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Burckhardt, Jacob: Die Cultur der Renaissance in Italien. Ein Versuch. Basel, 1860.

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schaft, vielleicht auch die Hoffnung auf deren Wiedergewinn2. Abschnitt.
ihrem Individualismus einen höhern Schwung gab. Gerade
unter diesen Männern der unfreiwilligen Muße findet sich
z. B. ein Agnolo Pandolfini (st. 1446), dessen Schrift
"vom Hauswesen" 1) das erste Programm einer vollendet
durchgebildeten Privatexistenz ist. Seine Abrechnung zwi-
schen den Pflichten des Individuums und dem unsichern
und undankbaren öffentlichen Wesen 2) ist in ihrer Art ein
wahres Denkmal der Zeit zu nennen.

Vollends aber hat die Verbannung die Eigenschaft,Das Exil.
daß sie den Menschen entweder aufreibt oder auf das Höchste
ausbildet. "In all unsern volkreichern Städten, sagt Gio-
"viano Pontano 3), sehen wir eine Menge Leute, die frei-
"willig ihre Heimath verlassen haben; die Tugenden nimmt
"man ja überall hin mit." In der That waren es bei
Weitem nicht bloß förmlich Exilirte, sondern Tausende hatten
die Vaterstadt ungeheißen verlassen, weil der politische oder
öconomische Zustand an sich unerträglich wurde. Die aus-
gewanderten Florentiner in Ferrara, die Lucchesen in Ve-
nedig u. s. w. bildeten ganze Colonien.

Der Cosmopolitismus, welcher sich in den geistvollstenDer Cosmopo-
litismus.

Verbannten entwickelt, ist eine höchste Stufe des Indivi-
dualismus. Dante findet, wie schon erwähnt wurde (S. 76)
eine neue Heimath in der Sprache und Bildung Italiens,
geht aber doch auch darüber hinaus mit den Worten:

1) Trattato del governo della famiglia. Es giebt eine neuere Hy-
pothese, wonach diese Schrift von dem Baumeister L. B. Alberti
verfaßt wäre. Vgl. Vasari IV, 54, Nota 5 ed. Lemonnier. --
Ueber Pandolfini vgl. Vespas. Fiorent. p. 379.
2) Trattato p. 65, s.
3) Jov. Pontanus de fortitudine, L. II. Siebzig Jahre später konnte
Cardanus (de vita propria, Cap. 32) bitter fragen: Quid est
patria, nisi consensus tyrannorum minutorum ad opprimen-
dos imbelles timidos, et qui plerumque sunt innoxii?

ſchaft, vielleicht auch die Hoffnung auf deren Wiedergewinn2. Abſchnitt.
ihrem Individualismus einen höhern Schwung gab. Gerade
unter dieſen Männern der unfreiwilligen Muße findet ſich
z. B. ein Agnolo Pandolfini (ſt. 1446), deſſen Schrift
„vom Hausweſen“ 1) das erſte Programm einer vollendet
durchgebildeten Privatexiſtenz iſt. Seine Abrechnung zwi-
ſchen den Pflichten des Individuums und dem unſichern
und undankbaren öffentlichen Weſen 2) iſt in ihrer Art ein
wahres Denkmal der Zeit zu nennen.

Vollends aber hat die Verbannung die Eigenſchaft,Das Exil.
daß ſie den Menſchen entweder aufreibt oder auf das Höchſte
ausbildet. „In all unſern volkreichern Städten, ſagt Gio-
„viano Pontano 3), ſehen wir eine Menge Leute, die frei-
„willig ihre Heimath verlaſſen haben; die Tugenden nimmt
„man ja überall hin mit.“ In der That waren es bei
Weitem nicht bloß förmlich Exilirte, ſondern Tauſende hatten
die Vaterſtadt ungeheißen verlaſſen, weil der politiſche oder
öconomiſche Zuſtand an ſich unerträglich wurde. Die aus-
gewanderten Florentiner in Ferrara, die Luccheſen in Ve-
nedig u. ſ. w. bildeten ganze Colonien.

Der Cosmopolitismus, welcher ſich in den geiſtvollſtenDer Cosmopo-
litismus.

Verbannten entwickelt, iſt eine höchſte Stufe des Indivi-
dualismus. Dante findet, wie ſchon erwähnt wurde (S. 76)
eine neue Heimath in der Sprache und Bildung Italiens,
geht aber doch auch darüber hinaus mit den Worten:

1) Trattato del governo della famiglia. Es giebt eine neuere Hy-
potheſe, wonach dieſe Schrift von dem Baumeiſter L. B. Alberti
verfaßt wäre. Vgl. Vasari IV, 54, Nota 5 ed. Lemonnier.
Ueber Pandolfini vgl. Vespas. Fiorent. p. 379.
2) Trattato p. 65, s.
3) Jov. Pontanus de fortitudine, L. II. Siebzig Jahre ſpäter konnte
Cardanus (de vita propria, Cap. 32) bitter fragen: Quid est
patria, nisi consensus tyrannorum minutorum ad opprimen-
dos imbelles timidos, et qui plerumque sunt innoxii?
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[135/0145] ſchaft, vielleicht auch die Hoffnung auf deren Wiedergewinn ihrem Individualismus einen höhern Schwung gab. Gerade unter dieſen Männern der unfreiwilligen Muße findet ſich z. B. ein Agnolo Pandolfini (ſt. 1446), deſſen Schrift „vom Hausweſen“ 1) das erſte Programm einer vollendet durchgebildeten Privatexiſtenz iſt. Seine Abrechnung zwi- ſchen den Pflichten des Individuums und dem unſichern und undankbaren öffentlichen Weſen 2) iſt in ihrer Art ein wahres Denkmal der Zeit zu nennen. 2. Abſchnitt. Vollends aber hat die Verbannung die Eigenſchaft, daß ſie den Menſchen entweder aufreibt oder auf das Höchſte ausbildet. „In all unſern volkreichern Städten, ſagt Gio- „viano Pontano 3), ſehen wir eine Menge Leute, die frei- „willig ihre Heimath verlaſſen haben; die Tugenden nimmt „man ja überall hin mit.“ In der That waren es bei Weitem nicht bloß förmlich Exilirte, ſondern Tauſende hatten die Vaterſtadt ungeheißen verlaſſen, weil der politiſche oder öconomiſche Zuſtand an ſich unerträglich wurde. Die aus- gewanderten Florentiner in Ferrara, die Luccheſen in Ve- nedig u. ſ. w. bildeten ganze Colonien. Das Exil. Der Cosmopolitismus, welcher ſich in den geiſtvollſten Verbannten entwickelt, iſt eine höchſte Stufe des Indivi- dualismus. Dante findet, wie ſchon erwähnt wurde (S. 76) eine neue Heimath in der Sprache und Bildung Italiens, geht aber doch auch darüber hinaus mit den Worten: Der Cosmopo- litismus. 1) Trattato del governo della famiglia. Es giebt eine neuere Hy- potheſe, wonach dieſe Schrift von dem Baumeiſter L. B. Alberti verfaßt wäre. Vgl. Vasari IV, 54, Nota 5 ed. Lemonnier. — Ueber Pandolfini vgl. Vespas. Fiorent. p. 379. 2) Trattato p. 65, s. 3) Jov. Pontanus de fortitudine, L. II. Siebzig Jahre ſpäter konnte Cardanus (de vita propria, Cap. 32) bitter fragen: Quid est patria, nisi consensus tyrannorum minutorum ad opprimen- dos imbelles timidos, et qui plerumque sunt innoxii?

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Zitationshilfe: Burckhardt, Jacob: Die Cultur der Renaissance in Italien. Ein Versuch. Basel, 1860, S. 135. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/burckhardt_renaissance_1860/145>, abgerufen am 20.09.2020.