meinen Durcheinander hatte es sich doch seiner Wahr¬ nehmung nicht entzogen, wer es war, der ihm auf seine Sitzgegend so tüchtig aufmaß; das brannte nun empfindlich nach, eine prickelnde Glut stieg aus dem untern Theil seines Organismus empor und traf oben, in Herz und Hirn, mit dem verhalten gährenden Grolle zusammen. "Wartet, ihr Barden," dachte er, "Schlag gegen Schlag! Kann ich euch nicht treffen, euern Freund, euern Gesinnungsgenossen werde ich zu erreichen wissen!" Er schwieg, bis Alles wieder saß; er selber zog vor -- wie ihm dieß ohnedem der eben bemerklich gemachte Zustand der Basis seiner Persönlichkeit anrieth -- sich nicht niederzulassen. So stand er, nicht schmun¬ zelnd wie sonst. Die kleinen Augen waren in die Höhlen zurückgesunken, erst wie erloschen, dann fiengen sie an, sich krebsaugenartig hervorzutreiben und wieder zu funkeln. Die Haarstränge, die von hinten über seine Glatze herübergezogen und festgeklebt waren, hatten sich losgemacht und ragten unter der hohen Pelzmütze, die nach den Körperübungen Morbihan wieder aufgelesen und ihm aufgesetzt hatte, lang und fetzig, ein verrückter Zackenkranz, hervor. Er hatte sich das große Trinkhorn mit Methbock füllen und reichen lassen; es war ein altes Erbstück der Gemeinde aus der Stirnwaffe eines Urs, das an hohen Festen umgieng. Er hob es, er rief: "Der großen Göttin!" stieß ringsum an und that einen tiefen Trunk. "Den
meinen Durcheinander hatte es ſich doch ſeiner Wahr¬ nehmung nicht entzogen, wer es war, der ihm auf ſeine Sitzgegend ſo tüchtig aufmaß; das brannte nun empfindlich nach, eine prickelnde Glut ſtieg aus dem untern Theil ſeines Organismus empor und traf oben, in Herz und Hirn, mit dem verhalten gährenden Grolle zuſammen. „Wartet, ihr Barden,“ dachte er, „Schlag gegen Schlag! Kann ich euch nicht treffen, euern Freund, euern Geſinnungsgenoſſen werde ich zu erreichen wiſſen!“ Er ſchwieg, bis Alles wieder ſaß; er ſelber zog vor — wie ihm dieß ohnedem der eben bemerklich gemachte Zuſtand der Baſis ſeiner Perſönlichkeit anrieth — ſich nicht niederzulaſſen. So ſtand er, nicht ſchmun¬ zelnd wie ſonſt. Die kleinen Augen waren in die Höhlen zurückgeſunken, erſt wie erloſchen, dann fiengen ſie an, ſich krebsaugenartig hervorzutreiben und wieder zu funkeln. Die Haarſtränge, die von hinten über ſeine Glatze herübergezogen und feſtgeklebt waren, hatten ſich losgemacht und ragten unter der hohen Pelzmütze, die nach den Körperübungen Morbihan wieder aufgeleſen und ihm aufgeſetzt hatte, lang und fetzig, ein verrückter Zackenkranz, hervor. Er hatte ſich das große Trinkhorn mit Methbock füllen und reichen laſſen; es war ein altes Erbſtück der Gemeinde aus der Stirnwaffe eines Urs, das an hohen Feſten umgieng. Er hob es, er rief: „Der großen Göttin!“ ſtieß ringsum an und that einen tiefen Trunk. „Den
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meinen Durcheinander hatte es ſich doch ſeiner Wahr¬
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ſeine Sitzgegend ſo tüchtig aufmaß; das brannte nun
empfindlich nach, eine prickelnde Glut ſtieg aus dem
untern Theil ſeines Organismus empor und traf oben,
in Herz und Hirn, mit dem verhalten gährenden Grolle
zuſammen. „Wartet, ihr Barden,“ dachte er, „Schlag
gegen Schlag! Kann ich euch nicht treffen, euern Freund,
euern Geſinnungsgenoſſen werde ich zu erreichen wiſſen!“
Er ſchwieg, bis Alles wieder ſaß; er ſelber zog vor
— wie ihm dieß ohnedem der eben bemerklich gemachte
Zuſtand der Baſis ſeiner Perſönlichkeit anrieth —
ſich nicht niederzulaſſen. So ſtand er, nicht ſchmun¬
zelnd wie ſonſt. Die kleinen Augen waren in die
Höhlen zurückgeſunken, erſt wie erloſchen, dann fiengen
ſie an, ſich krebsaugenartig hervorzutreiben und wieder
zu funkeln. Die Haarſtränge, die von hinten über
ſeine Glatze herübergezogen und feſtgeklebt waren,
hatten ſich losgemacht und ragten unter der hohen
Pelzmütze, die nach den Körperübungen Morbihan
wieder aufgeleſen und ihm aufgeſetzt hatte, lang und
fetzig, ein verrückter Zackenkranz, hervor. Er hatte
ſich das große Trinkhorn mit Methbock füllen und
reichen laſſen; es war ein altes Erbſtück der Gemeinde
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umgieng. Er hob es, er rief: „Der großen Göttin!“
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Vischer, Friedrich Theodor von: Auch Einer. Eine Reisebekanntschaft. Bd. 1. Stuttgart u. a., 1879, S. 381. In: Deutsches Textarchiv <https://www.deutschestextarchiv.de/vischer_auch01_1879/396>, abgerufen am 05.12.2024.
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