und nicht verlohren gehen möchte. Aber Jesus versprach ihm noch weit mehr, als er denken oder wünschen konnte: Heute noch wirst du mit mir im Paradiese seyn.
Wie erstaune ich über die Sünderliebe Jesu! Auch noch am Kreuze, in der tiefsten Schmach, in der entsetzlich- sten Quaal sind die Sünder sein Augenmerk. War es in seinem Leben sein tägliches Geschäfte, Sünder zu suchen und selig zu machen, so ist es auch noch im Tode seine Lust, das Heil der Verlohrnen zu befördern. Ich stelle mir vor, welche Freude sein gemartertes Herz erfüllt haben muß, als er seine letzten Bemühungen auf der Erde um die Se- ligkeit der Sünder so herrlich gekrönt sahe. So oft, da er auf der Erde umher wandelte, suchte er die Sünder, durch seine Lehren, und durch seine Wohlthaten zu sich zu ziehen: nun gelang es ihm in den letzten Stunden, das Herz eines der größten Sünder zu gewinnen. Dis war der erste Sieg seines Kreuzes, die erste Wirkung von der Fürbitte, welche er für seine Feinde gethan, und die herr- lichste Beute, die er selbst auf dem Schlachtfelde des To- des eingesammlet hatte.
O! wenn ich doch auch meinem Erlöser durch meine Be- kehrung so viel Freude machte, als ich ihm bey meiner fortdau- renden Unbußfertigkeit Kummer verursacht habe. So lan- ge schon hat er sich nach mir auf meinen Irrwegen umgesehen, so oft mich zu retten gesucht, so sehnlich meine Besserung verlanget. Eine Menge von äuserlichen Gelegenheiten hat er veranstaltet, mich aus meinem Sündenschlummer zu er- wecken. Jede Zeit, jeder Ort, jede Gelegenheit war von ihm dazu eingerichtet, mich zu sich zu ziehen. So viele Exempel, die er mir von unbußfertigen und begnadigten Sündern aufgestellt, so manche Widerwärtigkeiten, die er über mich verhängt hat, konnten mich von seiner Nei- gung überzeugen, das Verlohrne zu suchen und selig zu
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Gnade Jeſu gegen den bußfertigen Schächer.
und nicht verlohren gehen möchte. Aber Jeſus verſprach ihm noch weit mehr, als er denken oder wünſchen konnte: Heute noch wirſt du mit mir im Paradieſe ſeyn.
Wie erſtaune ich über die Sünderliebe Jeſu! Auch noch am Kreuze, in der tiefſten Schmach, in der entſetzlich- ſten Quaal ſind die Sünder ſein Augenmerk. War es in ſeinem Leben ſein tägliches Geſchäfte, Sünder zu ſuchen und ſelig zu machen, ſo iſt es auch noch im Tode ſeine Luſt, das Heil der Verlohrnen zu befördern. Ich ſtelle mir vor, welche Freude ſein gemartertes Herz erfüllt haben muß, als er ſeine letzten Bemühungen auf der Erde um die Se- ligkeit der Sünder ſo herrlich gekrönt ſahe. So oft, da er auf der Erde umher wandelte, ſuchte er die Sünder, durch ſeine Lehren, und durch ſeine Wohlthaten zu ſich zu ziehen: nun gelang es ihm in den letzten Stunden, das Herz eines der größten Sünder zu gewinnen. Dis war der erſte Sieg ſeines Kreuzes, die erſte Wirkung von der Fürbitte, welche er für ſeine Feinde gethan, und die herr- lichſte Beute, die er ſelbſt auf dem Schlachtfelde des To- des eingeſammlet hatte.
O! wenn ich doch auch meinem Erlöſer durch meine Be- kehrung ſo viel Freude machte, als ich ihm bey meiner fortdau- renden Unbußfertigkeit Kummer verurſacht habe. So lan- ge ſchon hat er ſich nach mir auf meinen Irrwegen umgeſehen, ſo oft mich zu retten geſucht, ſo ſehnlich meine Beſſerung verlanget. Eine Menge von äuſerlichen Gelegenheiten hat er veranſtaltet, mich aus meinem Sündenſchlummer zu er- wecken. Jede Zeit, jeder Ort, jede Gelegenheit war von ihm dazu eingerichtet, mich zu ſich zu ziehen. So viele Exempel, die er mir von unbußfertigen und begnadigten Sündern aufgeſtellt, ſo manche Widerwärtigkeiten, die er über mich verhängt hat, konnten mich von ſeiner Nei- gung überzeugen, das Verlohrne zu ſuchen und ſelig zu
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Gnade Jeſu gegen den bußfertigen Schächer.
und nicht verlohren gehen möchte. Aber Jeſus verſprach
ihm noch weit mehr, als er denken oder wünſchen konnte:
Heute noch wirſt du mit mir im Paradieſe ſeyn.
Wie erſtaune ich über die Sünderliebe Jeſu! Auch
noch am Kreuze, in der tiefſten Schmach, in der entſetzlich-
ſten Quaal ſind die Sünder ſein Augenmerk. War es
in ſeinem Leben ſein tägliches Geſchäfte, Sünder zu ſuchen
und ſelig zu machen, ſo iſt es auch noch im Tode ſeine Luſt,
das Heil der Verlohrnen zu befördern. Ich ſtelle mir
vor, welche Freude ſein gemartertes Herz erfüllt haben muß,
als er ſeine letzten Bemühungen auf der Erde um die Se-
ligkeit der Sünder ſo herrlich gekrönt ſahe. So oft, da
er auf der Erde umher wandelte, ſuchte er die Sünder,
durch ſeine Lehren, und durch ſeine Wohlthaten zu ſich zu
ziehen: nun gelang es ihm in den letzten Stunden, das
Herz eines der größten Sünder zu gewinnen. Dis war
der erſte Sieg ſeines Kreuzes, die erſte Wirkung von der
Fürbitte, welche er für ſeine Feinde gethan, und die herr-
lichſte Beute, die er ſelbſt auf dem Schlachtfelde des To-
des eingeſammlet hatte.
O! wenn ich doch auch meinem Erlöſer durch meine Be-
kehrung ſo viel Freude machte, als ich ihm bey meiner fortdau-
renden Unbußfertigkeit Kummer verurſacht habe. So lan-
ge ſchon hat er ſich nach mir auf meinen Irrwegen umgeſehen,
ſo oft mich zu retten geſucht, ſo ſehnlich meine Beſſerung
verlanget. Eine Menge von äuſerlichen Gelegenheiten hat
er veranſtaltet, mich aus meinem Sündenſchlummer zu er-
wecken. Jede Zeit, jeder Ort, jede Gelegenheit war von
ihm dazu eingerichtet, mich zu ſich zu ziehen. So viele
Exempel, die er mir von unbußfertigen und begnadigten
Sündern aufgeſtellt, ſo manche Widerwärtigkeiten, die
er über mich verhängt hat, konnten mich von ſeiner Nei-
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Sturm, Christoph Christian: Unterhaltung der Andacht über die Leidensgeschichte Jesu. 2. Aufl. Halle (Saale), 1775, S. 169. In: Deutsches Textarchiv <https://www.deutschestextarchiv.de/sturm_unterhaltung_1781/191>, abgerufen am 16.02.2025.
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