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Baumgart, Hermann: Handbuch der Poetik. Eine kritisch-theoretische Darstellung der Theorie der Dichtkunst. Stuttgart, 1887.

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Rausche, Fluß, das Thal entlang, pba_026.002
Ohne Rast und Ruh, pba_026.003
Rausche, flüstre meinem Sang pba_026.004
Melodien zu,
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Wenn du in der Winternacht pba_026.006
Wütend überschwillst, pba_026.007
Oder um die Frühlingspracht pba_026.008
Junger Knospen quillst.
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Selig, wer sich vor der Welt pba_026.010
Ohne Haß verschließt, pba_026.011
Einen Freund am Busen hält pba_026.012
Und mit dem genießt,
pba_026.013
Was von Menschen nicht gewußt, pba_026.014
Oder nicht bedacht, pba_026.015
Durch das Labyrinth der Brust pba_026.016
Wandelt in der Nacht.

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Es ist der Zustand völliger, tiefster Stille der Seele, der aus diesen pba_026.018
wundervollen Strophen sich uns mitteilt, aber einer Stille, die über die pba_026.019
gedrängte Fülle stärkster Empfindungen und reichster Erinnerungen sich pba_026.020
breitet; als ob die in rastlosem Wechsel zahllos thätigen, zu Genuß und pba_026.021
Schmerzen immer erneut aufregenden Lebenskräfte nun dem rückwärts pba_026.022
gewandten Bewußtsein alle zugleich sich darbietend in ruhendem Gleichgewichte pba_026.023
weithin sich ausbreiten, keine das Gemüt beherrschend, alle doch pba_026.024
zugleich ihm gegenwärtig, ganz gelöst die Seele und doch zugleich schwellend pba_026.025
von der unendlichen Fülle der regsten Energien! -- Koexistenz in des pba_026.026
Wortes striktester Bedeutung, in dem dargestellten Seelenzustande wie pba_026.027
in dem Bilde des mondüberglänzten Thales mit seinen Gebüschen und pba_026.028
mit seinem ruhig hingleitenden Flusse! Nur einen Augenblick wandelt die pba_026.029
entrückte Phantasie sich das ruhende Bild zu einer Analogie künftiger pba_026.030
Gesänge, um sogleich wieder dem Schweigen der Mondnacht hingegeben pba_026.031
in sich selbst zu versinken. Allein auch dieses scheinbare "Nacheinander" pba_026.032
ist doch im Grunde nur ein "Nebeneinander", und es ist lediglich pba_026.033
das technische Moment der zeitlichen Wortfolge, welches zwingt, die zeitlich pba_026.034
durchaus koexistenten Stimmungselemente in Succession vorzuführen. pba_026.035
Will man das eine "Handlung" nennen, so ist in diesem pba_026.036
Sinne ganz ebenso die "Folge von Gegenständen oder deren Teilen" in pba_026.037
jeder Hallerschen, Brockesschen oder Hoffmannswaldauschen Beschreibung pba_026.038
nachzuweisen.

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Man sehe die ganze Reihe der Goetheschen Lieder an, z. B. "Meeresstille", pba_026.040
"Herbstgefühl", "Frühzeitiger Frühling", Mignons "Kennst du

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Zitationshilfe: Baumgart, Hermann: Handbuch der Poetik. Eine kritisch-theoretische Darstellung der Theorie der Dichtkunst. Stuttgart, 1887, S. 26. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/baumgart_poetik_1887/44>, abgerufen am 21.05.2019.