Anmelden (DTAQ) DWDS     dlexDB     CLARIN-D

Winckelmann, Johann Joachim: Geschichte der Kunst des Alterthums. Bd. 2. Dresden, 1764.

Bild:
<< vorherige Seite

II Theil. Von der Kunst, nach den äußern Umständen
dem Geschmacke ihrer Zeit das Sanfte und Gefällige, da die Nation in
der Weichlichkeit ihren Sinnen zu schmeicheln suchte. Die besten Dichter
und Künstler aber, die sich in dieser Zeit berühmt gemacht haben, waren
noch von dem Stamme, welcher in dem Grunde der stolzen Freyheit ge-
pflanzet war, entsprossen, und die Sitten des Volks befördeten die letzte
Feinheit und den auf das höchste getriebenen Geist in den Werken des Wi-
tzes und der Kunst. Menander trat mit den ausgesuchtesten Worten,
mit dem abgemessensten und wohlklingensten Maße, mit gereinigten Sit-
ten, in Absicht zugleich zu belustigen, und zu lehren, und zu tadeln, mit ei-
nem feinen Attischen Salze auf die Schaubühne, als der erste, dem sich
die Comische Gratie in ihrer lieblichsten Schönheit gezeiget hat. Die un-
schätzbaren Stücke, welche uns die Zeit von mehr als hundert verlohrnen
Comödien desselben erhalten hat, können uns, in Absicht der unstreitigen
Gemeinschaft der Poesie und Kunst, und des Einflusses einer in die ande-
re, außer dem Zeugnisse der Scribenten, ein Bild geben, auch von den
Schönheiten der Werke der Kunst, welche Apelles und Lysippus in die
Gratie einkleideten. Jhre besten Werke sind zu bekannt, als daß ich die-
selben hier anführen darf: ein Hercules aber in Marmor zu Florenz mit
dem Namen des Lysippus 1) verdienete nicht erwähnet zu werden, wenn
diese Statue nicht als ein wahres Werk desselben gepriesen wäre 2). Es
ist bereits von andern bemerket, daß dieser Name untergeschoben sey 3), und
es ist nicht bekannt, daß dieser Künstler in Marmor gearbeitet habe: siehe,
was ich im Ersten Theile bey Gelegenheit dieser und anderer solcher Jn-
schriften angemerket habe.

Das
1) Dieser Name ist von dem Erklärer der alten Statuen nicht bemerket; es wäre derselbe
sonst nicht auf die Gedanken gerathen, daß dieselbe ein Werk des Polycletus seyn kön-
ne a). Von einem und dem andern Künstler würde dieser Hercules keinen sehr großen
Begriff geben.
a) Racc. di Stat. colle spieg. di Maffei n. 44. conf. Cambiagi Giard. di Boboli, p. 9.
2) Maffei Raccolt. di Stat.
3) Maffei Observ. Lett. T. I. p. 398.

II Theil. Von der Kunſt, nach den aͤußern Umſtaͤnden
dem Geſchmacke ihrer Zeit das Sanfte und Gefaͤllige, da die Nation in
der Weichlichkeit ihren Sinnen zu ſchmeicheln ſuchte. Die beſten Dichter
und Kuͤnſtler aber, die ſich in dieſer Zeit beruͤhmt gemacht haben, waren
noch von dem Stamme, welcher in dem Grunde der ſtolzen Freyheit ge-
pflanzet war, entſproſſen, und die Sitten des Volks befoͤrdeten die letzte
Feinheit und den auf das hoͤchſte getriebenen Geiſt in den Werken des Wi-
tzes und der Kunſt. Menander trat mit den ausgeſuchteſten Worten,
mit dem abgemeſſenſten und wohlklingenſten Maße, mit gereinigten Sit-
ten, in Abſicht zugleich zu beluſtigen, und zu lehren, und zu tadeln, mit ei-
nem feinen Attiſchen Salze auf die Schaubuͤhne, als der erſte, dem ſich
die Comiſche Gratie in ihrer lieblichſten Schoͤnheit gezeiget hat. Die un-
ſchaͤtzbaren Stuͤcke, welche uns die Zeit von mehr als hundert verlohrnen
Comoͤdien deſſelben erhalten hat, koͤnnen uns, in Abſicht der unſtreitigen
Gemeinſchaft der Poeſie und Kunſt, und des Einfluſſes einer in die ande-
re, außer dem Zeugniſſe der Scribenten, ein Bild geben, auch von den
Schoͤnheiten der Werke der Kunſt, welche Apelles und Lyſippus in die
Gratie einkleideten. Jhre beſten Werke ſind zu bekannt, als daß ich die-
ſelben hier anfuͤhren darf: ein Hercules aber in Marmor zu Florenz mit
dem Namen des Lyſippus 1) verdienete nicht erwaͤhnet zu werden, wenn
dieſe Statue nicht als ein wahres Werk deſſelben geprieſen waͤre 2). Es
iſt bereits von andern bemerket, daß dieſer Name untergeſchoben ſey 3), und
es iſt nicht bekannt, daß dieſer Kuͤnſtler in Marmor gearbeitet habe: ſiehe,
was ich im Erſten Theile bey Gelegenheit dieſer und anderer ſolcher Jn-
ſchriften angemerket habe.

Das
1) Dieſer Name iſt von dem Erklaͤrer der alten Statuen nicht bemerket; es waͤre derſelbe
ſonſt nicht auf die Gedanken gerathen, daß dieſelbe ein Werk des Polycletus ſeyn koͤn-
ne a). Von einem und dem andern Kuͤnſtler wuͤrde dieſer Hercules keinen ſehr großen
Begriff geben.
a) Racc. di Stat. colle ſpieg. di Maffei n. 44. conf. Cambiagi Giard. di Boboli, p. 9.
2) Maffei Raccolt. di Stat.
3) Maffei Obſerv. Lett. T. I. p. 398.
<TEI>
  <text>
    <body>
      <div n="1">
        <div n="2">
          <p><pb facs="#f0034" n="346"/><fw place="top" type="header"><hi rendition="#b"><hi rendition="#aq">II</hi> Theil. Von der Kun&#x017F;t, nach den a&#x0364;ußern Um&#x017F;ta&#x0364;nden</hi></fw><lb/>
dem Ge&#x017F;chmacke ihrer Zeit das Sanfte und Gefa&#x0364;llige, da die Nation in<lb/>
der Weichlichkeit ihren Sinnen zu &#x017F;chmeicheln &#x017F;uchte. Die be&#x017F;ten Dichter<lb/>
und Ku&#x0364;n&#x017F;tler aber, die &#x017F;ich in die&#x017F;er Zeit beru&#x0364;hmt gemacht haben, waren<lb/>
noch von dem Stamme, welcher in dem Grunde der &#x017F;tolzen Freyheit ge-<lb/>
pflanzet war, ent&#x017F;pro&#x017F;&#x017F;en, und die Sitten des Volks befo&#x0364;rdeten die letzte<lb/>
Feinheit und den auf das ho&#x0364;ch&#x017F;te getriebenen Gei&#x017F;t in den Werken des Wi-<lb/>
tzes und der Kun&#x017F;t. <hi rendition="#fr">Menander</hi> trat mit den ausge&#x017F;uchte&#x017F;ten Worten,<lb/>
mit dem abgeme&#x017F;&#x017F;en&#x017F;ten und wohlklingen&#x017F;ten Maße, mit gereinigten Sit-<lb/>
ten, in Ab&#x017F;icht zugleich zu belu&#x017F;tigen, und zu lehren, und zu tadeln, mit ei-<lb/>
nem feinen Atti&#x017F;chen Salze auf die Schaubu&#x0364;hne, als der er&#x017F;te, dem &#x017F;ich<lb/>
die Comi&#x017F;che Gratie in ihrer lieblich&#x017F;ten Scho&#x0364;nheit gezeiget hat. Die un-<lb/>
&#x017F;cha&#x0364;tzbaren Stu&#x0364;cke, welche uns die Zeit von mehr als hundert verlohrnen<lb/>
Como&#x0364;dien de&#x017F;&#x017F;elben erhalten hat, ko&#x0364;nnen uns, in Ab&#x017F;icht der un&#x017F;treitigen<lb/>
Gemein&#x017F;chaft der Poe&#x017F;ie und Kun&#x017F;t, und des Einflu&#x017F;&#x017F;es einer in die ande-<lb/>
re, außer dem Zeugni&#x017F;&#x017F;e der Scribenten, ein Bild geben, auch von den<lb/>
Scho&#x0364;nheiten der Werke der Kun&#x017F;t, welche Apelles und Ly&#x017F;ippus in die<lb/>
Gratie einkleideten. Jhre be&#x017F;ten Werke &#x017F;ind zu bekannt, als daß ich die-<lb/>
&#x017F;elben hier anfu&#x0364;hren darf: ein Hercules aber in Marmor zu Florenz mit<lb/>
dem Namen des Ly&#x017F;ippus <note place="foot" n="1)">Die&#x017F;er Name i&#x017F;t von dem Erkla&#x0364;rer der alten Statuen nicht bemerket; es wa&#x0364;re der&#x017F;elbe<lb/>
&#x017F;on&#x017F;t nicht auf die Gedanken gerathen, daß die&#x017F;elbe ein Werk des <hi rendition="#fr">Polycletus</hi> &#x017F;eyn ko&#x0364;n-<lb/>
ne <note place="foot" n="a)"><hi rendition="#aq">Racc. di Stat. colle &#x017F;pieg. di Maffei n. 44. conf. Cambiagi Giard. di Boboli, p.</hi> 9.</note>. Von einem und dem andern Ku&#x0364;n&#x017F;tler wu&#x0364;rde die&#x017F;er Hercules keinen &#x017F;ehr großen<lb/>
Begriff geben.</note> verdienete nicht erwa&#x0364;hnet zu werden, wenn<lb/>
die&#x017F;e Statue nicht als ein wahres Werk de&#x017F;&#x017F;elben geprie&#x017F;en wa&#x0364;re <note place="foot" n="2)"><hi rendition="#aq">Maffei Raccolt. di Stat.</hi></note>. Es<lb/>
i&#x017F;t bereits von andern bemerket, daß die&#x017F;er Name unterge&#x017F;choben &#x017F;ey <note place="foot" n="3)"><hi rendition="#aq">Maffei Ob&#x017F;erv. Lett. T. I. p.</hi> 398.</note>, und<lb/>
es i&#x017F;t nicht bekannt, daß die&#x017F;er Ku&#x0364;n&#x017F;tler in Marmor gearbeitet habe: &#x017F;iehe,<lb/>
was ich im Er&#x017F;ten Theile bey Gelegenheit die&#x017F;er und anderer &#x017F;olcher Jn-<lb/>
&#x017F;chriften angemerket habe.</p><lb/>
          <fw place="bottom" type="catch">Das</fw><lb/>
        </div>
      </div>
    </body>
  </text>
</TEI>
[346/0034] II Theil. Von der Kunſt, nach den aͤußern Umſtaͤnden dem Geſchmacke ihrer Zeit das Sanfte und Gefaͤllige, da die Nation in der Weichlichkeit ihren Sinnen zu ſchmeicheln ſuchte. Die beſten Dichter und Kuͤnſtler aber, die ſich in dieſer Zeit beruͤhmt gemacht haben, waren noch von dem Stamme, welcher in dem Grunde der ſtolzen Freyheit ge- pflanzet war, entſproſſen, und die Sitten des Volks befoͤrdeten die letzte Feinheit und den auf das hoͤchſte getriebenen Geiſt in den Werken des Wi- tzes und der Kunſt. Menander trat mit den ausgeſuchteſten Worten, mit dem abgemeſſenſten und wohlklingenſten Maße, mit gereinigten Sit- ten, in Abſicht zugleich zu beluſtigen, und zu lehren, und zu tadeln, mit ei- nem feinen Attiſchen Salze auf die Schaubuͤhne, als der erſte, dem ſich die Comiſche Gratie in ihrer lieblichſten Schoͤnheit gezeiget hat. Die un- ſchaͤtzbaren Stuͤcke, welche uns die Zeit von mehr als hundert verlohrnen Comoͤdien deſſelben erhalten hat, koͤnnen uns, in Abſicht der unſtreitigen Gemeinſchaft der Poeſie und Kunſt, und des Einfluſſes einer in die ande- re, außer dem Zeugniſſe der Scribenten, ein Bild geben, auch von den Schoͤnheiten der Werke der Kunſt, welche Apelles und Lyſippus in die Gratie einkleideten. Jhre beſten Werke ſind zu bekannt, als daß ich die- ſelben hier anfuͤhren darf: ein Hercules aber in Marmor zu Florenz mit dem Namen des Lyſippus 1) verdienete nicht erwaͤhnet zu werden, wenn dieſe Statue nicht als ein wahres Werk deſſelben geprieſen waͤre 2). Es iſt bereits von andern bemerket, daß dieſer Name untergeſchoben ſey 3), und es iſt nicht bekannt, daß dieſer Kuͤnſtler in Marmor gearbeitet habe: ſiehe, was ich im Erſten Theile bey Gelegenheit dieſer und anderer ſolcher Jn- ſchriften angemerket habe. Das 1) Dieſer Name iſt von dem Erklaͤrer der alten Statuen nicht bemerket; es waͤre derſelbe ſonſt nicht auf die Gedanken gerathen, daß dieſelbe ein Werk des Polycletus ſeyn koͤn- ne a). Von einem und dem andern Kuͤnſtler wuͤrde dieſer Hercules keinen ſehr großen Begriff geben. a) Racc. di Stat. colle ſpieg. di Maffei n. 44. conf. Cambiagi Giard. di Boboli, p. 9. 2) Maffei Raccolt. di Stat. 3) Maffei Obſerv. Lett. T. I. p. 398.

Suche im Werk

Hilfe

Informationen zum Werk

Download dieses Werks

XML (TEI P5) · HTML · Text
TCF (text annotation layer)
TCF (tokenisiert, serialisiert, lemmatisiert, normalisiert)
XML (TEI P5 inkl. att.linguistic)

Metadaten zum Werk

TEI-Header · CMDI · Dublin Core

Ansichten dieser Seite

Voyant Tools ?

Language Resource Switchboard?

Feedback

Sie haben einen Fehler gefunden? Dann können Sie diesen über unsere Qualitätssicherungsplattform DTAQ melden.

Kommentar zur DTA-Ausgabe

Dieses Werk wurde gemäß den DTA-Transkriptionsrichtlinien im Double-Keying-Verfahren von Nicht-Muttersprachlern erfasst und in XML/TEI P5 nach DTA-Basisformat kodiert.




Ansicht auf Standard zurückstellen

URL zu diesem Werk: https://www.deutschestextarchiv.de/winckelmann_kunstgeschichte02_1764
URL zu dieser Seite: https://www.deutschestextarchiv.de/winckelmann_kunstgeschichte02_1764/34
Zitationshilfe: Winckelmann, Johann Joachim: Geschichte der Kunst des Alterthums. Bd. 2. Dresden, 1764, S. 346. In: Deutsches Textarchiv <https://www.deutschestextarchiv.de/winckelmann_kunstgeschichte02_1764/34>, abgerufen am 23.04.2024.