Anmelden (DTAQ) DWDS     dlexDB     CLARIN-D

Schwab, Gustav: Die schönsten Sagen des klassischen Alterthums. Bd. 2. Stuttgart, 1839.

Bild:
<< vorherige Seite

Andern, der den König um dieser Heirath seiner Tochter
willen anfeinden würde, mit den Waffen in der Hand
beistehen wollten. Als Tyndareus dieß vernommen, ließ er
die Freier den Eid schwören, und nun wählte er selbst den
Sohn des Atreus, Agamemnons Bruder, Menelaus den
Argiverfürsten, gab ihm die Tochter zur Gemahlin und
überließ ihm sein Königreich Sparta. Helena gebar ihrem
Gemahl eine Tochter, Hermione, die noch in der Wiege
lag, als Paris nach Griechenland kam.

Wie nun die schöne Fürstin Helena, die in ihrem
Pallaste während des Gemahls Abwesenheit freudlose Tage
ohne Abwechslung verlebte, von der Ankunft der herrlichen
Ausrüstung eines fremden Königssohnes auf der Insel
Cythere Kunde erhielt, wandelte sie eine weibliche Neu¬
gierde an, den Fremdling und sein kriegerisches Gefolge
zu schauen, und um dieß Verlangen befriedigen zu können,
veranstaltete auch sie ein feierliches Opfer im Dianen¬
tempel auf Cythere. Sie betrat das Heiligthum in dem
Augenblicke, als Paris sein Opfer vollbracht hatte. Wie
dieser die eintretende Fürstin gewahr ward, sanken ihm die
zum Gebet erhobenen Hände und er verlor sich in Stau¬
nen, denn er meinte, die Göttin Aphrodite selbst wieder zu
erblicken, wie sie ihm in seinem Hirtengehöfte erschienen
war. Zwar war der Ruf ihrer Schönheit längst zu seinen
Ohren gedrungen, und Paris war begierig gewesen, ihrer
Reize in Sparta ansichtig zu werden. Doch hatte er
gemeint, das Weib, das ihm die Göttin der Liebe verhei¬
ßen hatte, müsse viel schöner seyn, als die Beschreibung
von Helena lautete. Auch dachte er bei der Schönen, die
ihm versprochen war, an eine Jungfrau und nicht an die
Gattin eines Anderen. Jetzt aber, wo er die Fürstin von

Andern, der den König um dieſer Heirath ſeiner Tochter
willen anfeinden würde, mit den Waffen in der Hand
beiſtehen wollten. Als Tyndareus dieß vernommen, ließ er
die Freier den Eid ſchwören, und nun wählte er ſelbſt den
Sohn des Atreus, Agamemnons Bruder, Menelaus den
Argiverfürſten, gab ihm die Tochter zur Gemahlin und
überließ ihm ſein Königreich Sparta. Helena gebar ihrem
Gemahl eine Tochter, Hermione, die noch in der Wiege
lag, als Paris nach Griechenland kam.

Wie nun die ſchöne Fürſtin Helena, die in ihrem
Pallaſte während des Gemahls Abweſenheit freudloſe Tage
ohne Abwechslung verlebte, von der Ankunft der herrlichen
Ausrüſtung eines fremden Königsſohnes auf der Inſel
Cythere Kunde erhielt, wandelte ſie eine weibliche Neu¬
gierde an, den Fremdling und ſein kriegeriſches Gefolge
zu ſchauen, und um dieß Verlangen befriedigen zu können,
veranſtaltete auch ſie ein feierliches Opfer im Dianen¬
tempel auf Cythere. Sie betrat das Heiligthum in dem
Augenblicke, als Paris ſein Opfer vollbracht hatte. Wie
dieſer die eintretende Fürſtin gewahr ward, ſanken ihm die
zum Gebet erhobenen Hände und er verlor ſich in Stau¬
nen, denn er meinte, die Göttin Aphrodite ſelbſt wieder zu
erblicken, wie ſie ihm in ſeinem Hirtengehöfte erſchienen
war. Zwar war der Ruf ihrer Schönheit längſt zu ſeinen
Ohren gedrungen, und Paris war begierig geweſen, ihrer
Reize in Sparta anſichtig zu werden. Doch hatte er
gemeint, das Weib, das ihm die Göttin der Liebe verhei¬
ßen hatte, müſſe viel ſchöner ſeyn, als die Beſchreibung
von Helena lautete. Auch dachte er bei der Schönen, die
ihm verſprochen war, an eine Jungfrau und nicht an die
Gattin eines Anderen. Jetzt aber, wo er die Fürſtin von

<TEI>
  <text>
    <body>
      <div n="1">
        <div n="2">
          <p><pb facs="#f0038" n="16"/>
Andern, der den König um die&#x017F;er Heirath &#x017F;einer Tochter<lb/>
willen anfeinden würde, mit den Waffen in der Hand<lb/>
bei&#x017F;tehen wollten. Als Tyndareus dieß vernommen, ließ er<lb/>
die Freier den Eid &#x017F;chwören, und nun wählte er &#x017F;elb&#x017F;t den<lb/>
Sohn des Atreus, Agamemnons Bruder, Menelaus den<lb/>
Argiverfür&#x017F;ten, gab ihm die Tochter zur Gemahlin und<lb/>
überließ ihm &#x017F;ein Königreich Sparta. Helena gebar ihrem<lb/>
Gemahl eine Tochter, Hermione, die noch in der Wiege<lb/>
lag, als Paris nach Griechenland kam.</p><lb/>
          <p>Wie nun die &#x017F;chöne Für&#x017F;tin Helena, die in ihrem<lb/>
Palla&#x017F;te während des Gemahls Abwe&#x017F;enheit freudlo&#x017F;e Tage<lb/>
ohne Abwechslung verlebte, von der Ankunft der herrlichen<lb/>
Ausrü&#x017F;tung eines fremden Königs&#x017F;ohnes auf der In&#x017F;el<lb/>
Cythere Kunde erhielt, wandelte &#x017F;ie eine weibliche Neu¬<lb/>
gierde an, den Fremdling und &#x017F;ein kriegeri&#x017F;ches Gefolge<lb/>
zu &#x017F;chauen, und um dieß Verlangen befriedigen zu können,<lb/>
veran&#x017F;taltete auch &#x017F;ie ein feierliches Opfer im Dianen¬<lb/>
tempel auf Cythere. Sie betrat das Heiligthum in dem<lb/>
Augenblicke, als Paris &#x017F;ein Opfer vollbracht hatte. Wie<lb/>
die&#x017F;er die eintretende Für&#x017F;tin gewahr ward, &#x017F;anken ihm die<lb/>
zum Gebet erhobenen Hände und er verlor &#x017F;ich in Stau¬<lb/>
nen, denn er meinte, die Göttin Aphrodite &#x017F;elb&#x017F;t wieder zu<lb/>
erblicken, wie &#x017F;ie ihm in &#x017F;einem Hirtengehöfte er&#x017F;chienen<lb/>
war. Zwar war der Ruf ihrer Schönheit läng&#x017F;t zu &#x017F;einen<lb/>
Ohren gedrungen, und Paris war begierig gewe&#x017F;en, ihrer<lb/>
Reize in Sparta an&#x017F;ichtig zu werden. Doch hatte er<lb/>
gemeint, das Weib, das ihm die Göttin der Liebe verhei¬<lb/>
ßen hatte, mü&#x017F;&#x017F;e viel &#x017F;chöner &#x017F;eyn, als die Be&#x017F;chreibung<lb/>
von Helena lautete. Auch dachte er bei der Schönen, die<lb/>
ihm ver&#x017F;prochen war, an eine Jungfrau und nicht an die<lb/>
Gattin eines Anderen. Jetzt aber, wo er die Für&#x017F;tin von<lb/></p>
        </div>
      </div>
    </body>
  </text>
</TEI>
[16/0038] Andern, der den König um dieſer Heirath ſeiner Tochter willen anfeinden würde, mit den Waffen in der Hand beiſtehen wollten. Als Tyndareus dieß vernommen, ließ er die Freier den Eid ſchwören, und nun wählte er ſelbſt den Sohn des Atreus, Agamemnons Bruder, Menelaus den Argiverfürſten, gab ihm die Tochter zur Gemahlin und überließ ihm ſein Königreich Sparta. Helena gebar ihrem Gemahl eine Tochter, Hermione, die noch in der Wiege lag, als Paris nach Griechenland kam. Wie nun die ſchöne Fürſtin Helena, die in ihrem Pallaſte während des Gemahls Abweſenheit freudloſe Tage ohne Abwechslung verlebte, von der Ankunft der herrlichen Ausrüſtung eines fremden Königsſohnes auf der Inſel Cythere Kunde erhielt, wandelte ſie eine weibliche Neu¬ gierde an, den Fremdling und ſein kriegeriſches Gefolge zu ſchauen, und um dieß Verlangen befriedigen zu können, veranſtaltete auch ſie ein feierliches Opfer im Dianen¬ tempel auf Cythere. Sie betrat das Heiligthum in dem Augenblicke, als Paris ſein Opfer vollbracht hatte. Wie dieſer die eintretende Fürſtin gewahr ward, ſanken ihm die zum Gebet erhobenen Hände und er verlor ſich in Stau¬ nen, denn er meinte, die Göttin Aphrodite ſelbſt wieder zu erblicken, wie ſie ihm in ſeinem Hirtengehöfte erſchienen war. Zwar war der Ruf ihrer Schönheit längſt zu ſeinen Ohren gedrungen, und Paris war begierig geweſen, ihrer Reize in Sparta anſichtig zu werden. Doch hatte er gemeint, das Weib, das ihm die Göttin der Liebe verhei¬ ßen hatte, müſſe viel ſchöner ſeyn, als die Beſchreibung von Helena lautete. Auch dachte er bei der Schönen, die ihm verſprochen war, an eine Jungfrau und nicht an die Gattin eines Anderen. Jetzt aber, wo er die Fürſtin von

Suche im Werk

Hilfe

Informationen zum Werk

Download dieses Werks

XML (TEI P5) · HTML · Text
TCF (text annotation layer)
TCF (tokenisiert, serialisiert, lemmatisiert, normalisiert)
XML (TEI P5 inkl. att.linguistic)

Metadaten zum Werk

TEI-Header · CMDI · Dublin Core

Ansichten dieser Seite

Voyant Tools ?

Language Resource Switchboard?

Feedback

Sie haben einen Fehler gefunden? Dann können Sie diesen über unsere Qualitätssicherungsplattform DTAQ melden.

Kommentar zur DTA-Ausgabe

Dieses Werk wurde von OCR-Software automatisch erfasst und anschließend gemäß den DTA-Transkriptionsrichtlinien von Muttersprachlern nachkontrolliert. Es wurde gemäß dem DTA-Basisformat in XML/TEI P5 kodiert.




Ansicht auf Standard zurückstellen

URL zu diesem Werk: https://www.deutschestextarchiv.de/schwab_sagen02_1839
URL zu dieser Seite: https://www.deutschestextarchiv.de/schwab_sagen02_1839/38
Zitationshilfe: Schwab, Gustav: Die schönsten Sagen des klassischen Alterthums. Bd. 2. Stuttgart, 1839, S. 16. In: Deutsches Textarchiv <https://www.deutschestextarchiv.de/schwab_sagen02_1839/38>, abgerufen am 14.05.2021.