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Storm, Theodor: Eine Malerarbeit. In: Deutscher Novellenschatz. Hrsg. von Paul Heyse und Hermann Kurz. Bd. 9. 2. Aufl. Berlin, [1910], S. 257–304. In: Weitin, Thomas (Hrsg.): Volldigitalisiertes Korpus. Der Deutsche Novellenschatz. Darmstadt/Konstanz, 2016.

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verheirateten Tochter zu Gutserben designirt hatte, erhielt ich die Erlaubniß, nach meinem Guthalten mit seinem Sohne zu sprechen. Nun macht's wie Ihr könnt, schloß der Alte diese Verhandlung; und damit hopp und holla! Ich führ' selbst in die Grube, wenn ich dem Jungen sein todt Gesicht noch länger ansehen sollte.

Eine Stunde später, während welcher die Arbeiter vom Feld zurückgekehrt waren, stand ich vor dem Schulhause und blickte nach des Nachbars Garten hinüber, wo trotz des Johannisabends noch eine Nachtigall in den Hollunderbüschen schlug. Da verstummte mit einem Mal der Vogelgesang; statt dessen hörte ich Kinderstimmen, und bald sah ich auch ein paar Knaben und ein kleines Mädchen durch die Gartenpforte auf den Weg hinaus rennen. Draußen blieben sie stehen und wiesen mit den Fingern auf kleine Papierblättchen, von denen jedes mehrere in Händen hatte; dann gingen sie wieder eine Strecke fort und setzten sich unweit unter einen Zaun am Wege, wo es an ein neues Zeigen und Beschauen ging.

Ich konnte den Zusammenhang dieses Vorganges leicht errathen; und richtig, als ich zu ihnen gegangen, sah ich, daß es lauter bunte Bilderchen waren. Wer hat euch die geschenkt? fragte ich.

Sie glotzten mich scheu von der Seite an; nur das kleine Mädchen antwortete endlich auf meine wiederholte Frage: Paul Werner!

Ich sah mir die Sachen an. Es war ungeschicktes Zeug aus allen vier Naturreichen; eine Kuh, die mit

verheirateten Tochter zu Gutserben designirt hatte, erhielt ich die Erlaubniß, nach meinem Guthalten mit seinem Sohne zu sprechen. Nun macht's wie Ihr könnt, schloß der Alte diese Verhandlung; und damit hopp und holla! Ich führ' selbst in die Grube, wenn ich dem Jungen sein todt Gesicht noch länger ansehen sollte.

Eine Stunde später, während welcher die Arbeiter vom Feld zurückgekehrt waren, stand ich vor dem Schulhause und blickte nach des Nachbars Garten hinüber, wo trotz des Johannisabends noch eine Nachtigall in den Hollunderbüschen schlug. Da verstummte mit einem Mal der Vogelgesang; statt dessen hörte ich Kinderstimmen, und bald sah ich auch ein paar Knaben und ein kleines Mädchen durch die Gartenpforte auf den Weg hinaus rennen. Draußen blieben sie stehen und wiesen mit den Fingern auf kleine Papierblättchen, von denen jedes mehrere in Händen hatte; dann gingen sie wieder eine Strecke fort und setzten sich unweit unter einen Zaun am Wege, wo es an ein neues Zeigen und Beschauen ging.

Ich konnte den Zusammenhang dieses Vorganges leicht errathen; und richtig, als ich zu ihnen gegangen, sah ich, daß es lauter bunte Bilderchen waren. Wer hat euch die geschenkt? fragte ich.

Sie glotzten mich scheu von der Seite an; nur das kleine Mädchen antwortete endlich auf meine wiederholte Frage: Paul Werner!

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[0043] verheirateten Tochter zu Gutserben designirt hatte, erhielt ich die Erlaubniß, nach meinem Guthalten mit seinem Sohne zu sprechen. Nun macht's wie Ihr könnt, schloß der Alte diese Verhandlung; und damit hopp und holla! Ich führ' selbst in die Grube, wenn ich dem Jungen sein todt Gesicht noch länger ansehen sollte. Eine Stunde später, während welcher die Arbeiter vom Feld zurückgekehrt waren, stand ich vor dem Schulhause und blickte nach des Nachbars Garten hinüber, wo trotz des Johannisabends noch eine Nachtigall in den Hollunderbüschen schlug. Da verstummte mit einem Mal der Vogelgesang; statt dessen hörte ich Kinderstimmen, und bald sah ich auch ein paar Knaben und ein kleines Mädchen durch die Gartenpforte auf den Weg hinaus rennen. Draußen blieben sie stehen und wiesen mit den Fingern auf kleine Papierblättchen, von denen jedes mehrere in Händen hatte; dann gingen sie wieder eine Strecke fort und setzten sich unweit unter einen Zaun am Wege, wo es an ein neues Zeigen und Beschauen ging. Ich konnte den Zusammenhang dieses Vorganges leicht errathen; und richtig, als ich zu ihnen gegangen, sah ich, daß es lauter bunte Bilderchen waren. Wer hat euch die geschenkt? fragte ich. Sie glotzten mich scheu von der Seite an; nur das kleine Mädchen antwortete endlich auf meine wiederholte Frage: Paul Werner! Ich sah mir die Sachen an. Es war ungeschicktes Zeug aus allen vier Naturreichen; eine Kuh, die mit

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Dieses Werk wurde im Rahmen des Moduls DTA-Erweiterungen (DTAE) digitalisiert. Weitere Informationen …

Thomas Weitin: Herausgeber
Digital Humanities Cooperation Konstanz/Darmstadt: Bereitstellung der Texttranskription. (2017-03-16T12:17:45Z) Bitte beachten Sie, dass die aktuelle Transkription (und Textauszeichnung) mittlerweile nicht mehr dem Stand zum Zeitpunkt der Übernahme des Werkes in das DTA entsprechen muss.
Jan Merkt, Thomas Gilli, Jasmin Bieber, Katharina Herget, Anni Peter, Christian Thomas: Bearbeitung der digitalen Edition. (2017-03-16T12:17:45Z)

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Bogensignaturen: nicht gekennzeichnet; Druckfehler: dokumentiert; fremdsprachliches Material: nicht gekennzeichnet; Geminations-/Abkürzungsstriche: keine Angabe; Hervorhebungen (Antiqua, Sperrschrift, Kursive etc.): nicht ausgezeichnet; i/j in Fraktur: keine Angabe; I/J in Fraktur: Lautwert transkribiert; Kolumnentitel: nicht gekennzeichnet; Kustoden: keine Angabe; langes s (ſ): als s transkribiert; Normalisierungen: keine; rundes r (ꝛ): keine Angabe; Seitenumbrüche markiert: nein; Silbentrennung: aufgelöst; u/v bzw. U/V: keine Angabe; Vokale mit übergest. e: keine Angabe; Vollständigkeit: vollständig erfasst; Zeichensetzung: wie Vorlage; Zeilenumbrüche markiert: nein;




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Zitationshilfe: Storm, Theodor: Eine Malerarbeit. In: Deutscher Novellenschatz. Hrsg. von Paul Heyse und Hermann Kurz. Bd. 9. 2. Aufl. Berlin, [1910], S. 257–304. In: Weitin, Thomas (Hrsg.): Volldigitalisiertes Korpus. Der Deutsche Novellenschatz. Darmstadt/Konstanz, 2016, S. . In: Deutsches Textarchiv <https://www.deutschestextarchiv.de/storm_malerarbeit_1910/43>, abgerufen am 18.04.2021.