Anmelden (DTAQ) DWDS     dlexDB     CLARIN-D

Schwab, Gustav: Die schönsten Sagen des klassischen Alterthums. Bd. 1. Stuttgart, 1838.

Bild:
<< vorherige Seite

und Polynices laut werden zu lassen. Aber da zeigte
sich, daß die Rührung des Fürsten Kreon nur eine vor¬
übergehende gewesen und auch seine Söhne eine harte
und selbstsüchtige Gemüthsart hatten. Kreon nöthigte sei¬
nen unglücklichen Verwandten, auf seinem ersten Beschlusse
zu verharren, und die Söhne, deren erste Pflicht doch
war, dem Vater zu helfen, verweigerten ihm ihren Bei¬
stand. Ja fast ohne daß ein Wort gewechselt wurde,
gab man ihm den Bettelstab in die Hand und stieß ihn
zum Königspallaste von Thebe hinaus. Nur seine Töch¬
ter fühlten kindliches Erbarmen mit dem Verstoßenen.
Die jüngere Tochter Ismene blieb im Hause ihrer Brü¬
der zurück, um hier so viel als möglich der Sache des
Vaters zu dienen und gleichsam der Anwalt des Ent¬
fernten zu seyn. Die ältere, Antigone, theilte mit dem
Vater die Verbannung und lenkte die Schritte des Blin¬
den. So zog sie mit ihm auf schwerer Irrfahrt herum,
schweifte unbeschuht und ohne Speise mit ihm durch die
wilden Wälder; Sonnenhitze und Regenguß hielt die zarte
Jungfrau mit dem Vater aus, und während sie zu Hause
bei den Brüdern die beste Pflege genießen konnte, war
sie im Elende zufrieden, wenn nur der Vater satt wurde.
Sein Wille war anfangs gewesen, in einer Wüstenei des
Berges Cithäron das elende Leben zu fristen oder zu en¬
digen. Doch, weil er ein frommer Mann war, wollte
er auch diesen Schritt nicht ohne den Willen der Göt¬
ter thun, und so pilgerte er vorher zum Orakel des
pythischen Apollo. Hier ward ihm ein tröstlicher Spruch
zu Theil. Die Götter erkannten, daß Oedipus wider
seinen Willen sich gegen die Natur und die heiligsten Ge¬
setze der Menschengesellschaft versündigt hatte. Gebüßt

und Polynices laut werden zu laſſen. Aber da zeigte
ſich, daß die Rührung des Fürſten Kreon nur eine vor¬
übergehende geweſen und auch ſeine Söhne eine harte
und ſelbſtſüchtige Gemüthsart hatten. Kreon nöthigte ſei¬
nen unglücklichen Verwandten, auf ſeinem erſten Beſchluſſe
zu verharren, und die Söhne, deren erſte Pflicht doch
war, dem Vater zu helfen, verweigerten ihm ihren Bei¬
ſtand. Ja faſt ohne daß ein Wort gewechſelt wurde,
gab man ihm den Bettelſtab in die Hand und ſtieß ihn
zum Königspallaſte von Thebe hinaus. Nur ſeine Töch¬
ter fühlten kindliches Erbarmen mit dem Verſtoßenen.
Die jüngere Tochter Iſmene blieb im Hauſe ihrer Brü¬
der zurück, um hier ſo viel als möglich der Sache des
Vaters zu dienen und gleichſam der Anwalt des Ent¬
fernten zu ſeyn. Die ältere, Antigone, theilte mit dem
Vater die Verbannung und lenkte die Schritte des Blin¬
den. So zog ſie mit ihm auf ſchwerer Irrfahrt herum,
ſchweifte unbeſchuht und ohne Speiſe mit ihm durch die
wilden Wälder; Sonnenhitze und Regenguß hielt die zarte
Jungfrau mit dem Vater aus, und während ſie zu Hauſe
bei den Brüdern die beſte Pflege genießen konnte, war
ſie im Elende zufrieden, wenn nur der Vater ſatt wurde.
Sein Wille war anfangs geweſen, in einer Wüſtenei des
Berges Cithäron das elende Leben zu friſten oder zu en¬
digen. Doch, weil er ein frommer Mann war, wollte
er auch dieſen Schritt nicht ohne den Willen der Göt¬
ter thun, und ſo pilgerte er vorher zum Orakel des
pythiſchen Apollo. Hier ward ihm ein tröſtlicher Spruch
zu Theil. Die Götter erkannten, daß Oedipus wider
ſeinen Willen ſich gegen die Natur und die heiligſten Ge¬
ſetze der Menſchengeſellſchaft verſündigt hatte. Gebüßt

<TEI>
  <text>
    <body>
      <div n="1">
        <div n="2">
          <div n="3">
            <p><pb facs="#f0353" n="327"/>
und Polynices laut werden zu la&#x017F;&#x017F;en. Aber da zeigte<lb/>
&#x017F;ich, daß die Rührung des Für&#x017F;ten Kreon nur eine vor¬<lb/>
übergehende gewe&#x017F;en und auch &#x017F;eine Söhne eine harte<lb/>
und &#x017F;elb&#x017F;t&#x017F;üchtige Gemüthsart hatten. Kreon nöthigte &#x017F;ei¬<lb/>
nen unglücklichen Verwandten, auf &#x017F;einem er&#x017F;ten Be&#x017F;chlu&#x017F;&#x017F;e<lb/>
zu verharren, und die Söhne, deren er&#x017F;te Pflicht doch<lb/>
war, dem Vater zu helfen, verweigerten ihm ihren Bei¬<lb/>
&#x017F;tand. Ja fa&#x017F;t ohne daß ein Wort gewech&#x017F;elt wurde,<lb/>
gab man ihm den Bettel&#x017F;tab in die Hand und &#x017F;tieß ihn<lb/>
zum Königspalla&#x017F;te von Thebe hinaus. Nur &#x017F;eine Töch¬<lb/>
ter fühlten kindliches Erbarmen mit dem Ver&#x017F;toßenen.<lb/>
Die jüngere Tochter I&#x017F;mene blieb im Hau&#x017F;e ihrer Brü¬<lb/>
der zurück, um hier &#x017F;o viel als möglich der Sache des<lb/>
Vaters zu dienen und gleich&#x017F;am der Anwalt des Ent¬<lb/>
fernten zu &#x017F;eyn. Die ältere, Antigone, theilte mit dem<lb/>
Vater die Verbannung und lenkte die Schritte des Blin¬<lb/>
den. So zog &#x017F;ie mit ihm auf &#x017F;chwerer Irrfahrt herum,<lb/>
&#x017F;chweifte unbe&#x017F;chuht und ohne Spei&#x017F;e mit ihm durch die<lb/>
wilden Wälder; Sonnenhitze und Regenguß hielt die zarte<lb/>
Jungfrau mit dem Vater aus, und während &#x017F;ie zu Hau&#x017F;e<lb/>
bei den Brüdern die be&#x017F;te Pflege genießen konnte, war<lb/>
&#x017F;ie im Elende zufrieden, wenn nur der Vater &#x017F;att wurde.<lb/>
Sein Wille war anfangs gewe&#x017F;en, in einer Wü&#x017F;tenei des<lb/>
Berges Cithäron das elende Leben zu fri&#x017F;ten oder zu en¬<lb/>
digen. Doch, weil er ein frommer Mann war, wollte<lb/>
er auch die&#x017F;en Schritt nicht ohne den Willen der Göt¬<lb/>
ter thun, und &#x017F;o pilgerte er vorher zum Orakel des<lb/>
pythi&#x017F;chen Apollo. Hier ward ihm ein trö&#x017F;tlicher Spruch<lb/>
zu Theil. Die Götter erkannten, daß Oedipus wider<lb/>
&#x017F;einen Willen &#x017F;ich gegen die Natur und die heilig&#x017F;ten Ge¬<lb/>
&#x017F;etze der Men&#x017F;chenge&#x017F;ell&#x017F;chaft ver&#x017F;ündigt hatte. Gebüßt<lb/></p>
          </div>
        </div>
      </div>
    </body>
  </text>
</TEI>
[327/0353] und Polynices laut werden zu laſſen. Aber da zeigte ſich, daß die Rührung des Fürſten Kreon nur eine vor¬ übergehende geweſen und auch ſeine Söhne eine harte und ſelbſtſüchtige Gemüthsart hatten. Kreon nöthigte ſei¬ nen unglücklichen Verwandten, auf ſeinem erſten Beſchluſſe zu verharren, und die Söhne, deren erſte Pflicht doch war, dem Vater zu helfen, verweigerten ihm ihren Bei¬ ſtand. Ja faſt ohne daß ein Wort gewechſelt wurde, gab man ihm den Bettelſtab in die Hand und ſtieß ihn zum Königspallaſte von Thebe hinaus. Nur ſeine Töch¬ ter fühlten kindliches Erbarmen mit dem Verſtoßenen. Die jüngere Tochter Iſmene blieb im Hauſe ihrer Brü¬ der zurück, um hier ſo viel als möglich der Sache des Vaters zu dienen und gleichſam der Anwalt des Ent¬ fernten zu ſeyn. Die ältere, Antigone, theilte mit dem Vater die Verbannung und lenkte die Schritte des Blin¬ den. So zog ſie mit ihm auf ſchwerer Irrfahrt herum, ſchweifte unbeſchuht und ohne Speiſe mit ihm durch die wilden Wälder; Sonnenhitze und Regenguß hielt die zarte Jungfrau mit dem Vater aus, und während ſie zu Hauſe bei den Brüdern die beſte Pflege genießen konnte, war ſie im Elende zufrieden, wenn nur der Vater ſatt wurde. Sein Wille war anfangs geweſen, in einer Wüſtenei des Berges Cithäron das elende Leben zu friſten oder zu en¬ digen. Doch, weil er ein frommer Mann war, wollte er auch dieſen Schritt nicht ohne den Willen der Göt¬ ter thun, und ſo pilgerte er vorher zum Orakel des pythiſchen Apollo. Hier ward ihm ein tröſtlicher Spruch zu Theil. Die Götter erkannten, daß Oedipus wider ſeinen Willen ſich gegen die Natur und die heiligſten Ge¬ ſetze der Menſchengeſellſchaft verſündigt hatte. Gebüßt

Suche im Werk

Hilfe

Informationen zum Werk

Download dieses Werks

XML (TEI P5) · HTML · Text
TCF (text annotation layer)
XML (TEI P5 inkl. att.linguistic)

Metadaten zum Werk

TEI-Header · CMDI · Dublin Core

Ansichten dieser Seite

Voyant Tools ?

Language Resource Switchboard?

Feedback

Sie haben einen Fehler gefunden? Dann können Sie diesen über unsere Qualitätssicherungsplattform DTAQ melden.

Kommentar zur DTA-Ausgabe

Dieses Werk wurde von OCR-Software automatisch erfasst und anschließend gemäß den DTA-Transkriptionsrichtlinien von Muttersprachlern nachkontrolliert. Es wurde gemäß dem DTA-Basisformat in XML/TEI P5 kodiert.




Ansicht auf Standard zurückstellen

URL zu diesem Werk: https://www.deutschestextarchiv.de/schwab_sagen01_1838
URL zu dieser Seite: https://www.deutschestextarchiv.de/schwab_sagen01_1838/353
Zitationshilfe: Schwab, Gustav: Die schönsten Sagen des klassischen Alterthums. Bd. 1. Stuttgart, 1838, S. 327. In: Deutsches Textarchiv <https://www.deutschestextarchiv.de/schwab_sagen01_1838/353>, abgerufen am 13.07.2024.