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Schwab, Gustav: Die schönsten Sagen des klassischen Alterthums. Bd. 1. Stuttgart, 1838.

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so blieb ihm nur noch kurze Frist zum Leben übrig. Un¬
vernünftige Handlungen stürzten diese neuen Menschen
in Jammer, denn sie konnten schon ihre Leidenschaften
nicht mehr mäßigen und frevelten im Uebermuthe gegen
einander. Auch die Altäre der Götter wollten sie nicht
mehr mit den gebührenden Opfern ehren. Deßwegen
nahm Jupiter dieses Geschlecht wieder von der Erde hin¬
weg, denn ihm gefiel nicht, daß sie der Ehrfurcht gegen
die Unsterblichen ermangelten. Doch waren auch diese
noch nicht so entblößt von Vorzügen, daß ihnen nach
ihrer Entfernung aus dem Leben nicht einige Ehre zum
Antheil geworden wäre, und sie durften als sterbliche
Dämonen noch auf der Erde umherwandeln.

Nun erschuf der Vater Zeus (Jupiter) ein drittes
Geschlecht von Menschen, dieses nur aus Erz. Das war
auch dem silbernen völlig ungleich, grausam, gewaltthä¬
tig, immer nur den Geschäften des Krieges ergeben, im¬
mer Einer auf des Andern Beleidigung sinnend. Sie
verschmähten es von den Früchten des Feldes zu essen
und nährten sich vom Thierfleische; ihr Starrsinn war
hart wie Diamant, ihr Leib von ungeheurem Gliederbau;
Hände wuchsen ihnen von den Schultern, denen niemand
nahekommen durfte. Ihr Gewehr war Erz, ihre Woh¬
nung Erz, mit Erz bestellten sie das Feld; denn Eisen
war damals noch nicht vorhanden. Sie kehrten ihre
eigenen Hände gegen einander; aber so groß und entsetzlich
sie waren, so vermochten sie doch nichts gegen den schwar¬
zen Tod und stiegen, vom hellen Sonnenlichte scheidend,
in die schaurige Nacht der Unterwelt hernieder.

Als die Erde auch dieses Geschlecht eingehüllt hatte,
brachte Zeus, der Sohn des Kronos, ein viertes Geschlecht

ſo blieb ihm nur noch kurze Friſt zum Leben übrig. Un¬
vernünftige Handlungen ſtürzten dieſe neuen Menſchen
in Jammer, denn ſie konnten ſchon ihre Leidenſchaften
nicht mehr mäßigen und frevelten im Uebermuthe gegen
einander. Auch die Altäre der Götter wollten ſie nicht
mehr mit den gebührenden Opfern ehren. Deßwegen
nahm Jupiter dieſes Geſchlecht wieder von der Erde hin¬
weg, denn ihm gefiel nicht, daß ſie der Ehrfurcht gegen
die Unſterblichen ermangelten. Doch waren auch dieſe
noch nicht ſo entblößt von Vorzügen, daß ihnen nach
ihrer Entfernung aus dem Leben nicht einige Ehre zum
Antheil geworden wäre, und ſie durften als ſterbliche
Dämonen noch auf der Erde umherwandeln.

Nun erſchuf der Vater Zeus (Jupiter) ein drittes
Geſchlecht von Menſchen, dieſes nur aus Erz. Das war
auch dem ſilbernen völlig ungleich, grauſam, gewaltthä¬
tig, immer nur den Geſchäften des Krieges ergeben, im¬
mer Einer auf des Andern Beleidigung ſinnend. Sie
verſchmähten es von den Früchten des Feldes zu eſſen
und nährten ſich vom Thierfleiſche; ihr Starrſinn war
hart wie Diamant, ihr Leib von ungeheurem Gliederbau;
Hände wuchſen ihnen von den Schultern, denen niemand
nahekommen durfte. Ihr Gewehr war Erz, ihre Woh¬
nung Erz, mit Erz beſtellten ſie das Feld; denn Eiſen
war damals noch nicht vorhanden. Sie kehrten ihre
eigenen Hände gegen einander; aber ſo groß und entſetzlich
ſie waren, ſo vermochten ſie doch nichts gegen den ſchwar¬
zen Tod und ſtiegen, vom hellen Sonnenlichte ſcheidend,
in die ſchaurige Nacht der Unterwelt hernieder.

Als die Erde auch dieſes Geſchlecht eingehüllt hatte,
brachte Zeus, der Sohn des Kronos, ein viertes Geſchlecht

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[12/0038] ſo blieb ihm nur noch kurze Friſt zum Leben übrig. Un¬ vernünftige Handlungen ſtürzten dieſe neuen Menſchen in Jammer, denn ſie konnten ſchon ihre Leidenſchaften nicht mehr mäßigen und frevelten im Uebermuthe gegen einander. Auch die Altäre der Götter wollten ſie nicht mehr mit den gebührenden Opfern ehren. Deßwegen nahm Jupiter dieſes Geſchlecht wieder von der Erde hin¬ weg, denn ihm gefiel nicht, daß ſie der Ehrfurcht gegen die Unſterblichen ermangelten. Doch waren auch dieſe noch nicht ſo entblößt von Vorzügen, daß ihnen nach ihrer Entfernung aus dem Leben nicht einige Ehre zum Antheil geworden wäre, und ſie durften als ſterbliche Dämonen noch auf der Erde umherwandeln. Nun erſchuf der Vater Zeus (Jupiter) ein drittes Geſchlecht von Menſchen, dieſes nur aus Erz. Das war auch dem ſilbernen völlig ungleich, grauſam, gewaltthä¬ tig, immer nur den Geſchäften des Krieges ergeben, im¬ mer Einer auf des Andern Beleidigung ſinnend. Sie verſchmähten es von den Früchten des Feldes zu eſſen und nährten ſich vom Thierfleiſche; ihr Starrſinn war hart wie Diamant, ihr Leib von ungeheurem Gliederbau; Hände wuchſen ihnen von den Schultern, denen niemand nahekommen durfte. Ihr Gewehr war Erz, ihre Woh¬ nung Erz, mit Erz beſtellten ſie das Feld; denn Eiſen war damals noch nicht vorhanden. Sie kehrten ihre eigenen Hände gegen einander; aber ſo groß und entſetzlich ſie waren, ſo vermochten ſie doch nichts gegen den ſchwar¬ zen Tod und ſtiegen, vom hellen Sonnenlichte ſcheidend, in die ſchaurige Nacht der Unterwelt hernieder. Als die Erde auch dieſes Geſchlecht eingehüllt hatte, brachte Zeus, der Sohn des Kronos, ein viertes Geſchlecht

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Zitationshilfe: Schwab, Gustav: Die schönsten Sagen des klassischen Alterthums. Bd. 1. Stuttgart, 1838, S. 12. In: Deutsches Textarchiv <https://www.deutschestextarchiv.de/schwab_sagen01_1838/38>, abgerufen am 18.04.2024.