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Tieck, Ludwig: Des Lebens Überfluß. In: Deutscher Novellenschatz. Hrsg. von Paul Heyse und Hermann Kurz. Bd. 3. 2. Aufl. Berlin, [1910], S. 1–86. In: Weitin, Thomas (Hrsg.): Volldigitalisiertes Korpus. Der Deutsche Novellenschatz. Darmstadt/Konstanz, 2016.

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nicht mehr genossen hatten und diese Speisung für ein Festmahl hielten. So verwirrt sich im Traume Alles durcheinander, frühere Zeit und gegenwärtige, Nähe und Ferne. Der Kerkermeister erzählte uns, daß die Richter uns zum Tode verdammt; denn wir hätten hinterlistig das königliche Aerar und die öffentlichen Einkünfte defraudirt, das Vertrauen des Publicums betrogen und den Credit des Staates untergraben. Es sei ein furchtbarer Betrug, sich so theuer auszubieten und sich mit solchen großen Summen bezahlen zu lassen, die dadurch der Concurrenz und dem allgemeinen Nutzen entzogen würden. Dem Patriotismus, wo jedes Individuum sich unbedingt dem Ganzen opfern müsse, laufe es gradezu entgegen, und unser Attentat sei also als offenbarer Hochverrath zu betrachten. Der alte Auctionator werde mit uns zugleich hingerichtet werden, denn er sei mit im Complott und habe auch dazu beigetragen, die Summen der Bietenden so hoch hinaufzutreiben, weil er uns Beide übermäßig und ganz der Wahrheit entgegen den Kauflustigen als Wunderwerke der Schöpfung herausgestrichen habe. Es sei nun Alles entdeckt, daß wir mit den auswärtigen Mächten und den Feinden des Landes verbunden einen allgemeinen Staatsbankrott hätten herbeiführen wollen. Denn es sei augenscheinlich, wenn auf den Einzelnen, der obendrein keine Verdienste besitze, so ungeheure Summen verwendet werden sollten, so bleibe nichts für das Ministerium, die Schulen und Universitäten

nicht mehr genossen hatten und diese Speisung für ein Festmahl hielten. So verwirrt sich im Traume Alles durcheinander, frühere Zeit und gegenwärtige, Nähe und Ferne. Der Kerkermeister erzählte uns, daß die Richter uns zum Tode verdammt; denn wir hätten hinterlistig das königliche Aerar und die öffentlichen Einkünfte defraudirt, das Vertrauen des Publicums betrogen und den Credit des Staates untergraben. Es sei ein furchtbarer Betrug, sich so theuer auszubieten und sich mit solchen großen Summen bezahlen zu lassen, die dadurch der Concurrenz und dem allgemeinen Nutzen entzogen würden. Dem Patriotismus, wo jedes Individuum sich unbedingt dem Ganzen opfern müsse, laufe es gradezu entgegen, und unser Attentat sei also als offenbarer Hochverrath zu betrachten. Der alte Auctionator werde mit uns zugleich hingerichtet werden, denn er sei mit im Complott und habe auch dazu beigetragen, die Summen der Bietenden so hoch hinaufzutreiben, weil er uns Beide übermäßig und ganz der Wahrheit entgegen den Kauflustigen als Wunderwerke der Schöpfung herausgestrichen habe. Es sei nun Alles entdeckt, daß wir mit den auswärtigen Mächten und den Feinden des Landes verbunden einen allgemeinen Staatsbankrott hätten herbeiführen wollen. Denn es sei augenscheinlich, wenn auf den Einzelnen, der obendrein keine Verdienste besitze, so ungeheure Summen verwendet werden sollten, so bleibe nichts für das Ministerium, die Schulen und Universitäten

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[0054] nicht mehr genossen hatten und diese Speisung für ein Festmahl hielten. So verwirrt sich im Traume Alles durcheinander, frühere Zeit und gegenwärtige, Nähe und Ferne. Der Kerkermeister erzählte uns, daß die Richter uns zum Tode verdammt; denn wir hätten hinterlistig das königliche Aerar und die öffentlichen Einkünfte defraudirt, das Vertrauen des Publicums betrogen und den Credit des Staates untergraben. Es sei ein furchtbarer Betrug, sich so theuer auszubieten und sich mit solchen großen Summen bezahlen zu lassen, die dadurch der Concurrenz und dem allgemeinen Nutzen entzogen würden. Dem Patriotismus, wo jedes Individuum sich unbedingt dem Ganzen opfern müsse, laufe es gradezu entgegen, und unser Attentat sei also als offenbarer Hochverrath zu betrachten. Der alte Auctionator werde mit uns zugleich hingerichtet werden, denn er sei mit im Complott und habe auch dazu beigetragen, die Summen der Bietenden so hoch hinaufzutreiben, weil er uns Beide übermäßig und ganz der Wahrheit entgegen den Kauflustigen als Wunderwerke der Schöpfung herausgestrichen habe. Es sei nun Alles entdeckt, daß wir mit den auswärtigen Mächten und den Feinden des Landes verbunden einen allgemeinen Staatsbankrott hätten herbeiführen wollen. Denn es sei augenscheinlich, wenn auf den Einzelnen, der obendrein keine Verdienste besitze, so ungeheure Summen verwendet werden sollten, so bleibe nichts für das Ministerium, die Schulen und Universitäten

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Thomas Weitin: Herausgeber
Digital Humanities Cooperation Konstanz/Darmstadt: Bereitstellung der Texttranskription. (2017-03-16T12:30:27Z) Bitte beachten Sie, dass die aktuelle Transkription (und Textauszeichnung) mittlerweile nicht mehr dem Stand zum Zeitpunkt der Übernahme des Werkes in das DTA entsprechen muss.
Jan Merkt, Thomas Gilli, Jasmin Bieber, Katharina Herget, Anni Peter, Christian Thomas, Benjamin Fiechter: Bearbeitung der digitalen Edition. (2017-03-16T12:30:27Z)

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Zitationshilfe: Tieck, Ludwig: Des Lebens Überfluß. In: Deutscher Novellenschatz. Hrsg. von Paul Heyse und Hermann Kurz. Bd. 3. 2. Aufl. Berlin, [1910], S. 1–86. In: Weitin, Thomas (Hrsg.): Volldigitalisiertes Korpus. Der Deutsche Novellenschatz. Darmstadt/Konstanz, 2016, S. . In: Deutsches Textarchiv <https://www.deutschestextarchiv.de/tieck_ueberfluss_1910/54>, abgerufen am 25.04.2024.