Anmelden (DTAQ) DWDS     dlexDB     CLARIN-D

Treitschke, Heinrich von: Deutsche Geschichte im Neunzehnten Jahrhundert. Bd. 5: Bis zur März-Revolution. Leipzig, 1894.

Bild:
<< vorherige Seite

V. 3. Enttäuschung und Verwirrung.
treter des gemäßigten Liberalismus vor "subversiv-communistischen Ten-
denzen" zu warnen, so bewies er damit nur, wie völlig die Regierung
durch ihre Angst verblendet war: sie vermochte die grundverschiedenen
Richtungen, die sich augenblicklich in der Opposition zusammenfanden,
gar nicht mehr zu unterscheiden. Da Brüggemann sich als erfahrener Pu-
blicist vor den Censoren selten eine Blöße gab, auch dem kirchenfeindlichen
Treiben der Junghegelianer fern blieb, so gewann die Kölnische Zei-
tung starken Anhang. Mit ihren 9000 Abonnenten oder mehr wuchs sie
bald zu einem großen Blatte heran und wurde der Regierung grade
durch ihre ruhigere Haltung fast noch lästiger als vordem die Rheinische
Zeitung.

Für die Leipziger Allgemeine aber boten die demokratischen Buchhand-
lungen, die sich überall dicht vor der deutschen Südwestgrenze aufthaten,
der Skandalsucht der Lesewelt reichlichen Ersatz. In Winterthur hatte
der Thüringer Julius Fröbel das Literarische Comptoir gegründet, das
sich zuerst durch Herwegh's Gedichte einen Namen erwarb. Mehrere
wirkliche oder vorgebliche Flüchtlinge halfen mit, eine Zeit lang auch einer
der Gebrüder Follen, der schöne Adolf, vormals von den Unbedingten
als deutscher Kaiser gefeiert. Ein ehrenhafter, aber durchaus doktrinärer
Demokrat, hielt Fröbel in den mannichfachen Wandlungen seiner poli-
tischen Ansichten viele Jahre hindurch nur einen Gedanken unverbrüchlich
fest, den Haß gegen Preußen; er sprach offen die Absicht aus, durch seinen
wilden Verlag die Macht der Censur für immer zu untergraben. Zu-
gleich eröffnete Wirth, der Volksredner des Hambacher Festes, in Bellevue
bei Constanz die Druckerei der deutschen Volkshalle; ähnliche Unterneh-
mungen entstanden in Straßburg, Bern, Zürich.

Also aus sicherer Ferne prasselte ein Hagel radicaler Schriften über die
deutsche Grenze herein. Alle wurden begierig gelesen; manche erregten gro-
ßes Aufsehen, so eine aus Wahrheit und Dichtung gemischte Darstellung des
Processes Weidig, so zwei von Schmutz starrende Bücher des jungen Schwaben
Joh. Scherr, das enthüllte Preußen und Württemberg i. J. 1844. Auch die
kleinen deutschen Nachbarstaaten mußten manche Schmähschrift gegen Preu-
ßen stillschweigend dulden, sie hatten den Muth schon verloren und waren
froh, wenn sie sich ihrer eigenen Haut wehren konnten. Der Rheinländer
Karl Heinzen, der roheste aller preußischen Demagogen, ließ seine unfläthigen
Bücher über die preußische Bureaukratie, die Opposition und wie sie sonst
hießen, in Darmstadt drucken oder bei dem radicalen Buchhändler Hoff in
Mannheim; nur wenn er offen Meuterei und Hochverrath predigte, wie in
den "dreißig Kriegsartikeln" für das deutsche Heer, dann nannte er einen
beliebigen Druckort. Heinzen hatte nach einer abenteuerlichen Jugend als
ein Schiffbrüchiger ein Unterkommen im preußischen Subalterndienste gefun-
den und dort zwar die Demüthigungen erfahren, die in solcher Lage keinem
gebildeten Manne erspart bleiben, doch niemals ein Unrecht erlitten; gleich-

V. 3. Enttäuſchung und Verwirrung.
treter des gemäßigten Liberalismus vor „ſubverſiv-communiſtiſchen Ten-
denzen“ zu warnen, ſo bewies er damit nur, wie völlig die Regierung
durch ihre Angſt verblendet war: ſie vermochte die grundverſchiedenen
Richtungen, die ſich augenblicklich in der Oppoſition zuſammenfanden,
gar nicht mehr zu unterſcheiden. Da Brüggemann ſich als erfahrener Pu-
bliciſt vor den Cenſoren ſelten eine Blöße gab, auch dem kirchenfeindlichen
Treiben der Junghegelianer fern blieb, ſo gewann die Kölniſche Zei-
tung ſtarken Anhang. Mit ihren 9000 Abonnenten oder mehr wuchs ſie
bald zu einem großen Blatte heran und wurde der Regierung grade
durch ihre ruhigere Haltung faſt noch läſtiger als vordem die Rheiniſche
Zeitung.

Für die Leipziger Allgemeine aber boten die demokratiſchen Buchhand-
lungen, die ſich überall dicht vor der deutſchen Südweſtgrenze aufthaten,
der Skandalſucht der Leſewelt reichlichen Erſatz. In Winterthur hatte
der Thüringer Julius Fröbel das Literariſche Comptoir gegründet, das
ſich zuerſt durch Herwegh’s Gedichte einen Namen erwarb. Mehrere
wirkliche oder vorgebliche Flüchtlinge halfen mit, eine Zeit lang auch einer
der Gebrüder Follen, der ſchöne Adolf, vormals von den Unbedingten
als deutſcher Kaiſer gefeiert. Ein ehrenhafter, aber durchaus doktrinärer
Demokrat, hielt Fröbel in den mannichfachen Wandlungen ſeiner poli-
tiſchen Anſichten viele Jahre hindurch nur einen Gedanken unverbrüchlich
feſt, den Haß gegen Preußen; er ſprach offen die Abſicht aus, durch ſeinen
wilden Verlag die Macht der Cenſur für immer zu untergraben. Zu-
gleich eröffnete Wirth, der Volksredner des Hambacher Feſtes, in Bellevue
bei Conſtanz die Druckerei der deutſchen Volkshalle; ähnliche Unterneh-
mungen entſtanden in Straßburg, Bern, Zürich.

Alſo aus ſicherer Ferne praſſelte ein Hagel radicaler Schriften über die
deutſche Grenze herein. Alle wurden begierig geleſen; manche erregten gro-
ßes Aufſehen, ſo eine aus Wahrheit und Dichtung gemiſchte Darſtellung des
Proceſſes Weidig, ſo zwei von Schmutz ſtarrende Bücher des jungen Schwaben
Joh. Scherr, das enthüllte Preußen und Württemberg i. J. 1844. Auch die
kleinen deutſchen Nachbarſtaaten mußten manche Schmähſchrift gegen Preu-
ßen ſtillſchweigend dulden, ſie hatten den Muth ſchon verloren und waren
froh, wenn ſie ſich ihrer eigenen Haut wehren konnten. Der Rheinländer
Karl Heinzen, der roheſte aller preußiſchen Demagogen, ließ ſeine unfläthigen
Bücher über die preußiſche Bureaukratie, die Oppoſition und wie ſie ſonſt
hießen, in Darmſtadt drucken oder bei dem radicalen Buchhändler Hoff in
Mannheim; nur wenn er offen Meuterei und Hochverrath predigte, wie in
den „dreißig Kriegsartikeln“ für das deutſche Heer, dann nannte er einen
beliebigen Druckort. Heinzen hatte nach einer abenteuerlichen Jugend als
ein Schiffbrüchiger ein Unterkommen im preußiſchen Subalterndienſte gefun-
den und dort zwar die Demüthigungen erfahren, die in ſolcher Lage keinem
gebildeten Manne erſpart bleiben, doch niemals ein Unrecht erlitten; gleich-

<TEI>
  <text>
    <body>
      <div n="1">
        <div n="2">
          <p><pb facs="#f0226" n="212"/><fw place="top" type="header"><hi rendition="#aq">V.</hi> 3. Enttäu&#x017F;chung und Verwirrung.</fw><lb/>
treter des gemäßigten Liberalismus vor &#x201E;&#x017F;ubver&#x017F;iv-communi&#x017F;ti&#x017F;chen Ten-<lb/>
denzen&#x201C; zu warnen, &#x017F;o bewies er damit nur, wie völlig die Regierung<lb/>
durch ihre Ang&#x017F;t verblendet war: &#x017F;ie vermochte die grundver&#x017F;chiedenen<lb/>
Richtungen, die &#x017F;ich augenblicklich in der Oppo&#x017F;ition zu&#x017F;ammenfanden,<lb/>
gar nicht mehr zu unter&#x017F;cheiden. Da Brüggemann &#x017F;ich als erfahrener Pu-<lb/>
blici&#x017F;t vor den Cen&#x017F;oren &#x017F;elten eine Blöße gab, auch dem kirchenfeindlichen<lb/>
Treiben der Junghegelianer fern blieb, &#x017F;o gewann die Kölni&#x017F;che Zei-<lb/>
tung &#x017F;tarken Anhang. Mit ihren 9000 Abonnenten oder mehr wuchs &#x017F;ie<lb/>
bald zu einem großen Blatte heran und wurde der Regierung grade<lb/>
durch ihre ruhigere Haltung fa&#x017F;t noch lä&#x017F;tiger als vordem die Rheini&#x017F;che<lb/>
Zeitung.</p><lb/>
          <p>Für die Leipziger Allgemeine aber boten die demokrati&#x017F;chen Buchhand-<lb/>
lungen, die &#x017F;ich überall dicht vor der deut&#x017F;chen Südwe&#x017F;tgrenze aufthaten,<lb/>
der Skandal&#x017F;ucht der Le&#x017F;ewelt reichlichen Er&#x017F;atz. In Winterthur hatte<lb/>
der Thüringer Julius Fröbel das Literari&#x017F;che Comptoir gegründet, das<lb/>
&#x017F;ich zuer&#x017F;t durch Herwegh&#x2019;s Gedichte einen Namen erwarb. Mehrere<lb/>
wirkliche oder vorgebliche Flüchtlinge halfen mit, eine Zeit lang auch einer<lb/>
der Gebrüder Follen, der &#x017F;chöne Adolf, vormals von den Unbedingten<lb/>
als deut&#x017F;cher Kai&#x017F;er gefeiert. Ein ehrenhafter, aber durchaus doktrinärer<lb/>
Demokrat, hielt Fröbel in den mannichfachen Wandlungen &#x017F;einer poli-<lb/>
ti&#x017F;chen An&#x017F;ichten viele Jahre hindurch nur einen Gedanken unverbrüchlich<lb/>
fe&#x017F;t, den Haß gegen Preußen; er &#x017F;prach offen die Ab&#x017F;icht aus, durch &#x017F;einen<lb/>
wilden Verlag die Macht der Cen&#x017F;ur für immer zu untergraben. Zu-<lb/>
gleich eröffnete Wirth, der Volksredner des Hambacher Fe&#x017F;tes, in Bellevue<lb/>
bei Con&#x017F;tanz die Druckerei der deut&#x017F;chen Volkshalle; ähnliche Unterneh-<lb/>
mungen ent&#x017F;tanden in Straßburg, Bern, Zürich.</p><lb/>
          <p>Al&#x017F;o aus &#x017F;icherer Ferne pra&#x017F;&#x017F;elte ein Hagel radicaler Schriften über die<lb/>
deut&#x017F;che Grenze herein. Alle wurden begierig gele&#x017F;en; manche erregten gro-<lb/>
ßes Auf&#x017F;ehen, &#x017F;o eine aus Wahrheit und Dichtung gemi&#x017F;chte Dar&#x017F;tellung des<lb/>
Proce&#x017F;&#x017F;es Weidig, &#x017F;o zwei von Schmutz &#x017F;tarrende Bücher des jungen Schwaben<lb/>
Joh. Scherr, das enthüllte Preußen und Württemberg i. J. 1844. Auch die<lb/>
kleinen deut&#x017F;chen Nachbar&#x017F;taaten mußten manche Schmäh&#x017F;chrift gegen Preu-<lb/>
ßen &#x017F;till&#x017F;chweigend dulden, &#x017F;ie hatten den Muth &#x017F;chon verloren und waren<lb/>
froh, wenn &#x017F;ie &#x017F;ich ihrer eigenen Haut wehren konnten. Der Rheinländer<lb/>
Karl Heinzen, der rohe&#x017F;te aller preußi&#x017F;chen Demagogen, ließ &#x017F;eine unfläthigen<lb/>
Bücher über die preußi&#x017F;che Bureaukratie, die Oppo&#x017F;ition und wie &#x017F;ie &#x017F;on&#x017F;t<lb/>
hießen, in Darm&#x017F;tadt drucken oder bei dem radicalen Buchhändler Hoff in<lb/>
Mannheim; nur wenn er offen Meuterei und Hochverrath predigte, wie in<lb/>
den &#x201E;dreißig Kriegsartikeln&#x201C; für das deut&#x017F;che Heer, dann nannte er einen<lb/>
beliebigen Druckort. Heinzen hatte nach einer abenteuerlichen Jugend als<lb/>
ein Schiffbrüchiger ein Unterkommen im preußi&#x017F;chen Subalterndien&#x017F;te gefun-<lb/>
den und dort zwar die Demüthigungen erfahren, die in &#x017F;olcher Lage keinem<lb/>
gebildeten Manne er&#x017F;part bleiben, doch niemals ein Unrecht erlitten; gleich-<lb/></p>
        </div>
      </div>
    </body>
  </text>
</TEI>
[212/0226] V. 3. Enttäuſchung und Verwirrung. treter des gemäßigten Liberalismus vor „ſubverſiv-communiſtiſchen Ten- denzen“ zu warnen, ſo bewies er damit nur, wie völlig die Regierung durch ihre Angſt verblendet war: ſie vermochte die grundverſchiedenen Richtungen, die ſich augenblicklich in der Oppoſition zuſammenfanden, gar nicht mehr zu unterſcheiden. Da Brüggemann ſich als erfahrener Pu- bliciſt vor den Cenſoren ſelten eine Blöße gab, auch dem kirchenfeindlichen Treiben der Junghegelianer fern blieb, ſo gewann die Kölniſche Zei- tung ſtarken Anhang. Mit ihren 9000 Abonnenten oder mehr wuchs ſie bald zu einem großen Blatte heran und wurde der Regierung grade durch ihre ruhigere Haltung faſt noch läſtiger als vordem die Rheiniſche Zeitung. Für die Leipziger Allgemeine aber boten die demokratiſchen Buchhand- lungen, die ſich überall dicht vor der deutſchen Südweſtgrenze aufthaten, der Skandalſucht der Leſewelt reichlichen Erſatz. In Winterthur hatte der Thüringer Julius Fröbel das Literariſche Comptoir gegründet, das ſich zuerſt durch Herwegh’s Gedichte einen Namen erwarb. Mehrere wirkliche oder vorgebliche Flüchtlinge halfen mit, eine Zeit lang auch einer der Gebrüder Follen, der ſchöne Adolf, vormals von den Unbedingten als deutſcher Kaiſer gefeiert. Ein ehrenhafter, aber durchaus doktrinärer Demokrat, hielt Fröbel in den mannichfachen Wandlungen ſeiner poli- tiſchen Anſichten viele Jahre hindurch nur einen Gedanken unverbrüchlich feſt, den Haß gegen Preußen; er ſprach offen die Abſicht aus, durch ſeinen wilden Verlag die Macht der Cenſur für immer zu untergraben. Zu- gleich eröffnete Wirth, der Volksredner des Hambacher Feſtes, in Bellevue bei Conſtanz die Druckerei der deutſchen Volkshalle; ähnliche Unterneh- mungen entſtanden in Straßburg, Bern, Zürich. Alſo aus ſicherer Ferne praſſelte ein Hagel radicaler Schriften über die deutſche Grenze herein. Alle wurden begierig geleſen; manche erregten gro- ßes Aufſehen, ſo eine aus Wahrheit und Dichtung gemiſchte Darſtellung des Proceſſes Weidig, ſo zwei von Schmutz ſtarrende Bücher des jungen Schwaben Joh. Scherr, das enthüllte Preußen und Württemberg i. J. 1844. Auch die kleinen deutſchen Nachbarſtaaten mußten manche Schmähſchrift gegen Preu- ßen ſtillſchweigend dulden, ſie hatten den Muth ſchon verloren und waren froh, wenn ſie ſich ihrer eigenen Haut wehren konnten. Der Rheinländer Karl Heinzen, der roheſte aller preußiſchen Demagogen, ließ ſeine unfläthigen Bücher über die preußiſche Bureaukratie, die Oppoſition und wie ſie ſonſt hießen, in Darmſtadt drucken oder bei dem radicalen Buchhändler Hoff in Mannheim; nur wenn er offen Meuterei und Hochverrath predigte, wie in den „dreißig Kriegsartikeln“ für das deutſche Heer, dann nannte er einen beliebigen Druckort. Heinzen hatte nach einer abenteuerlichen Jugend als ein Schiffbrüchiger ein Unterkommen im preußiſchen Subalterndienſte gefun- den und dort zwar die Demüthigungen erfahren, die in ſolcher Lage keinem gebildeten Manne erſpart bleiben, doch niemals ein Unrecht erlitten; gleich-

Suche im Werk

Hilfe

Informationen zum Werk

Download dieses Werks

XML (TEI P5) · HTML · Text
TCF (text annotation layer)
TCF (tokenisiert, serialisiert, lemmatisiert, normalisiert)
XML (TEI P5 inkl. att.linguistic)

Metadaten zum Werk

TEI-Header · CMDI · Dublin Core

Ansichten dieser Seite

Voyant Tools ?

Language Resource Switchboard?

Feedback

Sie haben einen Fehler gefunden? Dann können Sie diesen über unsere Qualitätssicherungsplattform DTAQ melden.

Kommentar zur DTA-Ausgabe

Dieses Werk wurde gemäß den DTA-Transkriptionsrichtlinien im Double-Keying-Verfahren von Nicht-Muttersprachlern erfasst und in XML/TEI P5 nach DTA-Basisformat kodiert.




Ansicht auf Standard zurückstellen

URL zu diesem Werk: https://www.deutschestextarchiv.de/treitschke_geschichte05_1894
URL zu dieser Seite: https://www.deutschestextarchiv.de/treitschke_geschichte05_1894/226
Zitationshilfe: Treitschke, Heinrich von: Deutsche Geschichte im Neunzehnten Jahrhundert. Bd. 5: Bis zur März-Revolution. Leipzig, 1894, S. 212. In: Deutsches Textarchiv <https://www.deutschestextarchiv.de/treitschke_geschichte05_1894/226>, abgerufen am 13.04.2021.