Anmelden (DTAQ) DWDS     dlexDB     CLARIN-D

Sturza, Marie Tihanyi: Das Gelübde einer dreißigjährigen Frau. Leipzig, 1905

Bild:
<< vorherige Seite

Als sie ihm ganz nahe war, rief er ihr zu:

"Mira ... wie schön Sie sind! Immer schöner! Jedesmal wenn ich Sie sehe, bin ich erfüllt von überirdischen Melodien, und die Rhytmen summen hinter meiner Stirne, wie ein Schwarm von Duft und Sonne berauschter Bienen."

"Poet!" sagte sie mit sanftem weichen Lächeln, ihr Blick verriet ruhiges Glück. "Und Ihr Werk? Geht es vorwärts?"

"Nein," erwiderte er nach einigen Augenblicken, "es - es gibt etwas - das mich hindert."

"Was denn?"

"Wenn ich es wüßte! Aber - vielleicht weiß ich es doch. Sie auch, Mira, wissen es, denn Sie kennen mich besser, als ich mich selbst."

"Sie arbeiten zu wenig, viel zu wenig; ja, ja, seit einigen Monaten läßt Ihre Energie nach; Sie verweichlichen in Träumereien, die Sie sich nicht bemühen, in Wirklichkeit umzusetzen. Arbeiten Sie!"

"Eh - - ich suche. Aber wissen Sie, was ich finde? Den Wunsch glücklich zu sein, vollkommen glücklich. Diese Liebe, Mira, die Sie mir gestatten, erhitzt nicht mehr meinen Geist; meine Gedanken sind ins Leere gerichtet, wenn ich auch Ihre Hände

Als sie ihm ganz nahe war, rief er ihr zu:

„Mira … wie schön Sie sind! Immer schöner! Jedesmal wenn ich Sie sehe, bin ich erfüllt von überirdischen Melodien, und die Rhytmen summen hinter meiner Stirne, wie ein Schwarm von Duft und Sonne berauschter Bienen.“

„Poet!“ sagte sie mit sanftem weichen Lächeln, ihr Blick verriet ruhiges Glück. „Und Ihr Werk? Geht es vorwärts?“

„Nein,“ erwiderte er nach einigen Augenblicken, „es – es gibt etwas – das mich hindert.“

„Was denn?“

„Wenn ich es wüßte! Aber – vielleicht weiß ich es doch. Sie auch, Mira, wissen es, denn Sie kennen mich besser, als ich mich selbst.“

„Sie arbeiten zu wenig, viel zu wenig; ja, ja, seit einigen Monaten läßt Ihre Energie nach; Sie verweichlichen in Träumereien, die Sie sich nicht bemühen, in Wirklichkeit umzusetzen. Arbeiten Sie!“

„Eh – – ich suche. Aber wissen Sie, was ich finde? Den Wunsch glücklich zu sein, vollkommen glücklich. Diese Liebe, Mira, die Sie mir gestatten, erhitzt nicht mehr meinen Geist; meine Gedanken sind ins Leere gerichtet, wenn ich auch Ihre Hände

<TEI>
  <text>
    <body>
      <div n="1">
        <pb facs="#f0020" n="19"/>
        <p>Als sie ihm ganz nahe war, rief er ihr zu:</p>
        <p>&#x201E;Mira &#x2026; wie schön Sie sind! Immer schöner! Jedesmal wenn ich Sie sehe, bin ich erfüllt von überirdischen Melodien, und die Rhytmen summen hinter meiner Stirne, wie ein Schwarm von Duft und Sonne berauschter Bienen.&#x201C;</p>
        <p>&#x201E;Poet!&#x201C; sagte sie mit sanftem weichen Lächeln, ihr Blick verriet ruhiges Glück. &#x201E;Und Ihr Werk? Geht es vorwärts?&#x201C;</p>
        <p>&#x201E;Nein,&#x201C; erwiderte er nach einigen Augenblicken, &#x201E;es &#x2013; es gibt etwas &#x2013; das mich hindert.&#x201C;</p>
        <p>&#x201E;Was denn?&#x201C;</p>
        <p>&#x201E;Wenn ich es wüßte! Aber &#x2013; vielleicht weiß ich es doch. Sie auch, Mira, wissen es, denn Sie kennen mich besser, als ich mich selbst.&#x201C;</p>
        <p>&#x201E;Sie arbeiten zu wenig, viel zu wenig; ja, ja, seit einigen Monaten läßt Ihre Energie nach; Sie verweichlichen in Träumereien, die Sie sich nicht bemühen, in Wirklichkeit umzusetzen. Arbeiten Sie!&#x201C;</p>
        <p>&#x201E;Eh &#x2013; &#x2013; ich suche. Aber wissen Sie, was ich finde? Den Wunsch glücklich zu sein, vollkommen glücklich. Diese Liebe, Mira, die Sie mir gestatten, erhitzt nicht mehr meinen Geist; meine Gedanken sind ins Leere gerichtet, wenn ich auch Ihre Hände
</p>
      </div>
    </body>
  </text>
</TEI>
[19/0020] Als sie ihm ganz nahe war, rief er ihr zu: „Mira … wie schön Sie sind! Immer schöner! Jedesmal wenn ich Sie sehe, bin ich erfüllt von überirdischen Melodien, und die Rhytmen summen hinter meiner Stirne, wie ein Schwarm von Duft und Sonne berauschter Bienen.“ „Poet!“ sagte sie mit sanftem weichen Lächeln, ihr Blick verriet ruhiges Glück. „Und Ihr Werk? Geht es vorwärts?“ „Nein,“ erwiderte er nach einigen Augenblicken, „es – es gibt etwas – das mich hindert.“ „Was denn?“ „Wenn ich es wüßte! Aber – vielleicht weiß ich es doch. Sie auch, Mira, wissen es, denn Sie kennen mich besser, als ich mich selbst.“ „Sie arbeiten zu wenig, viel zu wenig; ja, ja, seit einigen Monaten läßt Ihre Energie nach; Sie verweichlichen in Träumereien, die Sie sich nicht bemühen, in Wirklichkeit umzusetzen. Arbeiten Sie!“ „Eh – – ich suche. Aber wissen Sie, was ich finde? Den Wunsch glücklich zu sein, vollkommen glücklich. Diese Liebe, Mira, die Sie mir gestatten, erhitzt nicht mehr meinen Geist; meine Gedanken sind ins Leere gerichtet, wenn ich auch Ihre Hände

Suche im Werk

Hilfe

Informationen zum Werk

Download dieses Werks

XML (TEI P5) · HTML · Text
TCF (text annotation layer)
TCF (tokenisiert, serialisiert, lemmatisiert, normalisiert)
XML (TEI P5 inkl. att.linguistic)

Metadaten zum Werk

TEI-Header · CMDI · Dublin Core

Ansichten dieser Seite

Voyant Tools ?

Language Resource Switchboard?

Feedback

Sie haben einen Fehler gefunden? Dann können Sie diesen über unsere Qualitätssicherungsplattform DTAQ melden.

Kommentar zur DTA-Ausgabe

Dieses Werk wurde im Rahmen des Moduls DTA-Erweiterungen (DTAE) digitalisiert. Weitere Informationen …

Wikisource: Bereitstellung der Texttranskription und Auszeichnung in Wikisource-Syntax. (2012-10-29T10:30:31Z) Bitte beachten Sie, dass die aktuelle Transkription (und Textauszeichnung) mittlerweile nicht mehr dem Stand zum Zeitpunkt der Übernahme aus Wikisource entsprechen muss.
Wikimedia Commons: Bereitstellung der Bilddigitalisate (2012-10-29T10:30:31Z)
Frank Wiegand: Konvertierung von Wikisource-Markup nach XML/TEI gemäß DTA-Basisformat. (2012-10-29T10:30:31Z)

Weitere Informationen:

Anmerkungen zur Transkription:




Ansicht auf Standard zurückstellen

URL zu diesem Werk: https://www.deutschestextarchiv.de/sturza_geluebde_1905
URL zu dieser Seite: https://www.deutschestextarchiv.de/sturza_geluebde_1905/20
Zitationshilfe: Sturza, Marie Tihanyi: Das Gelübde einer dreißigjährigen Frau. Leipzig, 1905, S. 19. In: Deutsches Textarchiv <https://www.deutschestextarchiv.de/sturza_geluebde_1905/20>, abgerufen am 16.04.2024.