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Wieland, Christoph Martin: Geschichte des Agathon. Bd. 2. Frankfurt (Main) u. a., 1767.

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Agathon.
schönen Danae hätte liegen können; ja wir haben Ur-
sache zu glauben, daß die erste gefällig genug gewesen
wäre, durch tausend schöne Vorspiegelungen und Schlüsse
die andre nach und nach gänzlich einzuschläfern, oder
vielleicht gar zu einem gütlichen Vergleich mit der Wol-
lust, ihrer natürlichen und gefährlichsten Feindin, zu be-
wegen. Wir läugnen hiemit nicht, daß sie daß ihrige
zur Befreyung unsers Freundes beygetragen; indessen
ist doch gewiß, daß Eifersucht und beleidigte Eigen-
liebe das meiste gethan haben, und daß also, ohne die
wohlthätigen Einflüsse zwoer so verschreyter Leidenschaf-
ten, der ehmals so weise, so tugendhafte Agathon eiu
glorreich angefangenes Leben, allem Anscheinen nach,
zu Smyrna unter den Rosen der Venus unrühmlich
hinweggescherzet haben würde.

Wir wollen durch diese Bemerkung dem grossen Hauf-
fen der Moralisten eben nicht zugemuthet haben, ge-
wisse Vorurtheile fahren zu lassen, welche sie von ihrem
Vorgängern, und diese, wenn wir um einige Jahr-
hunderte bis zur Quelle hinaufsteigen wollen, von den
Mönchen und Einsamen, womit die Morgenländer von
jeher unter allen Religionen angefüllt gewesen sind,
durch eine den Progressen der gesunden Vernunft nicht
lehr günstige Ueberlieferung geerbt zu haben scheinen.
Hingegen würde uns sehr erfreulich seyn, wenn diese
gegenwärtige Geschichte die glükliche Veranlassung geben
könnte, irgend einen von den ächten Weisen unsrer Zeit

auf-

Agathon.
ſchoͤnen Danae haͤtte liegen koͤnnen; ja wir haben Ur-
ſache zu glauben, daß die erſte gefaͤllig genug geweſen
waͤre, durch tauſend ſchoͤne Vorſpiegelungen und Schluͤſſe
die andre nach und nach gaͤnzlich einzuſchlaͤfern, oder
vielleicht gar zu einem guͤtlichen Vergleich mit der Wol-
luſt, ihrer natuͤrlichen und gefaͤhrlichſten Feindin, zu be-
wegen. Wir laͤugnen hiemit nicht, daß ſie daß ihrige
zur Befreyung unſers Freundes beygetragen; indeſſen
iſt doch gewiß, daß Eiferſucht und beleidigte Eigen-
liebe das meiſte gethan haben, und daß alſo, ohne die
wohlthaͤtigen Einfluͤſſe zwoer ſo verſchreyter Leidenſchaf-
ten, der ehmals ſo weiſe, ſo tugendhafte Agathon eiu
glorreich angefangenes Leben, allem Anſcheinen nach,
zu Smyrna unter den Roſen der Venus unruͤhmlich
hinweggeſcherzet haben wuͤrde.

Wir wollen durch dieſe Bemerkung dem groſſen Hauf-
fen der Moraliſten eben nicht zugemuthet haben, ge-
wiſſe Vorurtheile fahren zu laſſen, welche ſie von ihrem
Vorgaͤngern, und dieſe, wenn wir um einige Jahr-
hunderte bis zur Quelle hinaufſteigen wollen, von den
Moͤnchen und Einſamen, womit die Morgenlaͤnder von
jeher unter allen Religionen angefuͤllt geweſen ſind,
durch eine den Progreſſen der geſunden Vernunft nicht
lehr guͤnſtige Ueberlieferung geerbt zu haben ſcheinen.
Hingegen wuͤrde uns ſehr erfreulich ſeyn, wenn dieſe
gegenwaͤrtige Geſchichte die gluͤkliche Veranlaſſung geben
koͤnnte, irgend einen von den aͤchten Weiſen unſrer Zeit

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[40/0042] Agathon. ſchoͤnen Danae haͤtte liegen koͤnnen; ja wir haben Ur- ſache zu glauben, daß die erſte gefaͤllig genug geweſen waͤre, durch tauſend ſchoͤne Vorſpiegelungen und Schluͤſſe die andre nach und nach gaͤnzlich einzuſchlaͤfern, oder vielleicht gar zu einem guͤtlichen Vergleich mit der Wol- luſt, ihrer natuͤrlichen und gefaͤhrlichſten Feindin, zu be- wegen. Wir laͤugnen hiemit nicht, daß ſie daß ihrige zur Befreyung unſers Freundes beygetragen; indeſſen iſt doch gewiß, daß Eiferſucht und beleidigte Eigen- liebe das meiſte gethan haben, und daß alſo, ohne die wohlthaͤtigen Einfluͤſſe zwoer ſo verſchreyter Leidenſchaf- ten, der ehmals ſo weiſe, ſo tugendhafte Agathon eiu glorreich angefangenes Leben, allem Anſcheinen nach, zu Smyrna unter den Roſen der Venus unruͤhmlich hinweggeſcherzet haben wuͤrde. Wir wollen durch dieſe Bemerkung dem groſſen Hauf- fen der Moraliſten eben nicht zugemuthet haben, ge- wiſſe Vorurtheile fahren zu laſſen, welche ſie von ihrem Vorgaͤngern, und dieſe, wenn wir um einige Jahr- hunderte bis zur Quelle hinaufſteigen wollen, von den Moͤnchen und Einſamen, womit die Morgenlaͤnder von jeher unter allen Religionen angefuͤllt geweſen ſind, durch eine den Progreſſen der geſunden Vernunft nicht lehr guͤnſtige Ueberlieferung geerbt zu haben ſcheinen. Hingegen wuͤrde uns ſehr erfreulich ſeyn, wenn dieſe gegenwaͤrtige Geſchichte die gluͤkliche Veranlaſſung geben koͤnnte, irgend einen von den aͤchten Weiſen unſrer Zeit auf-

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Zitationshilfe: Wieland, Christoph Martin: Geschichte des Agathon. Bd. 2. Frankfurt (Main) u. a., 1767, S. 40. In: Deutsches Textarchiv <https://www.deutschestextarchiv.de/wieland_agathon02_1767/42>, abgerufen am 26.01.2021.