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Winckelmann, Johann Joachim: Geschichte der Kunst des Alterthums. Bd. 2. Dresden, 1764.

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II Theil. Von der Kunst, nach den äußern Umständen
D.
Nach dem Pe-
loponnesischen
Kriege.

Jn der hunderten Olympias bekamen die Sachen in Griechenland ei-
ne andere Gestalt, und es veränderte sich das Systema der Staaten durch
den Epaminondas, den größten Mann aller Griechen, der sein Vaterland
Theben, welches vorher geringe schien, groß und mächtig über Athen und
Sparta machete. Diese beyden Städte trieb sogleich die Furcht zur Ein-
tracht; sie macheten Friede in der hundert und zweyten Olympias, und
Athen war in Ruhe, da Epaminondas die berühmten Siege über die La-
cedämonier bey Leuctra und bey Mantinea erfochte.

Künstler die-
ser Zeit, und
vornehmlich
a.
Praxiteles,
und dessen
Werke.

Mit dieser Zeit fängt das letzte Alter der großen Leute in Griechen-
land an; die Zeit ihrer letzten Helden und Weisen, ihrer feinsten Scriben-
ten und größten Redner. Xenophon und Plato waren in ihren besten
Jahren, und Demosthenes trat nach ihnen auf, und redete unüberwindlich
für sein Vaterland. Eben diese Zeit ist es, in welcher an hundert Jahre
nach dem Phidias, Praxiteles geblühet hat. Alle Welt redet von seinem
gepriesenen ([fremdsprachliches Material - Zeichen fehlt]) Satyr, von seinem Cupido zu Thespis 1), und

von
men nicht allezeit auf dem Sockel ihrer Statuen, sondern auch auf das Basament der-
selben. Es sind einige von denselben mit dem Namen des Künstlers, oder der abge-
bildeten Person, welche in Griechenland geblieben, da die Statuen selbst nach Rom ge-
führet worden, vom Pausanias angezeiget b): es kann aber seyn, daß die Jnschrift
zum Gedächtnisse der weggeführten Statuen, auf die Base gesetzet worden. Derglei-
chen Basament, auf welchem die Statue eines Siegers in den Spielen, Menip-
pus, stand, nach der Jnschrift auf derselben, ist zu unseren Zeiten bey Sparta gefun-
den worden c).
1) Thuanus d) redet von einem schlafenden Cupido, welchen das Herzogliche Haus Este zu
Modena besessen, und welcher für eine Arbeit des Praxiteles gehalten wurde. Ande-
re erzählen die bekannte Historie von einem Cupido des Michael Angelo an eben dem
Orte, welches derjenige soll gewesen seyn, den er, wie man sagt, vergraben, und nach-
her als eine alte Statue verkauft habe e). Es wird hinzugesetzet, dieser Künstler habe
verlanget, seinen Cupido niemals, als zugleich mit dem alten Cupido, sehen zu lassen,
zum
d) de Vita sua L. 1. p. 14. T. 7. edit. Opp. Londin.
e) Condivi Vita di Michel Angelo, f. 10.
b) L. 8. p. 678. l. 41. ibid. p. 698. l. 28.
c) Caylus Rec. d' Antiq. T. 2. p. 105.
II Theil. Von der Kunſt, nach den aͤußern Umſtaͤnden
D.
Nach dem Pe-
loponneſiſchen
Kriege.

Jn der hunderten Olympias bekamen die Sachen in Griechenland ei-
ne andere Geſtalt, und es veraͤnderte ſich das Syſtema der Staaten durch
den Epaminondas, den groͤßten Mann aller Griechen, der ſein Vaterland
Theben, welches vorher geringe ſchien, groß und maͤchtig uͤber Athen und
Sparta machete. Dieſe beyden Staͤdte trieb ſogleich die Furcht zur Ein-
tracht; ſie macheten Friede in der hundert und zweyten Olympias, und
Athen war in Ruhe, da Epaminondas die beruͤhmten Siege uͤber die La-
cedaͤmonier bey Leuctra und bey Mantinea erfochte.

Kuͤnſtler die-
ſer Zeit, und
vornehmlich
a.
Praxiteles,
und deſſen
Werke.

Mit dieſer Zeit faͤngt das letzte Alter der großen Leute in Griechen-
land an; die Zeit ihrer letzten Helden und Weiſen, ihrer feinſten Scriben-
ten und groͤßten Redner. Xenophon und Plato waren in ihren beſten
Jahren, und Demoſthenes trat nach ihnen auf, und redete unuͤberwindlich
fuͤr ſein Vaterland. Eben dieſe Zeit iſt es, in welcher an hundert Jahre
nach dem Phidias, Praxiteles gebluͤhet hat. Alle Welt redet von ſeinem
geprieſenen ([fremdsprachliches Material – Zeichen fehlt]) Satyr, von ſeinem Cupido zu Theſpis 1), und

von
men nicht allezeit auf dem Sockel ihrer Statuen, ſondern auch auf das Baſament der-
ſelben. Es ſind einige von denſelben mit dem Namen des Kuͤnſtlers, oder der abge-
bildeten Perſon, welche in Griechenland geblieben, da die Statuen ſelbſt nach Rom ge-
fuͤhret worden, vom Pauſanias angezeiget b): es kann aber ſeyn, daß die Jnſchrift
zum Gedaͤchtniſſe der weggefuͤhrten Statuen, auf die Baſe geſetzet worden. Derglei-
chen Baſament, auf welchem die Statue eines Siegers in den Spielen, Menip-
pus, ſtand, nach der Jnſchrift auf derſelben, iſt zu unſeren Zeiten bey Sparta gefun-
den worden c).
1) Thuanus d) redet von einem ſchlafenden Cupido, welchen das Herzogliche Haus Eſte zu
Modena beſeſſen, und welcher fuͤr eine Arbeit des Praxiteles gehalten wurde. Ande-
re erzaͤhlen die bekannte Hiſtorie von einem Cupido des Michael Angelo an eben dem
Orte, welches derjenige ſoll geweſen ſeyn, den er, wie man ſagt, vergraben, und nach-
her als eine alte Statue verkauft habe e). Es wird hinzugeſetzet, dieſer Kuͤnſtler habe
verlanget, ſeinen Cupido niemals, als zugleich mit dem alten Cupido, ſehen zu laſſen,
zum
d) de Vita ſua L. 1. p. 14. T. 7. edit. Opp. Londin.
e) Condivi Vita di Michel Angelo, f. 10.
b) L. 8. p. 678. l. 41. ibid. p. 698. l. 28.
c) Caylus Rec. d’ Antiq. T. 2. p. 105.
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[342/0030] II Theil. Von der Kunſt, nach den aͤußern Umſtaͤnden Jn der hunderten Olympias bekamen die Sachen in Griechenland ei- ne andere Geſtalt, und es veraͤnderte ſich das Syſtema der Staaten durch den Epaminondas, den groͤßten Mann aller Griechen, der ſein Vaterland Theben, welches vorher geringe ſchien, groß und maͤchtig uͤber Athen und Sparta machete. Dieſe beyden Staͤdte trieb ſogleich die Furcht zur Ein- tracht; ſie macheten Friede in der hundert und zweyten Olympias, und Athen war in Ruhe, da Epaminondas die beruͤhmten Siege uͤber die La- cedaͤmonier bey Leuctra und bey Mantinea erfochte. Mit dieſer Zeit faͤngt das letzte Alter der großen Leute in Griechen- land an; die Zeit ihrer letzten Helden und Weiſen, ihrer feinſten Scriben- ten und groͤßten Redner. Xenophon und Plato waren in ihren beſten Jahren, und Demoſthenes trat nach ihnen auf, und redete unuͤberwindlich fuͤr ſein Vaterland. Eben dieſe Zeit iſt es, in welcher an hundert Jahre nach dem Phidias, Praxiteles gebluͤhet hat. Alle Welt redet von ſeinem geprieſenen (_ ) Satyr, von ſeinem Cupido zu Theſpis 1), und von 1) 1) Thuanus d) redet von einem ſchlafenden Cupido, welchen das Herzogliche Haus Eſte zu Modena beſeſſen, und welcher fuͤr eine Arbeit des Praxiteles gehalten wurde. Ande- re erzaͤhlen die bekannte Hiſtorie von einem Cupido des Michael Angelo an eben dem Orte, welches derjenige ſoll geweſen ſeyn, den er, wie man ſagt, vergraben, und nach- her als eine alte Statue verkauft habe e). Es wird hinzugeſetzet, dieſer Kuͤnſtler habe verlanget, ſeinen Cupido niemals, als zugleich mit dem alten Cupido, ſehen zu laſſen, zum d) de Vita ſua L. 1. p. 14. T. 7. edit. Opp. Londin. e) Condivi Vita di Michel Angelo, f. 10. 1) men nicht allezeit auf dem Sockel ihrer Statuen, ſondern auch auf das Baſament der- ſelben. Es ſind einige von denſelben mit dem Namen des Kuͤnſtlers, oder der abge- bildeten Perſon, welche in Griechenland geblieben, da die Statuen ſelbſt nach Rom ge- fuͤhret worden, vom Pauſanias angezeiget b): es kann aber ſeyn, daß die Jnſchrift zum Gedaͤchtniſſe der weggefuͤhrten Statuen, auf die Baſe geſetzet worden. Derglei- chen Baſament, auf welchem die Statue eines Siegers in den Spielen, Menip- pus, ſtand, nach der Jnſchrift auf derſelben, iſt zu unſeren Zeiten bey Sparta gefun- den worden c). b) L. 8. p. 678. l. 41. ibid. p. 698. l. 28. c) Caylus Rec. d’ Antiq. T. 2. p. 105.

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Zitationshilfe: Winckelmann, Johann Joachim: Geschichte der Kunst des Alterthums. Bd. 2. Dresden, 1764, S. 342. In: Deutsches Textarchiv <https://www.deutschestextarchiv.de/winckelmann_kunstgeschichte02_1764/30>, abgerufen am 19.04.2024.