Anmelden (DTAQ) DWDS     dlexDB     CLARIN-D

Tieck, Ludwig: Des Lebens Überfluß. In: Deutscher Novellenschatz. Hrsg. von Paul Heyse und Hermann Kurz. Bd. 3. 2. Aufl. Berlin, [1910], S. 1–86. In: Weitin, Thomas (Hrsg.): Volldigitalisiertes Korpus. Der Deutsche Novellenschatz. Darmstadt/Konstanz, 2016.

Bild:
<< vorherige Seite

vielen alten Hütten an einem Strick, oder an einem Stück Eisen, wie in Palästen, sich hinaufhelfen müssen, so konnte diese meine Speculation nicht eintreten, und ich hätte andre Hülfsmittel suchen und erfinden müssen.

Als Clara ihr Erstaunen überwunden hatte, mußte sie laut und heftig lachen; dann sagte sie: Da es aber einmal geschehen ist, so will ich dir wenigstens bei deiner Holzhauerarbeit helfen, sowie ich es ehemals oft auf den Straßen gesehen habe.

Man legte den Baum auf zwei Stühle, die an den Enden des Zimmers standen, weil es seine Länge so erforderte. Nun sägten Beide, um den Zwischenraum zu vermindern, den Block in der Mitte durch. Es war mühsam, da Beide des Handwerks nicht gewohnt waren, und das harte Holz den Zähnen der Säge widerstand. Lachend und Schweiß vergießend konnten die Beiden nur langsam in dem Geschäft vorschreiten. Endlich brach der Balken unter den letzten Schnitten. Nun ruhte man und trocknete den Schweiß. Das hat noch den Vortheil, sagte Clara dann, daß wir nun fürs Erste noch nicht einzuheizen brauchen. Sie vergaßen, sich das Frühstück zu bereiten, und arbeiteten so den ganzen Vormittag, bis sie den Baum in so viele Theile zerlegt hatten, als nöthig war, um diese spalten zu können.

Welch ein Künstleratelier ist plötzlich aus unserm einsamen Zimmer geworden, sagte Heinrich in einer Pause. Jener ungeschlachte Baum, dort in der Finster-

vielen alten Hütten an einem Strick, oder an einem Stück Eisen, wie in Palästen, sich hinaufhelfen müssen, so konnte diese meine Speculation nicht eintreten, und ich hätte andre Hülfsmittel suchen und erfinden müssen.

Als Clara ihr Erstaunen überwunden hatte, mußte sie laut und heftig lachen; dann sagte sie: Da es aber einmal geschehen ist, so will ich dir wenigstens bei deiner Holzhauerarbeit helfen, sowie ich es ehemals oft auf den Straßen gesehen habe.

Man legte den Baum auf zwei Stühle, die an den Enden des Zimmers standen, weil es seine Länge so erforderte. Nun sägten Beide, um den Zwischenraum zu vermindern, den Block in der Mitte durch. Es war mühsam, da Beide des Handwerks nicht gewohnt waren, und das harte Holz den Zähnen der Säge widerstand. Lachend und Schweiß vergießend konnten die Beiden nur langsam in dem Geschäft vorschreiten. Endlich brach der Balken unter den letzten Schnitten. Nun ruhte man und trocknete den Schweiß. Das hat noch den Vortheil, sagte Clara dann, daß wir nun fürs Erste noch nicht einzuheizen brauchen. Sie vergaßen, sich das Frühstück zu bereiten, und arbeiteten so den ganzen Vormittag, bis sie den Baum in so viele Theile zerlegt hatten, als nöthig war, um diese spalten zu können.

Welch ein Künstleratelier ist plötzlich aus unserm einsamen Zimmer geworden, sagte Heinrich in einer Pause. Jener ungeschlachte Baum, dort in der Finster-

<TEI>
  <text>
    <body>
      <div n="2">
        <p><pb facs="#f0036"/>
vielen alten Hütten an             einem Strick, oder an einem Stück Eisen, wie in Palästen, sich hinaufhelfen müssen, so             konnte diese meine Speculation nicht eintreten, und ich hätte andre Hülfsmittel suchen             und erfinden müssen.</p><lb/>
        <p>Als Clara ihr Erstaunen überwunden hatte, mußte sie laut und heftig lachen; dann sagte             sie: Da es aber einmal geschehen ist, so will ich dir wenigstens bei deiner             Holzhauerarbeit helfen, sowie ich es ehemals oft auf den Straßen gesehen habe.</p><lb/>
        <p>Man legte den Baum auf zwei Stühle, die an den Enden des Zimmers standen, weil es seine             Länge so erforderte. Nun sägten Beide, um den Zwischenraum zu vermindern, den Block in             der Mitte durch. Es war mühsam, da Beide des Handwerks nicht gewohnt waren, und das             harte Holz den Zähnen der Säge widerstand. Lachend und Schweiß vergießend konnten die             Beiden nur langsam in dem Geschäft vorschreiten. Endlich brach der Balken unter den             letzten Schnitten. Nun ruhte man und trocknete den Schweiß. Das hat noch den Vortheil,             sagte Clara dann, daß wir nun fürs Erste noch nicht einzuheizen brauchen. Sie vergaßen,             sich das Frühstück zu bereiten, und arbeiteten so den ganzen Vormittag, bis sie den Baum             in so viele Theile zerlegt hatten, als nöthig war, um diese spalten zu können.</p><lb/>
        <p>Welch ein Künstleratelier ist plötzlich aus unserm einsamen Zimmer geworden, sagte             Heinrich in einer Pause. Jener ungeschlachte Baum, dort in der Finster-<lb/></p>
      </div>
    </body>
  </text>
</TEI>
[0036] vielen alten Hütten an einem Strick, oder an einem Stück Eisen, wie in Palästen, sich hinaufhelfen müssen, so konnte diese meine Speculation nicht eintreten, und ich hätte andre Hülfsmittel suchen und erfinden müssen. Als Clara ihr Erstaunen überwunden hatte, mußte sie laut und heftig lachen; dann sagte sie: Da es aber einmal geschehen ist, so will ich dir wenigstens bei deiner Holzhauerarbeit helfen, sowie ich es ehemals oft auf den Straßen gesehen habe. Man legte den Baum auf zwei Stühle, die an den Enden des Zimmers standen, weil es seine Länge so erforderte. Nun sägten Beide, um den Zwischenraum zu vermindern, den Block in der Mitte durch. Es war mühsam, da Beide des Handwerks nicht gewohnt waren, und das harte Holz den Zähnen der Säge widerstand. Lachend und Schweiß vergießend konnten die Beiden nur langsam in dem Geschäft vorschreiten. Endlich brach der Balken unter den letzten Schnitten. Nun ruhte man und trocknete den Schweiß. Das hat noch den Vortheil, sagte Clara dann, daß wir nun fürs Erste noch nicht einzuheizen brauchen. Sie vergaßen, sich das Frühstück zu bereiten, und arbeiteten so den ganzen Vormittag, bis sie den Baum in so viele Theile zerlegt hatten, als nöthig war, um diese spalten zu können. Welch ein Künstleratelier ist plötzlich aus unserm einsamen Zimmer geworden, sagte Heinrich in einer Pause. Jener ungeschlachte Baum, dort in der Finster-

Suche im Werk

Hilfe

Informationen zum Werk

Download dieses Werks

XML (TEI P5) · HTML · Text
TCF (text annotation layer)
TCF (tokenisiert, serialisiert, lemmatisiert, normalisiert)
XML (TEI P5 inkl. att.linguistic)

Metadaten zum Werk

TEI-Header · CMDI · Dublin Core

Ansichten dieser Seite

Voyant Tools ?

Language Resource Switchboard?

Feedback

Sie haben einen Fehler gefunden? Dann können Sie diesen über unsere Qualitätssicherungsplattform DTAQ melden.

Kommentar zur DTA-Ausgabe

Dieses Werk wurde im Rahmen des Moduls DTA-Erweiterungen (DTAE) digitalisiert. Weitere Informationen …

Thomas Weitin: Herausgeber
Digital Humanities Cooperation Konstanz/Darmstadt: Bereitstellung der Texttranskription. (2017-03-16T12:30:27Z) Bitte beachten Sie, dass die aktuelle Transkription (und Textauszeichnung) mittlerweile nicht mehr dem Stand zum Zeitpunkt der Übernahme des Werkes in das DTA entsprechen muss.
Jan Merkt, Thomas Gilli, Jasmin Bieber, Katharina Herget, Anni Peter, Christian Thomas, Benjamin Fiechter: Bearbeitung der digitalen Edition. (2017-03-16T12:30:27Z)

Weitere Informationen:

Bogensignaturen: nicht gekennzeichnet; Druckfehler: dokumentiert; fremdsprachliches Material: nicht gekennzeichnet; Geminations-/Abkürzungsstriche: keine Angabe; Hervorhebungen (Antiqua, Sperrschrift, Kursive etc.): nicht ausgezeichnet; i/j in Fraktur: keine Angabe; I/J in Fraktur: Lautwert transkribiert; Kolumnentitel: nicht gekennzeichnet; Kustoden: keine Angabe; langes s (ſ): als s transkribiert; Normalisierungen: keine; rundes r (&#xa75b;): keine Angabe; Seitenumbrüche markiert: ja; Silbentrennung: aufgelöst; u/v bzw. U/V: keine Angabe; Vokale mit übergest. e: keine Angabe; Vollständigkeit: vollständig erfasst; Zeichensetzung: wie Vorlage; Zeilenumbrüche markiert: nein;




Ansicht auf Standard zurückstellen

URL zu diesem Werk: https://www.deutschestextarchiv.de/tieck_ueberfluss_1910
URL zu dieser Seite: https://www.deutschestextarchiv.de/tieck_ueberfluss_1910/36
Zitationshilfe: Tieck, Ludwig: Des Lebens Überfluß. In: Deutscher Novellenschatz. Hrsg. von Paul Heyse und Hermann Kurz. Bd. 3. 2. Aufl. Berlin, [1910], S. 1–86. In: Weitin, Thomas (Hrsg.): Volldigitalisiertes Korpus. Der Deutsche Novellenschatz. Darmstadt/Konstanz, 2016, S. . In: Deutsches Textarchiv <https://www.deutschestextarchiv.de/tieck_ueberfluss_1910/36>, abgerufen am 14.08.2022.