Wieland, Christoph Martin: Oberon. Weimar, 1780.9. Du schweigst? du seufzest? Ach! zuwohl nur, gute amme,Versteh ich, was dein schweigen mir verhehlt! Du hoffest nichts für meine flamme? Ich selbst, ich hoffe nur, weil beßrer trost mir fehlt. Die stunde naht; schon klirren meine ketten, Und mein verderben ist gewiß: Ein wunder nur, o Fatme, kann mich retten, Wo nicht -- so kann es dies! 10. Bey diesem wort zieht sie mit feu'rgem blickeAus ihrem busen einen dolch hervor. "Siehst du? dies macht mir mut! dies hebt mich so empor! Mit diesem hoff' ich alles vom geschicke!" Die Amme schwankt an ihren stuhl zurücke, Wird leichenblaß und zittert wie ein rohr. Ach! ist dies alles, so erbarme Es Gott! ruft sie, und weint und ringt die arme. 11. Das Fräulein drückt die hand ihr auf den mund:Still, spricht sie, fasse dich! und stekt in ihren busen Den dolch zurück. Du weißt, im weiten erdenrund Ist nichts mir so verhaßt als dieser Fürst der Drusen. Eh Der mich haben soll, eh soll ein giftger molch In meine brust die scharfen zähne schlagen! Kömmt mein Geliebter nicht, den raub ihm abzujagen, Was bleibt mir übrig als mein dolch? 12. Kaum
9. Du ſchweigſt? du ſeufzeſt? Ach! zuwohl nur, gute amme,Verſteh ich, was dein ſchweigen mir verhehlt! Du hoffeſt nichts fuͤr meine flamme? Ich ſelbſt, ich hoffe nur, weil beßrer troſt mir fehlt. Die ſtunde naht; ſchon klirren meine ketten, Und mein verderben iſt gewiß: Ein wunder nur, o Fatme, kann mich retten, Wo nicht — ſo kann es dies! 10. Bey dieſem wort zieht ſie mit feu'rgem blickeAus ihrem buſen einen dolch hervor. „Siehſt du? dies macht mir mut! dies hebt mich ſo empor! Mit dieſem hoff' ich alles vom geſchicke!“ Die Amme ſchwankt an ihren ſtuhl zuruͤcke, Wird leichenblaß und zittert wie ein rohr. Ach! iſt dies alles, ſo erbarme Es Gott! ruft ſie, und weint und ringt die arme. 11. Das Fraͤulein druͤckt die hand ihr auf den mund:Still, ſpricht ſie, faſſe dich! und ſtekt in ihren buſen Den dolch zuruͤck. Du weißt, im weiten erdenrund Iſt nichts mir ſo verhaßt als dieſer Fuͤrſt der Druſen. Eh Der mich haben ſoll, eh ſoll ein giftger molch In meine bruſt die ſcharfen zaͤhne ſchlagen! Koͤmmt mein Geliebter nicht, den raub ihm abzujagen, Was bleibt mir uͤbrig als mein dolch? 12. Kaum
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9.
Du ſchweigſt? du ſeufzeſt? Ach! zuwohl nur, gute amme,
Verſteh ich, was dein ſchweigen mir verhehlt!
Du hoffeſt nichts fuͤr meine flamme?
Ich ſelbſt, ich hoffe nur, weil beßrer troſt mir fehlt.
Die ſtunde naht; ſchon klirren meine ketten,
Und mein verderben iſt gewiß:
Ein wunder nur, o Fatme, kann mich retten,
Wo nicht — ſo kann es dies!
10.
Bey dieſem wort zieht ſie mit feu'rgem blicke
Aus ihrem buſen einen dolch hervor.
„Siehſt du? dies macht mir mut! dies hebt mich ſo empor!
Mit dieſem hoff' ich alles vom geſchicke!“
Die Amme ſchwankt an ihren ſtuhl zuruͤcke,
Wird leichenblaß und zittert wie ein rohr.
Ach! iſt dies alles, ſo erbarme
Es Gott! ruft ſie, und weint und ringt die arme.
11.
Das Fraͤulein druͤckt die hand ihr auf den mund:
Still, ſpricht ſie, faſſe dich! und ſtekt in ihren buſen
Den dolch zuruͤck. Du weißt, im weiten erdenrund
Iſt nichts mir ſo verhaßt als dieſer Fuͤrſt der Druſen.
Eh Der mich haben ſoll, eh ſoll ein giftger molch
In meine bruſt die ſcharfen zaͤhne ſchlagen!
Koͤmmt mein Geliebter nicht, den raub ihm abzujagen,
Was bleibt mir uͤbrig als mein dolch?
12. Kaum
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Zitationshilfe: | Wieland, Christoph Martin: Oberon. Weimar, 1780, S. . In: Deutsches Textarchiv <https://www.deutschestextarchiv.de/wieland_oberon_1780/101>, abgerufen am 16.02.2025. |