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Burckhardt, Jacob: Die Cultur der Renaissance in Italien. Ein Versuch. Basel, 1860.

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hätte? Auch gegenüber dem andächtigen Europa war es1. Abschnitt.
unklug, die Dinge so weit kommen zu lassen, daß nicht
bloß der Reisende und der Pilger, sondern eine ganze Am-
bassade des römischen Königs Maximilian in der Nähe von
Rom bis aufs Hemde ausgezogen wurde und daß manche
Gesandte unterweges umkehrten ohne die Stadt betreten zu
haben.

Mit dem Begriff vom Genuß der Macht, welcher inAlexander VI.
dem hochbegabten Alexander VI. (1492--1503) lebendig
war, vertrug sich ein solcher Zustand freilich nicht, und
das Erste was geschah, war die einstweilige Herstellung
der öffentlichen Sicherheit und das präcise Auszahlen aller
Besoldungen.

Strenge genommen, dürfte dieses Pontificat hier, wo
es sich um italienische Culturformen handelt, übergangen
werden, denn die Borgia sind so wenig Italiener als das
Haus von Neapel. Alexander spricht mit Cesare öffentlich
spanisch, Lucrezia wird bei ihrem Empfang in Ferrara,
wo sie spanische Toilette trägt, von spanischen Buffonen
angesungen; die vertrauteste Hausdienerschaft besteht aus
Spaniern, ebenso die verrufenste Kriegerschaar des Cesare
im Krieg des Jahres 1500, und selbst sein Henker, Don
Micheletto, so wie der Giftmischer Sebastian Pinzon schei-
nen Spanier gewesen zu sein. Zwischen all seinem sonsti-
gen Treiben erlegt Cesare auch einmal spanisch kunstgerecht
sechs wilde Stiere in geschlossenem Hofraum. Allein die
Corruption, als deren Spitze diese Familie erscheint, hatten
sie in Rom schon sehr entwickelt angetroffen.

Was sie gewesen sind und was sie gethan haben, ist
oft und viel geschildert worden. Ihr nächstes Ziel, welches
sie auch erreichten, war die völlige Unterwerfung des Kir-
chenstaates, indem die sämmtlichen 1) kleinen Herrscher --

1) Mit Ausnahme der Bentivoglei von Bologna und des Hauses Este
zu Ferrara. Letzteres wurde zur Verschwägerung genöthigt; Lucrezia
Borgia heirathete den Prinzen Alfonso.

hätte? Auch gegenüber dem andächtigen Europa war es1. Abſchnitt.
unklug, die Dinge ſo weit kommen zu laſſen, daß nicht
bloß der Reiſende und der Pilger, ſondern eine ganze Am-
baſſade des römiſchen Königs Maximilian in der Nähe von
Rom bis aufs Hemde ausgezogen wurde und daß manche
Geſandte unterweges umkehrten ohne die Stadt betreten zu
haben.

Mit dem Begriff vom Genuß der Macht, welcher inAlexander VI.
dem hochbegabten Alexander VI. (1492—1503) lebendig
war, vertrug ſich ein ſolcher Zuſtand freilich nicht, und
das Erſte was geſchah, war die einſtweilige Herſtellung
der öffentlichen Sicherheit und das präciſe Auszahlen aller
Beſoldungen.

Strenge genommen, dürfte dieſes Pontificat hier, wo
es ſich um italieniſche Culturformen handelt, übergangen
werden, denn die Borgia ſind ſo wenig Italiener als das
Haus von Neapel. Alexander ſpricht mit Ceſare öffentlich
ſpaniſch, Lucrezia wird bei ihrem Empfang in Ferrara,
wo ſie ſpaniſche Toilette trägt, von ſpaniſchen Buffonen
angeſungen; die vertrauteſte Hausdienerſchaft beſteht aus
Spaniern, ebenſo die verrufenſte Kriegerſchaar des Ceſare
im Krieg des Jahres 1500, und ſelbſt ſein Henker, Don
Micheletto, ſo wie der Giftmiſcher Sebaſtian Pinzon ſchei-
nen Spanier geweſen zu ſein. Zwiſchen all ſeinem ſonſti-
gen Treiben erlegt Ceſare auch einmal ſpaniſch kunſtgerecht
ſechs wilde Stiere in geſchloſſenem Hofraum. Allein die
Corruption, als deren Spitze dieſe Familie erſcheint, hatten
ſie in Rom ſchon ſehr entwickelt angetroffen.

Was ſie geweſen ſind und was ſie gethan haben, iſt
oft und viel geſchildert worden. Ihr nächſtes Ziel, welches
ſie auch erreichten, war die völlige Unterwerfung des Kir-
chenſtaates, indem die ſämmtlichen 1) kleinen Herrſcher —

1) Mit Ausnahme der Bentivoglî von Bologna und des Hauſes Eſte
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[111/0121] hätte? Auch gegenüber dem andächtigen Europa war es unklug, die Dinge ſo weit kommen zu laſſen, daß nicht bloß der Reiſende und der Pilger, ſondern eine ganze Am- baſſade des römiſchen Königs Maximilian in der Nähe von Rom bis aufs Hemde ausgezogen wurde und daß manche Geſandte unterweges umkehrten ohne die Stadt betreten zu haben. 1. Abſchnitt. Mit dem Begriff vom Genuß der Macht, welcher in dem hochbegabten Alexander VI. (1492—1503) lebendig war, vertrug ſich ein ſolcher Zuſtand freilich nicht, und das Erſte was geſchah, war die einſtweilige Herſtellung der öffentlichen Sicherheit und das präciſe Auszahlen aller Beſoldungen. Alexander VI. Strenge genommen, dürfte dieſes Pontificat hier, wo es ſich um italieniſche Culturformen handelt, übergangen werden, denn die Borgia ſind ſo wenig Italiener als das Haus von Neapel. Alexander ſpricht mit Ceſare öffentlich ſpaniſch, Lucrezia wird bei ihrem Empfang in Ferrara, wo ſie ſpaniſche Toilette trägt, von ſpaniſchen Buffonen angeſungen; die vertrauteſte Hausdienerſchaft beſteht aus Spaniern, ebenſo die verrufenſte Kriegerſchaar des Ceſare im Krieg des Jahres 1500, und ſelbſt ſein Henker, Don Micheletto, ſo wie der Giftmiſcher Sebaſtian Pinzon ſchei- nen Spanier geweſen zu ſein. Zwiſchen all ſeinem ſonſti- gen Treiben erlegt Ceſare auch einmal ſpaniſch kunſtgerecht ſechs wilde Stiere in geſchloſſenem Hofraum. Allein die Corruption, als deren Spitze dieſe Familie erſcheint, hatten ſie in Rom ſchon ſehr entwickelt angetroffen. Was ſie geweſen ſind und was ſie gethan haben, iſt oft und viel geſchildert worden. Ihr nächſtes Ziel, welches ſie auch erreichten, war die völlige Unterwerfung des Kir- chenſtaates, indem die ſämmtlichen 1) kleinen Herrſcher — 1) Mit Ausnahme der Bentivoglî von Bologna und des Hauſes Eſte zu Ferrara. Letzteres wurde zur Verſchwägerung genöthigt; Lucrezia Borgia heirathete den Prinzen Alfonſo.

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Zitationshilfe: Burckhardt, Jacob: Die Cultur der Renaissance in Italien. Ein Versuch. Basel, 1860, S. 111. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/burckhardt_renaissance_1860/121>, abgerufen am 28.09.2020.