte, be-
grüßte der Aelteste unter den Priestern ihn in dem Vorhofe des
Tempels, gebot dann seinen Begleitern allen, draußen zu verweilen,
und führte ihn in die Zelle des Gottes. Nach einer kleinen Weile
kam Alexander heiteren Angesichtes zurück und versicherte, die Ant-
wort sei ganz nach seinem Wunsche ausgefallen. Dasselbe wieder-
holte er in dem Briefe an seine Mutter: wenn er sie wiedersähe
bei seiner Rückkehr, wolle er ihr die geheimen Orakel, die er em-
pfangen, mittheilen 11). Dann beschenkte er den Tempel und die
gastfreundlichen Bewohner der Oase auf das reichlichste, und kehrte
nach Memphis in Aegypten zurück 12).

10) Nach Ptolemäus zwei Schlangen. Uebrigens leidet dies
Wunder nicht weiter an Unnatürlichkeit, da es in der Oase wirklich
auch Raben giebt.
11) Plut. Diod. XVII. 51. Callisthenes
apd. Strab. XVII.
459.
12) Aristobul sagt, Alexander sei auf
dem früheren Wege zurückgekehrt; Ptolemäus, der spätere König
Aegyptens, dagegen, er habe den geraden Weg nach Memphis einge-
schlagen. Trotz der unklaren Kritik Barbies ist letztere Angabe wohl
richtiger, da der Umweg über Parätonium und Alexandria jetzt, nach
dem Vertrage mit Cyrene, keinen Zweck mehr gehabt hätte.

wolken, die bald, ein Geſchenk der Jahreszeit, wiederholentlich Er-
quickung gaben, galten für eine Wundergabe des Gottes in der
Wüſte. So zog man weiter; keine Spur bezeichnete den Weg,
und die niedrigen Dünen in dieſem Sandmeer, die mit jedem
Winde Ort und Form wechſeln, vermehrten nur die Verwirrung
der Führer, die ſchon die Richtung zur Oaſe nicht mehr zu finden
wußten; — da zeigten ſich an der Spitze des Zuges ein Paar Ra-
ben 10), ſie erſchienen wie Boten des Gottes, und Alexander be-
fahl, im Vertrauen auf den Gott, ihnen zu folgen. Mit lautem
Krähen flogen ſie vorauf, ſie raſteten mit dem Zuge, ſie flatterten
weiter, wenn das Heer weiter zog. Endlich zeigten ſich die Wipfel
der Palmen und die ſchöne Oaſe des Ammon Zeus empfing den
Zug des Königs.

Alexander war überraſcht von der Heiterkeit dieſes heiligen
Bezirkes, der, reich an Oliven und Datteln, an kryſtalliſchem
Salz und heilſamen Quellen, von der Natur zu dem frommen
Dienſte des Gottes und dem ſtillen Leben ſeiner Prieſter beſtimmt
ſchien. Als der König darauf das Orakel zu hören verlangte, be-
grüßte der Aelteſte unter den Prieſtern ihn in dem Vorhofe des
Tempels, gebot dann ſeinen Begleitern allen, draußen zu verweilen,
und führte ihn in die Zelle des Gottes. Nach einer kleinen Weile
kam Alexander heiteren Angeſichtes zurück und verſicherte, die Ant-
wort ſei ganz nach ſeinem Wunſche ausgefallen. Daſſelbe wieder-
holte er in dem Briefe an ſeine Mutter: wenn er ſie wiederſähe
bei ſeiner Rückkehr, wolle er ihr die geheimen Orakel, die er em-
pfangen, mittheilen 11). Dann beſchenkte er den Tempel und die
gaſtfreundlichen Bewohner der Oaſe auf das reichlichſte, und kehrte
nach Memphis in Aegypten zurück 12).

10) Nach Ptolemäus zwei Schlangen. Uebrigens leidet dies
Wunder nicht weiter an Unnatürlichkeit, da es in der Oaſe wirklich
auch Raben giebt.
11) Plut. Diod. XVII. 51. Callisthenes
apd. Strab. XVII.
459.
12) Ariſtobul ſagt, Alexander ſei auf
dem früheren Wege zurückgekehrt; Ptolemäus, der ſpätere König
Aegyptens, dagegen, er habe den geraden Weg nach Memphis einge-
ſchlagen. Trotz der unklaren Kritik Barbiés iſt letztere Angabe wohl
richtiger, da der Umweg über Parätonium und Alexandria jetzt, nach
dem Vertrage mit Cyrene, keinen Zweck mehr gehabt hätte.
<TEI>
  <text>
    <body>
      <div n="1">
        <div n="2">
          <p><pb facs="#f0228" n="214"/>
wolken, die bald, ein Ge&#x017F;chenk der Jahreszeit, wiederholentlich Er-<lb/>
quickung gaben, galten für eine Wundergabe des Gottes in der<lb/>&#x017F;te. So zog man weiter; keine Spur bezeichnete den Weg,<lb/>
und die niedrigen Dünen in die&#x017F;em Sandmeer, die mit jedem<lb/>
Winde Ort und Form wech&#x017F;eln, vermehrten nur die Verwirrung<lb/>
der Führer, die &#x017F;chon die Richtung zur Oa&#x017F;e nicht mehr zu finden<lb/>
wußten; &#x2014; da zeigten &#x017F;ich an der Spitze des Zuges ein Paar Ra-<lb/>
ben <note place="foot" n="10)">Nach Ptolemäus zwei Schlangen. Uebrigens leidet dies<lb/>
Wunder nicht weiter an Unnatürlichkeit, da es in der Oa&#x017F;e wirklich<lb/>
auch Raben giebt.</note>, &#x017F;ie er&#x017F;chienen wie Boten des Gottes, und Alexander be-<lb/>
fahl, im Vertrauen auf den Gott, ihnen zu folgen. Mit lautem<lb/>
Krähen flogen &#x017F;ie vorauf, &#x017F;ie ra&#x017F;teten mit dem Zuge, &#x017F;ie flatterten<lb/>
weiter, wenn das Heer weiter zog. Endlich zeigten &#x017F;ich die Wipfel<lb/>
der Palmen und die &#x017F;chöne Oa&#x017F;e des Ammon Zeus empfing den<lb/>
Zug des Königs.</p><lb/>
          <p>Alexander war überra&#x017F;cht von der Heiterkeit die&#x017F;es heiligen<lb/>
Bezirkes, der, reich an Oliven und Datteln, an kry&#x017F;talli&#x017F;chem<lb/>
Salz und heil&#x017F;amen Quellen, von der Natur zu dem frommen<lb/>
Dien&#x017F;te des Gottes und dem &#x017F;tillen Leben &#x017F;einer Prie&#x017F;ter be&#x017F;timmt<lb/>
&#x017F;chien. Als der König darauf das Orakel zu hören verlangte, be-<lb/>
grüßte der Aelte&#x017F;te unter den Prie&#x017F;tern ihn in dem Vorhofe des<lb/>
Tempels, gebot dann &#x017F;einen Begleitern allen, draußen zu verweilen,<lb/>
und führte ihn in die Zelle des Gottes. Nach einer kleinen Weile<lb/>
kam Alexander heiteren Ange&#x017F;ichtes zurück und ver&#x017F;icherte, die Ant-<lb/>
wort &#x017F;ei ganz nach &#x017F;einem Wun&#x017F;che ausgefallen. Da&#x017F;&#x017F;elbe wieder-<lb/>
holte er in dem Briefe an &#x017F;eine Mutter: wenn er &#x017F;ie wieder&#x017F;ähe<lb/>
bei &#x017F;einer Rückkehr, wolle er ihr die geheimen Orakel, die er em-<lb/>
pfangen, mittheilen <note place="foot" n="11)"><hi rendition="#aq">Plut. Diod. XVII. 51. Callisthenes<lb/>
apd. Strab. XVII.</hi> 459.</note>. Dann be&#x017F;chenkte er den Tempel und die<lb/>
ga&#x017F;tfreundlichen Bewohner der Oa&#x017F;e auf das reichlich&#x017F;te, und kehrte<lb/>
nach Memphis in Aegypten zurück <note place="foot" n="12)">Ari&#x017F;tobul &#x017F;agt, Alexander &#x017F;ei auf<lb/>
dem früheren Wege zurückgekehrt; Ptolemäus, der &#x017F;pätere König<lb/>
Aegyptens, dagegen, er habe den geraden Weg nach Memphis einge-<lb/>
&#x017F;chlagen. Trotz der unklaren Kritik Barbi<hi rendition="#aq">é</hi>s i&#x017F;t letztere Angabe wohl<lb/>
richtiger, da der Umweg über Parätonium und Alexandria jetzt, nach<lb/>
dem Vertrage mit Cyrene, keinen Zweck mehr gehabt hätte.</note>.</p><lb/>
        </div>
      </div>
    </body>
  </text>
</TEI>
[214/0228] wolken, die bald, ein Geſchenk der Jahreszeit, wiederholentlich Er- quickung gaben, galten für eine Wundergabe des Gottes in der Wüſte. So zog man weiter; keine Spur bezeichnete den Weg, und die niedrigen Dünen in dieſem Sandmeer, die mit jedem Winde Ort und Form wechſeln, vermehrten nur die Verwirrung der Führer, die ſchon die Richtung zur Oaſe nicht mehr zu finden wußten; — da zeigten ſich an der Spitze des Zuges ein Paar Ra- ben 10), ſie erſchienen wie Boten des Gottes, und Alexander be- fahl, im Vertrauen auf den Gott, ihnen zu folgen. Mit lautem Krähen flogen ſie vorauf, ſie raſteten mit dem Zuge, ſie flatterten weiter, wenn das Heer weiter zog. Endlich zeigten ſich die Wipfel der Palmen und die ſchöne Oaſe des Ammon Zeus empfing den Zug des Königs. Alexander war überraſcht von der Heiterkeit dieſes heiligen Bezirkes, der, reich an Oliven und Datteln, an kryſtalliſchem Salz und heilſamen Quellen, von der Natur zu dem frommen Dienſte des Gottes und dem ſtillen Leben ſeiner Prieſter beſtimmt ſchien. Als der König darauf das Orakel zu hören verlangte, be- grüßte der Aelteſte unter den Prieſtern ihn in dem Vorhofe des Tempels, gebot dann ſeinen Begleitern allen, draußen zu verweilen, und führte ihn in die Zelle des Gottes. Nach einer kleinen Weile kam Alexander heiteren Angeſichtes zurück und verſicherte, die Ant- wort ſei ganz nach ſeinem Wunſche ausgefallen. Daſſelbe wieder- holte er in dem Briefe an ſeine Mutter: wenn er ſie wiederſähe bei ſeiner Rückkehr, wolle er ihr die geheimen Orakel, die er em- pfangen, mittheilen 11). Dann beſchenkte er den Tempel und die gaſtfreundlichen Bewohner der Oaſe auf das reichlichſte, und kehrte nach Memphis in Aegypten zurück 12). 10) Nach Ptolemäus zwei Schlangen. Uebrigens leidet dies Wunder nicht weiter an Unnatürlichkeit, da es in der Oaſe wirklich auch Raben giebt. 11) Plut. Diod. XVII. 51. Callisthenes apd. Strab. XVII. 459. 12) Ariſtobul ſagt, Alexander ſei auf dem früheren Wege zurückgekehrt; Ptolemäus, der ſpätere König Aegyptens, dagegen, er habe den geraden Weg nach Memphis einge- ſchlagen. Trotz der unklaren Kritik Barbiés iſt letztere Angabe wohl richtiger, da der Umweg über Parätonium und Alexandria jetzt, nach dem Vertrage mit Cyrene, keinen Zweck mehr gehabt hätte.

Suche im Werk

Hilfe

Informationen zum Werk

Download dieses Werks

XML (TEI P5) · HTML · Text
TCF (text annotation layer)
TCF (tokenisiert, serialisiert, lemmatisiert, normalisiert)
XML (TEI P5 inkl. att.linguistic)

Metadaten zum Werk

TEI-Header · CMDI · Dublin Core

Ansichten dieser Seite

Voyant Tools ?

Language Resource Switchboard?

Feedback

Sie haben einen Fehler gefunden? Dann können Sie diesen über unsere Qualitätssicherungsplattform DTAQ melden.

Kommentar zur DTA-Ausgabe

Dieses Werk wurde gemäß den DTA-Transkriptionsrichtlinien im Double-Keying-Verfahren von Nicht-Muttersprachlern erfasst und in XML/TEI P5 nach DTA-Basisformat kodiert.




Ansicht auf Standard zurückstellen

URL zu diesem Werk: http://www.deutschestextarchiv.de/droysen_alexander_1833
URL zu dieser Seite: http://www.deutschestextarchiv.de/droysen_alexander_1833/228
Zitationshilfe: Droysen, Johann Gustav: Geschichte Alexanders des Großen. Hamburg, [1833], S. 214. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/droysen_alexander_1833/228>, abgerufen am 28.10.2020.